NANCY C.7.
I.
7. Jh.: Nanciaco (merow. Triens); Nanceio (1061, erste urkundl. Erw.); 1111-15: oppidum et castrum; Mitte 13. Jh.: Nancei - Hzm. Lothringen. - Diöz. → Toul - französischsprachige Stadt - 2 500 Einw. am Ende des 15. Jh.s; 6000 Einw. (Mitte des 16. Jh.s); 16 000 Einw. i. J. 1628.
Die Burg und hzgl. Res. (palatium, 1298; hospicium, 1345; domus habitationis nostri, 1364; heute als Palais ducal bez.) befand sich im nordöstl. Stadtviertel, am Rand der S-N-Hauptstraße. Früher (wahrscheinl. ab der Mitte des 11. Jh.s) hatten die Hzg.e von Lothringen eine andere, im südwestl. Stadtviertel gelegene Burg benutzt (castrum, um 1115; palatium, zweite Mitte des 13. Jh.s), die um 1298 verlassen wurde. Die neue Res. wurde von den Hzg.en ununterbrochen bis zumDreißigjährigen Krieg genutzt.
Allmähl. während des 12. und 13. Jh. territorial aufgebaut, dehnte sich das Hzm. Lothringen vornehml. auf die östl. Hälfte des »heutigen« Lothringen aus. Die von den Hzg.en Adalbert und Gerhard in der Mitte des 11. Jh.s gegr. Dynastie beherrschte das Hzm. in direkter männl. Linie bis 1421. Im Lauf des 15. Jh.s gelang es der neuen hzgl. Dynastie aus → Anjou, das → Hzm. Bar sowie die Gft. Vaudémont mit Lothringen selbst zu vereinigen, was die Entwicklung von N. förderte.
Hzgl. Res. der Anjou-Dynastie waren auch am Ende des MA und in der Frühneuzeit die Städte → Bar-le-Duc und Pont-à-Mousson sowie die Burgen Joinville und Vaudémont, die beide letzteren als Nebenres.en. Im 18. Jh. residierten vornehml. die letzten Hzg.e in dem Schloß, das sie in der neuen Residenzstadt Lunéville aufgebaut hatten. - F, Region Lothringen, Dep. Meurthe-et-Moselle.
II.
Der Stadtkern von N. (Höhenlage: 212 m) liegt 1200 m westl. der Meurthe (Nebenfluß der Mosel) und wird im W von der Forsthochebene »Plateau de Haye« (Höhenlage: 420 m) und vom Überhang der »Côtes de Moselle« überragt; so war das nanzeianer Becken günstig für den Weinbau sowie die Obstbaumzucht. Der Fluß Meurthe war durch Furten und (ab dem Anfang des 16. Jh.s) die Steinbrücke von Mailzéville überquerbar. HochMA Eisen-Bergwerke und Hütten wurden vor kurzem 8 km südl. der Stadt (bei Ludres und Houdemont) entdeckt. N. liegt am Rand derN-S-Hauptverkehrsachsen Lothringens, die von → Metz ab bis nach → Burgund (entlang dem Maashochtal), nach der Fgft. (Moselhochtal), sowie in das Oberelsaß (Meurthehochtal) führt.
Ein aleman. Friedhof aus dem ausgehenden 6. Jh. (Vieil-Aître), sowie drei Triens aus dem 7. Jh. bilden die ersten Zeugnisse einer Siedlung bzw. des Namens von N. Später wird der Ort in einer bfl. Urk. des Jahres 1061 indirekt erwähnt (Odelricus, advocatus de Nanceio); wahrscheinl. galt dieser Odelricus/Olry als Burgvogt im Dienst der Hzg.e von Oberlothringen, obwohl die (alte) Burg N. erst i. J. 1115 ausdrückl. gen. wird.
Um 1090-95 gründete Hzg. Thierry/Dietrich I. 300 m nördl. der (alten) Burg ein Benediktinerpriorat (abh. von Molesmes). Eine Sankt-Aperkirche (Saint-Évre) erscheint um 1145 (Pfarrkirche ab 1212) und eine Maison-Dieu (Spital) um 1158. Seit der Mitte des 12. Jh.s ist eine hzgl. Münzprägung in N. numismat. belegt. Während dieses Jh.s nimmt allmähl. die Anzahl der in N. unterzeichneten hzgl. Urk. zu. 1145 wird ausnahmsweise Hzg. Simon I. als dux Nancei bezeichnet. Enge Verbindungen werden von den Hzg.en mit der von Ihnen 1159 gegründeten Zisterzienserabtei Clairlieugepflegt (6 km südwestl. von N. in der Forêt de Haye gelegen), wo einige Mitglieder der hzgl. Familie am Ende des 12. Jh.s begr. wurden.
Trotz der Erwähnung des passagium de Nanceio de bigis et quadrigis et animalibus minutis et grossioribus euntibus et redeuntibus (1180) und der Markthalle (1263), sowie von Juden- (13. Jh. und bis um 1348, dann ab 1450) und Lombardenniederlassungen (zweite Hälfte des 13. Jh.s und bis 1370) blieb die wirtschaftl. Entwicklung der Stadt immer gering, was die Nähe des 12 km sudöstl. gelegenen Wallfahrts- und Messeorts Saint-Nicolas-de-Port erklären kann.
Ein hzgl. Vogt (prévôt de N.) wird ab 1247 erwähnt, sowie ein Amtmann (bailli, dann bailli de N.) seit dem Ende des 13. Jh.s.; hzgl. Notare (tabellions) erscheinen ab 1281. Ab der Mitte des 14. Jh.s begegnet N. als Versammlungsort für die lothring. Stände, während es dem städt. Schöffenkolleg gelingt, seine Kompetenzen allmähl. über das ganze Hzm. als Apellationsgericht auszudehnen.
1298 verließ Hzg. Ferry/Friedrich III. die alte Burg, die sofort in ein Dominikanerinenkonvent umgewandelt wurde, und verlegte die hzgl. Res. in das neu gebaute »Palais«. In der unmittelbaren Nähe im S wurde 1339 von Hzg. Raoul/Rudolf ein Kollegiatstift Saint-Georges gegr., das seit der Mitte des 14. Jh. als neue hzgl. Grablege fungierte. Der »Palais« von Ferry III. wurde während des burgund. Kriegs (1475-77) schwer beschädigt und nach der Schlacht von N. (5. Jan. 1477) vom Sieger, Hzg. René/Reinhardt II. neu aufgebaut, der auch 1482 nördl. des Palastes ein Minoritenkonventgründete, aus dem er die bis Anfang des 18. Jh.s benutzte - neue hzgl. Grablege machte.
III.
Der »Palais« von René II., von seinen Nachfolgern Anton und Karl III. im Laufe des 16. Jh.s noch vergrößert und verschönert, litt dann in der zweiten Hälfte des 17. Jh.s unter den verschiedenen frz. Besetzungen. Zwei Drittel der Gebäude, das Stift Sankt-Georg und die hzgl. Gärten (parterre du bas und parterre du haut, der letzte auf der sog. »Bastion des Dames« gelegen) wurden im 18. Jh. dem urbanist. Programm der Hzg.e Liutpold bzw. Stanislas aufgeopfert. Heute bleiben nur ein nach dem Brand von 1872 durchgreifend restaurierter und von da an»Musée historique lorrain« gewordener Flügel des ehemaligen Palastes im Stil der Frührenaissance mit seiner »Galerie des Cerfs« und - nicht weit davon entfernt - die Minoritenkirche mit den Grabstätten der Hzg.e. Rechnungsbücher der Neuzeit und Kupferstiche und Baurisse des 17. Jh.s (Callot, Deruet, Sylvestre und die berühmte »Pompe funèbre, des ducs de Lorraine«) erlauben es, das äußere Aussehen sowie die innere neuzeitl. Ausstattung der verschwundenen Gebäude teilw. zu rekonstruieren.
Von dem ma. Stadtviertel (die sog. »Ville-vieille«) bleiben heute ein nur geringer Teil von Privathäusern aus der Frühneuzeit und die riesigen nördl. Stadttore aus dem 14. und 15. Jh., mit Resten der neuzeitl. bastionierten Stadtbefestigung (»Porte de la Craffe«).
Quellen
Archives Départementales de Meurthe-et-Moselle et des anciens duchés de Lorraine et de Bar, Nancy, Séries B 821 bis 833 (»Trésor des Chartes«, prévôté N.), B 7235 und folg. (Rechnungsbücher der prévôté N.), G 334 bis 620 (Priorat von N. und Stift Sankt-Georg), H 2633 bis 2695 (Dominikanerinen von N.) - Bibliothèque municipale von N.: Hs. 605 (Kartular des Stiftes Sankt-Georg) - BNF, Collection de Lorraine. - La chronique de Lorraine, 1859. - Claude Deruet, Le palais ducal (Kupferst.), 1642 - Ikon.: Claude de la Ruelle, Pompe funèbre des ducsde Lorraine, Nancy 1609. ND mit Komment. von Pierre Marot, Nancy 1935. - Plan du premier étage du palais ducal en 1705, Nancy, Bibl. mun.
Literatur
Atlas historique des villes de France, unter der Leitung von Jean-Baptiste Marquette, Bd. »Nancy«, hg. von Jean-Luc Fray, Talence-Paris 1997. - Chone, Paulette/Fray, Jean-Luc/Thévenin, Etienne: Le grand Nancy, histoire d'un espace urbain, Nancy 1993. - Fray, Jean-Luc: Nancy-le-Duc, essor d'une capitale princière dans les derniers siècles du Moyen Age, Nancy 1986. -Fray, Jean-Jean-Luc: Nancy, résidence princière et capitale des ducs de Lorraine dans les derniers siècles du Moyen Age, in: Fürstliche Residenzen, 1991, S. 137-157.