Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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NEUBURG AN DER DONAU C.7.

I.

Nova Civitas (um 739); Niwenburg (770); Nivuinburcg (798); Niuuunburg (916); Newburg (13. Jh.), Neuburg (14. Jh.). - Stadt (1214) an der Donau im NW des Hzm.s → Bayern im Grenzgebiet des Lech-Donau-Winkels. - von 739/41-801/07 Sitz des Bm.s N., im MA. Kg.s- und Herzogspfalz mit Burg auf dem östl. Stadtberg; im 15. Jh. Ausbau zum Schloß. - Witwensitz, Haupt- und Nebenres. der bayer. Teilhzm.er, insbes. vonOberbayern-Ingolstadt 1392-1447; 1447-1505 Niederbayern-Landshut; 1505-1808 Hauptstadt und Res. der Pfgf.en des Fsm.s Pfalz-N. aus dem Hause Wittelsbach. - D, Bayern, Reg.bez. Oberbayern, Kr. N.-Schrobenhausen.

II.

Die Donau durchschneidet, wenige Kilometer nach dem Lechzufluß, die südlichsten Ausläufer des Frankenjura und bildet so für einen kurzen Abschnitt eine Engstelle. Auf dem Plateau des östl. der beiden isolierten Bergrükken erhebt sich die Altstadt von N. mit dem Schloß, der früheren Stadtburg, am östl. steil abfallenden Abschluß des Jurafelsens. Direkt zu Füßen des Schlosses und von dort aus gut kontrollierbar, führt seit dem frühen 7. Jh. eine Brücke über die Donau nach N, eine der Stadt vorgelagerte Donauinsel überspannend. Der Brückenkopf am linken Donauuferwurde erst im 17. Jh. als Brückenkopf befestigt. Neben den Brücken bei Marxheim und → Ingolstadt (in 15 bzw. 25 km Entfernung) stellte der N.er Donauübergang eine wichtige Verbindung der Donaunord- mit der Donausüdstraße her. Die Hauptverkehrsströme wurden durch Lech und Donau von → Augsburg über Donauwörth nach → Ingolstadt und → Regensburg vorgeben. Von geringerer Bedeutung waren die Landwege von N. nach → Augsburg oder → Eichstätt. Als Tor zu → Bayern von N und W her nahm N. schon im FrühMA eine strateg.Schlüsselposition ein. Drei größere Forste und das zur Jagd, Weide und Heugewinnung genutzte, siedlungsleere Donaumoos südöstl. der Stadt boten eine günstige wirtschaftl. Basis für die herrschaftl. Pfalz.

Der Name N. bringt die Neubelebung der befestigten röm. Siedlung (germ. Burg) zum Ausdruck (kein Bezug auf die »Alte Burg« bei N., die erst im 10. Jh. entstand!). N. lag am äußersten Rand des Bm.s → Augsburg. Wohl kurz nach 739 wurde von dieser Diöz. der östl. des Lechs gelegene Teil abgetrennt und zum selbständigen Bm. N. (mit Nebensitz Staffelsee) erhoben, jedoch bereits 801/07 mit → Augsburg wiedervereinigt. Mit dem Sieg der Karolinger über → Bayern wurde N. Königsgut. Güter in ca. 85 Orten im Umkreis von rund 30 km gehörten zum kgl. Fiskalhof, der zuFüßen der Stadtburg lag. Trotz zwischenzeitl. hzgl. Präsenz blieb N. bis 1247 kgl.; unbekannt ist, zu welchem Gau N. zählte. Auch stellte es weder selbst eine Gft. dar, noch kann es einer anderen zugewiesen werden. Im Urbar der vom Kg. mit Amt und Burg N. belehnten Pappenheimer Gf.en wird N. 1214 erstmals Stadt gen. (älteste Best. 1332). Das Stadtrecht beschränkte sich zunächst auf den Stadtberg. Erst 1393 wurden die beiden Vorstädte einbezogen und die Zahl der Räte von acht auf zwölf erhöht. Bereits 1214 belegt sind der zum kgl. Gerichtshof gehörige Markt der oberen Stadt sowie derBrücken- und Wasserzoll, von dem je die Hälfte dem 1002 von Kg. → Heinrich IV. gegründeten Benediktinerinnenkl. N. gehörte.

Aufgrund der überragenden grund- und gerichtsherrl. Stellung der Burg- bzw. Schloßherrschaft waren der eigenständigen Entwicklung der Stadt enge Grenzen gesetzt. Die Stellung des Magistrats blieb eher schwach. Auch die Erweiterung der Magistratsverfassung in Pfalz-Neuburger Zeit änderte daran wenig. Die Stadt wurde von den Landesherrn dominiert, erhielt aber als Res. wichtige wirtschaftl. Impulse. Nicht zuletzt deshalb blieben größere Konflikte aus.

III.

Die ma. Vorgängerbauten des Schlosses wurden im 15. Jh. unter Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt und unter den Landshuter Hzg.en aus- und umgebaut. Gleichzeitig wurde die Befestigung der oberen Stadt verbessert. Einen Wendepunkt markieren die ehrgeizigen Bauprojekte des kunstsinnigen Pfgf.en Ottheinrich (1502-59): Er schuf zunächst die runde Stube und ließ das Schloß u. a. durch den Baumeister Hans Knotz nach und nach zu einer vierflügeligen Anlage mit Elementen der ital. Renaissance ergänzen. Der vierstöckige Nordtrakt, direkt über dem Torzugangzur oberen Stadt, erhielt einem repräsentativen Saal und einen das ganze Gebäude abschließenden Altan mit Springbrunnen (später durch ein Dach ersetzt). Einen großen Tanz- und Theatersaal erhielt der Westflügel. Die dort eingebaute Kapelle wurde nach der Einführung der Reformation in Pfalz-Neuburg 1542 mit einem Bildprogramm nach der neuen Lehre von Hans Bocksberger d. Ä. ausgemalt und wurde so zum ältesten protestant. Sakralbau Deutschlands.

In der oberen Vorstadt legte Ottheinrich einen Hofgarten an. In den nahen Donauauwäldern ließ er das repräsentative Jagdschloß Grünau errichten, das nicht nur wg. seiner bemerkenswerten Innendekoration ein bedeutendes Beispiel der Frührenaissance in Dtl. darstellt. Im nahen Rohrenfeld errichtete er ein Gestüt, das bis in kgl. bayer. Zeit überregionale Bedeutung hatte. Unter den Repräsentativbauten der Nachfolger Ottheinrichs sind v. a. der kfsl. Marstall unter Pfgf. Philipp Ludwig (1547-1614), die unter Pfgf. Wolfgang Wilhelm vollendete kath. Hofkirche mit Grablege (Altarblätter von PeterPaul Rubens) und der wuchtige Neubau des Ostflügels des Schlosses (1665/68) unter Pfgf. Philipp Wilhelm (ab 1685 Kfs.) zu nennen. Beraten von Elias Holl wurde 1607 eine planmäßige Stadterweiterung mit dem Bau eines weiten Befestigungsringes mit Sternschanzen und Brükkenkopf in Angriff genommen. Die Erweiterung kam jedoch nicht mehr voll zur Ausführung, da durch die Erbschaften der N.er → Pfgf.en am Rhein die Hauptres. von N. zunächst nach → Düsseldorf, dann nach → Heidelberg und Mannheim verlegt wurde. In N. blieb die Zentralverwaltung von Pfalz-Neuburg mit demGroßteil des Archivs. Sichtbare Zeugen der Residenzfunktion N.s blieben die Fasanerien, die Rennbahn (Turnierplatz), das Hofbräuhaus, die Hoflieferanten, das fsl. Seminar und die von den Pfgf. gegr. Kl. der Jesuiten, der Barmherzigen Brüder, der Karmeliterinnen, der Ursulinerinnen oder der Elisabethinerinnen.

Quellen

Bayerisches HStA: Grassegger-Sammlung 15081, 15095. - Aus dem Wolfenbüttler Codex Nr. 2256. Relatio über Philippi Hainhofers Rayse nachher Neuburg anno 1613. Bericht über die Neuburger Schloßbaulichkeiten und das Grünauer Jagdschloß vom Jahre 1613 (Abschrift von Karl Rieger), in: Neuburger Kollektaneenblatt 93 (1928) 45-51. - Kraft, Wilhelm: Das Urbar der Reichsmarschälle von Pappenheim heim, München 1929. ND Aalen 1974 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte, 3). - Regesten der Bischöfe und desDomkapitels Augsburg, 1985. - Reisen und Reisende in Bayerisch-Schwaben, 1-2, 1968-74. - Schmidt, Friedrich: Geschichte der Erziehung der Pfälzischen Wittelsbacher. Urkunden nebst geschichtlichem Überblick und Register, Berlin 1899 (Monumenta Germaniae Paedagogica, 19).

Bibliographie: http://www.ku-eichstaett.de/GGF/Landgesch/Bibliographie.Pfalz-Neuburg/frames.html. - 475 Jahre Fürstentum Pfalz-Neuburg, 1980, S. 90-100. - Bosl, Karl: Neuburg a. d. Donau: Pfalz und Zentralort des Reiches - wittelsbachische Residenz, in: Neuburger Kollektaneenblatt 134 (1981) 7-34. - Burmeister, Enno: Das Jagdschloß Grünau, in: Neuburger Kollektaneenblatt 129 (1976) 13-52. - Cramer-Fürtig 1995. - Stadt- und Landkreis Neuburg an der Donau,bearb. von Adam Horn und Werner Meye, München 1958 (Die Kunstdenkmäler von Bayern. Regierungsbezirk Schwaben, 5). - Mittelstrass, Tilman: Die Ausgrabungen im Ostflügel des Neuburger Schlosses 1994 und ihre Bedeutung für die Topographie des Stadtbergs in Vorgeschichte und Mittelalter, in: Neuburger Kollektaneenblatt 144 (1996) S. 5-74. - Neuburg, 1955. - Seitz, Reinhard H./Lidel, Albert/Kaess, Friedrich: Die HofkircheUnserer Lieben Frau zu Neuburg an der Donau. Ein Kirchenbau zwischen Reformation und Gegenreformation, Weißenhorn 1983 (Kunst in Bayern und Schwaben, 4). - Seitz, Reinhard H.: Neuburg an der Donau. Stadt der Renaissance und des Barock, Weißenhorn 1986. - Seitz, Reinhard H./Kaess, Friedrich: Das Schloß zu Neuburg a. d. Donau. Der Bauzustand um 1550 und die späteren Veränderungen, hg. vom Heimatverein - Historischer Verein Neuburg a. d. Donau, Neuburg a. d. Donau 1987. - Stierhof,Horst H.: Das biblische Gemäl. Die Kapelle im Ottheinrichsbau des Schlosses Neuburg an der Donau, München 1993. - Stauber, Reinhard: Das Herzogtum Niederbayern und seine Residenzen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 102/103 (1993/94) 169-180. - Unterkircher, Paul: Weveldhaus - Bürger- und Edelsitz in glanzvoller Zeit, in: Neuburger Kollektaneenblatt 146/147 (1998/1999) S. 5-224.