ST. GALLEN C.4.1.
I.
Monasterium sancti Gallonis (721-736); monasterium sancti Galli atque Otmari (883); villa (Dorf St. G., zu 926); ius fori/civibus (Marktrecht/Bürgern von St. G., 1170); aput sanctum Gallum (Ort St. G., 1210); civitatem sancti Galli (1228); abbit [...] von sante Gallin (1255); stat zi sante Gallin (1272/73); gozhuses ze sante Gallen(1290).
Benediktinerabtei und Stadt in einem Hochtal südl. des Bodensees. Die Abtei war bis 1798 Zentrum der fürstäbtl. Grund- bzw. Landesherrschaft, aus welcher sich die Stadt im Lauf des SpätMA zwar herauszulösen vermochte, ohne aber eine eigene Territorialherrschaft aufbauen zu können. Hauptort des Schweizer Kantons St. G. seit 1803. Bischofssitz seit 1847. - Kanton St. G.
II.
Die von der Steinach und dem Irabach durchflossene Senke, in der sich der Wandermönch Gallus im 7. Jh. niederließ, lag abseits der Verkehrswege in einem weitgehend unberührten Gebiet, das erst vom 6. Jh. an allmähl. alemannisiert wurde. Regionale Zentren waren die Hafenorte Arbon (röm. Kastell) und Bregenz am Bodensee, beide bewohnt von einer vorwiegend galloröm. und teilw. christianisierten Bevölkerung. Im 7. Jh. wurde das »Alemannenbistum« → Konstanz zum kirchl. Zentrum des Bodenseeraums. Spannungen zw. → Konstanz und der im 8. Jh.gegründeten Abtei St. G. wurden erst dadurch abgebaut, daß das Galluskl. von Ks. Ludwig dem Frommen i. J. 818 die Immunität erhielt. Auf deren Grundlage erlebte das Kl. im 9. Jh. einen Aufschwung (»Goldenes Zeitalter«), der es in religiös-kultureller wie auch in herrschaftl.-wirtschaftl. Hinsicht zu einem Zentrum von überregionaler Bedeutung und mit weitläufigen Beziehungen (z. B. Gebetsverbrüderungen) werden ließ.
Von dieser Zeit an bildete sich um die Abtei eine Siedlung, die im dritten Viertel des 10. Jh.s ummauert wurde, 1170 als städt. Siedlung mit Bürgern und Marktrecht bezeugt ist und 1291 von ihrem Stadtherrn, Fürstabt Wilhelm von Montfort (1281-1301), eine erste Handfeste (Stadtrecht) erhielt.
Es folgte ein bis in das späte 15. Jh. dauernder Prozeß der schrittweisen Ausbildung städt. Selbstverwaltung auf der Grundlage einer Rats- und Zunftverfassung sowie mit einer wachsenden Zahl von Verwaltungs- und Aufsichtsorganen (Bauwesen, Steuern, Feuerwache, Marktaufsicht etc.). In engem Zusammenhang damit verlief ein Prozess der Beschränkung und Ablösung stadtherrl. Rechte des Fürstabts. Gefördert wurde diese polit. Entwicklung durch den gleichzeitigen Aufschwung des St. G.er Leinwandgewerbes und des damit verbundenen europaweiten Fernhandels, den Familiengesellschaften wie dieDiesbach-Watt-Gesellschaft, die Mötteli, Hochreutiner, Zollikofer etc. betrieben. Im 15. Jh. war St. G. eine Stadt mit ca. 2500-3000 Einw.n, die intensive wirtschaftl. und soziale Beziehungen mit den Bewohnern des nahen Umlands (Alte Landschaft, Appenzell, Rheintal) pflegten, aber auch Kontakte bis nach Spanien und Polen unterhielten.
Vermochte die Stadt St. G. in den 1450er Jahren unter Ausnützung eines klosterinternen Konflikts beinahe die Kontrolle über die fürstäbtl. Herrschaft zu erlangen, so setzte der St. Galler Krieg, der dem Rorschacher »Klosterbruch« von 1489 folgte, den Bemühungen der Stadt um den Aufbau einer eigenen Territorialherrschaft ein Ende.
In der Folgezeit blieb St. G. eine (ab 1529 reformierte) Stadtrepublik, deren kleinräumiger Stadtbann (Gerichtsbezirk) vollständig von der (katholischen) Landschaft des Stifts St. G. umgeben war. Dessen Herrschaft beschränkte sich innerhalb der St. Galler Stadtmauern wiederum nur auf den Klosterbezirk, den ab 1567 eine Mauer von der Stadt schied.
III.
Die erste Siedlung in St. G. bestand nach der Gallus-Vita aus einem hölzernen, mit einer Glocke versehenen Bethaus und einzelnen Zellen, die Gallus und seine Gefährten beim Wasserfall der Steinach errichtet und mit einer gemeinsamen Umfriedung geschützt hatten. Dem Bethaus folgte unter Abt Otmar eine größere, aber einfache steinerne und schindelgedeckte Saalkirche mit Krypta, an die wohl im S die Klausurgebäude anschlossen. Individuelle Mönchsunterkünfte und Wohnungen für Arme und Aussätzige (Spital) umgaben die Kirche.
Unter Abt Gozbert (816-37) begann ein vollständiger Neubau der Klosteranlage. Der berühmte, auf der → Reichenau wohl unter Abt Heito angefertigte St. Galler Klosterplan (um 830) diente sicherl. als Grundlage für dieses Vorhaben, jedoch nicht als verbindl. Bauplan. Gemäß Grabungsbefund war das 830-37/39 unter der Leitung von bauerfahrenen Mönchen errichtete Gozbertmünster eine große dreischiffige Basilika mit Mönchschor und Krypta, aber ohne Ostapsis und Querschiff. Es verkörperte somit eher den Typ (und Anspruch?) einer Bischofs- als einer Abteikirche. Die darin angebrachten Freskenfolgten wahrscheinl. dem Reichenauer Bildprogramm. Die Gozbertkirche hatte im Grundriß bis zur barocken Neuanlage von 1755-66 Bestand, wurde jedoch durch Feuersbrünste (937, 1314, 1418) und den reformator. Bildersturm (1529) im Mitleidenschaft gezogen. In welcher Weise die übrigen auf dem Klosterplan gezeichneten Gebäude - Abtshaus, Klausur, Landwirtschafts-, Handwerks-, Herbergs-, Fürsorge- und Unterrichtsbauten - realisiert wurden, ist bisher nicht archäolog. untersucht.
Wesentl. Neugestaltungen erfuhr das Münster durch den um 1215 unter Abt Ulrich von Sax erbauten Glockenturm, durch den 1483 unter Abt Ulrich Rösch geweihten spätgot. Mönchschor und die 1485 ausgeführte Neubemalung des Langhauses. Von den Nebengebäuden bestand die 867 errichtete Kirche St. Othmar, eine Hallenkirche, bis sie 1623 einem Neubau weichen musste, die ebenfalls 867 erbaute St. Michaelskirche bis zu ihrer Auflassung unter Abt Ulrich Rösch. Ein steinernes Dekanatshaus und ein Propsteigebäude kamen im frühen 13. Jh. hinzu. Viele Gebäude müssen sich jedoch im 14./15. Jh. nach denBränden jahrelang in verfallendem und dachlosem Zustand befunden haben. Von den Bränden wenig behelligt blieb die Pfalz, die zugl. als Abtswohnung, Rats-, Gerichts- und Verwaltungssitz diente, von Vadian als rauch altfränkisch vierschröt haus geschildert wird und erst Mitte des 18. Jh.s der neuen Pfalz (heute Sitz der St. Galler Kantonsregierung) wich.
Heute beherrschen die 1755-69 von diversen Architekten und Baumeistern - namentl. Johann Caspar Bagnato, Peter Thumb, Johann Michael Beer von Bildstein und Bruder Gabriel Loser - geprägten Barockbauten den Stiftsbezirk. Vom karoling. Münster haben nur zwei Zwergkapitelle aus dem Mönchschor, vom spätma. Baubestand einzig ein Rundturm im südöstl. Mauerabschnitt überdauert.
Literatur
Ehrenzeller, Ernst: Geschichte der Stadt St. Gallen, St. Gallen 1988. - Franzen-Blumer, Ann Barbara: Die Kultur des Klosters St. Gallen, in: St. Galler Geschichte 2003, Bd. 1 (im Druck). - Die Kunstdenkmäler des Kantons St. Gallen, Bd. 3: Die Stadt St. Gallen, 2. Tl.: Das Stift, bearb. von Erwin Poeschel, Basel 1961. - Sennhauser, Hans Rudolf: Das Münster des Abtes Gozbert (816-837) und seine Ausmalung unter Hartmut(Proabbas 841, Abt 872-883), in: Unsere Kunstdenkmäler 34,2 (1983) S. 152-167. - Zettler, Alfons: Der St. Galler Klosterplan. Überlegungen zu seiner Herkunft und Entstehung, in: Charlemagne's Heir. New Perspectives on the Reign of Louis the Pious (814-840), hg. von Peter Godman und Roger Collins, Oxford 1990, S. 655-686.