PLASSENBURG (KULMBACH) C.7.
I.
Plassenberch (1135); die Form P. setzte sich erst im 16. Jh. durch - Burg und Stadt - Höhenburg in Spornlage - zoller. Bgf.en von → Nürnberg (ab 1415 Mgf.en von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach) - seit Ende des 14. Jh.s bis 1603 zeitweilig Haupt-, ansonsten Nebenres., mehrfach Altersruhesitz - locus Kulma (1028/40 cop. 11. Jh., benannt nach dem slaw. Gewässernamen Kulmina, heute Kohlenbach); Kulminaha (1193); Culmina, Culmena,Culmenach, Kulmna, Kulmnach (ab 13. Jh.); Kulmach (ab Ende 14. Jh.); Culm-, Kulmbach (ab 1531). - D, Bayern, Reg.bez. Oberfranken, Landkr. Kulmbach.
II.
Die Stadt Kulmbach mit der sie dominierend überragenden Veste P. war unter der Führung verschiedener Geschlechter jahrhundertelang das Herrschaftszentrum des Raumes zw. Weißem und Rotem Main in Oberfranken. Die auf dem Buchbergrücken ca. 1 km östl. der heutigen P. gelegene, im 10./11. Jh. während der Landnahme der Gf.en von Schweinfurt entstandene, letztmalig im Bamberger Bischofsurbar von 1323-28 erwähnte, abgegangene Befestigung Alt-Plassenberg kontrollierte die vorbeiführenden Straßen nach → Sachsen und → Böhmen, diente zudem alsSchutz- und Fluchtburg für die zu ihren Füßen liegende Siedlung Kulma. Nach dem Aussterben der Gf.en von Schweinfurt wurde Alt-Plassenberg Kristallisationskern des Güterkomplexes der Gf.en von Andechs, von denen Berthold II. sich 1135 erstmals comes de Plassenberch nannte. Während ihrer Abwesenheit hatten Ministerialen, die Herren von Plassenberg, die Burg als Amtssitz inne.
Die um 1230/40 wahrscheinl. durch den letzten Hzg. von Andechs-Meranien, Otto VIII., begonnene, im Langenstädter Vertrag von 1260 erstmals erwähnte (neue) P. entstand ein Stück weiter vorn auf dem Bergsporn und ermöglichte dadurch direkten Sichtkontakt zur darunterliegenden Siedlung sowie eine bessere Kontrolle über das Maintal und das Kulmbacher Straßenkreuz. Der Bau war wohl eine Reaktion auf den Verlust der bayer. Stammlande der Andechs-Meranier an die → Wittelsbacher und sollte den ihnen verbliebenen oberfränk. Besitzungen einen neuen polit.-administrativenMittelpunkt geben. 1248 fiel die P. im Erbgang an die Gf.en von Orlamünde, die sie vollendeten, zum Zentrum ihres obermain. Herrschaftskomplexes und wohl auch zum ständigen Wohnsitz machten. 1280 gründeten die Orlamünder nahe Kumbach das Kl. Himmelkron als Hauskl. und Erbgrablege.
Nachdem die zoller. Bgf.en von → Nürnberg schon Mitte des 13. Jh.s durch den Gewinn von Stadt und Herrschaft → Bayreuth aus dem Erbe der ausgestorbenen Andechs-Meranier auch in Oberfranken Fuß gefaßt hatten, verpfändete ihnen zunächst der Gf. von Orlamünde 1290 P. und Kulmbach, bevor sie 1340 aufgrund eines Erbvertrags mit dem letzten Orlamünder Gf.en die P. mit der zugehörigen gleichnamigen Herrschaft endgültig in Besitz nehmen konnten.
In der Folgezeit bauten sie P.-Kulmbach durch Konzentration herrschaftl. Funktionen gezielt zum Mittelpunkt ihres sich stetig vergrößernden obergebirg. Herrschaftsbereichs aus. Etl. Beurkundungen zw. 1367 und 1390 lassen bereits auf regelmäßige und auch längere Aufenthalte Bgf. Friedrichs V. schließen. Dieser wählte bei seinem Regierungsverzicht 1397 († 1398) die P. auch als Altersruhesitz. Infolge der Landesteilung von 1403 wurde das Land ob dem Gebirg unter Bgf. Johann III. (1397-1420) erstmals selbständiges Fsm., die P. Sitz einer ständigen, funktional schon nahezu voll ausgebildetenHofhaltung. Hier fanden zahlr. Belehnungen, Beurkundungen und Rechnungslegungen sowie die meisten Sitzungen des obergebirg. Hofgerichts und des Lehengerichts statt. Ähnl. ist für die Regierungszeit des Mgf.en Johann Alchimista feststellbar, der bei der Landesteilung von 1440 das Oberland erhielt (1457 abgedankt). Darüber hinaus war die P. Sitz des seit 1421 belegten Hauptmanns auf dem Gebirg, der in Vertretung des Landesfs.en als oberster Militär- und Verwaltungsbeamter des Oberlandes fungierte. 1470/71 unterhielt der abgedankte brandenburg. Kfs. Friedrich II. kurzzeitig eine stattlicheHofhaltung auf der P. Mgf. Sigmund, von 1486-95 nominell Herr des Oberlandes, hielt sich zumeist außer Landes auf. Die Mgf. Friedrich d.Ä. (1486-1515) und Georg der Fromme (1528-43) verlegten aus Kostenersparnisgründen mehrfach ihre umfangmäßig reduzierte Ansbacher Hofhaltung auf die P. Schließl. wurden dort auch mehrfach mißliebige Mitglieder der mgfl. Familie, darunter Mgf.in Barbara (ab 1493) und der 1515 von den eigenen Söhnen entmachtete Mgf. Friedrich d.Ä., in langjährigem Gewahrsam gehalten.
Die 1398 beim Regierungsantritt der Söhne Bgf. Friedrichs V. erstellte Landesbeschreibung der Herrschaft Plassenberg zeigt, daß der Fs. aus 56 Dörfern, Einzelhöfen und Mühlen innerhalb und aus 14 Ortschaften außerhalb der Gerichtsgrenzen grundherrl. Nutzungen bezog. Sie gibt auch Hinweise auf die agrar. Versorgung des P.er Hofes durch die Erträge der umliegenden herrschaftseigenen Wiesen, Baumgärten, Fischwasser, Schäfereien und Wälder, durch Jagd, Vogelweide, Habichtzucht sowie die Abgaben aus der Zeidelwiese und verschiedene Waldzinse.
Die um 900 entstandene Siedlung Kulma wurde unter den Gf.en von Andechs um 1130-40 zum Markt, später - etwa zeitgl. mit dem Bau der neuen P. - zur Stadt erhoben (1249 cives, 1290 civitas). Im weiteren Verlauf, v. a. unter der Zollernherrschaft, entwickelte sich P.-Kulmbach beinahe zum Idealbild einer doppelpoligen Res., »bei der eine beherrschende Bergresidenz mit der ihr in jeder Hinsicht untergeordneten und doch kraftvollen Stadt in Wechselbeziehungen tritt« (Neitmann 1990, S. 24). 1340gründete Bgf. Johann II. in der Kulmbacher Mainvorstadt ein Augustinereremitenkl., 1350 wird erstmals ein Amtmann zu Kulmbach gen., um 1353 erfolgte die Verlegung des Centgerichts von Melkendorf nach Kulmbach, 1361 erlaubte Ks. → Karl IV. die Prägung von Münzen in der Stadt. Hier waren landesherrl. Verwaltungsinstitutionen wie der fsl. Kasten, die Forstverwaltung, die Beauftragten für die Einhebung von Zoll und Ungeld sowie vermutl. die Geleitbehörde untergebracht. Bgf. Johann III. besuchte regelmäßig die herrschaftseigene »obere« Badestube in der Stadt, der Bader aufder »mittleren« Badestube war für die medizin. Betreuung der bgfl. Dienstleute zuständig. Hochgestellte Gäste des Fs.en und ihre adeligen Begleiter logierten in der P., ihre Bediensteten wurden in städt. Quartieren untergebracht. Bei der Belagerung durch die Hussiten 1430 fanden die Stadtbewohner auf der P. Zuflucht. Die enge Symbiose von Burg und Stadt zeigt sich auch daran, daß die meisten landesfsl. Urk.n auf der P., etliche andere dagegen in Kulmbach ausgestellt sind, ohne daß dafür ein eindeutiges Verteilungskriterium erkennbar wäre.
In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s begann mit der Kanzlei die schrittweise Verlegung zentraler administrativer Einrichtungen von der P. nach Kulmbach, wo sich auch der herrschaftl. Kasten und die Rentmeisterei befanden. Die in der Stadt arbeitenden und wohnenden mgfl. Räte erhielten auf der P. nur dann Verpflegung, wenn sie dort zu tun hatten. Der Hauptmann auf dem Gebirg behielt zunächst seinen Amtsitz auf der P., bis mit dem Umzug des Oberhauptmanns in die Stadt die Rolle der P. als Verwaltungszentrale des Oberlands endete.
III.
Die (neue) P. dürfte von Anfang an zu den architekton. bedeutendsten Burgen Oberfrankens gezählt haben. Ältester bekannter Raum ist die 1321 erstmals erwähnte Hauskapelle, für die 1399 Bgf. Johann III. eine Kaplanei stiftete. Im Rahmen der möglicherweise von Bgf. Friedrich V. (1357-97) initiierten ersten Erweiterung wurde die Hochburg um das Doppelte nach O zu einer oblongen Vierflügelanlage vergrößert. 1470 werden anläßl. der Einrichtung der Hofhaltung Kfs. Friedrichs II. Türnitz, Frauengemach, Pfaffenhaus (Wohnung des Kaplans, an der Nordostecke desSchloßhofes. 1449 Bestellung eines zweiten Kaplans durch Mgf. Johann Alchimista), Wächterstube, Kornboden und Marstall gen. Die herrschaftl. Bargeldreserven und Goldrücklagen, Belehnungs- und andere wichtige Familienurk.n - der Grundstock des späteren »Plassenburger Archivs« - sowie eine Sammlung von Reliquien und religiösen Kultgegenständen (das »Heiltum«) waren im 1399 erstmals erwähnten »Gewölbe« unter der Obhut des Kaplans verwahrt. Der »Tiefe Brunnen« sorgte für eine von außen unzugängl. und damit sichere Wasserversorgung. Die von Mgf. Friedrich d.Ä. (1486-1515) indie P. investierten 7 000 Gulden dienten der Verbesserung der Ausstattung und einer Erweiterung des Wohnbereichs, u. a. durch eine 1489 erbaute neue Fachwerk-Kemenate im Ostflügel. Um 1498 werden die Wohnung des Hausvogts, eine Ratsstube, eine kleine Stube nahe dem inneren Tor, eine große Stube bei der steinernen Stiege, eine von den Fürstentöchtern bewohnte obere kleine Stube sowie der wohl als Gefängnis dienende »Kropfturm« erwähnt.
Ihre heutige Ausdehnung und Gestalt erhielt die P. erst im 16. Jh. Schon Mgf. Georg begann nach 1528 mit der Verstärkung der Befestigungsanlagen, bevor Mgf. Albrecht Alcibiades die P. zw. 1541 und 1553 zu einer der modernsten Festungsanlagen im Reich ausbaute. 1554 wurde sie im Bundesständischen Krieg fast vollständig zerstört. Beim Wiederaufbau ab 1562 nach Plänen des Baumeisters Caspar Vischer suchte Mgf. Georg Friedrich d.Ä. sowohl der Res.- wie auch der Festungsfunktion gerecht zu werden. Es entstand ein stattl. Renaissancebau mit repräsentativem Innenhof, dem sogen. »Schönen Hof«,die Bastionen wurden wiederhergestellt. Als wichtige Zwischenstation auf dem Weg in die Hohenzollernbesitzungen in Schlesien und Preußen erlangte die P. neue Bedeutung, doch ließ sich das Residenzleben in der Bergveste infolge des steigenden Repräsentationsbedürfnisses auf Dauer nicht mit den milit. Erfordernissen vereinbaren. So endete die Bedeutung der P. als Res. 1603 mit der Verlegung der Hofhaltung Mgf. Christians nach → Bayreuth.
Quellen
Meyer, Christian: Das Landbuch der Herrschaft Plassenburg vom Jahre 1398, in: Hohenzollerische Forschungen. Jahrbuch für die Geschichte der Hohenzollern, insbesondere des fränkischen Zweiges derselben und seiner Lande 1 (1892) S. 161-267. - Meyer, Christian: Das Landbuch von Stadt und Amt Kulmbach vom Jahre 1531, in: Hohenzollerische Forschungen. Jahrbuch für die Geschichte der Hohenzollern, insbesondere des fränkischen Zweiges derselben und seiner Lande 4 (1896) S. 241-270. - Wagner1889.
Literatur
Bachmann, Erich/Seelig, Lorenz: Plassen- burg ob Kulmbach. Amtlicher Führer, München 1988. - Burger, Daniel: Die Landesfestungen der Hohenzollern in Franken und Brandenburg im Zeitalter der Renaissance, München 2000 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte, 128). - Gebessler, August: Stadt und Landkreis Kulmbach, München 1958 (Bayerische Kunstdenkmale, 3). - Guttenberg, Erich Frh. von: Die ältesteLandesbeschreibung der Herrschaft Plassenberg (1398), in: Plassenburg-Jahrbuch (1938) S. 12-27. - Guttenberg, Erich Frh. von: Historisches Ortsnamenbuch von Bayern. Land- und Stadtkreis Kulmbach, München 1952. - Herrmann, Erwin: Geschichte der Stadt Kulmbach, Kulmbach 1985 (Die Plassenburg, 45). - Kunstmann, Hellmut: Burgen am Obermain unter besonderer Würdigung der Plassenburg, Kulmbach 1975 (Die Plassenburg, 36). - Meyer, Christian: Die Gefangenhaltung Markgraf Friedrichs desÄlteren von Brandenburg auf der Plassenburg, in: Hohenzollerische Forschungen. Jahrbuch für die Geschichte der Hohenzollern, insbesondere des fränkischen Zweiges derselben und seiner Lande 2 (1893) S. 435-446. - Neitmann, Klaus: Was ist eine Residenz? Methodische Überlegungen zur Erforschung der spätmittelalterlichen Residenzbildung, in: Vorträge und Forschungen zur Residenzfrage, hg. von Peter Johanek, Sigmaringen 1990 (Residenzenforschung, 1), S. 11-43. - Pfeiffer, Gerhard: Die landesgeschichtlicheFunktion der Plassenburg, in: JfL 29 (1969) S. 245-259. - Seyboth, Reinhard: Markgraf Johann der Alchimist von Brandenburg (1406-1464), in: JfL 51 (1991) S. 39-69. - Stark, Harald: Die Plassenburg - »obergebirgische« Residenz und Landesfestung, in: Bayern & Preußen, 1999, S. 168-178. - Storch, Erich: Die Plassenburg in der fränkischen Baugeschichte, Kulmbach 1951 (Die Plassenburg, 1). - Weigand-Karg, Sabine M.: Die Plassenburg.Residenzfunktion und Hofleben bis 1604, Weißenstadt o. J. [1998].