Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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TOUL C.3.

I.

Πουλλον (Ptolemaios, 2. Jh.); Tullium (Peutingersche Tafel); Tullium (Antoninisches Itinerar); T. (1225). Die Stadt hat den Namen des oppidum statt des ethn. Namens (civitas Leucorum) angenommen. T. stammt von dem gall. Wort für Hügel ab. - Hauptstadt des Bm.s und der Diöz. von T. Der Bf. war Herr der Stadt. T. wird frz. nach der Besetzung der drei Bm.er → Metz, → Toul und → Verdun durch Heinrich II. 1552,bestätigt 1648 im Westfälischen Frieden. - Hauptres. der Bf.e von T. bis zur Beseitigung des Bm.s 1790 zugunsten des Bm.s Nancy. - F, Lothringen, Dep. Meurthe-et-Moselle.

II.

T. liegt in → Lothringen, am Zusammenfluss von Ingressin und Mosel. Im W der Stadt liegt ein Weinbaugebiet an den Ufern der Maas. Im O liegt der Wald von Haye. Verkehrsanbindungen nach W und O waren schwierig, jedoch hatte T. eine privilegierte Lage an der N-S-Achse. Die Stadt lag auf der Römerstraße Lyon- → Trier, und per Schiff konnte man von T. → Koblenz über → Metz, Sierck und → Trier erreichen. Die Mosel wurde in T. nicht durch eine Brücke sondern durch eine Fähre überquert, die dem Kathedralkapitelgehörte.

Die Besiedlung des Ortes ist seit der kelt. Epoche belegt. Die erste Siedlung entwickelte sich zunächst auf einem Erdhügel oberhalb der heutigen Stadtanlage. T., Metropole der Siedlung der Leuken, wurde Ende des 3. und Anfang des 4. Jh.s von einer Wallanlage umschlossen. Man baute in T. keines der großen Monumente, die in der Regel die galloroman. Siedlungen schmückten. Der Überlieferung zufolge war der erste Bf. St. Mansuy, der in T. Ende des 4. Jh.s angekommen sein soll, als die Bm.er → Trier, → Metz und → Verdun bereits gegr. waren. Die ersten Kirchenwurden außerhalb der Umwallung angelegt. Die Siedlung entwickelte sich innerhalb der Mauern (in den Pfarreibezirken Saint-Amand und Saint-Anian) und ein wenig weiter um die Abteien Saint-Èvre und Saint-Mansuy. Bf. Roger de Mercy baute um 1240 eine neue Befestigung, die die Flekken Saint-Amand und Saint-Anian einschloß. Die Fläche der Stadt wuchs so von zehn auf dreißig Hektar. In der Stadt entstanden neben der Kathedrale und den Pfarrkirchen die Kollegiatskirche Saint-Gengout, die Franziskanerkirche, die Dominikanerkirche und das Hospital (Maison-Dieu).    

Charakterist. für die polit. Karte um T. ist eine extreme Machtaufsplitterung. Die Siedlung war umgeben von den weltl. Besitzungen des Bf.s und des Kapitels, im O von der Propstei Foug, die von der Gft. → Bar abhängig war, im W von der Vogtei Gondreville, die vom Hzm. → Lothringen abhängig war. An der Maas, 20 km von T., lag das zur frz. Krone gehörige Vaucouleurs, und auch der Herr von Commercy, der kaum weiter entfernt war, huldigte dem frz. Kg. Flußabwärts von T. säumten Burgen verschiedener Herren die Mosel.

T. nahm nur wenig Anteil am Großhandel, weit hinter → Metz und → Verdun. Allerdings spielte die Stadt eine wichtige Rolle als lokaler Markt. Jedes Jahr fand eine große Messe in Saint-Mansuy und eine zweite, bescheidenere in Saint-Èvre statt; wöchentl. wurde ein Markt innerhalb der Stadt in der Nähe von Saint-Gengout abgehalten. Der Weinhandel bildete den wichtigsten Teil des Warenaustauschs. Auf den Ländereien des Kapitels und des Bm.s wurden Märkte abgehalten. Der Bf. von T. prägte Münzen, jedoch wurde die Verbreitung des bfl. Geldes zunehmend schwächer, bis esschließl. am Ende des 14. Jh.s verschwand. T. war ein kleiner Finanzort. Italiener (Sienesen und später Lombarden) hatten in T. eine übermächtige Position im Geldumtausch und -verleih, bevor sie in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s verschwanden. Jenseits der bfl. und kapitularen Territorien befanden sich die Städte in vollem wirtschaftl. Aufschwung: Pont-à-Mousson und → Saint-Mihiel in der Gft. → Bar, → Nancy, Neufchâteau und Saint-Nicolas-de-Port im Hzm. → Lothringen.

T. war v. a. religiöses Zentrum. Die Diöz. T., eine der größten Westeuropas, umfasste etwa 680 Pfarreien, die zu 23 Dekanaten zusammengefasst waren, die sich wiederum auf sechs Erzdiakonien (T., Port, Vôge, Vittel, Reynel und Ligny) verteilten. Dennoch war die Stadt kein großes Pilgerzentrum wie etwa Saint-Nicolas-de-Port.

Die städt. Kommune war im 12. Jh. entstanden und hatte sich im 13. und 14. Jh. weiterentwickelt. Ihr Oberhaupt war der Schöffenmeister, der seine administrativen und rechtl. Aufgaben mit einem Kollegium teilte, das die Zehn oder die Gerichtsherren gen. wurde. Fünf »Erkundiger« (enquéreurs) waren bes. mit Ermittlungen beauftragt, ein Einnehmer führte die Rechnungen der Stadt. Alle Magistrate wurden in einem Mischverfahren aus Ergänzungswahl und Entscheidung des Bf.s für ein Jahr bestimmt. Andere Beamte, wie der Sekretär oder die Prokuratoren wurden direkt vomMagistrat ernannt. Der Schöffenmeister wurde außerdem von einem Rat aus dreißig Personen unterstützt, der im wesentl. aus ehemaligen Magistraten der Gemeinde bestand.

Die Kommune versuchte, sich vom Bf. zu lösen, und erhob den Anspruch, dem Ks. direkt zu unterstehen. Das Ksr. hatte im übrigen ihre Existenz legitimiert, indem es ihr in der »Goldenen Bulle« von 1367 den Status einer Reichsstadt und wichtige Privilegien auf Kosten des Bf.s und des Kapitels zugestanden hatte. Dennoch blieb der Bf. Herr der Stadt. Er oktroyierte der Kommune seine Statuten. Die Bevormundung der Kommune durch den Bf. zeigte sich bes. in der Kontrolle, die er weiterhin über die Ernennung der Magistrate, über die Besteuerung und die Regulierung der Wirtschaft besaß.

Gewalttätige Konflikte brachen unablässig zw. Kommune, Kapitel und Bf. über die Definition der jeweiligen Rechte aus. Die frz. Besatzung bereitete dem durch die Schaffung neuer Institutionen ein Ende.

III.

Der erste Bischofspalast, gen. Cour-Albaud, nach dem Namen eines Bf.s von T. aus dem 6. Jh., erhob sich in der Nähe des Walls 150 m südl. der Kathedrale, neben der Kirche Saint-Vast. Dieser Wohnsitz blieb zunächst im Besitz des Bf.s, wurde jedoch später im 10. Jh. aufgegeben. Zu dieser Zeit residierte der Bf. in der Nähe der drei Kirchen, die die Kathedralgruppe bildeten, in einem Haus, vermutlich an der Stelle, wo sich heute der Kreuzgang befindet. Nach Beginn der Bauarbeiten zur Erbauung der got. Kathedrale errichtete Bf. Gilles de Sorcy (1253-69) einbefestigtes Haus, das als Bischofssitz dienen sollte, und zwar auf dem Terrain, das an die Nordflanke der Kathedrale grenzte und im O durch die Wallanlage begrenzt wurde.

Die Nähe dieses Bauwerks zur Stadtmauer und der Anspruch des Bf.s, in die Mauer ein eigenes Tor zu brechen, um die Stadt nach Belieben betreten und verlassen zu können, war ein weiteres Motiv für den Unmut im bereits gespannten Verhältnis zw. Bf. und Kommune. Die Bürger erbauten auf dem Wall den Qui-qu'en-grogne-Turm (»Schimpfe-wer-will-Turm«), um den Bischofspalast zu überwachen. Mehrfach plünderten und zerstörten sie die Res. des Bf.s.: 1285 und 1405 befahlen bfl. Strafanordnungen den Bürgern, den von ihnen zerstörten Bischofspalast wieder aufzubauen.

Der Bischofspalast bestand aus zwei rechtwinklig angeordneten Gebäudeteilen, die einen Innenhof einrahmten. Einer der beiden stieß an die Stadtmauer, bevor diese 1700 abgerissen wurde, um neue, vorgelagerte Befestigungen zu errichten. Eine übriggebliebene Mauer schloß den Hof zur Kathedrale hin ab und diente so gleichzeitig als Zeichen für die Grenze der bfl. Gerichtsbarkeit; ein zusätzl. dort eingebautes Tor erlaubte es dem Bf., die Kathedrale zu betreten, ohne durch das Eingangsportal gehen zu müssen. Wir besitzen nahezu keine Hinweise auf die Zusammensetzung der Gebäude, die zerstörtwurden, um Platz für einen neuen Bischofspalast zu schaffen, der ab etwa 1737 nach den Plänen des Architekten Nicolas Pierson gebaut wurde und in den 1799 die Gemeindevertretung einzog.

Quellen

Cedulae, 1745. - Chroniques touloises inédites ou Mémoires de Jean Dupasquier et Annales de Demange Bussy, hg. von Pierre-Etienne Guillaume, in: Mémoires de la Société d'archéologie lorraine, 1866, S. 15-136. - Longnon 1915. - Marot, Pierre: L'obituaire de Saint-Mansuy lès Toul, Ligugé 1929. - Mémoires de Jean Du Pasquier, 1878. - Picart 1711.

Bönnen 1995. - Choux, Jacques: Recherches sur le diocèse de Toul au temps de la réforme grégorienne. L'épiscopat de Pibon, évêque de Toul (1069-1107), Nancy 1952 (Documents sur l'histoire de la Lorraine, 23). - Martin 1-3, 1900-03. - Noël, Maurice: Le palais épiscopal de Toul, in: Le pays lorrain 48 (1967) 81-127. - Picart 1707. - Vaisse 1999.