Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RATZEBURG C.3.

I.

Razesburg (1062) Raceborch (1237), Ratzeborch (1351) u. ä., auf zwei Inseln im R.er See (ca. 24 km südl. von Lübeck) gelegen. Ableitung vom Namen des slaw. Fs.en Ratibor (Kurzform »Ratse«, † 1042). Die Herrschaft über den Ort hatten ab 1143 die Gf.en von R. inne (1201/02-1227 dän. Oberherrschaft), ab 1227 lag sie bei den askan. Hzg.en von Sachsen (→ Askanier) (seit 1295/96 bei der lauenburg. Linie, die 1689 ausstarb). Ausgenommen davon war der Dombezirk (Immunität). StändigerAufenthaltsort des R.er Bf.s sind Stadt bzw. Dombezirk nicht gewesen. Nach der Gründung des Bm.s 1154 wohnten die Bf.e anfangs auf dem St. Georgsberg bei R. Doch schon Bf. Evermod († 1178) begann mit dem Bau der Burg Farchau (rund 2,5 km von R. entfernt am Südende des R.er Sees), einer Höhenburg, die ungefähr bis zur Mitte des 13. Jh.s als wichtigster Aufenthaltsort der Bf.e anzusehen ist. Auf der Domhalbinsel selbst verfügten die Bf.e über einen Hof, der aber weniger als Res. denn als Absteigequartier bezeichnet werden kann. - D, Schleswig-Holstein, Kr. Herzogtum Lauenburg.

II.

Der halbinselartig gelegene Dombezirk nimmt den N der Stadtinsel ein. Er besteht aus dem Domhof (mit Dom - um 1165 begonnen -, Kl., Kreuzgang, Friedhof, Wirtschaftshof, bfl. Kurie und Kurien der Domherren) sowie dem »Palmberg« (als mons Palmarum erstmals 1292 erwähnt). 1439 erfolgten Regelungen zw. den Hzg.en von → Sachsen-Lauenburg auf der einen, Propst, Prior und Domkapitel auf der anderen Seite hinsichtl. der Grenze zw. der Stadt und dem Palmberg, der dem Kapitel gegen eine Zahlung von 530 Mark lüb. einschließl. hoher undniederer Gerichtsbarkeit überlassen wurde. Unter Bf. Detlev von Parkentin (1395-1419) wurde der Bischofshof in R. vorübergehend an den Dompropst verpfändet.

In Farchau lag - wie auch in R. - eine slaw. Burg. Das Dorf gehörte zur Erstausstattung des Bm.s. Kurz vor 1250 besetzte Hzg. Albrecht I. von Sachsen die Burg Farchau, gab sie aber spätestens 1257 dem Bf. zurück. Noch 1277 urkundete dort Bf. Ulrich von Blücher. 1377 vertauschte der Bf. das Dorf.

III.

Der Baubeginn der Burg Farchau lag vor 1178 (wohl unter Nutzung des älteren slaw. Burgwalls). Die Burg (Gelände heute als »Marienhöhe« bezeichnet) war auf einem Plateau angelegt, dessen Hänge nach drei Seiten steil abfallen. An der Südseite Sicherung durch Wall und Graben; Zugang vermutl. über eine Zugbrücke. Der Graben war auch um die West- und Nordseite geführt. Ungefähr Mitte des 14. Jh.s erfolgte unter Bf. Volrad von dem Dorne (1335-55) der Abbruch der Burg. Die Steine sollen für den Bau des »kleinen Steinhauses« auf der R.er Domhalbinsel verwendetworden sein (anzunehmen ist der Ausbau eines vorhandenen Gebäudes). Trotz Grabungen (1953) sind Einzelheiten über die Bebauung im Inneren der Burg schwer zu ermitteln.

Die bfl. Kurie am Dom, urkundl. erstmals 1382 gen., bestand aus dem »großen Steinhaus« (1438 als dat grote steenhus, später als »Steintor« bezeichnet) und dem »kleinen Steinhaus« (1438 dat lutke steenhus, später »Bischofsherberge«). 1438 grenzten Bf. Pardam einerseits, Propst, Prior und Kapitel andererseits ihre Besitz- und Nutzungsrechte auf dem Domhof voneinander ab, wobei die beiden genannten Gebäude weitgehend im Besitz des Bf.s verblieben, der auch für ihre baul. Unterhaltung aufzukommen hatte.

Beide Häuser, zu Füßen des Domturmes gelegen, sind noch heute in stark verändertem Zustand erhalten. Datieren lassen sich das »große« und wohl auch das »kleine Steinhaus« ungefähr um 1220/30 (spätere Umbauten, z. B. neues Obergeschoß des »kleinen Steinhauses« um 1500). Das »große Steinhaus« ist im Erdgeschoß, das einen Pferdestall und vermutl. Vorratsräume enthielt, in Längsrichtung durch einen breiten Bogengang (Länge 25,7 m) durchbrochen (nicht Zugang zum bfl. Hof, sondern Verbindungsweg zum Domhof und zur Fähre). Im Obergeschoß befand sich ein beheizbarerSaal (1633 als »Dornitz« bezeichnet; Zugang nur durch eine eigene Pforte, zu der eine hölzerne Stiege am Außenbau hinaufführte). Im Erdgeschoß des »kleinen Steinhauses« lag die Küche, im erneuerten Obergeschoß befanden sich wahrscheinl. Wohnräume. Der Komplex war ursprgl. befestigt (Schießscharten, Reste von Mauern). Im Zusammenhang mit Ereignissen des Jahres 1517 wird erwähnt, daß der Bf. in seinem Haus in R. Messe habe lesen lassen (Masch 1835, S. 425). Dies könnte auf die Existenz einer Hauskapelle hindeuten, für die sonst jedoch keine Belege bekanntsind. Im 16. Jh. ging die baul. Erhaltung beider Häuser auf das Domkapitel über. 1541 befand sich im »großen Steinhaus« statt des bfl. Pferdestalls der »Bullenstall« der Domherren.

Als bfl. Grablege diente der Dom. Mit Ausnahme Bf. Philipps († 1215, ⚰ in Verona) wurden dort die Bf.e bis zu Johannes von Parkentin († 1511) beigesetzt.

Quellen

MUB.

Dom zu Ratzeburg, 1954. - Hofmeister 1927. - Kaack 1987. - Kaack, Hans-Georg: Die Grenze auf der Ratzeburger Insel. Die Beziehungen Lauenburgs und der Stadt Ratzeburg zum Bistum und zu Mecklenburg vom 12. Jahrhundert bis 1937, in: Die Grenz- und Territorialentwicklung im Raume Lauenburg - Mecklenburg - Lübeck, hg. von Kurt Jürgensen, Neumünster 1992 (Lauenburgische Akademie für Wissenschaft und Kultur, Kolloquium, 4), S. 51-64. -Krüger 1934. - Masch 1835.