Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

UDINE C.3.

I.

U., dessen ältester Stadtkern auf einem isolierten, strateg. günstig gelegenen, bereits vor dem 8. Jh. besiedelten Hügel entstand, ist eine der wenigen ital. Städte, die keinen vorröm. oder röm. Ursprung haben. - Italien, Prov. U.

II.

Das älteste schriftl. Zeugnis ist eine Schenkung Kg. Ottos für den Patriarchen von Aquileia aus dem Jahre 983, die die Geschichte U.s jahrhundertelang geprägt hat, denn seit damals wurden die Zehnten und Abgaben an das Patriarchat unter dem Schutz des Hügels gespeichert. Das einfache Castrum des 10. Jh.s hatte v. a. milit. Funktionen. Gegen Ende des 12. Jh.s wurden die beiden größten der Kanäle der Stadt zu Verteidigungszwecken angelegt, sie waren noch bis vor wenigen Jahren Charakteristika der Stadt. Nachdem schon um 1300 unter Einschlußder Vorstädte Poscolle, Grazzano, Cisis und Cussignano ein Mauerring errichtet worden war, wurde zu Beginn des 15. Jh.s ein noch ausgedehnterer angelegt, der allerdings im 19. Jh. abgetragen wurde.

Das Markt- und Stadtrecht U.s geht auf Patriarch Berthold von Andechs-Meranien (1218-51) zurück (1248), dessen Nachfolger zunächst mit Unterbrechungen und dann dauernd Res. in U. nahmen. In die sich seit 1248 ausbildende Kommune, deren Beziehung zu den Patriarchen nicht konfliktfrei blieb, wurden zuziehende Adelige und Kaufleute eingebunden, die sich im 14. Jh. Statuten gaben. Die polit. Führerschaft, die sich fast zur Signorie erhob, ging in dieser Zeit an die auf den Gastalden Federico di Colmalisio in die erste Hälfte des 13. Jh.s zurückreichende Dynastie der Savorgnan über, derenblutige Konflikte mit dem Patriarchat unter Patriarch Ludwig von Teck (1412-39) im zweiten Jahrzehnt des 15. Jh.s ihren Höhepunkt hatten, als der Patriarch mit Hilfe Kg. → Sigismunds beinahe endültig obsiegt hätte, was aber seitens Venedigs verhindert wurde. Die Übernahme U.s durch die Republik Venedig 1420 (sie blieb mit einer kurzen Unterbrechung 1514-1797 venezian.) brachte der Stadt keine Nachteile. Sie war seitdem die feste Res. des Patriarchen, der sich allerdings nur sporad. in U. aufhielt und dabei in verschiedenen Palazzi im Stadtzentrum, u. a. im Palazzo Savorgnanresidierte, und sie war ständiger Sitz des Parlaments sowie des venezian. Statthalters der Patria del Friuli und wurde nach den erhebl. Zerstörungen durch ein Erdbeben von 1511 zu einer Renaissancestadt gestaltet - das heutige Schloß und ein Großteil des Stadtzentrums mußten damals nahezu neu errichtet werden. Die Bauarbeiten am Schloß dauerten von 1517 bis 1567. Als Sitz des venezian. Statthalters und der Stadtverwaltung gedacht, diente die Anlage seit dem 18. Jh. v. a. milit. Zwecken (bis 1866), ehe sie wieder Regierungs- und Verwaltungssitz wurde. Seit 1990 beherbergt das Schloß die städt.Sammlungen und dient auch als Ort kultureller Begegnung. 1524 hat Patriarch Marino Grimani (1517-29) U. als neues Aquileia proklamiert und dafür einen Turm errichten lassen, dessen oberstes Geschoß mit Fresken von Giovanni da Udine geschmückt wurde. 1601 wurde der Palazzo Patriarcale, das heutige ebfl. Palais, als neue Patriarchenres. fertiggestellt. Sie wurde im 17. und 18. Jh. mehrmals baul. angepaßt.    

III.

Im 12. Jh. umfaßte der vom Patriarchen bewohnte Teil der U.ser Burg (des späteren Schlosses) den obersten Teil des Burghügels, der vom Areal der Wohnungen der Burgbesatzung samt Kirche und Friedhof durch eine Mauer getrennt war. Neben dem Hauptgebäude stand damals ein dreieckiger Turm. Am Fuße des Burghügels lag die canipa patriarcalis, jener schon aus dem Ende des 10. Jh.s bekannte Speicherbau für die Naturalabgaben, die den Patriarchen zu leisten waren. Seit dem Beginn des 13. Jh.s sind am Burghügel habitatores,»Burgmannen«, angesiedelt,Träger eines feudum habitantiae mit der vasallit. Verpflichtung, bei der Burg zu wohnen, sie auf eigene Kosten zu verteidigen und in einem guten Zustand zu erhalten. In ihrem Wohnbezirk entstand bis 1281 die Kirche S. Lorenzo als Kirche der habitatores, die mit dem castello patriarcale, dem palatium vetus, direkt verbunden war. Unter Patriarch Raimund della Torre (1273-99) wurden die Befestigungen der Burg nach den Erdbeben von 1278/79, die beträchtl. Schäden verursachthatten, stark ausgebaut, ebenso der Patriarchenpalast als palatium novum vel grande (1289), der damals auch zum Sitz des Generalkapitäns geworden sein dürfte. Der U.ser Gastaldo war nicht im Palast untergebracht, sondern hatte seine Amtsräume in einem der angrenzenden Gebäude, wie für den Gastalden Federico di Colmalisio nachgewiesen werden konnte, der in der Via Savorgnana bis zum Largo dell'Ospedale vecchio fast gegenüber dem neuen Dom ein Amtshaus erbauen ließ. Dort wurde auch das Stadtarchiv untergebracht. Prunkräume gab es damals im Patriarchenpalast noch keine, alsEmpfangsraum diente ein größerer Raum im Erdgeschoß des rund 20 m hohen Turms, der sog. thalamus. An ihn anschl. existierte ein größerer, für offizielle Anlässe geeigneter Saal samt Kamin. Raimund della Torre entfaltete für ganz Friaul eine rege Bautätigkeit und förderte die aus Mittelitalien kommende Mode der Errichtung von städt. (Geschlechter-)Wohntürmen. U. erhielt damals eine ganze Reihe von neuen Palästen und Kirchen (bspw. S. Francesco und S. Domenico). Der sich heute im Renaissancestil zeigende Uhrturm wurde in den Zeiten des Raimund della Torre zumSchnittpunkt der den Hauptzugang zur Burg schützenden Anlage. Als temporären Nebenres.en kam die cupiditas aedificandi dieses Patriarchen auch San Daniele, Gemona und den Burgen von Artegna und von San Vito al Tagliamento zugute.

In den unruhigen Zeiten von Sedisvakanzen, die sich im 14. Jh. häuften, übernahm mitunter die Kommune Bewachung und Verteidigung der Patriarchenburg und damit Verpflichtungen der habitatores. Die Stadt bezahlte damals auch eine Person, die am Abend die Glocke läutete und die Kette vor das Burgtor legte. 1310 wurde der Res. des Patriarchen durch Ottobono de Robari (1302-15) unter erhebl. Aufwand ein Großer Saal eingefügt, in dem u. a. das Parlament tagte und der eine größere Zahl von Personen als je zuvor aufnehmen konnte. Obschon es häufig Erdbebenschäden gab, wurdedie Burg im ganzen Verlauf des unruhigen 14. Jh.s als Patriarchenres. immer wieder ausgebessert und fortifikator. verstärkt, insbes. durch Patriarch Bertrand (1334-50), der schließl. von Rebellen der Kommune ermordet wurde. Die Beziehungen zum luxemburg. Hof → Karls IV. durch den Patriarchen Nikolaus von Luxemburg (1350-58), einen illegitimen Bruder des Ks.s, der 1351 die Mörder seines Vorgängers hinrichten ließ, sind auch am verstärkten Einsatz got. Bau- und Dekorelemente im Zuge von baul. Anpassungen des Patriarchenpalastes zu sehen. Got. Formensprache kam damals auch in derPrunkkleidung des Patriarchen bei öffentl. Anlässen zum Ausdruck.

Bergamini, Guiseppe/Buora, Maurizio: Il castello di Udine, Udine 1990 (mit Bibliographie S. 263-269). - Cervani Presel, Roberta: Art. »Udine«, in: Lex- MA VIII, 1997, Sp. 1176. - Storia e arte del Patriarcato di Aquileia. Atti della XXII Settimane di Studia Aquleiesi, 27 aprile-maggio 1991, Udine 1992 (Antichità altoadriatiche, 38).