Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RÖTTELN C.7.

I.

Raudinleim (751, Kop. des 9. Jh.s), Rotinlaim (800), Rotelein (1221), Roͤtteleyn (1308), Roͤtellen (1385) (ahd. zi Rotinleim, beim roten Lehm). - Höhenburg im S des ma. Breisgaus, Diöz. → Konstanz - Mgft. Hachberg (-Sausenberg-R.), Herrschaft R., später Teil der Mgft. Baden (-Durlach). - In der Nachfolge der 1310 und 1316 verstorbenen, letzten beiden Herren von R. übernahm der Sausenberger Zweig der Mgf.en vonHachberg (seit dem 15. Jh. → Hochberg, Seitenlinie der Mgf.en von Baden) Burg und Herrschaft R., die 1503 nach dem Tod des letzten Rötteler Mgf.en an die Hauptlinie der Mgf.en von Baden (später Baden-Durlach) fielen. - Die Burg diente den Mgf.en von Hachberg der Linie Sausenberg-R. bis ins 15. Jh. als Res. Die Nachfolger Mgf. Rudolfs III. († 1428) residierten hier aber nur noch zeitw., da sie sich meist außerhalb ihrer breisgau. Besitzungen aufhielten. Nach 1503 war die Burg 1590-95 vorübergehend noch einmal Res. des Mgf.en Georg Friedrich von Baden-Durlach († 1638). - D,Baden-Württemberg, Reg.bez Freiburg, Kr. Lörrach, Gemeinde Haagen.

II.

Die auf einem langgezogenen Bergsporn oberhalb des Flusses Wiese angelegte Burg R. ist erst 1259 urkundl. bezeugt, bestand aber wohl schon zu Beginn des 12. Jh.s. Die villa Raudinleim und die dortige Pfarrkirche werden anläßl. einer 751 vollzogenen Schenkung an das Kl. → St. Gallen erstmals erwähnt. Noch im 9. Jh. verfügte → St. Gallen über die Kirche und weiteren Grundbesitz in R. Danach wird R. erst wieder im 12. Jh. gen., als mit Dietrich von R., der die Vogtei über den rechtsrhein. Besitzdes Basler Kl.s St. Alban ausübte, die edelfreien Herren von R. in Erscheinung treten. Die Burg ist 1259 als Lehen des elsäss. Kl.s → Murbach faßbar, das sich in den Händen der Gf.en von → Habsburg befand und von diesen an die Herren von R. weiterverlehnt wurde.

Nach dem Tod des Ritters Walter von R. († 1310) übertrug dessen Onkel, der Basler Dompropst Liutold von R. († 1316), als letzter Herr von R. sein Rötteler Erbe 1315 an Mgf. Heinrich von Hachberg († nach 1318), womit die Besitzungen und Rechte der Herren von R. an den Sausenberger Zweig der Mgf.en von Hachberg übergingen. Die mgfl. Seitenlinie verlegte damals ihren Verwaltungs- und Hauptwohnsitz von der Sausenburg bei Kandern auf die Burg R. Die Sausenberger Mgf.en nannten sich seither auch Herren zu R. und wurden teilw. als Mgf.en von R. bezeichnet. Mgf. Otto I. († nach 1382) von Hachberg,Herr zu R. und Sausenberg, und sein Neffe Rudolf III. wurden 1365 vom Bf. von → Basel mit den Basler Gotteshausleuten im Dorf und Kirchspiel R. sowie 1371 vom Habsburger Hzg. Leopold III. mit der Burg R. und der Stadt Schopfheim belehnt, wobei das habsburg. Lehen als alt bezeichnet wird.

Rudolf III., der 1376 und 1379 auch zwei Häuser in → Basel erwarb, betrieb tatkräftig den Ausbau der mgfl. Herrschaft und der Burg R. als Herrschaftszentrum und Res. Unter dem Vorsitz des mgfl. (Land-) Vogts tagte hier das Hochgericht der Herrschaft R. (Gericht auf dem »Kapf« vor der Burg 1393 erstmals gen.). Die Rötteler Kirche ließ Rudolf III. 1418 zur ecclesia cathedralis erheben. Mgf. Rudolf IV. († 1487), der 1454 auf R. den burgund. Hzg. Philipp den Guten empfing, wohnte in seinen letzten Jahren wieder vornehml. in R., während sein Sohn Mgf.Philipp († 1503) die Burg nur noch kurzfristig besuchte. Da sich die Mgf.en meist in ihren neugewonnen burgund. Besitzungen aufhielten, verlor die Burg v. a. unter Philipp ihre einstige Bedeutung als Res. R. blieb aber Sitz der mgfl. Vögte (seit 1468 Landvögte), die anstelle der häufig abwesenden Mgf.en die breisgau. Herrschaft verwalteten. Mit dem Tod Mgf. Philipps erlosch 1503 die Hachberger Seitenlinie der Mgf.en von Baden und R. fiel aufgrund eines Erbvertrages (1490 »Rötteler Gemächte«) an Mgf. Christoph I. von Baden († 1527). Mgf. Christoph bestritt die österr. Lehenshoheit über R.,die erst 1741 endgültig abgelöst wurde. Bei der Aufteilung der Mgft. unter Christophs Söhnen gelangte R. an Mgf. Ernst und über ihn an die mgfl. Linie Baden-Durlach. Nach 1503 blieb die Burg Sitz der mgfl. Landvogtei, sie wurde aber von den Mgf.en nur noch vorübergehend bewohnt. Mgf. Georg Friedrich, der 1584 bei der Teilung der baden-durlach. Lande zunächst Rötteln, Sausenberg und Badenweiler erhalten hatte, residierte hier 1590-95 vor seinem Umzug auf die → Hochburg (bei → Emmendingen) und hielt sich einige Jahre später erneut noch einmal in der Burg auf.

1525 von den aufständ. Bauern besetzt, die das herrschaftl. Archiv vernichteten, wurde die Burg während des Dreißigjährigen Krieges 1633, 1637 und 1638 abwechselnd von ksl., schwed. und frz. Truppen eingenommen. Nachdem frz. Truppen 1678 Burg und Dorf R. weitgehend zerstört hatten, verlegte Mgf. Friedrich Magnus von Baden-Durlach († 1709) die mgfl. Verwaltung nach Lörrach, das er 1682 zur Stadt erheben ließ. Das Dorf R., das bis auf die Kirche und das Landschaftshaus (1702 zerstört) niedergebrannt war, wurde nicht wieder aufgebaut.

III.

Von der 1678 zerstörten, einst sehr ausgedehnten und schloßartig ausgebauten Burganlage zeugt heute noch eine eindrucksvolle Ruine. Ein tiefer Graben trennt die ausgedehntere Unterburg (1409 gen.) von der Oberburg. Die schmale Eingangsseite im S und die langgestreckte Westseite der von Merian (1644) als schön und groß Bergschloß bezeichneten Anlage schützten starke, turmbewehrte Mauern mit Wehrgang, Gräben und Vorwerken. Die zum Wiesental hin steil abfallende Ostseite der Oberburg war durch eine vorgeschobene Zwingmauergesichert. Die ältere Oberburg umfaßte den an die Ostmauer angebauten Palas mit Nebengebäuden und ein rechtwinklig an diesen Komplex anschließendes Wohngebäude mit Kreuzgewölben. Die 1504 gen. Burgkapelle mit Marienpatrozinium wurde von einem Priester versehen.

Von der hochma. Burganlage ist noch der über Eck an die Umfassungsmauer der Oberburg angebaute Hauptturm (»Grüner Turm«) erhalten (Umbau in oberen Teilen mit Buckelquadern). Spätgot. Bauteile bezeugen die repräsentative Ausgestaltung der Burg im 14. und 15. Jh. So verweisen aufwendige Steinmetzarbeiten aus der Zeit um 1400 auf die großzügige Bautätigkeit Mgf. Rudolfs III., der in der Oberburg ein Sommerhus (1387 gen., der sog. »Alte Bau«?) und einen Torbau errichten ließ. Noch unter den Mgf.en Rudolf IV. und Philipp, den letzten beiden Hachbergern der LinieSausenberg-R., entstanden in der Unterburg 1468 ein repräsentativer Torbau und in der Oberburg 1494 der sog. »Neue Bau«. Einem 1654 verfaßten Bericht zufolge befanden sich neben dem als »bürgerliches Gefängnis« genutzten, ehem. Hauptturm der Oberburg die zerfallene Burgvogteiwohnung und die sog. Alte Kanzlei. Außerdem werden im Turm am Zugang zur Oberburg (sog. »Giller«) ein Malefizgefängnis und ein als »Die Landschaft« (d. h. die waffenfähigen Männer des Landes) bezeichneter Rundturm in der Unterburg erwähnt. In der Unterburg befanden sich mehrere Dienstgebäude der mgfl.Verwaltung (mit Stallungen und Remisen) und ein Wirtshaus (1420 gen.).

Die 1901-03 durch Umbauten veränderte, spätgot. Pfarrkirche des Dorfes R., in der sich eine Grabplatte mit dem Wappen der Herren von R. befindet (wohl Ende des 13. Jh.s entstanden, heute an der Nordwand der Kirche), ist durch eine Inschrift über dem Westportal, die Rudolf III. als Bauherrn nennt, auf 1401 dat. Eine im 15. Jh. als capella nova bezeichnete Kapelle, die südl. an den flachen Chorabschluß angebaut wurde, birgt die qualitätvollen figürl. Grabdenkmäler Mgf. Rudolfs III. und seiner zweiten Gemahlin Gf.in Anna von Freiburg, die in zeitgenöss. Rüstung bzw.Kleidung dargestellt sind. Ein Wappen am Sockel der Kanzel zeugt hier auch von Baumaßnahmen Rudolfs IV.

Quellen

GLA Karlsruhe. - Regesten der Markgrafen von Baden, 1-4, 1900-15. - Rudolf III. Markgrafen von Rötteln und andere, Rötteler Chronik 1376-1432, bearb. und übersetzt von Klaus Schubring, Lörrach 1995.

Die Burg Rötteln. Ein Führer durch Geschichte und Kunst in Wort und Bild, hg. von Heinz Heimgartner, Haagen/Baden 1964. - Die Kunstdenkmäler des Kreises Lörrach, hg. von Franz Xaver Kraus, Tübingen u. a. 1901 (Die Kunstdenkmäler Badens, 5). - Der Landkreis Lörrach, 2 Bde., Sigmaringen 1993/1994 (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). - Lörrach. Landschaft, Geschichte, Kultur, hg. zur Erinnerung an das vor 300 Jahren am 18. November 1682 verliehene Stadtrechtsprivileg, Lörrach 1983. -Roller, Otto: Die Geschichte der Edelherren von Rötteln, nebst Regesten und Nachweisungen, Wappen und Siegeln sowie einer Stammtafel, Schopfheim 1927 (Blätter aus der Markgrafschaft [7]). - Schülin, Fritz: Rötteln-Haagen. Beiträge zur Orts-, Landschafts- und Siedlungsgeschichte, Haagen 1965.