Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

REICHENAU C.4.1.

I.

Sindleozzesauva (724), Augia (726), Augiensis insula (780), Sintlasow (2. Hälfte 9. Jh.), Sintleozesaugia (Anfang 10. Jh.), Auwia (ca. 1189), Augea regalis (1209), Augia maior (1255), Owe, Richen Owe (1270), Ow (13. Jh.), Aw, Awe (1330),Richunowe (1328), Reichenaw (1358), Augia dives (14. Jh.) - Abtei, Insel und Gemeinde - Abtei R. - Pfalz, südwestl. des Münsters gelegen, bestand spätestens seit dem 9. Jh., wahrscheinl. im 10. Jh. ausgebaut, bei Bränden 1235 beschädigt - Neubau der Pfalz 1312, südl. daran anschl.; Res. der Äbte bis 1540 (mit Unterbrechungen); seit dem frühen 16. Jh. auch Res. des R.er, später des bfl.-konstanz. Obervogts. - D, Baden-Württemberg, Landkr. Konstanz.

II.

Die Abtei R. wurde 724 von Pirmin auf einer fruchtbaren Insel in den südwestl. Ausläufern des Bodensees zw. Gnadensee und Untersee gegr. Bis ins 19. Jh. war das Kl. nur mit dem Schiff erreichbar. Die Anlage, deren Standort bis heute beibehalten wurde, entstand auf der von NW nach SO ausgerichteten Insel im mittleren Teil auf einer leichten Anhöhe unweit des nördl. Ufers, an dem eine Schiffslände angelegt wurde. Vor der Bebauung mußte ein Teil des Klostergeländes zum Schutz vor Hochwasser aufgeschüttet werden. Nach früheren, wenig erfolgreichen Marktgründungenauf der gegenüberliegenden Uferseite in Allensbach (ca. 998) und Radolfzell (1100), für die die Äbte Markt-, Münz- und Zollprivilegien verliehen bekamen, gründete wahrscheinl. Abt Diethelm von Krenkingen (1169-1206) in seiner direkten Nachbarschaft auf der Insel, wo bereits ein Weiler bestanden haben dürfte, einen neuen Markt. In den Quellen erschienen die ersten R.er cives 1200, ein scultetus 1224. Aufgrund der direkten Verwaltung durch klösterl. Beamte trat eine eigenständige Gemeinde erst im 14. Jh. auf. V. a. im 15. Jh. kam es häufig zuAuseinandersetzungen zw. Gemeinde und Kl. wg. grund- und leibherrschaftl. Fragen, da sich die selbstbewußten Dorfbewohner dem intensivierten Herrschaftszugriff nicht unterwerfen wollten. Die Vertreter der dem Kl. direkt unterstellten Gemeinden (neben R. v. a. Allensbach, Steckborn, Bernang, Mannenbach und Ermatingen) wurden im Spät- MA vom Abt häufig bei rechtl. und wirtschaftl. Handlungen zur Beratung herangezogen. Die Gemeinde R. war in drei Pfarrsprengel eingeteilt (St. Georg, St. Johann und St. Peter), die sich in der heutigen Ortsgliederung widerspiegeln: Oberzell, Mittelzell undNiederzell. Zum Immunitätsbezirk des Kl.s gehörten im MA zudem Höfe und Güter auf der Bodanrückhalbinsel, und noch heute zählt ein Teil des Festlandes zur Gemeinde R.

III.

Der früheste Wohnort des Abts dürfte beim Kl. selbst gelegen haben, wie es auch auf dem St. Galler Klosterplan vorgesehen ist. Ein solches Abtsgemach in der Nähe der Klosterpforte wurde zu Zeiten Abt Heitos (806-23) vornehml. als Lese- und Empfangsraum genutzt. Es ist davon auszugehen, daß im Laufe des 9. Jh.s ein eigener Abtsbezirk vom restl. Klosterbereich abgetrennt wurde, wie dies auch in → St. Gallen geschehen ist. Damit korrespondieren archäolog. Hinweise, nach denen die Vorgängerbauten der hochma. Pfalz bis ins 9. Jh. zurückreichen könnten. Aus derersten schriftl. Erwähnung der Pfalz in den »Gesta Witigowonis« geht hervor, daß Abt Witigowo (985-97) das Gebäude zu einem repräsentativen Domizil für die Unterbringung des Ks.s ausgebaut hatte. Die Pfalz besaß auch in der Folgezeit eine Doppelfunktion als Abtsres. und Gästehaus für hohe Besucher. Als Ausstellungsort für die Urk.n des Abts begegnet die Pfalz seit der Zeit Diethelms von Krenkingen, so z. B. 1184 (in palatio nostro Augiae) und 1187 (in lobia nostra Augiae). Weitere Bezeichnungen waren aula nostra (1225),curia nostra superiori (1261), domo abbatis (1272). Die Pfalz wurde bei zwei Klosterbränden 1235 in Mitleidenschaft gezogen, so daß der Abt in den nächsten Jahrzehnten gelegentl. auf andere Wohnsitze ausweichen mußte, v. a. die Burgen Schopflen auf der R. und Sandegg auf der Südseite des Untersees. Dennoch blieb das palatium nostrum weiterhin häufigster Ausstellungsort der Urk.n und wurde namengebend für das äbt. Pfalzgericht. Die Klosterherren bezogen spätestens im 13. Jh. eigene Herrenhöfe auf der Insel, da dieKlosterbauten zum Teil zerstört waren. Abgesehen von der angespannten finanziellen Situation der R. stand einer Renovierung auch das Desinteresse des hochadligen Konvents an der benediktin. vita communis im Wege.

1312 legte Diethelm von Castell (1306-42) den Grundstein für die südl. an den alten Bezirk anschließende neue Abtspfalz. Der Abt forcierte darüberhinaus die Rückkehr zum monast. Leben, indem er Refektorium und Dormitorium wieder errichten ließ. Bis zur Fertigstellung residierte er vorwiegend im sog. Turm von Steckborn (auf der Südseite des Untersees). Die Pfalz war danach bis zur Inkorporation des Kl.s Hauptres. der Äbte. Sie diente als Sitz des äbt. Pfalzgerichts (pfallentz gericht) für die von anderen Gerichten befreiten Untertanen und beiSchlichtungsangelegenheiten und verfügte über zahlr. Wirtschaftsgebäude inklusive umfangr. Weinkeller sowie über ein Gefängnis. Somit stellte die Pfalz die »Zentrale der Reichenauer Abtsherrschaft auf der Insel im späteren Mittelalter« (Zettler 1988, S. 153) dar. 1415 stieg Kg. → Sigismund dort für einige Tage ab, 1507 bewunderten Kg. → Maximilian I. und seine Begleiter die immer noch stattliche pfalz. Vereinzelt hielten sich die Äbte im 14./15. Jh. auf Burgen und Höfen in Steckborn, Marbach, Radolfzell und→ Konstanz auf. Seit dem Beginn des 16. Jh.s, als die Abtei von der Inkorporation in das Bm. → Konstanz bedroht wurde und die Regierungsgewalt des Abts nicht immer gesichert war, stand die Pfalz auch dem von Österreich bestellten Obervogt als Amtssitz zur Verfügung. Nach der Einverleibung in das Bm. residierte der bfl. Obervogt im ehemaligen Abtspalast.

Am Pfalzgebäude wurden verschiedentl. Erweiterungen vorgenommen. So erfolgten unter Abt Friedrich von Wartenberg-Wildenstein (1428-53) eine vollständige Ummauerung und die Errichtung eines Marstalls; die Mauer ergänzte man im 16. Jh. um zwei Ecktürme. Am Anfang des 19. Jh.s wurde die Pfalz abgerissen.

Die restl. Klostergebäude waren zur Zeit des Amtsantritts von Reformabt Friedrich von Wartenberg verfallen, da die Mönche das Leben auf ihren Herrenhöfen inzw. wieder vorgezogen hatten. Erneut mußten Schlaf- und Speisesaal renoviert werden, dazu ließ Friedrich eine Klostermauer, ein neues Sprachhaus und eine neue Sakristei errichten sowie den Chorneubau am Münster beginnen, der erst nach Jahrzehnten abgeschlossen werden konnte. Nach der Herrschaftsübernahme durch die → Konstanzer Bf.e unternahm Kardinalbf. Andreas von Österreich (1589-1600) die Renovierung der Klostergebäude underrichtete zudem Löwenzwinger und Bärengraben. Schon wenige Jahre später ließ Fbf. Jakob Fugger (1604-26) die nördl. des Münsters befindl. Konventsgebäude abreißen und auf der Südseite neu aufbauen, wo sie sich noch heute befinden.

Zur Res. R. gehörte ein dichtes Netz geistl. Bauten und Einrichtungen. Neben dem roman. Münster (Weihe 1048, Erweiterungen im 12., 15. und 17. Jh.) bestanden auf der Insel bis ins 15. Jh. fünf Kollegiatstifte (St. Peter, St. Georg, St. Johann, St. Pelagius, St. Albert). Um 1500 waren davon offenbar nur noch die ersten beiden als Stifte in Funktion, die gemeinsam mit St. Johann zugl. die drei Pfarrsprengel bildeten. Darüberhinaus zählten mehrere kleinere Kapellen sowie im 14. und 15. Jh. insgesamt vier Bruder- und Schwesternhäuser auf der Insel und dem Bodanrück zur geistl. Topographie. Anweltl. Bauwerken ist in erster Linie die ehemalige Ministerialenburg und zeitweilige Abtsres. Schopflen am Ostende der Insel zu erwähnen.

Quellen

GLA Karlsruhe Abt. 5, 65, 67, 96 (und viele mehr). - Berschin/Staub 1992. - Die Chronik des Gallus Öhem, bearb. von Karl Brandi, Heidelberg 1893 (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Abtei Reichenau, 2). - Repertorium schweizergeschichtlicher Quellen, 1-4, 1982-90. - Zusammenstellung weiterer relevanter Archive und Quelleneditionen bei Quarthal, Begrich und Kreutzer (siehe unten).

Abtei Reichenau, 1974. - Begrich, Ursula: Reichenau, in: Helvetia Sacra III, 1/2, 1986, S. 1059-1100. - Kreutzer 2003. - Kultur der Abtei Reichenau, 1925. - Quarthal, Franz u. a.: Reichenau, in: Germania Benedictina, 5, 1975, S. 503-548. - Zettler, Alfons: Die frü- hen Klosterbauten der Reichenau. Ausgrabungen - Schriftquellen - St. Galler Klosterplan, Sigmaringen 1988 (Archäologie und Geschichte, 3).