PASSAU C.3.
I.
Erste Nennung in Ptolemaios' Geographika und in der Peutingerschen Tafel. Nach Eugipps »Vita Severini« (5. Jh. nach Chr.) zwei Ansiedlungen Batavis und Boiodurum/Boiotro. Archäolog. Forschungen zufolge eine kelt. Siedlung Boiodurum, die durch die Römer im ersten nachchristl. Jh. (Ks. Domitian?) den Namen der röm. Auxiliareinheit Batavis erhielt. Boiotro/Boiodurum seit der »Vita Severini« als Siedlungsbezeichnung in der späteren Innstadt.Namengebend Batavis bzw. Patavis, Patavia, Passau. Eine alte vorgeschichtl.-kelt. Siedlungstradition mit einem nördl. der Alpen frühen christl. Gemeindeleben mag mitentscheidend für den späteren Bischofssitz sein. Die Kontinuität zw. dem 5. und 8. Jh. wird noch diskutiert.
Ideal für die Ansiedlung erwies sich, daß Inn (von S) und Ilz (von N) auf gleicher Höhe in die Donau (W-O-Verbindung) münden und damit ein natürl. Handelskreuz auf Wasserwegen ermöglichen. Der Streit um die Beherrschung dieses Handelsknotens mit den Wasserstraßen an der einstigen Grenze zweier röm. Provinzen durchzieht wie ein roter Faden die P.er Geschichte.
Wohl schon früher Bischofssitz (Vivilo wird von Bonifaz bestätigt) erhielt P. mit der bayer. Kircheneinteilung durch Bonifaz 739 eine Diöz. zugewiesen, die bis heute mit veränderten Grenzen Bestand hat. Seit 1217 Hochstift, das 1803/06 aufgehoben wurde.
Zu Beginn des 13. Jh.s, nahezu zeitgl. mit der »Fürstenerhebung«, sicherten die P.er Bf.e neben der städt. Burg mit dem Bau der Veste Oberhaus (Beginn 1219) ihre Stadtherrschaft. Zu Beginn des 14. Jh.s wurde Oberhaus auf dem Höhenrücken durch die Feste Niederhaus am linken Donauufer zw. Ilz und Donau erweitert (erwähnt 1358). Damit schützte dieser weitläufige Festungsbereich, der nach 1435 (Niederhaus) und zw. 1490 und 1555 (Oberhaus) Ausbauten erfuhr, sinnfällig die Bischofsherrschaft. Erst im 18. Jh. entstanden eine Neue Residenz im Barockstil, östl. an die Alte Residenz in der Stadtanschl., und ein Sommersitz Freudenhain vor den Toren der Stadt, der Hacklberg ablöste. Die bfl. »Residenzbauten« durchlaufen damit nicht nur den Weg vom bfl. Wohnpalastbau über den fürstbfl. Zwang- und Wehrbau hin zum barock-repräsentativen Herrschaftsbau, sondern zeigen auch die wechselnde Geschichte der bfl. Herrschaft auf.
Bei der nicht vererbbaren Bischofskathedra griffen verschiedene Herrschaftsträger von außen in die Besetzungspolitik ein. Entscheidend waren zunächst das 10. Jh. (Streit der drei Heinriche), der Investiturstreit des 11./12. Jh.s (Bf. Altmann als päpstl. Parteigänger) und das 13. Jh., als geistl. Amt und weltl. Lehen den P.er zum Fbf. machten. Seit dem 14. Jh. warben die bayer. → Wittelsbacher und die österr. Babenberger bzw. → Habsburger, die die P.er Kathedra mit Stuhlbesetzungen zu ihrem Einflußgebiet zu machen suchten, um die Stadt. Als dritte Kraft nahm seit dem 13. Jh.das Domkapitel mit seinem Bischofswahlrecht an diesem Gerangel um Macht und Einfluß teil. Auch die Stadtbewohner suchten seit dem 13. Jh. (1299) ihre Chance auf Selbstverwaltung. - D, Bayern, Reg.bez. Niederbayern, Kr. P.
II.
Das ältere Boiodurum (später Batavis) liegt zw. Inn und Donau auf einer hochwassergeschützten Erhebung (ca. 300 m ü.d.M.) in einem nach W geöffneten Talkessel, dessen Ausgänge Inn, Ilz und Donau bilden. Das Umland steigt bis zu mehr als 100 m über Flußniveau an. Die Wasserstraßen auf Donau (Fernhandel), Inn (einträgl. Salzhandel) und Ilz (Holz bzw. Getreidehandel aus dem Böhmischen Tiefland) eröffneten weitgespannte Handelsbeziehungen und Kulturkontakte. So wird etwa Kl. Niedernburg (spätestens 888, wohl aberagilolfing. Gründung) Wallfahrtsziel für die Ungarn (Grabstätte Kg.in Giselas). Schon in der Frühzeit Streit mit den Salzburgern um die Karantanen- und Ungarnmission im 8./9. Jh. Bf. Ermenrich und Wiching von P. standen mit an vorderster Front im Streit mit den Slawenaposteln Kyrill und Method. In otton. Zeit betreibt Bf. Pilgrim (971-91) ein Dombauprojekt, das nach neuesten Erkenntnissen keineswegs die Konkurrenz mit → Salzburg zu scheuen brauchte und einen Anspruch auf den Donauosten erheben sollte. Etwa zur selben Zeit errangen die Bf.e die Stadthoheit (976). Unterbrochen durchden Investiturstreit, der sich mit der Vertreibung des Bf.s Altmann manifestierte, beginnen die Bf.e im 12. und 13. Jh. ihren neu erworbenen Machtzuwachs äußerl. zu dokumentieren. Bf. Konrad (bis 1164) sicherte zunächst die Domimmunität (1155) und besetzte den Raum um die Bischofskirche. Seither wurden wohl erste Bauten errichtet, die später in die Alte Residenz eingegliedert wurden (erstmals 1188 erwähnt). 1225 sollte ein Stadtrechtsbrief, besser wohl Gerichtsordnung, Bf. Gebhards die Herrschafts- und Gerichtsverhältnisse der Stadt festschreiben. 1299 folgte der Stadtrechtsbrief Bf.Bernhards von Prambach, der eine beschränkte Selbstverwaltung unter bfl. Ägide zuließ. Nicht nur zum Schutz des Handelsverkehrs auf dem Inn, sondern auch zur Kontrolle der 1190 angelegten Innbrücke diente der südl. der Domkirche in dieser Zeit errichtete Herrschaftsbau. Zumindest Piccolomini lobte 1444 den Doppelcharakter von Befestigung und Wohnlichkeit des bfl. Palastes beim Dom und deutete damit den Ausbau der Gebäude an.
Zu den alten Siedlungsplätzen auf der Landspitze zw. Donau und Inn und am südl. Innufer kamen im 13. Jh. die Ilzstadt (nach Piccolomini oppidulum Judaeorum) am linken Ilzufer, die Neustadt und der Anger am linken Donauufer, aber zur Innstadt gehörig) dazu.
III.
Alte Res.: Von diesem Bau, der südl. parallel zum Domlanghaus verläuft, sind nur einige Reste aus roman. Zeit erhalten. Deutl. wird dieses Bauensemble erst in den got. Erweiterungen. Eine Kapelle aus dem 15. Jh. (1491 als bfl. Grabkapelle geweiht), ein Treppenturm (zw. 1555 und 1561), ein Kanzleigebäude (zweite Hälfte des 16. Jh.s) und wohl auch ein Teil des heutigen aufgehenden Mauerwerks der sog. »Alten Residenz« vermitteln einen Eindruck vom zunehmenden Selbstbewußtsein der P.er Kathedrainhaber und ihrer Bautätigkeit. Inventarlisten (1516 bzw. 1561) undvereinzelte Ansichten (Schedel; Abent) sowie Beschreibungen (Piccolomini; Rumpler) geben uns einen vagen Einblick in die Residenzausstattung um 1600. Neben den Repräsentationssälen im Obergeschoß mit Kamera und Bischofszimmern finden sich in den zwei Untergeschossen Verwaltungsräume. Im 16. und 17. Jh. erweiterten und modernisierten die Fbf.e die Alte Res. zu einem langgezogenen, sich an die Südseite des Domes anschmiegenden Gebäudekomplex, der sich um drei unregelmäßige Innenhöfe schloß, ohne daß allerdings die Raumnutzungen groß verändert wurden. Nach einer Erweiterung der AltenRes. durch eine Sala Terrena nach W hin (spätestens 1701 erwähnt) entschloß sich Bf. Lamberg zu Beginn des 18. Jh. zu ausgreifenden Umbauten (1689-1712).
Oberhaus/Niederhaus: Die Verteidigungsanlage auf dem Höhenrücken erfuhr im 14., 15. bzw. 16. Jh. Erweiterungen, die neben repräsentativen Sälen (Rittersaal) auch Kapelle, Wohnräume, Speicher, Palas und Verwaltungsräume umfaßte (Gericht des Hochstifts, Gefängnis auf Oberhaus, Verwaltungs- und Wirtschaftsfunktionen des Hochstifts auf Niederhaus, kaum genutzter Zufluchtsort seit dem 15. Jh.).
Neue Res.: Auf dem Domhügel an der Geländekante zum Innufer hin entstand unter der architekton. Führung Melchior Hefeles 1764-71 eine neue barocke dreistöckige Palastanlage im O der Res. anschl., deren Schauräume sich zum Inn nach S öffneten, deren Zugang aber von der Stadtseite im N her durch ein Portal mit Treppenhaus gestaltet wurde.
Freudenhain: Noch kurz vor Ende der fbfl. Zeit ließen die P.er Bistumsherren ein Lustschloß vor den Toren der Stadt (seit 1786) unter Johann Hagenauer erbauen, das am linken Donauufer am Berghang gelegen, eine Art Tusculum für sommerl. Vergnügungen und naturnahe Anschauungen werden sollte. Eine leichte, frühklassizist. Bauweise mit Garten- und naturkundl. Lehranlagen bezeugt den geänderten Geschmack.
Quellen
Hörnigk, Philipp Wilhelm: Chronicon Pataviense, Passau 1694.
Literatur
Amann, Konrad: Die landesherrliche Residenzstadt Passau im spätmittelalterlichen Deutschen Reich, Sigmaringen 1992 (Residenzenforschung, 3). - Erhard, Alexander: Geschichte der Stadt Passau, 2 Bde., Passau 1862-64. ND Osnabrück 1983. - Geschichte der Stadt Passau, hg. von Egon Boshof, Walter Hartinger, Maximilian Lanzinner, Karl Möseneder und Hartmut Wolff, Regensburg1999. - Die Kunstdenkmäler von Bayern, Abt. 4: Regierungsbezirk Niederbay- ern, hg. und bearb. von Felix Mader, Tl. 3: Stadt Passau, München 1919. ND 1981. - Ott 1961. - Schmid, Wolfgang Maria: Illustrierte Geschichte der Stadt Passau, Passau 1927. - Schmidmaier, Edith: Die fürstbischöflichen Residenzen in Passau. Baugeschichte und Ausstattung vom Spätmittelalter bis zur Säkularisation, Frankfurt a. M. u. a. 1994 (Europäische Hochschulschriften, 28: Kunstgeschichte,215).