Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RHEINFELS C.7.

I.

Rinvels (1257) - Burg - Gf.en von Katzenelnbogen (bis 1479); Lgf.en von Hessen - Höhenburg - Res. der Gf.en von Katzenelnbogen; (Ober-)Amtssitz der Lgf.en von Hessen und zeitw. Res. einiger lgfl. Nebenlinien (Philipp von Hessen-Rheinfels 1567-83; Ernst von Hessen-Rotenburg-Rheinfels 1648-93). - D, Rheinland-Pfalz, Kr. Rhein-Hunsrück.

II.

Die Höhenburg R. liegt am Rhein oberhalb von St. Goar. Mit dem Bau der Burg begann Gf. Diether von Katzenelnbogen als Vogt des Kl.s Prüm 1245 eigenmächtig auf Klosterbesitz, nachdem zuvor schon eine Burg in der Stadt St. Goar bestanden hatte (1219 erwähnt). Nach langen Streitigkeiten nahm Diether 1251 R. als lig. Lehen vom Kl. → Prüm an. 1255/56 belagerten die Städte des rhein. Landfriedensbundes lange aber erfolglos die Burg.

Im 14. Jh. entwickelte sich R. zum bevorzugten Aufenthaltsort der Gf.en von Katzenelnbogen und wurde in mehreren Phasen ausgebaut und erweitert. Auch im 15. Jh. kam es zu Neubauten. 1450 erhielten 21 Personen Gesindelohn auf der Burg. Mit Gf. Philipp von Katzenelnbogen starb 1479 der letzte Vertreter seines Geschlechts, für den auf R. eine große Totenfeier gehalten wurde.

Die Burg gelangte im Erbgang an die hess. Lgf.en, die dort ein Oberamt einrichteten. Zw. 1496 und 1542 ging diese Funktion jedoch verloren. Es kam zu keinem weiteren Ausbau der Burg mehr, ledigl. 1522/23 zur Anlage von Befestigungswerken im Vorfeld.

Bei der Landesteilung nach dem Tod Lgf. Philipps des Großmütigen erhielt Lgf. Philipp d. J. die ehem. Niedergft. Katzenelenbogen mit R. als Zentrum. Er baute in den folgenden Jahren die Burg zum Mittelpunkt eines selbständigen Kleinstaats aufwendig aus und legte sich einen umfangr. Hofstaat (etwa 150 Personen) zu. Durch den frühen Tod des inzw. hoch verschuldeten Philipp endete jedoch schon 1583 die Geschichte der Lgft. Hessen-Rheinfels als eigenständiges Territorium und somit auch die Rolle von R. als Res. Der Besitz gelangte an Lgf. Wilhelm von Hessen-Kassel, unter dem R. wieder zurAmtsburg herabsank. Das wertvolle Inventar wurde abtransportiert und der riesige Hofstaat aufgelöst. Gelegentl. nutzte man R. aber noch für repräsentative Zwecke zum Empfang hoher Gäste.

Mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges trat die milit. Funktion von R. schlagartig in den Vordergrund, nachdem 100 Jahre lang nichts für die Verbesserung der Verteidigungsfähigkeit getan worden war. Man bemühte sich nun, den nördl. an die Burg anschließenden Wackenberg zu befestigen, was während des Krieges jedoch nur provisor. geschehen konnte.

1626 gelangte R. nach einer Belagerung durch ksl. Truppen in den Besitz der Lgft. Hessen-Darmstadt. Dabei gab es schwere Schäden in der Burg, v. a. an den Fachwerkbauten des 16. Jh.s. 1647 mußte Hessen-Kassel nach der Eroberung durch eine frz. Belagerungsarmee auf R. verzichten. Nach einer Einigung der zerstrittenen hess. Häuser fiel R. 1648 an Lgf. Ernst von Hessen-Rotenburg-Rheinfels, der dort bis zur Belagerung 1692 seine Res. nahm und die zerstörten Bauten wiederherstellen ließ. Insbes. widmete er sich aber dem Ausbau der Festung auf dem Wackenberg, die sich bis zum Ende des 18. Jh.szur stärksten milit. Anlage am Mittelrhein entwickelte.

III.

R. besteht aus einer Kernburg sowie einer inneren und äußeren Vorburg. Um diese ma. Bautengruppe legt sich ein Ring neuzeitl. Befestigungswerke. Auf dem nördl. der Burg ansteigenden Gelände befand sich das Gebiet der Festung des 17./18. Jh.s.

Die ma. Kernburg des 13. Jh.s war in ihren Dimensionen recht bescheiden. In Resten erhalten ist der Stumpf des runden Bergfrieds sowie eine gebogene Schildmauer. Der Standort und die Form der frühen Wohnbauten ist ungewiß.

Im 14. Jh. kam es zu einer umfangr. Erweiterung der Burg nach SO durch die Befestigung der inneren Vorburg (Uhrturm um 1305, daran anschl. Bau einer zweiten Schildmauer). Den Bergfried erhöhte man durch das Aufsetzen eines schmalen Rundturms, so daß die charakterist. Form des Butterfaßturms entstand. Die Kernburg wurde in repräsentativer Lage zum Rheinabhang hin durch den Nordbau erweitert, in dem wohl zeitgemäße Wohnräume und Säle der Res. ihren Platz fanden. Nach einer Ansicht von Dürer (1521) stand in der Kernburg ein Konglomerat verschiedener Wohn- und Turmbauten, die jedoch beimUmbau nach 1567 vollständig abgerissen wurden. In den schriftl. Quellen sind zahlr. Räume erwähnt (Kapelle, Saal, herrschaftl. Stube, Kammer, Silberkammer, Küche, Backhaus etc.) deren genaue Lage und Zuordnung zu einzelnen Gebäuden jedoch nicht bekannt ist.

Die Situation nach dem Umbau unter Lgf. Philipp von Hessen-Rheinfels (1567-83) ist demgegenüber vorzügl. durch Inventare und Pläne (Wilhelm Dilich) überliefert. Der Nordbau und der niedrige Küchenbau der Kernburg wurden durch Fachwerkgeschosse mit Ziergiebeln erhöht. Die übrigen ma. Bauten in der Kernburg legte man jedoch vollständig nieder, so daß dort ein kleiner Innenhof mit Zierbrunnen entstehen konnte. Die privaten Gemächer des Landgrafenpaares befanden sich im zweiten Obergeschoß des Nordbaus und umfaßten jeweils eine beheizbare Wohnstube, eine Schlafkammer und einen weiteren Raum.Letzterer diente dem Lgf.en Philipp als Studierstube in Form eines kleinen Kuriositätenkabinetts. Im Burghof errichtete man neben dem Nordbau ein zusätzl. Gebäude, in dem sich eine Apotheke und die Hofschneiderei befanden. Dieser sog. Apothekenbau stand in direkter Verbindung zum herrschaftl. Wohnbereich, denn zu beiden Einrichtungen hatte das Landgrafenpaar eine bes. Beziehung. Die Lgf.in Anna Elisabeth widmete sich mit Enthusiasmus der Tätigkeit in der Apotheke, während Lgf. Philipp an der Arbeit des Hofschneiders lebhaftes Interesse zeigte.

Der ebenfalls nach 1567 erhöhte Südbau enthielt die Küche, den großen Saal (auch als Kapelle genutzt) und darüber zahlr. Privatgemächer (jeweils in Kombination Stube-Kammer), die für die nahe Verwandtschaft des Landgrafenpaares reserviert waren.

Die Wirtschaftsgebäude (Waschhaus, Werkstätten, Brauhaus, Schmiede, etc.) befanden sich in der inneren Vorburg, während die Kanzlei in der äußeren Vorburg lag. Daran anschl. hatte Philipp mit großem Aufwand eine Terrasse in den Fels schlagen und dort einen Lustgarten anlegen lassen.

Nachdem bei der Belagerung 1626 schon große Teile der Fachwerkbebauung verbrannt waren, erfolgte die endgültige Zerstörung von Burg und Festung nach der Eroberung 1794 durch frz. Truppen (1796-97 Sprengung aller großen Bauwerke). Seitdem ist R. Ruine, wobei im Bereich der Kern- und Vorburg noch relativ mächtige Mauerpartien stehen, während die Festung auf dem Wackenberg zum größten Teil verschwunden ist.