PRAG C.1. / C.2. / C.7. (Praha)
I.
Nachdem die Přemysliden die Burg Levý Hradec als ihren Hauptsitz verlassen hatten, wählten sie den günstig gelegenen Kamm linksufrig der Moldau in Mittelböhmen, Prag benannt, zu ihrem Hauptsitz. Die Etymologie des Namens ist unklar: wenn man von den verschiedenen Volksetymologien (Wasserschwellen, prahy an der Moldau u. a.) absieht, scheint die Erklärung, daß es sich um Ableitung von einem dürren, gebrannten Raum, vyprahlý, pražiti, entweder aufgrund des gerodetenUrwaldes oder wg. des Schieferuntergrundes, der dürren Boden schuf, handelt, am überzeugendsten. Der älteste Beleg des Namens findet sich beim entfernten Flodoard von Reims (ca. 960) in der Form Praida/Proada, wohl noch in den 60er Jahren des selben Jh.s bei Widukind von Corvei, der über Praga spricht. Der arab.-jüd. Kaufmann Íbrahim ibn Jaqub spricht um dieselbe Zeit (die heutige Überlieferung seines Werkes ist verwikkelt und bedeutend jünger) über Frágha-Brágha als über ein aus Stein und Kalk ausgebautesHandelszentrum, was sich sicher auf die Burg (bzw. den diesbezügl. Burgwall) bezieht, unter der am Fluß die Marktstätte war, die jedoch bis in das 12. Jh. meist aus Holz gebaut war (die ältesten Steinhäuser rühren wohl aus dieser Zeit her, kleine Überreste sind bis heute erhalten geblieben). Als Sitz der Přemyslidenhzg.e gewann P. im Zusammenhang mit dem Wachstum ihrer Macht an Wichtigkeit und Bedeutung, zugl. jedoch galt es von Anfang an auch als geistl. Zentrum. Nach dem ersten Bau der Marienrotunde hat es sich bald auch um eine Georgskirche (gegr. durch Wratislaw I. † 921) gehandelt,um die i. J. 968 das erste Kl. im Lande (der Benediktinerinnen) unter der Leitung der Přemyslidin Mlada entstand. Als kurze Zeit später (Mitte der 70er Jahre) P. zur Diöz. wurde, beherbergte die Burg auch den Sitz des Bf.s mit der Hl. Veitsrotunde (nach dem Märtyrertod Adalberts volles Patrozinium Hll. Veit-Wenzel-Adalbert). In den Wirren um das Jahr 1000 wechselte die Burg öfter den Inhaber, da schon von Anfang an galt, daß der Besitzer der P.er Burg auch Herrscher des Landes war. Die Veitsrotunde wurde ab den 60er Jahren des 11. Jh.s in eine dreischiffige roman. Basilika umgewandelt, dieerst durch Initiative Kg. Johanns und Mgf. → Karls (IV.) 1344 durch eine hochgot. Kathedrale ersetzt wurde, deren Bau jedoch erst 1929 abgeschloßen werden konnte. Die Burg beherbergte darüber hinaus mehrere andere Kirchen von beschränkterer Bedeutung mit Ausnahme der Allerheiligenkapelle, die ab dem 12. Jh. belegt ist. Sie wurde ab 1267 zur kgl. Kapelle erhoben, um schließl. durch Gründung → Karls (IV.) 1339 Kirche des gleichnamigen Kapitels zu werden. Von den weltl. Bauten ist am wichtigsten die Burgbefestigung, die durchgehend verbessert wurde (die ältesten Überbleibsel ab den 30erJahren des 12. Jh.s). Bes. wichtig sind die Umbauten Přemysls II. und → Karls IV., sowie die der Jagiellonenzeit. Dasselbe gilt auch für die Repräsentationsbauten Přemysls II. und → Karls IV. Große Schäden erlitt die Burg um 1303 durch einen verheerenden Brand, so daß sie bis zum Antritt → Karls IV. als unbewohnbar galt. - CZ, Hauptstadt.
II.
Die Burg P. dehnt sich an der W-O orientierten Erdzunge in der Höhe von 256 m.ü.d. M. gegen den gegen O eine Schleife machenden Moldau-Fluß, am N durch ein tiefes Tal des Brusnice-Baches geschützt. Nach S fällt die Erdzunge steil herunter. Nach W ist die Anlage offen.
Bis zur Bistumsgründung um 975 war P. dem Bm. → Regensburg, nachher der Metropole → Mainz unterstellt. Nach mehreren vergebl. Versuchen wurde es ab 1344 selbständige Metropole mit Suffraganen → Olmütz und → Leitomischl. Versuche → Karls IV. um Unterstellung der Bm.er → Meißen und → Breslau unter P. mißlangen, ähnl. wie es auch nicht gelang, neue innerböhm. Bm.er (geplant durch → Karl in Schlan, Melnik, Altbunzlau und Sadská sowie unter → Wenzel in Westböhmen aus den Gütern desKl.s Kladrau) zu kreieren.
Im breiteren Umland Siedlungsbelege schon ab der Steinzeit. Ebenfalls mehrere kelt. Burgwälle und Siedlungen der Germanen, ab dem 6. Jh. der Slaven. Die vorstädt. Kaufmannssiedlungen der Fremden, einschließl. der Juden rechts- und linksufrig unter der Burg, sind ab dem 10. Jh. belegt. Diese Siedlungen verdichteten sich im Laufe der Zeit immer mehr und mehr, so daß schließl. in den 30er Jahren des 13. Jh.s förml. in P. eine Rechtsstadt entstand, die dann P.er Groß- bzw. Altstadt hieß und sich unter dem Einfluß des süddt. Rechtes entwickelte. Kurze Zeit später, 1257, entstand unter PřemyslII. die linksufrige Stadt unter dem Einfluß des norddt., magdeburg. Stadtrechtes, die P.er Neustadt hieß (bis 1348, als die rechtsufrige P.er Neustadt durch → Karl IV. gegr. wurde; seitdem hieß sie Kleinstadt P. oder die Kleinseite). Diese Städte befanden sich an einer wichtigen Furt und lagen ca. 183-185 m ü.d.M. am Fluß im umfangr. Überschwemmungsgebiet. Noch vor der Gründung der Neustadt entstand in den 20er Jahren des 14. Jh.s die untertänige Stadt Hradschin am westl. Vorfeld der Burg und wurde dem Oberstburggrafenamt Böhmens unterstellt, während die anderen drei P.er Städteals privilegierte kgl. Städte galten und nur dem Herrscher unterstanden. Schließl. entstand um die Mitte des 15. Jh.s die Stadt Wyschegrad um die alte Burg und das gleichnamige exemte Kolegiatkapitel als ihre untertänige Stadt. Die vorübergehenden Versuche, die beiden rechtsufrigen Städte durch → Karl (IV.) (1367-77), im Zeitalter des Hussitismus (1421-24) und dann im 16. Jh. zu vereinen, mußten wg. der unterschiedl. sozialen und z. T auch nationalen Vorbedingungen scheitern. Obwohl die genauen Einwohnerzahlen nicht zu ermitteln sind, wird doch die Gesamtzahl in der Blütezeit → Karlsauf rund 40-50 000 geschätzt, wozu auch die 1348 gegründete Universität nicht unbedeutend beitrug. Die Tschechisierung der Städte verlief kontinuierlich. Als Vorreiter galt hier die P.er Neustadt und als Katalysator die hussit. Revolution. Im 15. Jh. ging die Einwohnerzahl allmähl. zurück, um dann im 16. Jh. wieder anzuwachsen.
III.
Da die archäolog. Erforschung der P.er Burg noch lange nicht zu Ende ist, sind alle Ergebnisse nur relativ, doch kann das Rahmenbild geboten werden. Dabei ist nicht zu vergessen, daß hier an einer Stelle verschiedentl. und fast stets gebaut und umgebaut wurde und darüber hinaus verheerende Katastrophen zu verzeichnen sind, so vornehml. der Brand der Burg am Anfang des 14. Jh.s, der Kg. Wenzel II. gezwungen hat, in die P.er Altstadt zu übersiedeln, wo auch Johann von Luxemburg, soweit in P. belegt, meist residierte. Erst → Karl IV. hat die Burg mitPrunk wieder herstellen lassen. Obwohl die Res. der böhm. Herrscher im breiteren Rahmen die ganze Burg und eigtl. auch verschiedene Bauten in den um- und unter der Burg liegenden Städten umfaßte, stellte die Res. im engeren Sinne des Wortes nur der sog. Alte Burgpalast dar. Dieser hzgl. und nachher kgl. Palast befand sich ununterbrochen an ein und derselben Stelle, d. h. südl. der Kathedralkirche über dem südl. Abhang des Kammes, und wurde stets von den Generationen sowohl der Přemysliden als auch Luxemburger, Jagiellonen und schließl. Habsburger (hier vornehml. von → Rudolf II.)ausgebaut. Aus der vorroman. Zeit gibt es nur bescheidene Überreste von Sakralbauten, nicht von dem eigentl. Herrschersitz. Erst die Romanik, d. h. das 12. Jh., ist genauer zu dokumentieren, da Überreste des Mauerwerkes von zwei Stockwerken eben aus dem 12. Jh. zum Teil erhalten sind. Die Palastkapelle Allerheiligen knüpfte daran an. Auch die letzten Přemysliden kümmerten sich um den Burgausbau, doch sind diese Eingriffe nicht leicht genau zu ermitteln und zu datieren. Man weiß ledigl., daß nach der Katastrophe der Zeit um 1303 eigtl. nur das Burggrafenhaus auf der Burg als bewohnbar galtund auch von den Herrschern gelegentl. benutzt wurde. Über dem Přemyslidenpalast ließ dann → Karl IV. (wohl aber auch schon sein Vater Johann), angebl. in Anlehnung an frz. Königspaläste, seine Res. ausbauen, in der sowohl Privatgemächer als auch Repräsentationsräume nicht nur geplant, sondern auch realisiert wurden. Im öffentl. Teil des Palastes wurde durch → Karl IV. eine große Ahnengalerie angebracht, in der die »Vorfahren« schon von Urzeiten an präsentiert wurden. Auch → Wenzel hat den Bau zuerst fortges., wechselte aber bald, d. h. um dasJahr 1383, in die P.er Altstadt, wo in der unmittelbaren Nähe des späteren Pulverturmes das ganze Residenzenviertel entstand. Die Burg als Herrschersitz verwaiste über ein Jh. lang. Wenzel hat auch andererorts in P. gebaut, so vornehml. in der Neustadt. Dort ließ er ein Stadtschloß (Na Zderazi) errichten, über das nur wenig bekannt ist. Doch sind aus der Wenzelzeit verschiedene Überreste seiner Bautätigkeit zu verzeichnen. Währenddessen verfiel die Burg und litt darüber hinaus sehr stark durch die Belagerungen der Hussitenzeit. Erst 1483 hat man begonnen, sich wieder um die Burg zu kümmern undihr neuen Glanz zu geben. Als sprechender Beleg gilt der imposante Wladislawsche Saal. Nach der Verlegung der Res. durch Wladislaw nach Ungarn fungierte die Burg nur noch als das Verwaltungszentrum des Landes und Sitz des Landtafelamtes, dessen wichtigste Schriftunterlagen (die böhm. Landtafeln) während des Brandes, der sich 1541 von der Kleinseite aus ausbreitete, völlig zugrundegingen. Dann war es wieder die Epoche Rudolfs II., die die Burg in neuen Glanz setzte, obwohl auch seine Vorgänger sich um sie und ihre Ausstattung gekümmert haben.
Quellen
Allg. Quellened.en zur böhm. Landesgeschichte sowie zur Geschichte der Dynastien und Einzelherrscher. - Weiterhin: Codex iuris municipalis regni Bohemiae, 1, 1886. - Deutsche Rechtsdenkmäler aus Böhmen und Mähren., Bd. 1: Das Altprager Stadtrecht, Prag 1845. - Teige, Josef: Základy starého místopisu, pražského 1-3, Prag 1910-15. - Tomek, Václav Vladivoj: Základy starého místopisu, pražského 1-5, Prag 1865-75.
Literatur
Frolík, Jan/Smetánka, Zdeněk: Archeologie na Pražském hradě, Prag-Leitomischl 1997. - Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 16, 1998, S. 470- 491 [mit Bibl.]. - Ledvinka, Václav/Pešek Jiří: Prag, Prag 2000 [mit nur bescheidener Auswahlbibl., ausführlicher in der tschech. Fassung desselben Buches]. - Machilek, Franz: Praga caput regni. Zur Entwicklung und Bedeutung Prags im Mittelalter, in:Stadt und Landschaft im deutschen Osten und Ostmitteleuropa, Wien u. a. 1982, S. 67-125. - Mezník, Jaroslav: Praha před husitskou revolucí, Prag 1990. - Patze 1978. - Prokeš, Jaroslav: Dějiny Prahy, Prag 1948. - Tomek, Václav Vladivoj: Dějepis města Prahy 1-12 [bis 1609, Bände 1-7 in zweiter Aufl.], Prag 1892-1906. - Umělecké památky Prahy, Bd. 1: Staré Město, Josefov, hg. von Pavel Vlček u. a., Prag 1996, Bd. 2: NovéMěsto, Vyšehrad, Vinohrady, hg. von Růžena Baťková u. a., Prag 1998, Bd. 3: Malá Strana, hg. von Pavel Vlček u. a., Prag 1999, Bd. 4: Pražský hrad a Hradčany, hg. von Pavel Vlček u. a., Prag 2000 [Bd. 5 über die eingemeindeten Ortschaften ist im Erscheinen].