STRAUBING C.7.
I.
Wittelsbach. Gründungsstadt an der Donau (item anno Domini 1218 constructa est nova Strubinga, Annales Windbergenses). Nach 1255 niederbayer. Verwaltungssitz für den Donauraum und den Bayer. Wald, 1353-1425 Hauptstadt und Res. des bayer. Teils des Hzm.s S.-Holland mit Stadtschloß. Danach oberbayer. Nebenres. bis 1435, dann Regierungssitz des Rentamts S. - D, Bayern, Reg.bez. Niederbayern, kreisfrei.
II.
Auf röm. Boden (Kastell Sorviodurum) 897 ein Königshof Strupinga bezeugt, im Umkreis einer fiskal. gut organisierten Herzogs- und Königslandschaft; nach Schenkung an das Domkapitel → Augsburg 1029 entstand um die Pfarrkirche St. Peter (Kirchenbau Ende des 12. Jh.s) ein Markt in günstiger Lage an der Kreuzung der Donau und des Landweges nach Cham/Böhmen (hier ursprgl. Brückenort). In diese Szenerie, ca. 1 km westl. von der alten Siedlung, legte 1218 Hzg. Ludwig I. auf Augsburger Grund mit Hilfe des Vogteirechts eine neue Planstadt an auf einemHochplateau, damals noch nicht unmittelbar am Hauptstrom der Donau (dieser erst 1477/80 an die Stadt herangeführt); in der Gesamttendenz wittelsb. Stadtgründungen wurde hier ein Herrschaftsmittelpunkt gegen Stadt und Bf. von → Regensburg und gegen die Gf.en von Bogen gelegt. S. ist eine typ. altbayer. Stadtanlage mit Straßenmarkt, Stadtturm und seitwärts gelegener Stadtkirche St. Jakob (heutiger Bau nach 1400); in ihrem Umfeld begann wohl der Aufbau der Stadt (beste Darstellung im Modell Jakob Sandtners 1568). Von Alt-S., das bestehen blieb, wurde nicht nur der Name übernommen, St.Peter blieb auch Pfarrkirche bis 1581. Einen bes. kirchl. Mittelpunkt stellte die Stadt, die zur Diöz. → Regensburg gehörte, nicht dar: nur ein Karmeliterkl. wurde 1367 durch Hzg. Albrecht I. von → Regensburg hierher verlegt. Ökonom. waren v. a. die Landwirtschaft im Umfeld und der Handel auf der Donau wichtig sowie mehrere Jahrmärkte. Die Stadt, die bereits 1270 das Recht zur Siegelführung und 1307 ein Stadtrecht mit Ratsverfassung erhielt, erfuhr von den Hzg.en vielfache Förderung; schon seit 1224 fanden Landtage und Herzogsaufenthalte hier statt, bis 1293 stieg S.zum Herzogssitz im Range von → Landshut und → Burghausen auf. Gleichzeitig wurde es Standort für viele Verwaltungen, für das Landgericht, für Urbarsämter, nach 1255 dann v. a. für das untere Viztumamt (erster Amtsträger 1260 bekannt), also als eine der Mittelbehörden des Hzm.s, was S. dann bis 1799 geblieben ist.
Entscheidend wurde für S. die Landesteilung von 1353, die für die Söhne Ludwigs des Bayern Wilhelm I. († 1388) und Albrecht I. († 1404) die Landesteile Straubing, Holland, Zeeland, Friesland und Hennegau ausschied; angesichts der überragenden Bedeutung der niederländ. Gebiete war S. stets Nebenres. Da Wilhelm I. bereits 1357 regierungsunfähig wurde und deshalb Albrecht I. S. verließ, wurde bis zum Ende des Teilhzm.s die Regierung durch Statthalter ausgeübt; nur 1387-97 hielt der junge Albrecht II. hier Hof († 1397), danach bis 1404 in Abständen Johann III. († 1425). Da nachJohanns Tod keine männl. Erben vorhanden waren, wurde das Hzm. aufgeteilt, wobei Stadt und Umland S. an München-Oberbayern fielen, weshalb seit 1433 der Herzogssohn Albrecht III. hier lebte (bis 1435 mit der von seinem Vater zum Tod verurteilten und ertränkten bürgerl. Ehefrau Agnes Bernauer). Seit damals wurde das Schloß als Verwaltungsgebäude verwendet.
III.
Seit spätestens 1224 ist mit einer Wohnung des Hzg.s zu rechnen; die Lage dieses älteren Schlosses ist jedoch umstritten, aber jedenfalls in der Nähe der Kirche zu suchen. Das neue Schloß der straubing.-holländ. Herrschaft wurde 1356 begonnen. Weiter ist nur deutlich, daß um 1420 Anbau- und Verstärkungsarbeiten einsetzten; in welchen Abständen - bei den vielfach abwesenden Fs.en - gebaut und wann die einzelnen Teile vollendet wurden, ist unbekannt. Was die Anlage selbst betrifft, so bietet sie sich heute noch eindrucksvoll dar, ist aber durch jahrhundertelangeVerwaltungsnotwendigkeiten in der Ausstattung ganz und in der Architektur zum Teil verändert (Pläne bei Harrer 1990, S. 317ff.). Das Schloß präsentiert sich für den Wohnbereich als Geviert um einen fast quadrat. Hof, mit der Schauseite zur Donau und zur Straße nach NO; im W öffnet sich der Hof zu Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden entlang der Donau und zur Stadt hin. Das Ganze ist ausgestattet mit mächtigen breiten Türmen und stellt gleichzeitig einen Teil der Mauern und Fortifikation der Stadt dar. Nur wenige Teile können für das SpätMA bestimmt werden: so im Nder Fürstenbau mit einer Dürnitz unten und oben einer großen Halle (»Rittersaal«) mit hölzerner Spitzbogentonne, die in das 14. Jh. zurückreichen. Die Wohnung des Hzg.s befand sich im mächtigen Ostturm, auch der schmalere Westturm war beheizbar. Erhalten im Seitentrakt ist auch die 1373 geweihte Kapelle St. Sigismund mit großem Schiff, aber fast winzigen achteckigen Chörchen. Die übrigen Gebäude sind nur von der späteren Amtsverwendung her zu bezeichnen: im Hauptschloß Kasten- und Rentmeisteramt, im Vorderschloß Salzstadel und Salzamt, Mautamt und Regierung. Zum Umfeld des Schlossesist auch das Karmelitenkl. zu rechnen, das die Hofkaplanei stellte und gleichzeitig als fsl. Grablege bestimmt war (benutzt bis 1438); die prunkvolle Grabplatte für Albrecht II. weist auf den bayer.-böhm. Raum. Ebenfalls gehört im weiteren Sinn dazu die Stadtkirche St. Jakob, deren Architekt Hans von Burghausen zu den hervorragendsten von den Hzg.en geförderten Baumeistern Niederbayerns gehörte.
Über das höf. Leben könnte wohl die Edition (in Vorbereitung) und Auswertung der aus dem Straubinger Landesteil zum Teil noch vorhandenen Rechnungen Auskunft geben, doch wird sich dieses im allgemeinen nur punktuell, wenn näml. der Hzg. anwesend war - dann gibt es vereinzelte Nachrichten über prunkvolle Aufzüge - über die Verwaltungsebene erhoben haben. Schon jetzt ist aber eine Beeinflussung S. durch die holländ. Hauptres. im Haag deutlich: im singulären großen Saal des Schlosses (1422, umgekehrter Schiffsrumpf?), in der holländ. Tracht des Grabmals von Ulrich Kastenmayer oder in einer -mögl. - Beeinflussung des Rechnungswesens durch das burgund. Vorbild.
Quellen
Fürsten-Urkunden zur Geschichte der Stadt Straubing, hg. von Johannes Mondschein, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern 25 (1888) 95-182; 39 (1903) S. 1-166. - Urkundenbuch der Stadt Straubing, 1, 1911-18.
Literatur
Agsteiner, Hans: Herzogschloß Straubing, Straubing 1995. - Berlet, Dorothée: Die Karmelitenkirche in Straubing, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 90 (1988) S. 37-124. - Boer, Dick E. H. de: Der Weggang Albrechts von Bayern-Straubing in die Niederlande im Licht der Territorienbildung, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 89 (1987) S. 33-56. - Boer, Dick E. H. de: Die Rolle Straubingsin der holländisch-bayrischen Verwaltung um 1390, in: 1100 Jahre Straubing, 1998, S. 119-148. - Freilinger, Hubert: Straubing, Stuttgart 1991 (Bayerische Städtebilder). - Freundorfer 1974. - Greipl 1991, S. 262-266. - Harrer, Cornelia Andrea: Das Herzogschloß Straubing seit der Spätgotik, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 92 (1990) S. 313-381. - Huber, Alfons: Jacoben Sandtner, Dräxl von Straubing.Nachrichten zu seinem Leben und künstlerlischen Werk, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 99 (1997) S. 171-192. - Keim, Josef: Straubing, in: Bayerisches Städtebuch, 2, 1974, S. 647-652. - Krenn, Dorit-Maria: Das Herzogtum Straubing-Holland (1353-1425/29), in: Bayern-Ingolstadt, 1992, S. 111-122. - Laschinger, Johannes: Straubing und die Landtage vom 14. bis zum 16. Jahrhundert, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 86 (1984) S. 147-172. -Mader, Felix: Stadt Straubing, München 1921 (Die Kunstdenkmäler von Bayern, Regierungsbezirk Niederbayern 6). - Paravicini, Werner: Deutsche Adelskultur und der Westen im späten Mittelalter. Eine Spurensuche am Beispiel der Wittelsbacher, in: Deutschland und der Westen Europas im Mittelalter, hg. von Joachim Ehlers, Stuttgart 2002 (VuF, 56), S. 457-506. - Schäfer, Werner: Straubings große Grabdenkmäler, in: 1250 Jahre Kunst und Kultur im Bistum Regensburg, München 1989, S. 311-321. -Schmid, Alois: Die Wittelsbachische Gründungsstadt Straubing, in: 1100 Jahre Straubing, 1998, S. 83-117. - Straubing, 1968.