STRASSBURG C.3.
I.
Argentorate (74 n.Ch.), Argentorato (um 400), Strateburgo (6. Jhd.), Stratiburgo (um 600), Stratsburg (870), Straßburg, Strasbourg, Stadt, Bm. S., Bischofssitz. - F, Elsaß, Dep. Bas-Rhin.
II.
In der Nähe des Rheins und von der Ill durchquert, verfügte S. spätestens seit dem frühen MA über eine für den Handel außerordentl. günstige Lage, für den Nahverkehr, mit den fruchtbaren Höhen des Kochersbergs, mit der ebenso reichen Ebene der Ill und mit dem Rebland, das sich den Fuß der Vogesen entlang hinzieht; aber auch für den Fernhandel, von → Basel bis nach → Köln. 12 vor Chr. entstand ein römiches Kastell, dem sich ein nicht belangloser Vorort anschloß. Bis 451 hielten sich dort röm. Truppen und Behörden auf. Bereits im 4. Jh. gab es inS. eine christl. Gemeinde. Der erste Bf. den wir kennen, Amandus, nahm 343 für Athanasius Stellung. Vor dem 8. Jh. wurde die erste Kirche, die wohl als Kathedrale diente, erbaut. Ihr Überleben verdankte die Stadt dem Bf., der seinen Sitz innerhalb der Mauern des röm. Lagers nahm. In den letzten Jahrzehnten des 10. Jh.s erhielt der S.er Bf. die Regalien, insbes. das Münzrecht und die Gerichtsbarkeit. Die Stiftsgüter machten aus ihm einen der mächtigsten Herren des Landes. Stadtherr einer Ortschaft, die sich vor dem 13. Jh. bedeutend vergrößert hatte, sah sich 1146-47 Bf. Burkartveranlaßt, Pflichten und Rechte der Einw. in einem Statut festzusetzen; schon zwei Jahrzehnte früher war ihnen durch das Privileg de non evocando versichert worden, daß sie kein fremdes Gericht belangen konnte. 1205 setzte Kg. Philipp S. in ein unmittelbares Verhältnis zum Reich. Ein vom Bf. bestellter Rat strebte danach, sich von dieser Abhängigkeit frei zu machen. Zum offenen Konflikt kam es 1260 mit dem Bf. Walter von Geroldseck, den die S.er Miliz bei Hausbergen am 8. März 1262 schlug. Sein Nachfolger gewährte Jahre danach einen Frieden, welcher derStadt erlaubte, eigene Statuten zu erlassen und Bündnisse einzugehen (1263). So wurde S. zu einer freien Reichstadt, ein Titel der für 1358 zum ersten Mal bezeugt ist. Das Verhältnis zum Bf. wurde mehrmals getrübt, weil die ehemaligen Stadtherren versuchten, ihre Rechte wieder zu erweitern. 1392 brachte Friedrich von Blankenheim eine Koalition zustande, die vergebens S. belagerte. 1419 verband sich Wilhelm von Diest mit den ausgezogenen Patriziern, die der 1349 ans Ruder gelangten Bürgerschaft das Heft aus den Händen reißen wollten. Noch gegenüber von Wilhelm von Honstein, der 1506 gewähltgeworden war, zeigte sich der Stadtrat mißtrauisch. Da dieser sich der Reformation entgegenstemmte und die Stadt diesen religiösen Umschwung begeistert billigte, verschlechterten sich die Beziehungen noch mehr. Bereits während des 14. Jh.s hielten sich die Bf.e nur selten und kurz in S. auf; die zu Beginn des 13. Jh.s erbaute Burg Dachstein, an einem Nebenfluß der Ill, der Breusch, schien Wilhelm von Diest zu klein, um eine dauerhafte Res. zu werden; er nahm seinen Sitz in → Zabern. In der Pfalz, in nächster Nähe des Domes, übernachteten von nun an die Bf.e äußerst selten, eigtl.nur bei Gelegenheit ihres Einzugs, kurze Zeit nach ihrer Wahl. Nach der Reformation und vor der Einverleibung S.s in das frz. Kgr. hielten sich die Bf.e nicht mehr in S.s. auf. Erst im 18. Jh. erbaute Armand Gaston de Rohan an der Stelle des Bischofshofs den jetzigen Palast.
III.
Die bfl. Res. war ursprgl. ein Teil eines großen Komplexes, welcher das Münster, den Bruderhof der Domherren, den Fronhof und die Pfalz umfaßte; sie war an die röm. Kastellmauer angelehnt; ein Garten zog sich zum Fluß hin. Vom Aussehen der Gebäude haben wir keine sichere Kenntnis. Der Ausdruck palacium wird in einer Urk. von 1208 gebraucht; da auch von curia die Rede ist, kann man annehmen, daß sich hinter dem eigenl. Palast ein Hof erstreckte, mit den Wohnungen des Dienstpersonals und den Wirtschaftsgebäuden;wir wissen, daß die weiträumigen Stallungen an die Mauer angebaut waren, daß die Küche sich außerhalb der Mauer in der Nähe des Grabens befand, wahrscheinl. wg. der Brandgefahr.
Diese in Urk.n des 12. Jh.s bezeugte Anlage verschwand später, wahrscheinl. bereits im 13. Jh. Das Liebfrauenwerk (Œuvre du Notre-Dame), das die Verwaltung des Münsterbaus beherbergte, wurde 1235 errichtet und befindet sich heute noch in dem Gebäude das im 12. Jh. die Pfalz ersetzte. Viell. darf man annehmen, daß die immer selteneren Aufenthalte des Bf.s zur Umwandlung der Pfalz in nur noch als Bischofshof gekennzeichnete Gebäude führte. Die Bezeichnung curia nostra publica kam außer Gebrauch.
Über die präzise Lage des Bischofshofs, seine Architektur und seine innere Ausstattung, geben uns nur äußerst spärl. Dokumente Auskunft. Der Perspektivplan, den wir Conrad Morant verdanken, zeigt uns, wahrscheinl. etwas vereinfacht, wie der als solcher bezeichnete Hof 1548 aussah. Links vom Liebfrauenhaus steht ein zieml. großes, doppelgiebeliges Gebäude, daß man als die Wohnung des Bf.s betrachten kann; es besteht aus Backsteinen, während für die links davon sichtbaren Häuser und Nebengebäude Fachwerk benutzt wurde. Man erkennt die 1208 erwähnte St. Ulrichskapelle. Der Hof, den dieseGebäude umrahmen, wird durch eine mit Scharten versehene Mauer von der Ill abgegrenzt. Von der inneren Einrichtung des Hofs wissen wir nur, daß der Bischofssaal weiträumig gewesen sein muß. Als Wilhelm von Honstein am 4. Okt. 1507 in S. einritt, begleiteten ihn mehr als 150 Fs.en, Gf.en, Herren und Ritter, die er alle an seinen Tisch einlud. Die Ratsherren dagegen wurden durch des bischofs sal inn die vorder schreybstub geführt, was sie als eine Beleidigung empfanden. Auf diese Weise erfahren wir, daß die Kanzlei zum Teil im Bischofshof untergebracht war;der Sitz der sog. »Hinteren Schreibstube« lag ganz in der Nähe des Bischofshofs, in der heute noch so bezeichneten Schreibstubengasse. Zufällig erfahren wir, daß es im Hof mind. noch einen großen Saal gab, denn beim feierl. Einritt Ruprechts von Bayern, am 14. Febr. 1449, saßen mehr dann 300 priester in dem einen sal und nahmen am Bankett teil. Vom Schlafraum, den die Bf.e benutzten, ist uns nichts überliefert. Von Wilhelm von Honstein wissen wir nur, daß er manchmal einige Tage im Bischofshof übernachtete, so 1509 vom Gründonnerstag bis zum Osterdienstag. Er war biszur frz. Zeit wohl der letzte, der sich in S. aufgehalten hat.
Quellen
Code historique et diplomatique de la ville de Strasbourg, Bd. 1, Straßburg 1848, S. 291-297. - Bernhard Hertzog, Chronicon Alsatiae oder Edelsasser Chronik, Straßburg 1592, S. 112-118.
Literatur
Barth 1960, hier insbes. S. 1404 und 1480. - Châtelet-Lange, Liliane: Strasbourg en 1548. Le plan de Conrat Morant, Straßburg 2001, hier insbes. S. 80 und 83. - Dollinger, Philippe: Origines et essor de la ville épiscopale (Ve-XIIe siècle), in: Histoire de Strasbourg des origines à nos jours, Bd. 2, hg. von Georges Livet und Francis Rapp, Straßburg,1981, hier insbes. S. 18f. - Schmidt, Charles: Straßburger Gassen- und Häuser-Namen im Mittelalter, Straßburg, 1888, hier insbes. S. 120-122. - Seyboth, Adolphe: Strasbourg historique et pittoresque depuis son origine jusqu'en 1870, Bd. 2, Straßburg 1894, hier insbes. S. 569f.