Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RATIBOR C.7. (Racibórz)

I.

Seit 1327 als böhm. Lehen schles. immediates Erbfsm. Mit der ersten Landesteilung 1163/73 erscheint der früheste Hauptsitz der Piastenherrscher Oberschlesiens, der 1202 an → Oppeln gelangte, von dem die Residenzstadt 1281 wiederum getrennt wurde. Nach dem Tode Ladislaus' von Oppeln-R. war es Sitz eines eigenen piast. Herzogszweigs, der von 1336 mit dem przemyslid. → Troppau durch Erbschaft verbunden war. Ab 1365 wurde R. abermals zu einer eigenen Fürstenlinie, ging 1521 erneut an → Oppeln und fiel infolge des Todes des letztenPiasten 1532 als erledigtes Lehen an → Habsburg zurück. Der Besitz wurde von Bgf.en verwaltet und mehrfach verpfändet: bis 1551 an die Mgf.en von Ansbach (→ Brandenburg) von 1645 bis 1666 an die Krone Polens. - PL, Wojewodschaft Śląskie.

II.

Am uralten Übergang der Oder bei deren Eintritt nach Schlesien lag 1108 auf einer Strominsel rechts zur Flußseite eine Wallburg, die 1155 zum Mittelpunkt im Tal des Beskidenvorlands wurde und deren Kastellane 1222 erwähnt werden. Am Ostufer saßen auf festem Grund im Burgvorort (seit 1352 Ostrog) Dienstleute, für die 1475 Vizevogt, Schulze und Älteste auftraten. In der Gemarkung gegenüber der Burgsiedlung entstand auf der Oderhöhe eine weitere Ortschaft mit angesiedelten hospites, die 1217 mit Markt- und Schankrecht ausgestattet wurden. ImAnschluß an diese Ufersiedlung entwickelte sich unter Kasimir I. (1211-29/30) eine civitas, für die 1258 ein Vogt nach fläm. Recht belegt ist. Im durch den Fluß geschützten Oderbogen wurde die Stadt 1286 zum Oberhof für alle Ortschaften im Hzm. bestellt. Der Landesherr verlieh ihnen 1299 das Magdeburger Recht. Eine linksodrige Vorstadt wurde 1294 in das Weichbild einbezogen und 1298 dessen Befestigung erhöht. Das Stadtsiegel führte 1296 ein halbes Rad und einen halben schles. Adler.

III.

Obwohl um 1200 auf beiden Ufern zur Vorburg gehörige Siedlungen vorhanden waren, nahmen die Burgherren die Abseitslage auf der Oderinsel in Kauf und verblieben außerhalb der Stadtmauern in Insellage wie in → Breslau, → Glogau und → Oppeln. Die älteste Oderburg sicherte Hzg. Mieszko I. durch Mauern, Gräben und Türme. Primislaus begann mit dem ersten Bauabschnitt einer gemauerten Anlage in unregelmäßigem Grdr. mit Flügeln auf drei Seiten um einen nach S geöffneten Burghof. Eine Einfahrt führt von W durch das Torgebäude neben derBurgkapelle, die zw. 1282 und 1287 errichtet wurde. Im Konflikt mit Hzg. Heinrich IV. bot Hzg. Primislaus Bf. Thomas II. Zuflucht. Aus Dank gründete der Diözesan 1288 in der hzgl. Kapelle ein dem hl. Thomas Becket von Canterbury 1293 geweihtes Kollegiatstift für drei Kanoniker. Das Kapitel wurde 1416 von der Burg nach Liebfrauen, einer spätgot. Hallenkirche nahe dem Ring verlegt.

Burgen, Schlösser und Gutshäuser in Schlesien, 1, 1982, S. 50-52. - Hyckel, Georg: Ratibor, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 15, 1977, S. 426-430. - Köbler 1988, S. 433. - Menzel, Josef Joachim: Art. »Ratibor«, in: LexMA VII, 1995, Sp. 458. - Racibórz, in: Drabina, Historia, 2000, S. 68-82. - Schlesisches Städtebuch, 1995, S. 346-352. - Säkularkanonikerstifte der Reichskirche, 1997, S. 156.