Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SPEYER C.3.

I.

Spira (6. Jh.), Spire (13. Jh.), Speir bzw. Speier (16. Jh.) - Stadt (civitas) - bis Ende 13. Jh. Hochstift S.; Bf.e von S.; seit 1294/1302 freie Stadt - Schloß (Pfalz), bis ins ausgehende 13. Jh. Hauptres., dann Nebenres. - D, Rheinland-Pfalz, Reg.bez. Rheinhessen-Pfalz, Kr. S.

II.

S. liegt auf einem hochwassersicheren, weit ins Tiefgestade des Rheins vorragenden Niederterrassensporn (99-102 m ü.d.M.). Der Trichter des zu Füßen der Niederterrasse mündenden Speyerbachs diente der Stadt von alters her als Hafen (Stapel). Während des MA war S. durch vier, zeitw. fünf Fähren mit der rechten Seite des Rheins verbunden; deren wichtigste war die bei Rheinhausen, auf der der Fernverkehr aus den Niederlanden in den S und seit dem 16. Jh. die Thurn und Taxis'sche Post passierte. Im übrigen trafen in S. zahlr. (Geleit-)Straßen aus allenHimmelsrichtungen zusammen.

Seit dem ersten Jh. vor Chr. bestanden im Gebiet der nachherigen Stadt drei aufeinander folgende röm. Militärlager mit zugehörigen vici, denen sich im späten ersten Jh. nach Chr. der Vorort Civitas Nemetum (Noviomagus, Nemetae) anschloß. Die Bischofsstadt des frühen MA knüpfte an eine befestigte spätantike Siedlung an, übernahm im folgenden jedoch nicht deren Namen, sondern den der ihr nördl. vorgelagerten villa Spira (Altspeyer). Die ma. Stadt expandierte in drei salierzeitl.Erweiterungen nach W und NW; ihre zw. den Polen Dom und Altpörtel entfaltete Hauptstraße stellt das »vielleicht augenfälligste Beispiel für die auch in anderen Kathedralstädten entstehenden großen Haupt- und Prachtstraßen dar« (Hirschmann 1998, S. 349).

Stadtherr war zunächst wohl der durch einen Gf.en (comes) vertretene Kg., seit 969/89 der Bf., dessen Rechte jedoch seit 1111 mehr und mehr zugunsten der Bürgergemeinde zurückgedrängt wurden. 1294 mußte der Bf. auf die Herrschaft verzichten und die Stadt verlassen; geblieben ist ihm allein die förml. Investitur der vom Rat für verschiedene städt. Ämter vorgeschlagenen Personen. Wiederholte, z. T. krieger. (1376, 1403/22, 1466/70) Versuche, nach S. zurückzukehren, blieben ohne Erfolg. Bis ins 17. Jh. hielt jeder neugewählte Bf. nach genau festgelegtem Reglementüber die Hauptstraße sein »erstes fürstliches Einreiten« in die Stadt und nahm, nachdem er die städt. Freiheiten eidl. anerkannt hatte, auf dem Freithof nördl. des Doms die förml. Huldigung der Bürgerschaft entgegen; dieses Zeremoniell war die Voraussetzung künftiger bfl. Besuche in S.

Ausgehend von bescheidenen Verhältnissen (Markt bereits vor 993) profitierte die Stadt seit der ersten Hälfte des 11. Jh.s vom sal. Dombau (Königsgrablege) und dem Aufblühen des königsnahen Bm.s. Bis 1570 war sie Schauplatz zahlr. Hof- und Reichstage, 1527-1689 auch Sitz des Reichskammergerichts, dem die Bf.e von S. zeitw. präsidierten. 1084 wurden aus → Mainz geflohene Juden angesiedelt und 1090 durch den Ks. privilegiert. Die 1111 von Heinrich V. der Bürgerschaft verliehenen Freiheiten und der durch sie begünstigte (Fern-) Handel (Wein, Holz, Krapp, Zwiebelsamen, Tuche; bedeutenderKapitalmarkt) ermöglichten den Emanzipationsprozeß zur freien Stadt (1198 Rat, 1245 vierzehntägige Messe, 1294 Auszug des Bf.s). Allerdings bewirkten Auseinandersetzungen zw. Patriziat und Zünften (14. Jh.) sowie namentl. der ständige Zwang zur Abwehr des bfl. Herrschaftsanspruchs im Verein mit allg. Entwicklungen seit dem 15. Jh. ein allmähl. Nachlassen der städt. Wirtschaftskraft.

Außer der Bischofskirche mit ihrem Domstift bestanden in der Stadt (Archidiakonat des Dompropsts) die Nebenstifte St. German (gegr. 7. Jh.; bis 1462 vor der Stadt, seit 1469 in Verbindung mit St. Moritz in der Stadt), St. Guido (gegr. um 1030 als Johannes-Stift) und Allerheiligen bzw. Dreifaltigkeit (gegr. 1039/51), dazu elf Pfarrkirchen, Niederlassungen des → Deutschen Ordens, der Franziskaner, der Brüder vom Hl. Grab, der Augustinereremiten, Karmeliter, Dominikaner, Wilhelmiten, Jesuiten, Kapuziner, Clarissen und Reuerinnen bzw. Dominikanerinnen sowie zahlr.Kapellen.

III.

Die heute gänzl. verschwundene Bischofspfalz war Teil des geistl. Immunitätsbezirks (dessen Westgrenze verlief entlang der Stuhlbrudergasse und in deren Verlängerung nach S, vor dem Domportal war sie markiert durch den Domnapf) auf der östlichsten Spitze des Niederterrassensporns. Sie lag im rechten Winkel nordöstl. des Doms und war mit diesem durch einen doppelstöckigen Gang verbunden. Westl. davor erstreckte sich der Freithof, nördl. und östl. dahinter lagen Gärten und die Stadtmauer.

Entstanden ist die Pfalz wohl 1039/44. Mitte des 11. Jh.s (curia regis) wurde in ihr das sal. Hausarchiv verwahrt, nach 1065 vermutl. auch die Reichskleinodien. Zum Jahr 1096 wird sie als palacium regis et episcopi bezeichnet, 1262 nur noch als palacium episcopi. Bis zum Ende des 13. Jh.s war die Pfalz ständiger Sitz der Bf.e, danach nur noch Res. zu bes. Anlässen, regelmäßig bei Gelegenheit des ersten fsl. Einreitens; dgl. erfolgte hier die Bewirtung im Anschluß an die Beisetzung eines Bf.s. Im 14. Jh. war die Pfalzwiederholt an höhere Kleriker verpfändet. 1375 heißt es, sie sei zerfallen und vergangen [...] und lange wüste [...] gestanden, darumbe ir widerbuwens und widerbringens notdurfftig was (GLA Karlsruhe 67/288, fol. 10-11). 1450 wurde sie vom Brand des Doms in Mitleidenschaft gezogen, jedoch bis 1454 unter Mitwirkung des Steinmetzen Hans von Mingolsheim wieder instandgesetzt. Der 1464 inventarisierte Hausrat ist von erschütternder Kargheit und allenfalls vergleichbar mit dem auf kleineren bfl. Burgen. Die Hausverwaltung war im15. Jh. einem Pfalzkeller anvertraut.

Eine Ansicht von 1613 (GLA Karlsruhe 67/324) zeigt das dreigeschossige Gebäude von seiner Rückseite. Im dritten Geschoß hatte es eine durchgehende Reihe vierfach gekuppelter Fenster, die auf einen Saal hindeuten; am linken Bildrand sind ein apsidenförmiger (roman.) Erker mit Lisenen und Bogenfriesen, darunter ein rundes Fenster zu erkennen, woraus man schließen darf, daß es sich bei der Pfalzkapelle St. Michael um eine doppelstöckige Herrschaftskirche gehandelt hat. Ebenfalls aus dem frühen 17. Jh. dat. eine Vorderansicht der Pfalz (Wien, Graphische Sammlung Albertina, Nr. 3525), eineswenig repräsentativen Gebäudes mit Mittelrisalit (Rundbogenfenster) und mehreren (jüngeren) Anbauten. 1619 hat Bf. Philipp Christoph von Sötern (1610-52) einen Um- und Neubau im Stil der Renaissance unternommen, der auf Merians Stadtansicht (1645) von O dargestellt ist: ein drei- bis vierstöckiges Schloß zu etwa zwanzig Achsen mit markanten Giebeln an den Schmalseiten, aufgesetzten Giebeln an den Längsseiten, hohen Schloten und einem polygonalen Flankierungsturm mit welscher Haube an der Nordostecke, alles umgeben von der Stadtmauer auf der Kante des Niederterrassensporns und innerhalbderselben dicht umbaut mit Wirtschafts- und sonstigen Gebäuden des Domstifts. Merian rühmt den ansehnlichen, lustigen, mit herrlichen säälen und zimmern, auch künstlicher schreinerarbeit wolerbawten pallast oder hoff, in dessen weitem keller fässer seyn, deren eines 21 fuder [...] hält (Mattheus Merian, Topographia Palatinatus Rheni et Vicinarum Regionum, [Frankfurt am Main] 1645, S. 86f.).

Bei der Zerstörung der Stadt 1689 ist die Pfalz zugrundegegangen. Seit 1703 wurde sie in barocken Formen wiederaufgebaut, konnte aber gegen den Widerstand der Stadt nicht mehr als Res. genutzt werden. Im Gefolge der Französischen Revolution neuerl. zerstört, wurden ihre Reste im frühen 19. Jh. gänzl. abgebrochen.

Quellen

GLA Karlsruhe. -  LA Speyer. - StA Speyer. - Urkunden zur Geschichte der Stadt Speyer, hg. von Alfred Hilgard, Straßburg 1885.

Doll, Ludwig Anton: Ubi maxima vis regni esse noscitur, hg. von Hartmut Harthausen, Mainz 1999 (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte, 96). - Der Dom zu Speyer, bearb. von Hans Erich Kubach und Walter Haas, 3 Bde., München 1972 (Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz, 5). - Engels, Renate: Zur Topographie Speyers im hohen Mittelalter, in: Siedlungen und Landesausbau zur Salierzeit, hg. von HorstWolfgang Böhme, Sigmaringen 1991, Bd. 2, S. 153-176. - Hirschmann, Frank G.: Stadtpla- nung, Bauprojekte und Großbaustellen im 10. und 11. Jahrhundert. Vergleichende Studien zu den Kathedralstädten westlich des Rheins, Stuttgart 1998 (Monographien zur Geschichte des Mittelalters, 43).