NÜRNBERG (BURGGRAFENBURG) C.7.
I.
In castro Nuremberg in nostra residentia (1267); castrum, quod tenet ibidem (1273); in castro Domini Burcgravii (1276); auf unserer burge zu Nuremberg (1383); uff unserm haws zu Nuremberg (1387); zu Nuremberg auff der vesten (1409); vnsern teil an der Vesten vnd Behawszung zu Nüremberg, Ob der Stat gelegen (1414); unser Burck ob der Statt zu Nürnberg (1427) - Höhenburg über derStadt N., unmittelbar neben der Kaiserburg - zoller. Bgf.en von N. (ab 1415 Mgf.en von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach) - Haupt-, ab Mitte des 13. Jh.s bis 1427 Nebenres. - D, Bayern, Reg.bez. Mittelfranken, kreisfreie Stadt.
II.
Über die Entstehungszeitpunkt der Burggrafenburg und ihre Erbauer liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Möglicherw. wurde sie von den ersten Bgf.en von N., den niederösterr. Gf.en von Raabs, im 12. Jh. oder von den ihnen 1191/92 im Amt nachfolgenden schwäb. Gf.en von Zollern errichtet. Obwohl ihr Verhältnis zur unmittelbar benachbarten Kaiserburg bis zur Mitte des 13. Jh.s nicht exakt bestimmbar ist, dürfte sie schon lange vorher Wohn- und Amtssitz der Bgf.en gewesen sein, die im Auftrag der sal. und stauf. Herrscher für die Sicherheit der Kaiserburg zusorgen hatten. Dieser diente sie gleichsam als Vorburg, indem sie den Weg, der von der zu Füßen des Felsplateaus liegenden Stadt nach oben führte, deckte.
Im Interregnum eigneten sich die zoller. Bgf.en die Burggrafenburg unter offenkundiger Ausnutzung der unklaren Rechts- und Besitzverhältnisse auf dem Burgfelsen nach dem Ende der Stauferherrschaft (→ Staufer) vollständig an. Quellenmäßige Erwähnung findet sie erstmals 1267, als Bgf. Friedrich III. die Burgkapelle dem St. Egidienkloster zu N. übertrug. 1273 wurden die Bgf.en durch Kg. → Rudolf I. von Reichs wegen mit der Burggrafenburg, dem Aufsichtsrecht über das direkt danebenliegende Tor (custodia portae sitae prope idem castrum) - also derMöglichkeit, den Zugang zur Kaiserburg zu überwachen - sowie dem Kaiserlichenen Landgericht Burggraftums N. belehnt.
Obwohl die Zollern aufgrund der gezielten Beschneidung ihrer bgfl. Befugnisse durch das Kgtm. sowie wegen des gleichzeitigen Aufstiegs und raschen Kompetenzzuwachses der Stadt N. schon seit der ersten Hälfte des 13. Jh.s begannen, sich außerhalb der Stadt durch Aufbau eines eigenen Territoriums im fränk. Umland eine neue Existenzgrundlage zu schaffen und dabei die → Cadolzburg zu ihrem neuen Wohnsitz und Verwaltungsmittelpunkt machten, gaben sie die ihnen verbliebenen Besitzungen und Rechte in N. nur zögernd und schrittweise auf. Um 1300 wird ein bgfl. Jagdhaus bei derJakobskirche, das »Burggrafenschlößchen«, erwähnt. 1304 verkaufte Bgf. Konrad der Fromme den außerhalb der Stadtmauer beim Spital gelegenen »Burggrafenhof« an die Deutschordenskomturei Virnsberg, 1331 übereignete Bgf. Friedrich IV. dem N.er Bürger Konrad Groß eine Wiese zw. der Pegnitz und dem Möllertor zum Bau des Heiliggeist-Spitals. Die 1261 erstmals im Besitz der Bgf.en genannten, 1273 durch Kg. → Rudolf bestätigten grundherrschaftl. Bindungen der N.er Einw. an die Bgf.en in Form des Hofstättenzinses, des Schnitterdienstes zur Erntezeit und des Schmiedezinses wurden1385 durch die Stadt abgelöst.
Am längsten hielten die Zollern an der Burggrafenburg fest. Hier wohnten sie von der zweiten Hälfte des 13. bis zum Beginn des 15. Jh.s immer wieder für einige Zeit, nahmen sie Beurkundungen, Verwaltungs- und Hoheitsakte vor, hielten Lehengericht und saßen dem Kaiserlichen Landgericht vor. 1380 stiftete Bgf. Friedrich V. eine Kaplanei in der Burgkapelle. Anläßl. der zahlr. in N. abgehaltenen Hoftage bot die Burggrafenburg den traditionell kaisertreuen Zollern die Möglichkeit, engen Kontakt zu den in der Kaiserburg logierenden Monarchen zu unterhalten. Verwaltet wurde die Burggrafenburgvon einem bgfl. Amtmann.
Im Laufe des 14. Jh.s verschärfte sich die Rivalität der Bgf.en zu der stetig an Selbstbewußtsein und polit. Bedeutung gewinnenden Reichsstadt N. Dieser gelang es nicht nur, das ursprgl. den Bgf.en obliegende Aufsichtsrecht über die Kaiserburg an sich zu bringen, sie war auch bemüht, die innerhalb ihrer Mauern noch verbliebenen bgfl. Kompetenzen und Rechte nach und nach zu beseitigen und die Zollern schließl. ganz aus der Stadt hinauszudrängen. 1367 baute sie vor der Burggrafenburg eine Mauer und verwehrte damit den Bgf.en den ungehinderten Zugang zur Stadt, von dem 1377 unmittelbar vor demHaupttor der B. errichteten hohen Turm (»Luginsland«) aus konnte man die Vorgänge in der Burg genau überwachen. Im Städtekrieg von 1389 wurde diese vorübergehend durch N.er Truppen besetzt, viell. auch beschädigt. Vermutl. deshalb bevorzugte Mgf. Friedrich I. bei Aufenthalten in N. das Haus des Patriziers Konrad Vollant als Herberge.
Schließl. veranlaßte das ständige Konfliktverhältnis zur Reichsstadt sowie die grundsätzliche Umorientierung und Ausweitung seiner polit. Interessen infolge des Erwerbs der Mark → Brandenburg 1415 den Mgf., sich ganz aus N. zurückzuziehen. Zunächst gaben er und sein Bruder Johann III. 1414 ihre jeweiligen Anteile an der kemenate und dem Turm der Burggrafenburg auf Lehensbasis an den N.er Bürger Ott Heyden. Nachdem die Burggrafenburg 1420 im Rahmen einer Fehde durch den bayer. Pfleger von Lauf, Christoph Laiminger - möglicherw. mit Unterstützung des reichsstädt.Rats - eingenommen, niedergebrannt und damit unbewohnbar gemacht worden war, verkaufte 1427 der in massiven finanziellen Schwierigkeiten befindliche Mgf. Friedrich das Ruinengelände mit Turnen, allen Gemeuern, Gepäuen und Hofraiten für 120 000 Gulden an den N.er Rat. Diese Preisgabe der strateg. wertvollen Position im Herzen N.s war in den Augen späterer Mgf.en ein schwerer Fehler. Wohl gerade deshalb führten sie zum Zeichen ihrer Herkunft und viell. auch als Drohgeste gegenüber der konkurrierenden Reichsstadt den Titel »Burggrafen von Nürnberg« nochjahrhundertelang weiter.
III.
Von den ehemaligen Gebäuden der Burggrafenburg ist heute nur noch ein Teil vorhanden. Der trutzig wirkende Fünfeckturm hatte die Funktion des Bergfrieds. Er umfaßte vier Stockwerke, war jedoch nicht beheizbar und daher für eine dauerhafte Bewohnung ungeeignet. Die bis zum 15. Jh. unter dem Patrozinium des hl. Othmar stehende Walpurgiskapelle, eine Chorturmkirche mit Altar und eingeschossigem Schiff, wird 1268 als ex antiqua et approbata et hactenus pacifice servata consuetudine im Besitz der Zollern befindl. bezeichnet. Der Gottesdienstwurde vom N.er Kl. St. Egidien aus versehen. Bei Anwesenheit des Bgf.en hatte der Abt tägl. eine Messe, bei Abwesenheit wöchentl. drei Messen zu lesen. Die 1420 zerstörte Kapelle entstand unter reichsstädt. Regie weitgehend neu. Nach massiver Beschädigung 1944/45 erfolgte bis 1970 der Wiederaufbau. Auf dem der Walpurgiskapelle vorgelagerten freien Platz, der Freiung, genossen Verfolgte nach ma. Rechtsanschauung Asyl. Von dem unmittelbar neben der Burggrafenburg liegenden dreigeschossigen Burgamtmannsgebäude aus handhabte der Bgf. das Recht, die Zugänge zur Kaiserburg zu überwachen. Teile desErdgeschosses stammen aus der Zeit vor 1420, nach dem Übergang des Gebäudes an die Reichsstadt erfolgte um 1430 ein Wiederaufbau. Eine hohe Schildmauer, der »heimliche Wächtersgang«, trennte die Burggrafenburg von der Kaiserburg. Über die Gestalt des 1414 als kemenate bezeichneten, 1420 zerstörten und danach vollständig abgetragenen Palas ist nichts bekannt.
Quellen
Monumenta Zollerana. Urkunden-Buch zur Geschichte des Hauses Hohenzollern, hg. von Rudolf Graf Stillfried und Traugott Maercker, 8 Bde. und Reg., Berlin 1852-90. - Müllner, Johannes: Die Annalen der Reichsstadt Nürnberg von 1623, hg. von Gerhard Hirschmann. Tl. 1: Von den Anfängen bis 1350, Nürnberg 1072. Tl. 2: Von 1351-1469, Nürnberg 1984 (Quellen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürmberg). - Nürnberger Urkundenbuch, 1959.
Literatur
Art. »Burggrafenburg«, in: Stadtlexikon Nürnberg, 1999, S. 174. - Bachmann, Erich/Miller, Albrecht: Kaiserburg Nürnberg. Amtlicher Führer, 14. Aufl., München 1994. - Fehring, Günther P./Stachel, G.: Grabungsbefunde des hohen und späten Mittelalters auf der Burg zu Nürnberg, in: JfL 28 (1968) S. 53-92. - Friedel, Birgit/Grossmann, G. Ulrich: Die Kaiserpfalz Nürnberg, Regensburg 1999 (Burgen,Schlösser und Wehrbauten in Mitteleuropa, 1). - Haas 1992. - Lehnert, Walter: Der Kauf der Burggrafenburg 1427. Zur Territorialpolitik der Reichsstadt Nürnberg, Nürnberg 1977 (Ausstellungsprospekt des Stadtarchivs Nürnberg, 22). - Meyer, Christian: Die Burg und die Burggrafen von Nürnberg, in: Quellen und Forschungen zur deutschen, insbesondere hohenzollerischen Geschichte 2 (1904) S. 179-194. - Mummenhoff, Ernst: Die Abschließung der Stadt gegen die Burggrafenburg um 1362 und imJahre 1367, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 13 (1899) S. 260-272. - Pfeiffer, Gerhard: Comicia burcgravie in Nurenberg, in: JfL 11/12 (1954) S. 45-52. - Seyboth 1989. - Twellenkamp, Markus: Die Burggrafen von Nürnberg und das deutsche Königtum (1273-1417), Nürnberg 1994 (Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte, 54).