Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

NOSSEN C.3.

I.

Noßin (1185); Noscin (1197); Nozzin (1218); Nuzin (1228); Nossaw (1529); Nossen (1552); Nossa (1553). Der Ortsname geht zurück auf das altsorb. *Nosno zum App. *nos »Nase« mit dem Suffix -n-, was auf die Bedeutung »Siedlung an einer vorspringenden Felsnase« schließen läßt. Die Burg ist auf einem steilen Talsporn über der Muldein günstiger strateg. Lage an einer Verbreiterung zur Talaue entlang alter Wege und zum Schutz mehrerer nachgewiesener Furten gelegen. Nach älteren lehnsherrl. Rechten nahmen die Bf.e von Meißen die Burg 1315 dann in ihren unmittelbaren Besitz. 1436 mußten sie die Burg an den Abt von Altzella verkaufen, ehe diese nach der Säkularisierung der Kl. an die Kfs.en von → Sachsen fiel. Diese richteten hier 1559 das Amt N. ein. Heute Stadt im Kr. Meißen-Radebeul. Res./Nebenres. der Bf.e von Meißen von 1315-1436. - D, Sachsen, Reg.bez. Dresden, Kr. Meißen-Radebeul.

II.

Als die Herren von N. i. J. 1185 erstmals mit Sicherheit in den Quellen lokalisiert werden können, zeichnet sich bereits ihr Unterliegen im Wettlauf um Territorialbesitz und Landesherrschaft ab. In jener Urk. werden sie durch den Mgf.en von Meißen gezwungen, umfangr. Landbesitz an das Kl. Altzella abzutreten, in dem sie die bei der Schenkung vorgenommene Grenzziehung anerkennen. Schon die 1162 erfolgte Gründungsdotation des Kl.s Altzella durch den Mgf.en Otto den Reichen dürfte einige Rodungsdörfer der Herren von N. mitumfaßt haben. Viell. um sich aus derUmklammerung der Mgf.en zu lösen, viell. aber auch aus älteren Rechten konnten die Bf.e im N.er Territorium die Lehnsherrlichkeit erlangen, die sich merkwürdigerweise aus diesen Streitereien heraushalten. Erst 1268 erfahren wir, daß Heinrich und Ulrich von N. tatsächl. die Burg und alle zugehörigen Güter als »wahres Lehen« vom Bf. aufgetragen bekamen, ehe ihre Nachfahren 1315 die Burg an die Bf.e verkauften, die sie nun in ihren unmittelbaren Besitz nahmen.

Bf. Withego II. von Colditz (1312-42) hat die Burg offensichtl. als bevorzugten Amts- und Sommersitz genutzt, wie u. a. die häufige Urkundentätigkeit bezeugt. Die desolate wirtschaftl. Situation des Bm.s zwang die Bf.e im 15. Jh. mehrfach die Burg zu verpfänden, bevor auch sie in den Auseinandersetzungen mit dem Abt von Altzella nachgaben und nach einem Gutachten seitens der Bf.e von → Brandenburg, → Merseburg und → Naumburg über die Notwendigkeit eines Verkaufs die Burg 1436 an den Abt von Altzella für 4 200 Gulden (wiederkäuflich) veräußerten.

Abt Vincentius Gruner (1411-42) ließ umfangr. Um- und Ausbauten vornehmen und hat wohl die Burg auch zum Schutz vor den drohenden Hussiteneinfällen befestigen lassen. Bf. Johann V. von Weißenbach versuchte dann 1483 nochmals durch Petitionen an Ks. → Friedrich III. die Burg als erledigtes Lehen zugunsten des Hochstifts einzuziehen, da das Kl. rechtswidrig nicht um die Belehnung durch das Reich ersucht habe. Allerdings konnte das Kl. diesen Vorwand entkräften.

Nach der Säkularisierung des Kl.s 1540 ging mit dem Klosterbezirk auch die Burg in den Besitz der Kfs.en von → Sachsen über, die hier nach zahlr. Erweiterungsbauten den Sitz des Amtes N. einrichteten.

Die erste Burg dürfte auf dem Rodigt lokalisiert werden, wofür der Flurname »alter Schloßberg« sowie der Straßenverlauf spricht, während der Vorgänger der heutigen Burg auf dem »Schlossberg« erst gegen Ende des 12. Jh.s, möglicherw. bei einer Familienteilung, errichtet wurde.

Die an der Muldenfurt sich entwickelnde Siedlung zw. Rodigt und Schloßberg wies suburbialen Charakter mit Bezug auf den Rodigt auf, ist also als ältere Siedlung anzusehen. Dagegen hat sich auf dem Hochplateau vor der neuen Burg und der Kirche, die als Gründung der Herren von N. angesehen werden muß, das Dorf N. ausgebildet. Die geringfügige Marktentwicklung um die Kirche führte allmähl. zum Ausbau des Dorfes mit städt. Charakter. Allerdings kam N. nie über den Status eines einfachen Landstädtchens ohne ausstrahlende Stadt-Umland-Funktion hinaus. Der frühzeitige Abbruch desLandesausbaus durch die Herren von N. und auch der spätere häufige Besitzerwechsel maßen der Herrschaft nur periphere Bedeutung innerhalb des bfl. oder kfsl. Territoriums zu.

III.

Die baul. Gestalt der bfl. Res. ist durch Überbauung höchst verändert. Ledigl. Abschnittsgrabenreste und Teile des Nordflügels, insbes. das Tor in got. Formgebung, zeugen von der ma. Burg. In jenem Nordflügel befand sich wohl ursprgl. auch der bfl. Pallas. Ein Graben quer durch den jetzigen Innenhof von NO nach SW trennte wahrscheinl. die Anlage in einen östl. Vorburgbereich mit Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden sowie einen westl. Hinterburgbereich mit überwiegend Wehr- und Mannschafteinrichtungen. Es ist anzunehmen, daß Bf. Withego II. von Colditz(1312-42) Modernisierungen zum Sommersitz hat vornehmen lassen, und immerhin erfahren wir, daß sein Nachfolger Johann I. von Eisenberg (1342-70) in seinem Testament eine Summe zum Ausbau der Festung bestimmt hat. Die Baumaßnahmen durch Abt Vincentius Gruner (1411-42) haben dann das Gesicht der Anlage völlig verändert, ehe eine Umnutzung durch die Kfs.en auch diese Periode nivellierte. Dazu verwendeten sie Abbruchmaterial vom aufgehobenen Kl. und errichteten zunächst (1554-57) den Westflügel des Schlosses mit dem bewunderten Riesensaal mit zwei Kaminen, eichenen Tischen und Bänken, Wandgemälden(z. B. »Die Mohrenwäsche«), Geweihen und kostbaren Leuchtern. Daneben die große Hofstube, in der man die Amtsgeschäfte vornahm sowie die kfsl. Gemächer nebst Gästezimmern, Prinzenkammern und der Silberkammer. Dieser Teil des Schloßkomplexes wurde als kfsl. Jagd- und Reiselager genutzt.

Der Südflügel wurde zw. 1628-31 ergänzt und diente dem Amtsschösser als Sitz. Unter teilweiser Einbeziehung von Bausubstanz der alten Vorgängerburg wurde von 1667-69 der Nordflügel unter Bauleitung des Oberlandbaumeisters Wolf Caspar von Klengel umgestaltet, der Schloßhof begradigt sowie die steinerne Zufahrt gebaut. Als Unterkunft der Kfs.en wurde das Renaissanceschloß 1775 aufgegeben, fortan waren verschiedene Behörden und das Amt N. Nutzer des Schlosses.

Quellen

Beyer 1855 [mit Regestenanhang ab S. 517ff.]. - CDSR II, 1-3, 1864-67.

Altzelle. Zinsterzienserabtei in Mitteldeutschland und Hauskloster der Wettiner, hg. von Martina Schattkowsky und André Thieme, Leipzig 2002 (Schriften zur Sächsischen Landesgeschichte, 3). - Fiedler, Almut: Die Entwicklung des Burg-Stadt-Verhältnisses in den westelbischen meißnischen Bischofsstädten Wurzen, Mügeln und Nossen von seinen Anfängen bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, ungedr. Diss.phil. Univ. Dresden 1985. - Gurlitt, Cornelius:Amtshauptmannschaft Meißen-Land. Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen, Heft 34, Dresden 1923.