Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SAINT-CLAUDE C.4.1.

I.

Im südl. Jura hat sich das Kl. St.-Cl. entwickelt, am Rande einer Terrasse, die auf einer Länge von ungefähr 50 Metern den Fluß Tacon dominiert. Dessen naher Zusammenfluß mit dem Fluß Bienne ist der Ursprung der ersten toponym. Bezeichnung der Klostergründung: Condadisco. - F, Franche-Comté, Dep. Jura (39), arr. St.-Cl., Kant. St.-Cl.

II.

Am Ende des MA trat das Kl. die Erbschaft einer bereits langen Geschichte an, die um die Jahre 430-35 begonnen hat. Eine bes. Topographie, die die frühen Ursprünge bezeugt, bestand bis zur Säkularisierung der Abtei i. J. 1742. Das Kl. war in der Tat mit zwei Kirchen ausgestattet, geweiht dem hl. Martin beziehungsweise dem hl. Petrus, dem hl. Paulus und dem hl. Andreas. Obwohl man nichts über ihre Lage weiß, erwähnt die Vita Patrum Jurensium - ein Dokument vom Anfang des 6. Jh.s - mehrere Klostergebäude, zu denen außer den Kirchenauch noch eine Sakristei, ein atrium, ein vestibulum, ein Gasthaus, ein Refektorium, ein Schlafsaal (der an die Stelle der Mönchszellen tritt), ein Weinkeller, ein Speicher, ein Gemüsegarten und Mühlen gehörten. Die Kirche Saint-Martin, die während des frühen MA die Funktion einer Begräbniskirche erfüllte, soll zum ersten Mal Anfang des 6. Jh.s wieder aufgebaut worden sein (geweiht Saint-Oyend), dann ein zweites Mal in der ersten Hälfte des 11. Jh.s (geweiht zunächst Saint-Oyend, dann im 13. Jh., Saint-Claude), bevor sie ab 1754 zerstört wurde.Laufende archäolog. Forschungen zeigen, daß man Mitte des 12. Jh.s eine dritte Kirche innerhalb der Einfriedung (wieder-)errichtete. Geweiht Notre-Dame des Morts, diente sie ausschließl. als Begräbniskirche. Eine archäolog. Untersuchung im Chor der Kirche Saint-Pierre hat gezeigt, daß sie sich an der Stelle dreier älterer Gebäude befanden, zu denen wahrscheinl. die im hagiograph. Bericht erwähnte Kirche gehörte. Die heute noch existierende Kirche wurde vom Ende des 14. bis Mitte des 15. Jh.s wiederaufgebaut. Im Jahr 1449 deutet die angekündigte Lieferung des Chorgestühls auf die Vollendung desChores für die Liturgie hin, der neben der Apsis auch die Hälfte des Kirchenschiffs einschloß. Obwohl unvollendet, wurde das Gebäude bereits genutzt. Aus unbestimmtem Grund wurden die Bauarbeiten unterbrochen. Pünktl. mit dem Jahr 1486 wurden sie wieder aufgenommen, als es geboten erschien, für die Errichtung des Nordflügels des Kreuzgangs die Mauer des südl. Seitenschiffs bis zu einer bestimmten Höhe hochzuziehen. Die Kirche wurde erst im 18. Jh. vollendet, als sie als Kathedrale in einer bemerkenswerten stilist. Einheitlichkeit errichtet wurde. Vom Typ den hallenartigen Kirchenähnlich, zeigte sie in ihrer ursprgl.en Bauweise eine Kombination einer Reihe von achteckigen Pfeilern mit einem pseudo-sexpartiten Gewölbe, wie auch ein System einer doppelten Galerie, von denen eine sich auf der Höhe der Gewölbeanfangssteine der Gewölbe des Mittelschiffs befand, die andere vor den Fenstern der Seitenschiffe. Zwei Türen öffneten sich früher zum Kreuzgang hin; eine dritte, ebenfalls an der Südseite, führte zum Hof der Abtei. Geschützt durch eine Pechnase, kontrollierte sie den Zugang zum alten Klosterschatz und stellte darüber hinaus die Verbindung zum Chor und zum Schlafsaalher. So hatte diese Kirche, gelegen im Herzen der Konventsgebäude, eigtl. eine klösterl. Funktion, bestimmt für die ausschließl. Nutzung durch die Mönche, die hier die nächtl. Gottesdienste abhielten. Die Gottesdienste am Tag wurden in der Kirche Saint-Oyend/Saint-Claude gefeiert. Um von einer in die andere Kirche zu gelangen, durchschritten die Geistlichen einen 110 m langen Gang, der zum Teil noch erhalten ist. Archäolog. Untersuchungen zeigen, daß er vor Notre-Dame des Morts angelegt wurde, die an seinem nördl. Teilstück gelegen ist. Während der folgenden Jh.e wurde dieser »großeKreuzgang« - unter dieser Bezeichnung wird er in den Dokumenten des 18. Jh.s erwähnt - zu einem signifikanten, ordnenden Element. In der Tat wurden die Rekonstruktionen wie auch die Bauten ex nihilo durch sein Vorhandensein bestimmt. So bot die Säulenhalle eine Einmündung in den großen Kreuzgang und stellte die Verbindung zw. letzterem und der Abtei her. Um die Galerien des Kreuzgangs entstanden, dem übl. Modell entspr., im O der Saal des Kapitels und der Schlafsaal, im S das Refektorium und die Küchen sowie im W der Weinkeller. Der umschlossene innere Klosterbereich, der im 15. Jh. eineSeitenlänge von ungefähr 32 m aufweist, wurde Ende des 18. Jh.s durch einen Brand zerstört. Bereits 1418 wurde das Kl. einmal durch ein Feuer verwüstet. Eine der Folgen war der (Wieder)Aufbau des Hauses des Kantors entlang des großen Säulengangs. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, daß der Abt über gleichfalls mit der Galerie verbundene Wohnräume verfügte. Wir haben nur sehr bruchstückhafte Informationen über den Bischofspalast, aber vom Ende des MA an scheint sein Vorrang gegenüber der Begräbniskapelle Notre-Dame gesichert, da er auf ihren Fundamenten errichtet wurde. Dennoch erbautei. J. 1478 der Kantor Claude Venet seine private Begräbniskapelle mit Verbindung zum Gang und der Kirche der Verstorbenen, was deren immer noch vorhandene Attraktivität beweist. Im 15. Jh. zogen die Reliquien des Saint-Claude, die in der Abteikirche gleichen Namens aufbewahrt wurden, zahlreiche Pilger an und führten zur Gründung privater Kapellen. Infolge der Teilung der mensa capitularis bewohnten die Amtsträger des Kl.s eigene Unterkünfte: dies ist 1496 bspw. für den Salmann (aumônier) und den Kämmerer der Fall.

III.

Die Einfriedung des Kl.s ist nachgewiesen durch die Erwähnung von Neubauten oder Rekonstruktionen. Es ist kein ma. Grdr. vorhanden, der es erlaubt, ihren Verlauf zu rekonstruieren, aber man nimmt an, daß die Grundrisse des 18. Jh.s im großen und Ganzen recht getreu das frühere Aussehen wiedergeben, mehr noch der Zustand der Orte in den 1750er Jahren, nach der Säkularisierung. Die Fläche, die von einer mehr oder weniger dreieckigen Einfriedung eingeschlossen wird, beträgt 3,2 ha. Die zweiten Statuten der einzigen Reform der Abtei i. J. 1462 geben einigeHinweise auf die Konstruktionen. Aus ihnen geht hervor, daß die Mauer der Einfassung restauriert worden sein muß, um eine Dicke von 1 m und eine Höhe von ungefähr 6 m zu erreichen. Für 1569 ist ein Graben belegt, der die nördl. Einfriedung säumte, möglicherw. ist er aber auch schon älter. Da für den Ort Verteidigungsvorrichtungen fehlen, erfüllte die Einfriedung der Abtei den Zweck einer Befestigung, zu der auch die Abteikirche Drei Apostel beiträgt. Die Einfassung wurde von drei Pforten durchbrochen: der Pforte de l'Horloge - nachgewiesen in der zweiten Hälfte des15. Jh.s -, Notre Dame - nachgewiesen 1435 - und der Pforte de la Pierre oder des Infirmeries. Die Abteikirche Saint-Claude stellt Ende des MA zw. dem Ort und dem Kl. die Verbindung her. Seit Bestehen des großen Säulengangs betraten die Geistlichen den Chor auf direktem Wege, während die Gläubigen und andere Pilger ins Kirchenschiff und in die Seitenschiffe eintraten, die seit Öffnungen an der Außenseite der Einfriedung vorhanden waren. Diese Unterteilung des Raumes setzte sich höchstwahrscheinl. im Innern desGebäudes selbst durch eine Barriere fort, die den Chor abriegelte und vermutl. zieml. weit unten in den Kirchenschiffen angebracht war. Auf diese Weise hielt sie einen weiträumigen Chor für die Mönche frei. Der Haupteingang de l'Horloge war eingefaßt von der Aumônerie und vom Hospiz für die Pilger. Das Hospiz wurde bereits i. J. 1493 als vieil hôpital (altes Hospiz) bezeichnet. Gegenüber dem Haupteingang befanden sich das Quartier des Infirmeries, u. a. ausgestattet mit einem Kreuzgang und einer Kapelle Saint-Sébastien.Ein zum Teil erhalten gebliebener hydraul. Sammelbehälter im Untergeschoß ist seit 1435 bescheinigt. Die »infirmeries« sind i. J. 1327 durch Mahaut d'Artois reichl. ausgestattet worden, es ist aber unbekannt, ob sie den Geistlichen oder den Pilgern zur Verfügung standen. Der Befestigungscharakter des Kl.s wird betont, als Ludwig XI. i. J. 1481 Schenkungen macht, die die Konstruktion (?) von Erdwällen auf einer Länge von 320 m entlang des südl. Randes erlaubten, die den Fluß Tacon einfassen. Dort dienen sie eher als Mauern der Terrassen, die eine Vergrößerung der Fläche der Klosteranlageerlauben, denn als tatsächl. Befestigungen. War die Vergrößerung oder zumindest Beibehaltung der Fläche des Kl.s in südl. Richtung das Ergebnis des städtebaul. Drucks des Ortes, der sich an seinen Pforten bereits bemerkbar machte?

Wenig ist bekannt über den zum Kl. gehörigen Ort. Selbst seine Ursprünge sind Gegenstand von Kontroversen. Einer Chronik aus dem 12. Jh. zufolge soll die erste, Saint-Etienne geweihte Pfarrkirche Ende des 6. Jh.s errichtet worden sein. Erst in den 1040er Jahren allerdings ist eine Saint-Romain geweihte Pfarrkirche belegt. Letztere, ganz oben auf einer kleinen, außerhalb der Einfriedung gelegenen Erhöhung angesiedelt, wurde in den Jahren 1792 bis 1793 zerstört. Eine zweite Bodenerhebung wurde vom Schloß besetzt, das i. J. 1291 von Jean de Chalon erbaut wurde und Sitz einer äbtl. Vogtei war.Es wurde 1479 von den Truppen Ludwig XI. zerstört. Bis zum Ende des MA rahmten die Kirche Saint-Romain und das Schloß den Haupteingang des Kl.s ein. Am Fuße des Schlosses entwickelte sich ein Viertel, wo man von den Pilgern nachgefragte Gegenstände herstellte und mit ihnen handelte. Eine doppelte Pforte, portes sanguines gen., bezeichnete den Zugang zu dieser Straße von der Stadt aus. Diese Unterteilung schafft einen Raum, der die Siedlung und das Kl. verband; er fiel den Laien zu, die den Großteil der Häuser besaßen, aber unter der Kontrolle des Kapitels standen.Ein Gürtel von für die Bestattung ausgewiesenen Zonen umgibt das Kl. Von O nach W liegen hier aneinander angrenzend der Friedhof der an der Pest Gestorbenen, der Armen und der Pilger, der Friedhof der Adligen und der zur Kirche Saint-Claude gehörende Friedhof.

Noch Ende des MA stellt sich das Kl. als eine alte Anlage dar, die von ihrer kirchl. Familie verlassen wurde, ebenso aber als ein Produkt seiner Zeit, wie die privaten Behausungen belegen, die von den Geistlichen und insbes. von den Amtsträgern bewohnt wurden. Diese zukünftigen Kanonikerhäuser lagen in direkter Folge entlang dem großen Kreuzgang oder der Einfriedung. Der Ort zeigt das Bild einer halb-konzentr. Entwicklung um den ursprgl.en Kern herum, den die Abtei bildete. Beide unterlagen einer starken Anpassung an die naturgegebene Topographie des Ortes.