SALZBURG C.3.
I.
Der Name der röm. Munizipalstadt Iuvavum dominierte bis ins 9. Jh., wurde aber in geistl. Urk.n, speziell zur Bezeichnung der S.er Kirche, bis ins 12. und 13. Jh. verwendet. Der dt. Name S., der erstmals in der um 770 verfaßten Lebensbeschreibung des hl. Bonifatius erscheint, ist vom Salz aus den Solequellen von Reichenhall, die um und nach 700 an die S.er Kirche geschenkt wurden, und von der »Oberen Burg« (castrum superius) auf dem Festungsberg abgeleitet. S., das als antikesmunicipium und Bischofssitz bereits im 8. Jh. als urbs, oppidum und civitas bezeichnet wird, entwickelte sich im frühen 12. Jh. zu einer ummauerten Stadt. Es diente seit 739 als ständiger Sitz der S.er Bf.e und Ebf.e und wurde im 14. Jh. Hauptstadt des gleichnamigen Landes, das sich vom Hzm. → Bayern löste. Bis zur Säkularisation des Erzstifts 1803 stand die Stadt unter der ungeteilten Herrschaft der Fbf.e. - A, S.
II.
S. liegt inmitten einer ausgedehnten Beckenlandschaft an beiden Ufern der Salzach in 420 m (Stadt) bis 542 m (Burg) Seehöhe. Die Stadtberge (Festungsberg, Mönchsberg, Kapuzinerberg), die das Flußbett der Salzach einengen und einen günstigen Übergang ermöglichen, waren teilw. seit der Jungsteinzeit besiedelt. Anstelle kleinerer kelt. Höhensiedlungen wurde um Christi Geburt planmäßig eine Stadt am linken Flußufer angelegt, die unter Ks. Claudius (41-54 nach Chr.) Munizipalrecht erhielt. Im 6. Jh. wurde die Talsiedlung aufgegeben, die Reste der Stadtbevölkerungzogen sich auf die geschützten Höhen des Nonnberges und des Festungsberges zurück. Am Ende des 7. Jh.s nahm der bayer. Herzogssohn Theodbert seinen Sitz auf dem Festungsberg; in enger Zusammenarbeit mit dem fränk. Missionar Rupert, der um 700 die teilw. ruinöse Talsiedlung (oppidum) erhielt, wurden die Kl. St. Peter und Nonnberg errichtet. Mit dem Sturz der bayer. Hzg.e aus dem Geschlecht der Agilolfinger fiel auch der Festungsberg mit der hzgl. Burg (castrum superius) an die S.er Kirche.
Die günstigsten Siedlungsplätze wurden vom Dom und dem Bischofshof, dem adeligen Damenstift Nonnberg und dem Männerkl. St. Peter, das 987 vom Ebm. getrennt wurde und ein eigenes Areal erhielt, eingenommen; dazu erhielt das 1121 in ein Augustiner-Chorherrenstift umgewandelte Domkapitel umfangr. Besitz im Kaiviertel. Die Anfänge der Bürgerstadt markiert die Niederlassung von Händlern und Kaufleuten im späten 10. Jh. vor der Porta, dem Haupttor der Bischofsburg. Ks. Otto III. verlieh 996 dem Ebf. Hartwig das Markt-, Maut- und Münzrecht für S. Die Erwähnung von Bürgern, einer Bürgerzechemit umfangr. Statuten und einem Stadtrichter weist am Beginn des 12. Jh.s auf die Entwicklung zur Stadt hin, die mit dem Bau der ersten Stadtmauern unter Ebf. Konrad I. (1106-47) zum Abschluß kam. Obwohl die Kl. St. Peter und Nonnberg sowie das Domkapitel über den größten Grundbesitz verfügten, war und blieb der Ebf. der alleinige Stadtherr. Allerdings behielten die bayer. Hzg.e sowie Ks. und Kg.e, die schon vor den Ebf.en in S. Münzen prägten, Positionen in der Stadt. Friedrich Barbarossa ließ in seinen Auseinandersetzungen mit den Ebf.en um 1160 nochmals die alte Kaiserpfalz (im BereichResidenzplatz-Waagplatz) erneuern.
Die straffe Herrschaft der Ebf.e eröffnete nur wenig Spielraum für die Entwicklung bürgerl. Freiheiten und städt. Selbstverwaltung. Das Stadtrecht wurde erst 1287 schriftl. fixiert und 1368 in wesentl. umfangreicherer Form erneuert. Geschworene als Beisitzer im Stadtgericht werden 1287, ein Stadtrat 1368 und der erste Bürgermeister 1374 gen. Ks. → Friedrich III. gewährte der Stadt S., die ihn in den Auseinandersetzungen mit Ebf. Bernhard von Rohr unterstützte, 1471 im »Ratsbrief« die freie Wahl von Rat und Bürgermeister. Als sich in den folgenden Jahrzehnten dieAuseinandersetzungen zw. der Stadt und dem Ebf. zuspitzten und die Bürgerschaft die Stellung einer freien Reichsstadt beanspruchte, ließ Ebf. Leonhard von Keutschach 1511 Stadtrat und Bürgermeister gefangen nehmen und erzwang den Verzicht auf alle Privilegien. Kard. Matthäus Lang nötigte im »Lateinischen Krieg« 1523 die Stadt erneut zur bedingungslosen Unterwerfung und erließ 1524 eine umfangr. Stadt- und Polizeiordnung, die bis zum Ende der geistl. Herrschaft (1803) in Kraft blieb und die uneingeschränkte Herrschaft der Ebf.e über die Stadt sicherte.
III.
Die S.er Bf.e und Ebf.e, die bis 987 auch Äbte des Kl.s St. Peter waren, hatten ihren Wohnsitz bis ins frühe 12. Jh. nahe dem heutigen St. Peter-Bezirk. Ebf. Konrad I. ließ nach seiner Rückkehr aus dem Exil in → Sachsen (1121) einen neuen Bischofshof im O des roman. Domes errichten, der baul. unmittelbar mit dem Dom verbunden war. Diese erste bekannte Res. wurde in den folgenden Jh.en mehrfach umgebaut und erweitert. Auf der Stadtansicht des Jahres 1553 ist der ausgedehnte Bischofshof mit vier Flügeln in allen Einzelheiten dargestellt.
Nachdem im späten 15. Jh. vorübergehend die Feste Hohensalzburg als Res. gedient hatte, nahmen die Ebf.e nach 1519 wieder ihren Sitz im Bischofshof. Ebf. Wolf Dietrich von Raitenau (1587-1612), der die Stadt S. völlig umgestaltete, ließ ab 1588 durch den Stuckateur und Architekten Elia Castello einen neuen Palast an der Westseite des Domes gegenüber dem alten Bischofshof errichten. Trotz mehrfacher Änderungen des Bauplans und diverser Umbauten wies der »Neubau«, dessen Prunkräume mit prachtvollen Stuckdecken versehen wurden, schwere Planungsmängel auf. Deshalb konnte er die ihmzugedachte Funktion als neue Res. nie wahrnehmen. Obwohl Ebf. Max Gandolf von Kuenburg 1670/80 einen Erweiterungsbau mit Bibliothek anfügen ließ und 1701/02 der Turm erhöht und das in den Niederlanden erworbene Glockenspiel aufgesetzt wurden, diente der Neubau nur mehr als Beamtensitz.
Ab 1605 ließ Ebf. Wolf Dietrich anstelle des alten Bischofshofes eine großzügige neue Res. errichten und mit Prunkräumen ausstatten. Das Areal des Bischofshofes wurde dabei durch die Anfügung eines umfangr. neuen Baukomplexes, der »Neuen Residenz«, nach S erweitert. Bereits 1609 konnten die beiden Trakte miteinander verbunden werden, aber erst nach dem Sturz Wolf Dietrichs 1612 vollendeten dessen Nachfolger Markus Sittikus (1612-19) und Paris Lodron (1619-53) die ausgedehnte Anlage. Erhöhungen und Umbauten zogen sich noch bis 1710 hin. Der letzte regierende Fbf., Hieronymus Gf.Colloredo, ließ Teile der westl. Trakte, die später der Linie Habsburg-Toskana als Wohnsitz dienten (Toskanatrakt) in den Jahren 1788-92 teils umgestalten, teils neu errichten. Die Prunkräume der alten fbfl. Res. werden heute für Veranstaltungen des Landes genützt, in einzelnen Trakten sind die Residenzgalerie, die Juridische Fakultät und die Institute für Altertumswissenschaften der Universität S. untergebracht.
Auf dem Festungsberg konnte eine Besiedlung seit der Jungsteinzeit und eine lange Abfolge von Wehrbauten seit kelt. und röm. Zeit nachgewiesen werden. Die Herzogsburg der Agilolfinger (castrum superius) scheint im Früh- und HochMA verfallen zu sein. Ebf. Gebhard ließ eine neue Burg errichten, die in den Auseinandersetzungen mit Kg. Heinrich IV. ab 1077 eine wichtige Rolle spielte, von Ebf. Konrad I. vollendet und mit einer starken Ringmauer umgeben wurde. Im SpätMA kam es bedingt durch erste Bauernunruhen und die steigende Türkengefahr zu einem planmäßigen Ausbau derFeste Hohensalzburg. Der aus Ungarn stammende Ebf. Johann Beckenschlager (1481-89), der sich in der ihm fremden Stadt S. nicht sicher fühlte, nahm seinen ständigen Wohnsitz auf Hohensalzburg, ließ die Feste erweitern und prächtige Fürstenzimmer im Hohen Stock einrichten. Er und sein Nachfolger sind auf der Festung gestorben. Leonhard von Keutschach (1495-1519), der in langwierige Auseinandersetzungen mit der Stadt S. verwickelt war, ließ ab 1498 Hohensalzburg, wo er seinen dauernden Aufenthalt nahm, zu einer Fürstenres. umgestalten. Der Goldene Saal mit seinen mächtigen gedrehten Marmorsäulen,der als Empfangs- und Festsaal diente, und die prachtvollen got. Stuben zählen zu den Spitzenleistungen spätgot. Profanarchitektur. Leonhards Nachfolger, Kard. Matthäus Lang, nahm den Wohnsitz wieder im Bischofshof, mußte aber im Bauernkrieg 1525 in die Feste Hohensalzburg flüchten, wo er drei Monate lang von den Aufständ. vergebl. belagert wurde. Obwohl Hohensalzburg in den folgenden Jahrzehnten und Jh.en systemat. weiter ausgebaut wurde, diente es nie mehr als ebfl. Res., sondern v. a. als »Zwingfeste« über der Stadt und als uneinnehmbare Burg, in der auch Kfs. Maximilian I. von Bayernim Dreißigjährigen Krieg seinen Schatz in Sicherheit brachte. Heute befindet sich die mit großem Aufwand sanierte Festung im Staatsbesitz und zählt zu den meistbesuchten Denkmälern Österreichs.
Quellen
Gesta archiepiscoporum Salisburgensium, hg. Wilhelm Wattenbach, Hannover 1854. ND 1963 (MGH SS XI), S. 1-103. - Inventare der Salzburger Burgen und Schlösser, hg. vom Komitee für Salzburger Kulturschätze, Bd. 3: Festung Hohensalzburg, bearb. von Irmtraud Froschauer und Nikolaus Schaffer, 2. Aufl., Salzburg 1996; Bd. 4 und 5: Residenz, bearb. von Aurelia Henökl, Salzburg 1992. - Regesten der Erzbischöfe und des Domkapitels von Salzburg, 1-3,1928-34. - Salzburger Urkundenbuch, 1-4, 1910-33.
Literatur
900 Jahre Festung Hohensalzburg, hg. von Eberhard Zwink, Salzburg 1977 (Schriftenreihe des Landespressebüros, Serie Sonderpublikationen). - 1200 Jahre Erzbistum Salzburg, 1999. - Dopsch, Heinz/Hoffmann, Robert: Geschichte der Stadt Salzburg, Salzburg 1996. - Geschichte Salzburgs, 1-2, 1981-91. - Historischer Atlas der Stadt Salzburg, 1999. - Koller Fritz: Die Anfänge der Salzburger Städte. Civitas und verwandte Begriffe in den Salzburger Quellen, in:Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 128 (1988) S. 5-32. - Mayrhofer, Christoph/Roher, Günther: Tausend Jahre Salzburger Münzrecht, Salzburg 1996 (Salzburg Archiv, 21). - Moÿ, Johannes Graf: Beiträge zur Geschichte des »Neubaues« in Salzburg, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 109 (1969) S. 185-220. - Pillwax, Johann Carl: Hohen-Salzburg. Seine Geschichte, Baulichkeiten und Ausrüstung, in: Mitteilungen der Gesellschaft fürSalzburger Landeskunde 17 (1877) S. 3-88. - Reiffenstein, Ingo: Der Name Salzburgs. Entstehung und Frühgeschichte, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 130 (1990) S. 193-200. - Schlegel, Richard: Veste Hohensalzburg, Salzburg 1952. - Studien und Beobachtungen zur Ausstattungsgeschichte der Salzburger Residenz, hg. von Franz Wagner, Salzburg 1992 (Barockberichte, 5/6). - Vom Stadtrecht zur Bürgerbeteiligung. Festschrift 700 Jahre Stadtrecht von Salzburg, hg. von HeinzDopsch, Salzburg 1987 (Jahresschrift des Salzburger Museums Carolino Augusteum, 33). - Zillner, Franz Valentin: Geschichte der Stadt Salzburg (mit Häuserchronik), 2 Bde., Salzburg 1885-90. ND Salzburg 1985.