Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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NEISSE C.3. (Nysa)

I.

1223 Niza, 1367 Nisse, 1427 Neyse. Benannt nach dem gleichnamigen Fluß der Glatzer Neiße. - PL, Wojewodschaft Opole.

II.

Seit der Mitte des 12. Jh.s gehörte die Kastellanei Ottmachau in Niederschlesien dem Breslauer Bf., der hier eine Burg besaß, die ihm bei seinen Auseinandersetzungen mit Hzg. Heinrich IV. von Breslau 1284 als Zuflucht diente. Obwohl Ottmachau damit über eine bfl. Res. verfügte, die noch unter Bf. Andreas Jerin (1585-96) einen aufwendigen Neubau als Wohnschloß erhielt, verlor es seine Bedeutung als zweite Res. des Breslauer Bf.s schon 1290 an N. Damals trat der Hzg. von Breslau Rechte seiner Landesherrschaft über N. und Ottmachau an den BreslauerBf. ab. Dieser konnte daraus bis 1333 die vollständige Landesherrschaft über ein eigenes Fsm. entwickeln, in dem N. die Haupt- und Residenzstadt wurde. Dem Bf. kam damit ein hzgl. Rang zu, wie er sonst nur für Fbf.e der dt. Reichskirche galt. Damit wurde die für das Bm. Breslau bezeichnende Zweipoligkeit von Dauer, wonach die Bischofskirche und das Domkapitel ihren Sitz in → Breslau hatten, während die polit. Hauptres. des Bf.s zeitweilig in N. lag. Anders als in → Breslau, verfügte der Bf. hier über die wichtigsten Rechte an Stadt und Fsm. N. Die Stadt hatte er 1291zum Oberhof des Bistumslandes erhoben und dem Rat 1432 die Landeshauptmannschaft über das N.r Land gewährt.

Der Bf. von Breslau behielt seinen nominellen Sitz in → Breslau, wo sich Dom und Domkapitel befanden, doch geriet er nach der Reformation in → Breslau auch konfessionell in eine Randlage, denn die Stadt hatte sich der Reformation angeschlossen. Damit stieg die kirchenpolit. und kulturelle Bedeutung N.s, das kathol. blieb oder vom Bf. zum Katholizismus zurückgeführt wurde. Es wurde in der Frühen Neuzeit die bevorzugte Res. der Breslauer Bf.e. Das ist auch daran ersichtlich, daß im Zeitalter der Reformation die Jakobuskirche von N. zur Grablege der Bf.e wurde. Zw. Bf.Jakob von Salza (1520-39) und Bf. Johannes VI. Sitsch (1600-08) ließ sich ledigl. Bf. Andreas Jerin (1585-96) in der Breslauer Domkirche beisetzen. Danach freilich festigte sich die Tradition → Breslaus als Grablege der Bf.e.

III.

Schon 1260 läßt sich in N. ein bfl. »Haus« nachweisen. Für das Jahr 1292 ist der Name »Bischofshof« überliefert. Er dürfte bereits mit der späteren Wasserburg ident. sein. Diese wurde von zwei Armen des Bieleflusses geschützt und lag zw. der deutschrechtl. Stadt im W und der poln. Altstadt von N. im O. Seit Mitte des 14. Jh.s war die bfl. Burg in die Stadtbefestigung der dt. Stadt N. einbezogen, deren Bf.s- und Pfarrkirche St. Jakob etwa 300 Meter entfernt lag. Der Ausbau zur bfl. Res. vollzog sich rings um die alte Burg. Sie blieb als zentralesGebäude inmitten einer Hofanlage bestehen, und wurde auf allen vier Seiten von Neubauten umfaßt. Unter Bf. Jodokus von Rosenberg (1456-67) wurde der Bischofshof »glänzend« erneuert. Der Bischofshof war die bevorzugte Res. des Bf.s Johannes Roth (1482-1506). Nach dem Brand von 1524 wurde er 1526 durch Bf. Jakob von Salza (1520-39) wiederaufgebaut. Nach einem erneuten Brand wurde der Bischofshof unter Bf. Martin Gerstmann wiedererrichtet und 1582 mit Türmen versehen. Ein gedeckter Gang verband den Bischofshof über den Flußlauf der Biele hinweg mit der Kirche der Kreuzherren, derspäteren Gymnasialkirche. In der Zeit des Bf.s Ehzg. Karl war N. in bes. Maße als Res. bevorzugt. Die damals geplante Stiftung einer Universität in N. kam nicht zustande. Unter Bf. Karl erhielt der Bischofshof den 1619 vollendeten Südflügel mit einem Audienzsaal. In der böhm. Revolutionszeit nahm der böhm. Winterkg. seinen Weg über N. nach → Breslau und nächtigte am 21. Febr. 1620 in den bfl. Gemächern.

In der Barockzeit genügte der alte Bischofshof dem Repräsentationsbedürfnis eines Bf.s wie Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg nicht mehr. Auch wenn der Bf. selbst zw. mehreren Res.en und Funktionen im Reich und in Schlesien pendelte, errichtete er gegenüber dem bisherigen Bischofshof den Neubau einer barocken Res., das 1729 vollendete Bischofspalais. Es war ein zweigeschossiger Baublock mit einem quadrat. Innenhof und einer Kapelle. Nach der Säkularisation von 1810 wurde der Bau als Land- und Amtsgericht genutzt, wobei in der Kapelle die Gerichtskasse untergebracht wurde. Wenig später wurde1824 die baufällige älteste Burg im Inneren des Bischofshofes abgebrochen.

Erwähnt sei auch, daß der alte bfl. Besitz Ottmachau noch einmal dadurch Bekanntheit erlangte, daß ihn der preuß. Kg. 1820 an Wilhelm von Humboldt verschenkte, wonach die Dotation bis 1928 im Besitz der Familie von Humboldt blieb.

Quellen

Acta capituli Wratislaviensis. - Beschreibung von Schlesien, 1902. - Schlesisches Urkundenbuch, 1, 1971.

Dittrich, Hermann: Die ehemalige fürstbischöfliche Residenz in Neisse, in: Jahres-Bericht des Neisser Kunst- und Altertumsvereins 31 (1927) S. 23-29. - Burgen, Schlösser und Gutshäuser in Schlesien, 1, 1982, S. 58-61 [zu Ottmachau]. - Kastner, August: Geschichte der Stadt Neisse mit besonderer Berücksichtigung des kirchlichen Lebens in der Stadt und dem Fürstenthume Neisse, Tl. 2, Neisse 1854. - Lutsch, Hans: Die Kunstdenkmäler des Regierungs-Bezirks Oppeln, Breslau1894 (Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Schlesien, 4) S. 118-119. - Wünsch 2002.