SITTEN C.3. (Sion)
I.
Sedunum = Hauptsitz des kelt. Stammes der Seduner im Mittelwallis; unter röm. Herrschaft = civitas Sedunorum (8/6 v.Chr.); Stadt - Bischofssitz - CH, Kanton Wallis.
II.
Der Standort der Res. der Bf.e des Wallis in der Spätantike und im FrühMA ist noch keineswegs restlos geklärt. Die Römer, die im ersten vorchristl. Jh. einen sicheren Übergang über die Zentralalpen nach Gallien und dem Rheinland suchten, besetzten den Großen Sankt Bernhard (mons Poeninus), unterwarfen um 15 vor Chr. das Wallis und bauten den nördl. Ausgangspunkt zum Paß, Octodurus, den Hauptsitz der kelt. Veragrer am Rhoneknie (heute Martigny) unter Ks. Claudius zw. 41 und 48 nach Chr. zum röm.Verwaltungszentrum Forum Claudii Vallensium aus, das sich in der Folge einer blühenden Entwicklung erfreuen sollte. Davon zeugen die in den letzten Jahrzehnten erfolgten Ausgrabungen des Forums, verschiedener Tempelanlagen und Thermen sowie eines Amphitheaters. Kein Wunder begegnet uns hier in der röm. Hauptstadt des pagus Vallensis im 4. Jh., als sich das Christentum auch nördl. der Alpen auszubreiten begann und allmähl. eine kirchl. Hierarchie entstand, der erste Bf.: Theodorus, der 381 die Konzilsakten von Aquileia alsepiscopus Octodorensis unterzeichnet und 393 einen Synodalbrief an Papst Siricius mitsigniert. Nachdem neueste archäolog. Forschungen unter der gegenwärtigen Pfarrkirche von Martigny eine frühchristl. Basilika mit Baptisterium und anschließenden Teilen einer Res. aufgedeckt haben, darf als gesichert gelten, daß die ersten Bf.e des Wallis in Martigny residierten. Erst nachdem sich die Römer unter dem Druck der Völkerwanderung zurückziehen mußten und Octodurus den Einfällen der Langobarden schutzlos ausgeliefert war, zog sich der Bf. spätestens um585 ins zentraler und sicherer gelegene S. zurück. Die seit dem Neolithikum durchgehend bewohnte Siedlung schmiegte sich in der Spätantike an den westl. abfallenden Hang der Hügel von Valeria und Tourbillon, die sich am rechten Ufer der Rhône steil über der Ebene erheben und Tal und Straße beherrschen. Die erste Stadtmauer aus dem 6. Jh. endete noch östl. der Sitter. Bald lief die neue Bischofsres. dem ehemaligen röm. Zentrum den Rang als Hauptort des Wallis ab.
Ob der Bf. zeitweilig auch in der Abtei St. Maurice residierte, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, auch wenn bekannt ist, daß einige Bf.e gleichzeitig auch der 515 vom Burgunderkg. Sigismund gegründeten Abtei vorstanden.
Spätestens seit 999, als der letzte Kg. von Hochburgund Rudolf III. die Gft. im Wallis Bf. Hugo und seinen Nachfolgern auf dem S.er Bischofssitz schenkte, vereinigte der Bf. von S. die kirchl. und weltl. Gewalt in seiner Hand (episcopus Sedunensis, comes et praefectus Vallesii). Nach Kg. Rudolf III. Tod fiel Burgund 1032 ans dt. Reich: Kg. Konrad II. ließ sich 1033 in Peterlingen die Krone Burgunds aufsetzen. Die bfl. Gft. Wallis wurde reichsunmittelbar (1189 von Ks. Heinrich VI. bestätigt), der Bf. wurde Rfs. (princeps SacriRomani Imperii).
In S., der Res.- und Reichsstadt, blieb das Nebeneinander der aufstrebenden Bürgerschaft und des Landesherrn nicht frei von Reibereien und Machtkämpfen. Die Stadt konnte sich zwar gewisse Vorrechte und Freiheiten verbriefen lassen (1217, 1279, 1338), war aber zu klein, um sich allein gegen den Bf. durchzusetzen und sich nach dem Beispiel von Reichs- und Freistädten wie etwa → Basel das bfl. beherrschte Umland untertan zu machen. Die polit. Entmachtung des Bf.s 1634 war das Werk der ganzen »Landschaft Wallis«, d. h. der sieben weitgehend autonomen Gemeinden (Zenden), die von1392 an die vom Bf. regierte Gft. bildeten. S. blieb auch nach 1634 polit. Hauptstadt mit Sitz des Landrates (= Nachfolger des bfl. concilium generale totius terrae Vallesii).
III.
In S. residierten die Bf.e anfängl. wohl im ältesten Stadtteil (Sitta, Cité) am westl. Abhang von Valeria, wo die im 19. Jh. abgerissene St. Peterskirche (ehemalige Bischofskirche?) und eine Dreifaltigkeitskapelle (ehemaliges Baptisterium ?) standen. Nördl. der St. Peterskirche befand sich der bfl. Hof, der noch im 17. Jh. auf Matthäus Merians Stich als der »alte bischöfliche Sitz« bezeichnet wird. Nach dem Bau der roman. Kathedrale im 11. Jh. in der Unterstadt westl. der Sitter, wo gemäß Befund derArchäologen bereits ein karoling. Gotteshaus (8.-9. Jh.) gestanden haben muß, bezogen die Bf.e ein Gebäude in deren unmittelbaren Umgebung. Das Quartier erhielt in der Folge den Namen »in Palacio«. Dieser bfl. Hof muß - wie die Kathedrale - im Verlauf der krieger. Auseinandersetzungen mit → Savoyen im 14. Jh. zerstört worden sein. Als sich 1373 die Gelegenheit bot, Majorat samt Meiersitz von S. für die bfl. Mensa zu erwerben, bezog Bf. Guichard Tavel mit seinem Hof die Majoria, das Meierschloß, auf einem westl., in die Altstadt hineinragenden Ausläufer von Tourbillon, am Weg zur BurgValeria, dem Sitz des Domkapitels. Hier residierten fortan die Bf.e von S. bis 1788.
Die Majoria ist ein ansehnl. langgezogener Gebäudekomplex auf einem schmalen Felsenzug. Östl. und westl. des wuchtigen vierstöckigen Wohnturms aus dem 12. Jh. mit dem getäferten Landratssaal im ersten Stock, dem bfl. Empfangssaal im zweiten und den bfl. Gemächern im dritten und vierten Stock reihten sich Küche und Oekonomiegebäude, die nach einem Brand im Herbst 1536 wieder aufgebaut worden waren, sowie die Seneschallie und Wehranlagen. Der große Stadtbrand von 1788 machte die ganze Anlage unbewohnbar und zwang den Bf., im Blatterhaus an der Schloßgasse Unterkunft zu finden. DerEinfall der Franzosen 1798, die Plünderung der Stadt und die wirren Revolutionsjahre verhinderten den geplanten Wiederaufbau der Schloßanlage. Die Ruinen gingen in den Besitz des Staates über und dienten - notdürftig hergerichtet - im 19. Jh. als Artilleriekaserne. Nach gründl. Restaurierung in den Jahren 1946/47 beherbergen die Gebäude nun die kantonale Kunstsammlung.
1838-40 wurde westl. der Kathedrale auf dem Areal der alten Stadtmauer der gegenwärtige Bischofspalast nach Plänen des dt. Architekten Carl Ferdinand von Ehrenberg aus Halle an der Saale erbaut.
Sommerres. (auch Zufluchtsort in Kriegs- und Pestzeiten): Bonifaz von Challant, 1290-1308, Bf. von Sitten, ließ nach 1297 auf Tourbillon, dem höchsten der die Stadt dominierenden Hügel, eine mächtige Schloßanlage mit geräumigem Wohnturm, schmucker Kapelle, Unterkünften für die Wachmannschaft und trutziger Ringmauer mit Wehrtürmen errichten. Die in den sog. Rarnerkriegen 1416 zum größten Teil zerstörte und erst 1447 wieder aufgebaute Anlage diente bis 1788 den Bf.en als Sommerres. Der große Stadtbrand zerstörte 1788 auch diese Gebäude samt dem dort lagernden Archiv. Die regelmässigunterhaltenen Ruinen sind heute eines der Wahrzeichen S.s. - Das von Bf. Franz Josef Melchior Zen Ruffinen (1780-90) erbaute »Chalet de Bois-l'Evêque« in den südl. von S. gelegenen Mayens-de-Sion wurde fortan zur bfl. Sommerres. (1900 abgebrannt).
Quellen
Gremaud, Jean: Documents relatifs à l'histoire du Vallais, 8 Bde., Lausanne 1875-98 (MDR, 29-33, 37-39). - Walliser Landrats-Abschiede, 1916-96.
Literatur
Helvetia Sacra I, 5, 2001. - Tamini/Délèze 1940. - Fibicher, Arthur: Walliser Geschichte, 4 Bde., Sitten 1983-95. - Wolff, Albert: Les projets de reconstruction de la Majorie après l'incendie de Sion en 1788, in: Vallesia I (1946) S. 81-85.