Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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REGENSBURG C.3.

I.

Frühe Nennungen eines bfl. Zentrums bleiben unbestimmt. Bei St. Peter wird 889 der Sitz des Bf.s sedes episcopalis (MGH DArn. 63) lokalisiert; ein Rechtsgeschäft wird 980/985 ad sancti Petri in cubiculo episcopali (Trad. St. Emmeram Nr. 217) vollzogen; als atrium pontificis wird Mitte des 11. Jh. der bfl. Bereich räuml. umschrieben; im 13. Jh. läßt sich eine Unterscheidung in einen alten und neuen Bischofshof fassen: antiqua curia episcopi (1263); incuria sua inferiori (1274); eine Bezeichnung, die auch noch später durchschlägt in dez alten Pischofhof (1370); spätere Nennungen der bfl. Res. bleiben wieder allg.: curia habitationis nostre (1391), in aula nostra episcopali (1393), curia episcopalis (1403). - D, Bayern, Reg.bez. Oberpfalz, kreisfreie Stadt.

II.

Bereits im frühen und hohen MA bildete R. ein wichtiges polit. und wirtschaftl. Zentrum, bedingt durch die verkehrsgünstige Lage und die Funktionen, die R. als kgl. und hzgl. Herrschaftsvorort zuflossen. Frühe Bezeichnungen schon aus dem 8. bzw. 9. Jh. als metropolis für den Hzg. oder als urbs regia belegen das nachdrücklich. Dadurch ergab sich aber auch eine komplexe Situation, weil die verschiedenen Herrschaftsträger mit einander konkurrierten; zusätzl. erscheint nach der Mitte des 10. Jh.s ein Bgf., der wesentl.Rechte auf sich vereinigen konnte. Dabei stand der Bf. in der Frühzeit deutl. im Schatten von Kg. und Hzg. Zeitl. nicht sicher einzuordnen ist die Schaffung eines eigenen Dombezirks. Er dürfte vom hzgl. Besitz im Umfeld des heutigen Alten Kornmarkts abgetrennt worden sein und erhielt wohl im 10. Jh. einen eigenen Immunitätsbereich. In den Auseinandersetzungen um die Stadtherrschaft in R. konnten die Bf.e erst gegen Ende des 12. Jh.s stärker eingreifen. Nach dem Aussterben der R.er Bgf.en (um 1185) und nach dem Rückgang kgl. Einflußmöglichkeiten in der Stadt regelten Bf. und Hzg. 1205 dieVerteilung einzelner Machtbefugnisse unter sich; die Bf.e Konrad IV. (1204-26) und sein Nachfolger Siegfried (1227-46) konnten zeitweilig sogar die Stadtherrschaft allein für sich beanspruchen. Allerdings betonten sowohl Kg. → Philipp von Schwaben (1205) als auch Kg. → Friedrich II. (1219) einen Vorrang von Reichsrechten gegenüber dem Bf. Auch der bayer. Hzg. attackierte die stadtherrl. Positionen des Bf.s. Zudem forderte eine sich formierende Bürgerschaft stärkere Mitspracherechte, die 1245 Ks. → Friedrich II. mit einem Privileg bestätigte, das denR.er Bürgern eine autonome Wahl bürgerl. Selbstverwaltungsorgane zugestand. Von stadtherrl. Positionen blieb der Bf. damit weitgehend ausgeschlossen.

Die Präsenz des Bf.s in der Stadt wurde jedoch nur zeitweilig in Frage gestellt, denn Bf. Albert I. (1247-59) konnte nach einigen unruhigen Jahren, die bürgerkriegsähnl. Zustände für das Hochstift mit sich brachten, 1253 nach R. zurückkehren. Bf. Leo Tundorfer (1262-77) sicherte dem Bf. in der Stadt einen status quo: durch Domneubau und Umgestaltung des Bischofshofes blieb der Bf. sichtbar in der Stadt repräsentiert, ohne allerdings jenen früheren polit. Einfluß wieder aktivieren zu können. Auseinandersetzungen mit der Stadt blieben allerdings nicht aus, die z. B. Bf. Nikolaus von Ybbs(1313-40) veranlaßten, in den zwanziger Jahren des 14. Jh.s einige Zeit außerhalb der Stadt in Donaustauf zu residieren. Trotz dieser Spannungen behielt der Bischofshof seine Stellung als bfl. Res., wenn auch in einem bescheidenem Umfang, bei.

III.

Die Lokalisierung der frühen bfl. Pfalz ist mit einigen Schwierigkeiten behaftet. Nur unbestimmt sprechen die Quellen davon, daß bei der Kathedralkirche auch der Bischofshof gelegen sei (ad sancti Petri in Radaspona urbe monasterium, ubi episcopalis sedes est [MGH DArn Nr. 63 von 889]). Der Lösungsvorschlag von Piendel, die frühe bfl. Pfalz außerhalb der nördl. Stadtmauer zu suchen, dürfte am überzeugendsten sein. Eine zentrale Rolle bei dessen Überlegungen spielte dabei die Stephanskapelle, schon früh als bfl. Kapelle belegt (Ende10. Jh.; noch im 12. Jh. als episcopalis capella gen.); die baul. Gegebenheiten lassen einen Zugang zur Empore nur von jenseits der Römermauer zu. In der Tat läßt sich nördl. der Stephanskapelle umfangr. Hausbesitz des Bf.s feststellen, und dort dürfte auch die frühe bfl. Pfalz gelegen haben.

Die berühmte anonyme Stadtbeschreibung R.s aus dem 11. Jh. liefert keine brauchbaren Angaben: jenseits von St. Johann wende sich die bfl. Pfalz zur Donau hin (atrium pontificis Danubium vergit).

Zu Form und genauen Funktion dieser frühen Pfalz geben die Quellen keine Hinweise, auch spätere Belege etwa für das 13. Jh. lassen kaum genauere Kenntnis darüber zu: in palacio nostro wird ein Rechtsgeschäft vollzogen (1253); in cenaculo episcopi wird 1256 eine Besitzübertragung vorgenommen, und 1260 eine Urk. in domo episcopi ausgestellt.

Allerdings tritt in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s eine grundsätzl. Änderung ein, denn der Bischofshof wird innerhalb der röm. Ummauerung verlegt. Anlaß dürfte der Neubau des got. Doms unter Bf. Leo Tundorfer (1262-76) gegeben haben, in dessen Folge der Bischofshof näher an den Dom rückte und v. a. stärker nach W ausgriff. Das noch heute erhaltene Westportal aus dem 13. Jh. markiert die Westgrenze dieses Areals. 1263 schenkt Bf. Leo Liegenschaften (areas quasdam in antiqua curia episcopi Ratisponensis et domum magnam in eadem curia sitam super ripam Danubii, Codexchronologico-diplomaticus episcopatus Ratisbonensis, 1, 1816, Nr. 496) an das R.er Domkapitel. Aus der Bezeichnung curia antiqua läßt sich auf die Existenz eines neuen Bischofshofs schließen.

Die innere architekton. Struktur der großen vierflügeligen Anlage ist nur schemenhaft zu erkennen. Im Ostflügel, dem ältesten Bauteil, haben sich roman. Bauteile erhalten, im Westflügel ist eine frühgot. Tordurchfahrt erhalten (Mitte 13. Jh.), sonst herrscht überwiegend spätere Bausubstanz vor. Sehr wahrscheinl. dürfte das Areal im MA nur sehr locker bebaut gewesen sein. Auch zur Funktion einzelner Bauteile sagen die Quellen kaum etwas aus (1403 wird eine bfl. Urk. in stuba minori novae domus curie nostre episcopali ausgestellt, vgl. Codex chronologico-diplomaticusepiscopatus Ratisbonensis, 2, 1816, Nr. 1006).

Die Bautätigkeit einzelner Bf.e ist historiograph. und epigraph. belegt: Bf. Friedrich III. von Planckenfels (1450-57) läßt den nördl. Flügel bauen (Steintafel mit Wappen 1454); stärkeren Residenzencharakter erhielt die Anlage erst durch die umfangr. Baumaßnahmen des Bistumsadministrators Pfgf. Johann III. (1507-38), der etwa der Hoffassade des Nordflügels dreigeschossige Arkaden vorstellen ließ. Weitere Bautätigkeiten sind für die Zeit des Bfs. David Kölderer (1567-79) belegt.

Bfl. Rechnungen fehlen für das MA, einige wenige Hinweise ergeben sich aus den erst vor kurzem wieder aufgetauchten Vikariatsrechnungen der Diöz. R. (zu 1394 etwa werden Ausgaben wg. der Bauarbeiten im Bischofshof erwähnt).

Auch zu den Wirtschaftsgebäuden des bfl. Areals in der Stadt liefern die Quellen nur punktuelle Erkenntnisse. Bis zum Beginn des 19. Jh.s ließ sich im mittleren Bereich der Straße »Unter den Schwibbögen« nördl. der alten Römermauer ein geschlossener bfl. Besitz nachweisen, aus dem dann der neue Bischofshof im 13. Jh. verlegt wurde (s. o.); in diesem Bereich lag der Sitz der bfl. Küchenmeister. Daneben hatte sich an der Donau eine bfl. Mühle (molendinum ecclesie nostre) befunden, denn 1321 wurde diese Mühle neben anderen hochstift. Gebäuden (bzw. Domherrenhäusern)beim Bau der Stadtmauer beschädigt. Weitere Wirtschaftsgebäude finden auch innerhalb des »neuen Bischofshofes« Erwähnung, ohne daß Quellen ausführl. darüber berichten würden.

Quellen

Codex chronologico-diplomaticus episcopatus Ratisbonensis, 1-3, 1816.

[Siehe auch die Angaben oben im Art. B.3. Regensburg, Bf.e von] Die Kunstdenkmäler von Bayern, Regierungsbezirk Oberpfalz, Stadt Regensburg, Bd. 3: Profanierte Sakralbauten und Profangebäude, bearb. von Felix Mader, München 1933 (Die Kunstdenkmäler der Oberpfalz 22,3), S. 116-124. - Piendl, Max: Fragen zur frühen Regensburger Stadttopographie, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für die Oberpfalz 106 (1966) S. 63-82. - Schmid, Peter: König - Herzog - Bischof. Regensburg undseine Pfalzen, in: Deutsche Königspfalzen, 4, 1996 S. 53-83. - Schuegraf, Joseph Rudolf: Geschichte des Domes von Regensburg und der dazu gehörigen Gebäude größtentheils aus Original-Quellen bearbeitet, II. Theil, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für die Oberpfalz 12 (1848) S. 142-164. - Stadt Regensburg. Ensemble, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler, hg. von Anke Borgmeyer, Peter Ferstl und Achim Hubel, Regensburg 1997 (Denkmäler in Bayern, 37,3). -Stauffer, Edmund: Die Residenz der Bischöfe von Regensburg, in: Studien zur Kirchen- und Kunstgeschichte Regensburgs, hg. von Georg Schwaiger, Regensburg 1983 (Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburgs, 17), S. 113-153.