Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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PRAG C.3. (Praha)

I. / II.

→ Prag

III.

Der ursprgl. Sitz des Bf.s und des Gesamtklerus der P.er Kirche war unmittelbar der St. Veit geweihten Rundkirche auf der P.er Burg angeschlossen. Diese wurde seit 1060 in der Form einer dreischiffigen, mit zwei Chören ausgestatteten Basilika umgebaut, deren Westchor unmittelbar an den gemeinsamen Sitz des Bf.s und seines Kapitels rührte, der aus einem Palast mit Turm, Kapitelsaal und Kreuzgang bestand. Nach 1212 wurde dieser Komplex um die St.-Mauritius-Kapelle erweitert, in der die damals nach P. gebrachten Reliquien des Heiligen aufbewahrt werden sollten.1242 brannte die Burg einschließl. den der Geistlichkeit gehörenden Gebäuden aus. Aus diesem Grunde wurde der Bischofssitz in einen Wirtschaftshof in der Vorburg verlegt, wo er am linken Moldauufer zw. dem Besiedlungskern der Vorburg und dem Fluß unter - wie vorausgesetzt wird - Bf. Heinrich Břetislav entstand. Der ursprgl. Sitz auf der Burg wurde allmähl. erneuert, er diente von nun an aber den Bedürfnissen des Kapitels. Der bfl. Hof in der Vorburg bestand aus Holz und brannte schon 1249 während des Aufstandes Přemysl II. Ottakars gegen Wenzel I. aus. Bei der darauffolgendenErneuerung, die zeitgl. mit dem Bau der Stadtmauer der künftigen Kleinseite (1253) erfolgte, wurde der Hof erneut als Holzbau errichtet, aber man unterließ es nicht, ihn gründl. zu befestigen. Der Hof, an den eine ausgedehnte Fläche von wirtschaftl. Betrieben und Gärten angeschlossen war, lag weiterhin außerhalb des städt. Bezirks, seine Befestigung wurde aber in das städt. Verteidigungssystem einbezogen, das in seiner Nachbarschaft durch den Turm der Judith-Brücke und die Johanniter-Kommende gebildet wurde. Die Befestigung des Hofes stellte also eine unmittelbare Fortsetzung der Stadtmauerdar. Die Lage an dem Hauptweg, der die Altstadt P.s mit der Burg verband, und die Berührung mit der Ausmündung der Steinbrücke, erwiesen sich bei der Nähe zur Burg und zur Kathedrale als ein bes. günstiger Ort für eine Dauerres. des Bf.s.

Der Bf. war nicht Herr einer der P.er Städte. Sein Eigentum innerhalb der P.er Agglomeration befand sich nur am linken Flußufer. Neben dem eigentl. Hof handelte es sich nur um acht Häuser und eine unter der Brücke gelegene Insel, die sich in der Nähe der Hofgärten befand. Ursprgl. übte der Bf. das Patronatsrecht nur über die St.-Ägidi-Kirche in der Altstadt P.s aus, wo Bf. Johann II. von Dražice (1227-36) ein Kollegiatskapitel errichtete; nach der Gründung der P.er Neustadt (1348) kam das an dem entfernsten Mauerring befindl. Kapitel bei der St.-Apollinaris-Kirche hinzu. Der Bf. verfügteinfolgedessen in jeder der P.er Städte über einen Stützpunkt, diese reichten aber nicht aus, um einen größeren Einfluß innerhalb der Gesamtheit der P.er Städte zu gewinnen. Einen Versuch, diese Lage zu verändern, unternahm Johann IV. von Dražice (1301-43) zu der Zeit, als der Kg. meist außerhalb des Landes weilte und dadurch die kgl. Macht in der Residenzstadt geschwächt war. Der Bf. strebte die Gründung einer Augustiner-Chorherrenstift in der Altstadt an, die durch den von ihr eingenommenen Bezirk an das gerade im Umbau befindl. Areal des St.-Ägidi-Kapitels angrenzen sollte. Der Rat derAltstadt erlaubte aber dem Bf. nicht, einige Stadthäuser zu kaufen, an deren Stelle das neue Stift entstehen sollte. Das Projekt wurde deshalb aufgegeben und Johann IV. gründete 1333 eine Stiftskirche in der bfl. Stadt Raudnitz an der Elbe. Seine Nachfolgern weilten dort zieml. oft, aber nie lang, so daß ihr Raudnitzer Sitz nie den Charakter einer wirkl. Res. erhielt. Dorthin wurde aber Konrad von Vechta nach seinem Übertritt zur hussit. Seite ausgewiesen und dort verbrachte er seinen Lebensabend.

Engere Beziehungen gestalteten sich nur zw. dem bfl. Hof und der am linken Ufer befindl., weniger bedeutenden Kleineren Stadt, an die der Bau des bfl. Hofes grenzte. Es handelte sich um eine gegenseitige Durchdringung aufgrund von natürl. wirtschaftl. Bindungen, wobei das Kleinseitner Gewerbe- und Marktnetz den Hintergrund für den Betrieb des Hofes und für seine zahlr. Besucher ergab. Die Angestellten des Hofes und die in höhere Positionen aufgestiegende Höflinge oder Schreiber der Kanzlei stammten zum Teil aus der Kleinseite oder sie kauften sich dort ein und hatten hier auch bedeutendePosten in der Stadtverwaltung inne bzw. traten als schon gewordene Kleinseitner Geschworene einen Dienst auf dem bfl. Hof an. Das administrative Zentrum der Diöz., das sich im bfl. Hof und in dem auf Újezd stehenden Haus des Offizials befand, wurde kontinuierl. von einer beträchtl. Zahl von Klerikern aufgesucht, die dort ihre Angelegenheiten erledigten. Sehen wir davon ab, daß wenigstens einige von ihnen nicht ohne Begleitung erschienen, so handelt es sich in den ersten Jahren des 15. Jh.s um bis zu 700 Besucher, 1406 belief sich ihre Zahl schon auf annähernd 1 450 i. J. Ihre während desAufenthaltes in P. entstehenden Bedürfnisse befriedigte teilweise gerade die Kleinseite. Außer Streitigkeiten um Grundstücke (der Streit mit Verio de Marsiis zog sich von 1336 bis 1420 hin) spitzten sich die Beziehungen zw. der Bischofsres. und der Stadtleitung, bei beiderseitiger Vorteilhaftigkeit ihrer Beziehung zueinander, nie zu.

Die Geschichte des bfl. Hofs als steinerne Res. beginnt in den Jahren 1311-12, als Bf. Johann IV. von Dražice mit dem allmähl. Aufbau des steinernen Eintrittsturmes begann (er stand ungefähr dort, wo sich heute in der Mostecká Str. das Haus Nr. 45 befindet), eines nur aus einem Erdgeschoß bestehenden Palastes mit gewölbtem Saal, der eigentl. Wohnstätte des Bf.s, einer Kapelle und eines befestigten, steinernen Speichers und der Hilfsgebäude, die sich bis zum Kopf der Judith-Brücke und entlang den Ufern des Flußes hinzogen. Der im Erdgeschoß liegende Thron- und Speisesaal desPalastes zeigte Freskenschmuck, der aus Bildern und Wappen der böhm. Herrscher und der ersten Geschlechter des Landes bestand, die miteineiner durch erbaul. und sittenlehrende Inschriften verbunden waren. Des Bf.s eigene Wohnstätte war mit verschiedenen Bildern und Propheten- und Apostelsymbolen mit Zitaten aus ihren Schriften geschmückt. Johann IV. brachte sie von seiner Reise an die röm. Kurie offensichtl. als ein Geschenk Klemens V. bei seiner Rückkehr aus dem Konzil von Vienne nach P. In der Kapelle waren Bildnisse der P.er Bf.e in der Reihenfolge ihres Episkopats angebracht.

Diese Gestalt des Hofes blieb ein halbes Jh. lang unv., weitere Bautätigkeit wurde hier erst seit dem Anfang der 60er Jahre des 14. Jh.s aufgenommen. Ernest von Pardubice ließ an das Erdgeschoß des Palastes 1364 einen kleineren Saal anbauen, der als Vorhalle des Hauptsaales vorgesehen war. Sein Nachfolger Johann Očko von Vlašim ließ 1367 die beiden Säle anläßl. des Baus eines Palaststockwerkes gemeinsam mit einem dritten großen Saal renovieren, unter ihm erfolgte auch die Errichtung von einigen mit Zinnen versehenen Türmen. Der große Saal diente den öffentl. Versammlungen desKonsistoriums. 1370 wurde die neue St. Antonius-Kapelle in der Nähe des kleinen Saales des Hauptpalastes geweiht. Direkt im Palast waren die ebfl. Kanzlei und das administrative Zentrum der Generalvikare untergebracht, darüber hinaus befand sich im Hofe das Amtszimmer des corrector cleri und hinter ihm das Gefängnis. Über die Lage der Küche und der Kellerräume wissen wir nichts. Die Speicher lagen am Flußufer, hier eine Front bildend. Den wirtschaftl. Teil des Hofes betrat man durch ein Tor in einem weiteren got. Turm, der parallel zur Judith-Brücke erbaut wurde und zumTeil erhalten ist. Die letzte Erwähnung über eine Änderung der Dekoration in einem Teil des Hofes geht auf das Jahr 1380 zurück, als Ebf. Johann von Jenstein an die Wände des Turmgemaches, in welchem er seinen asket. Übungen oblag, seine Vision von der Teilung des Volkes und der Kirche, die er selbst im Sinne des Kirchenschismas deutete, malen ließ. Die bebaute Hoffläche war von einem Garten umgeben, der in der Stirnfront zur Mostecká und Josefská Straße hindurch einen etwa zwanzig Meter breiten Streifen bildete, auf welchem erst in den 90er Jahren des 14. Jh.s eng an der HofmauerBürgerhäuser gebaut wurden. Der eigentl. Nutzgarten zog sich in Richtung des Moldaustroms fast bis zur heutigen Mánes-Brücke hin.

Der Hof wurde am 4. Nov. 1419 beim Angriff des Volkes auf die Kleinseitner Stützpunkte der kgl. Partei, zu denen auch der ebfl. Hof gehörte, ausgeplündert. Erneut und endgültig wurde er zerschlagen und ausgebrannt am 9. Mai 1420. Den ältesten Anblick seiner Trümmer zeigt ein Breslauer Holzschnitt von J. Kozel und M. Peterle aus Annaberg aus dem Jahr 1562. Noch im Laufe des 15. Jh.s entstanden an den äußersten Flächen des Hofes got. Bürgerhäuser. In der zweiten Hälfte des 17. Jh.s wurde auf einem Teil des ganzen Areals das Karmeliterinnen-Kl. (später der Englischen Fräulein) gegründet, dieübrige Fläche wurde erst im 19. und 20. Jh. bebaut. Aus den Bauten des ma. Hofes hat sich bis heute nur der zum wirtschaftl. Teil führende Turm erhalten, der im Hof des Hauses Nr. 62 auf dem Dražický-Platz auf der Kleinseite steht. Ferner besteht bis heute ein Bruchstück des inneren Teils der St.-Antonius-Kapelle, der im hinteren Trakt des heutigen Hauses Nr. 47 eingebaut ist.

Nach der Erneuerung des P.er Ebm.s hatte der Ebf., der zugl. Großmeister der Kreuzherren mit rotem Stern war, in diesem Ordenshaus seinen Sitz. Für die neue ebfl. Res. wurde in den 60er Jahren des 16. Jh.s das Griespeksche Haus auf dem Hradschin neben dem Burggraben gekauft. Das Haus wurde noch in den 60er Jahren durch Udalrico Avostalis baul. umgestaltet und ihm am Ende des Jh.s. die St.-Johannes-der-Täufer-Kapelle hinzugefügt. Ein grundlegender Umbau wurde nach den Plänen Johanns Tf. Mathey durch Antonio Luragho 1679 vollendet. Weitere baul. Änderungen erfuhr das heutige ebfl. Palais nochim Laufe des 18. Jh.s.

Quellen

Acta iudiciaria consistorii Pragensis - Chronicon Benessi de Weitmil, canonici Pragensis, in: FRB IV, 1884, S. 459-548. - CDEB I-V, 1904-2000. - Chronicon Francisci Pragensis, hg. von Jana Zachová, Prag 1998 (Prameny dejin ceských. NF 1). - Libri erectionum, 1-6, 1875-1927. - Hrad Pražský a Hradčany, 1872. - Regesta diplomatica nec non epistolaria Bogemiae et Moraviae, 3-4, 1890-92. - Vita Arnesti, Vita Johannis de Jenstein, in: FRB I, 1873, S. 387-400, 439-468. -

Hlavsa, Václav/Vančura, Jirí: Malá Strana - Menší Město pražské, Prag 1983. - Merhautová, Anezka: Bazilika svatého Víta, Václava a Vojtěcha, in: Katedrála sv. Víta v Praze: k 650. výrocí zalození, hg. von Anezka Merhautová, Prag 1994, S. 16-24. - Novotný, Antonín: O velepastýřských sídlech nad Vltavou, in: Praha šest set let církevní metropolí, Prag 1944, S. 115-142.- Umelecké památky Prahy, hg. von Pavel Vlcek, Bd. 3: Malá Strana, Prag 1999, hier S. 189-191 (Art. c. p. 47/III), Bd. 4: Prazský hrad a hradcany, Prag 2000, S. 254-260 (Art. c. p. 56/IV).