Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

TANGERMÜNDE C.1.

I.

1009 civitas Tongeremuthi, Tongeremuthe. Nach Thietmar von Merseburg hat T. seinen Namen vom Fluß Tongera (Tonger), der ebenda in die Elbe mündet. 1151 Taggeremunde, 1188 Tangeremunde, 1196 Tangermunde. - T. war eine von der Burgen der Mark → Brandenburg, seit 1134 gehörte die Burg den Mgf.en aus dem Geschlecht der → Askanier, nach 1319 den → Wittelsbachern, 1373 fiel sie Karl IV. zu, der sie seinen Söhnenüberließ. 1411 wurde T. den → Hohenzollern verpfändet. - D, Sachsen-Anhalt, Reg.bez. Magdeburg, Landkr. Stendal.

In den achtziger Jahren des 12. Jh.s war die Burg T. Sitz des → Askaniers Heinrich (»von Tangermünde«, † 1192). Damals wurde auch die Gründung eines Bm.s in T. geplant. Am Anfang des 14. Jh.s wurde T. zum Hauptsitz des letzten Mgf.en Waldemar († 1319). Seine Blütezeit erlebte T. jedoch unter Karl IV., der 1373 die Mark → Brandenburg von den → Wittelsbachern gewann und T. zum Verwaltungszentrum der Mark und zu seiner zweiten Res., domicilium principale (RI VIII, 1877, Nr. 5781), wählte. Die neue Res. wurde vor allem für die SöhneKarls IV. als Mgf.en von → Brandenburg bestimmt (castrum sollempnibus structuris instaurat pro mansione congrua eorundem [...] - CDB III, 1843, S. 50f.).

II.

T. liegt am Zusammenfluss des Tangers mit der Elbe auf einem Höhenrücken, der 10 bis 15 m zur Elbe abfällt über der Furt auf einem alten, von W nach O führenden Handelsweg. Im O, dicht am Steilhang der Elbe in der Nähe der alten Furt, liegt die Burg. Südwestl. von der Burg, dem Höhenzug folgend, entstand die ehemalige Marktsiedlung, später Altstadt, mit zwei durchlaufenden, durch Querstraßen verbundenen Parallelstraßen. Nördlich lag das suburbium, später Hühnerdorf, das 1457 von der Stadt gekauft wurde. Südwestl. von der Altstadt entstandim 15. Jh. die Neustadt mit eigener Ummauerung.

Wohl im 10. Jh. wurde T. als eine sächs. Grenzburg, viell. anstelle einer slaw. Anlage, gebaut. Im 11. Jh. war es Burgward mit einer Vorstadt. Gegen Mitte des 12. Jh.s entstand die Marktsiedlung, spätere Altstadt. Seit 1136 ist T. als wichtige Zollstelle belegt. Der Handel (v.a die Gewandschneiderei) entwickelte sich bes. im 13.-14. Jh. Unter Karl IV. reichten die Handelsbeziehungen auch nach Lübeck und → Prag. Seit 1368 gehörte T. zur Hanse. 1369 hat die Stadt das Münzrecht gekauft, aber nicht ausgeübt. Weitere Erwerbszweige der Stadteinw. stellten Handwerk, Schiffahrt undFischerei dar.

Wahrscheinlich im frühen 13. Jh. erhielt T. Stadtrecht. Die Verwaltung wurde zuerst vom Schultheiß als Vertreter des Mgf.en und Stadtrichters ausgeübt, ab 1300 vom Stadtrat. Das Rathaus wurde 1430 gebaut. 1478 erhielt die Stadt Gerichtsbarkeit. Das Stadtwappen - roter Adler im weißen Feld mit weißen Rosen auf den Flügeln - ist zum erstenmal 1344 belegt.

III.

I. J. 1374 fand in T. eine große Versammlung des Hofes und der Stände statt (ab dem 29. Juni), auf der am 5. Juli ein Schutzbündnis mit den westl. Nachbarn der Mark geschlossen wurde. Wohl in demselben Jahr hat man mit dem Umbau der alten Markgrafenburg begonnen. Da die Burg im Dreißigjährigen Krieg größtenteils zerstört wurde, kann sie nur auf Grund der kleinen erhaltenen Überreste, der archäolog. Ausgrabungen und des etwa 1630 entstandenen Kupferstichs von Matthäus Merian d. Ä. rekonstruiert werden.

Die Burg auf einer Fläche von 150 × 115 m wurde als eine mit Ringmauer umgebene Höhenburg gebaut, zur Elbe hin mit acht mächtigen Stützpfeilern gesichert, an der Landseite durch Wall und Graben geschützt. Der Burgbezirk bestand aus der Vorburg mit dem Burgtor, Bergfrit und Wirtschaftsgebäuden und aus der Hauptburg, die durch eine Mauer mit einem Tor von der Vorburg abgetrennt wurde. Der noch erhaltene Bergfried, ein etwa 50 m hoher Turm mit sechs Geschossen am östl. Rand der Vorburg, stammt aus der Zeit Karls IV. Die Hauptburg bestand aus denfsl. Wohnbauten, der Kapelle und der sog. »Kanzelei«. Der Kaiserpalast lag auf dem am weitesten zur Elbe vorstoßenden Teil des Plateaus und fügte sich ähnl. wie in → Prag und → Karlstein in die Burgmauer ein. Vergleichbar war auch die räuml. Gliederung des Gebäudes. Im Erdgeschoß des dreigeschossigen Baus war die Küche mit den Wirtschaftsräumen, im ersten und zweiten Obergeschoß die Wohn- und Repräsentationsräume. Der Saal im ersten Obergeschoß wurde, wieder ähnl. wie in → Prag und → Karlstein, mit einer Bildergalerie geschmückt. Das einzigeerhaltene Gebäude der Hauptburg ist die sog. »Kanzelei«, ein zweigeschossiger Saalbau mit je einem Saal mit Balkendecke, getragen von fünf Holzsäulen, im Erdgeschoß mit spitzbogigen, im Obergeschoß mit segmentbogigen Fenstern. Der Saalbau war für Festlichkeiten bestimmt. An der nördl. Seite schloß sich die Kapelle der Hl. Johannes des Täufers und Johannes des Evangelisten an den Palast an, die 1377, wohl zu Ostern (29. März), in der Anwesenheit des Ks.s, seines Hofes und vieler Prälaten vom → Magdeburger Ebf. geweiht wurde. Innen wurde sie ähnlich wie die Kapellen auf der→ Prager Burg und in → Karlstein mit vergoldeten Inkrustationen, Platten und Halbedelsteinen prächtig geschmückt - [...] magnifici operis preciosorum et aliorum lapidum ornamento fulcitam [...] (RI VIII, 1877, Nr. 5781). Der Ausbau der Res. wurde am 13. Juni 1377 mit der Stiftung und entsprechenden Ausstattung des Augustinerchorherren-Kollegiatsstift der hl. Jungfrau bei dieser Kapelle gekrönt, das aus einem Propst und elf Kanonikern bestand. Zu diesem Zweck wurde unter anderem die städtische Pfarrkirche mit ihrer Einkünften aus der bisherigenVerbindung mit dem Stendaler Domstift gelöst und mit dem neuen Stift vereint. Kurz zuvor wurde mit dem Umbau der Kirche begonnen, die in eine got., dreischiffige Hallenkirche umgestaltet wurde.

In T. verbrachte Karl IV. von September 1373 bis Anfang November 1377 mehrere Monate, dort fanden diplomatische Handlungen und Landtage statt. Der Ks.er hat dort mehr als 60 Urk.n ausgegeben.

Quellen

CDB. - Magdeburger Schöppenchronik, hg. von Carl Hegel, Leipzig 1869 (Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert, 7; Die Chroniken der niedersächsischen Städte/Magdeburg, Bd. 1). - Przibiconis de Radenin dicti Pulkavae Chronicon Bohemiae, in: FRB V, 1893, S. 3-207. - RI VIII, 1877. - Thietmari Merseburgensis Episcopi Chronicon, 1935.

Dehio, Kunstdenkmäler, Magdeburg, 1974. - Hohensee, Ulrike: Zur Erwerbung der Lausitz und Brandenburgs durch Kaiser Karl IV., in: Kaiser, Reich und Region. Studien und Texte aus der Arbeit an den Constitutiones des 14. Jahrhunderts und zur Geschichte der Monumenta Germaniae Historica, hg. von Michael Lindner, Eckhard Müller-Mertens und Olaf B. Rader unter Mitarbeit von MathiasLawo, Berlin 1997, S. 213-243. - Kavka 1989, S. 356-362. - Schmidt, Roderich: Brandenburg und Pommern, in: Kaiser Karl IV., 1978, S. 203-208. - Schultze 2, 1961. - Schulze, Hans K.: Karl IV. als Landesherr der Mark Brandenburg, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 27 (1978) S. 138-168. - Deutsches Städtebuch, 2: Mittel- deutschland, 1941, S. 701f. - Zahn, Wilhelm: Kaiser Karl IV. in Tangermünde.Festschrift zur Enthüllungsfeier des von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser und König von Preußen Wilhelm II. gestifteten Denkmals Kaiser Karls IV., Tangermünde 1900.