MÜNCHEN C.1.
I.
Munichen (1158), Muonechen (um 1189), Minichen (1308), Monchen (1340), lat. Monacum (um 1190), Monachum (um 1227). - Namensbedeutung: »Bei den Mönchen«, kaum Kl., eher Besitz eines Kl.s, der aber nicht festlegbar und um 1158 wohl schon nicht mehr präsent ist.
Die Herzogsburg, der sog. »Alte Hof« am Nordostrand der ältesten Stadt, wird in der Regel nicht erwähnt, da die Hzg.s- und Königsurk.n nur den Ausstellungsort enthalten. Wenn sie in erzählenden Quellen auftaucht, dann als purge ze Munchen 1321 oder als castrum (so beim Stadtbrand 1327). 1396 wird sie erstmals Alte Veste gen., um sie zu unterscheiden von der um 1384 entstandenen Neuveste außerhalb der Mauern.
Im 15. Jh. bürgert sich der Name Alter Hof ein. Die zu ihm führende Gasse hatte den Namen Burggasse bzw. heute Burgstraße. Daraus wird ersichtlich, daß die Hzg.s- bzw. Königsburg vorher einfach die Namen Hof und Burg trug. - D, Bayern, Reg.bez. Oberbayern.
II.
Die Stadt M. liegt auf einer flachen Schotterebene, welche durch die Schmelzwasser der Eiszeit gebildet wurde. Auf deren kargen Böden liegen im S der Stadt die großen Staatsforste (ehem. Jagdgebiete der Res.) wie ein Gürtel.
Im Bereich der Stadt öffnet sich das vorher enge Isartal trichterförmig nach N. Durch den eiförmigen ältesten Stadtgrundriß, den Hzg. Heinrich der Löwe um 1157 auf der Niederterrasse geschaffen und Markt, Brücke und Zoll von Föhring nach M. verlegt hatte, führte die neu angelegte Salzstraße Reichenhall-Wasserburg-M.-→ Landsberg als wichtiger Faktor für die Wirtschaftsentwicklung der Stadt.
Südl. der Ludwigsbrücke (Nachfolgerin des einzigen Übergangs im Stadtbereich über die bis ins 19. Jh. völlig unregulierte Isar) lag jahrhundertelang der alte große Floßhafen, ein wichtiger Umschlagplatz für Waren aus den Alpen und Venedig. Am linken Isarufer in den feuchten Auwäldern nördl. der Stadt wurde erst im 18. Jh. der »Englische Garten« angelegt. Östl. der Isar - außerhalb der Stadt - drängten sich eingezwängt zw. Fluß und Steilhang der Hochterrasse am Auer Mühlbach viele Mühlen. Über den »Gasteig«, die steile Hochterrasse, führte die Salzstraße nach O. Der Lößlehm desDorfes Haidhausen auf der Hochterrasse lieferte bis ins 19. Jh. die Ziegel für den Städtebau, während die Kalksteine für die Fundamente der Häuser auf der Isar per Floß vom Raum Tölz heran transportiert wurden. Am Rande der westl. Isararme entwickelte sich die älteste Stadt mit der Burg »Alter Hof«.
Die mit Salzstapelrecht versehene Stadt wuchs bevölkerungsmäßig, wirtschaftl. und baul. rapide, so daß seit Ende des 13. Jh.s Stadterweiterungen nötig wurden, die 1337 unter Ludwig dem Bayern ihren Abschluß fanden. M. hatte sich damit um das Sechsfache seines ältesten Stadtkerns vergrößert, eine Fläche (273 Tagwerk), die bis ins 19. Jh. ausreichte. Kg./Ks. Ludwig der Bayer schenkte dieser Stadt, seinem wichtigsten oberbayer. Geldgeber, eine Flut wichtiger Privilegien. M. sah in ihm ihren fsl./kgl. Förderer schlechthin. Noch 1444 stellte der M.er Stadtschreiber im Salbuch fest,daß die Stadt M. bey Kayser Ludwigen von Bayern am maisten aufkömen und die außer [= äußere] stat bey i[h]m von neuen dingen gepaut worden, wan er hat große lieb zu der stat gehabt. Trotz dieser Privilegierung, die zu relativer Selbständigkeit M.s führte, behielt sich Ludwig als Stadtherr alle wesentl. Herrschaftsrechte vor. Zudem waren Stadtsteuer und M.er Fernhändler entscheidende Geldgeber Ludwigs. Für die Stadt wiederum war der kgl. Hof ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
1315 freite Ludwig der Bayer den M.er Marktplatz, wobei er freilich die Nutzung des Platzes für höf. Feste miteinbezog. Angesichts des Kampfes mit der röm. Kurie versuchte Ludwig der Bayer auch die Pfarrkirche St. Peter mit quasi bfl. Rechten auszubauen. Die 1271 neben St. Peter zur zweiten Pfarrkirche erhobene Marien-(Frauen-)Kirche bestiftete er großzügig, baute sie zur wittelsbacher Grablege aus und verwandelte den Chorraum zu einem Fürstenoratorium.
III.
Die Bebauung des sog. Alten Hofes setzte lt. archäolog. Grabungen im 12. Jh. ein. Die Burgmauer existierte bereits 1173/74, soweit man den in einer Urk. genannten Ortolf, qui preest muro, auf diese beziehen darf.
Unter Hzg. Ludwig II. dem »Strengen« (1253-94) bahnte sich seit der Landesteilung von 1255 die Ausbildung M.s bzw. des Alten Hofs zur festen Res. der wittelsbach. Linie Kurpfalz-Oberbayern an. Ludwig II. verlegte auch 1282/84 das Franziskanerkl. vom Anger in die unmittelbare Nähe der Herzogsburg, ein Sachverhalt, der dann für Kg./Ks. Ludwig IV. sehr wichtig werden sollte. Sein Sohn Rudolf I. (1294-1319), der ältere Bruder Ludwigs des Bayern, intensivierte die Residenzbildung. 1294 - unmittelbar nach seiner Herrschaftsübernahme - stiftete er noch ein Augustiner-Eremitenkl. vor dem M.erKaufringertor.
Dieser Münchener Residenzbildungsprozeß scheint freilich dann durch die schweren Auseinandersetzungen Rudolfs I. mit seinem jüngeren, zur Herrschaft drängenden Bruder Ludwig angehalten worden zu sein (1313-19).
Über die Errichtung von Zweck- und weltl. Repräsentationsbauten im Alten Hof in der Zeit Ludwigs des Bayern ist nichts direkt überliefert, doch wird man davon ausgehen dürfen, daß diese von ihm vielfach bevorzugte Pfalz bzw. Res. auf Zeit auch baul. gestaltet wurde. Die Bauhistoriker jedenfalls vermuten den Ausbau des »Burgstocks« und die Erweiterung des »Zwingerstocks«. In die Zeit Kg. Ludwigs fällt der große M.er Stadtbrand 1327, der auch partem castri in Mitleidenschaft zog. Man wird also nach 1327 mit größeren Baumaßnahmen im Alten Hof zu rechnenhaben.
Bes. informiert sind wir über die Burg- bzw. Hofkapelle im N des Alten Hofs. Die Kapelle zu Ehren der hl. Margarete wird erstmals 1319 erwähnt; sie scheint bereits auf Hzg. Ludwig II. (1255-94) zurückzugehen. Etwa von 1321-24 kam es aber zu einer Erweiterung, wenn nicht sogar zu einem völligen Neubau der Hofkapelle durch den Kg.
Am 20. Febr. 1321 stiftete Kg. Ludwig jedenfalls in der Burgkapelle St. Margarete (genauer: unseres herren und seiner lieben muter und auch mit namen der rainen maegde und martraerinne sant Margareten und aller heiligen) zum Seelenheil seines Bruders Hzg. Rudolf († 1319) und seiner Vorfahren eine Kapellanstelle mit bes. Rechten. Der kgl. Kapellan sollte näml. dieselben Rechte wie die beiden Pfarrer der M.er Frauen- und der Peterskirche erhalten.
Die Burg- und Hofkapelle erscheint nach dem großzügigen got. Um- oder Neubau Ludwigs des Bayern und der Konsekration des Hochaltars als Lorenzkirche, während St. Margarete an einem Nebenaltar verehrt wurde, den 1349 die Kaiserinwwe. Margarete reich dotierte (Lorenzkirche 1815 abgebrochen; Abbildungen des Kircheninneren und -äußeren vorhanden).
Zw. 1324 und 1350 war diese Lorenzkirche offensichtl. Aufbewahrungsort der Reichskleinodien. Vom 27. Juni bis 20. Juli 1324 wurden sie von → Nürnberg erstmals nach M. gebracht, kurz darauf freilich in → Regensburg ausgestellt. Die zeitgenöss. »Chronica de gestis principum« des Kl.s Fürstenfeld, eines wittelsbacher Hauskl.s, erzählt, daß die Reichskleinodien in feierl. Fahrt nach M. gebracht, von vier Mönchen des Kl.s Fürstenfeld begleitet, dann in der Margarethen-Hofkirche verwahrt wurden. Dort sei tägl. eine Messe zu Ehren des Kg.s gelesen worden.Die Reichskleinodien wurden in der Kapelle von jeweils vier Zisterziensern des Kl.s Fürstenfeld bewacht.
Insgesamt muß man - trotz fehlender deutl. Quellenaussage - davon ausgehen, daß der Alte Hof nicht nur Wohn- und Repräsentationsstätte für den Kg./Ks. war, sondern auch Zentrale der Kanzlei und der oberen Landesbehörden, aber auch oft des Kaiserhofes, dies um so mehr als Ludwig der Bayer bis zu seinem Lebensende außerordentl. häufig in M. weilte. Die Rolle des unweit des Alten Hofes, außerhalb der Stadtmauern, gelegenen Franziskanerkl.s für den kgl. Hof läßt sich nur erahnen; es scheint eine Art »Hofkloster« gewesen zu sein. Dafür spricht jedenfalls die Tatsache, daß das Kl. jahrelangdie führenden Minoriten aufnahm, die im Sinne Ludwigs die päpstl. Allgewalt ablehnten, also den geistigen Kampf gegen das reiche avignones. Papsttum führten.
Hofjagd: Die Res. M. ist für großzügige Hofjagden ausgezeichnet geeignet: Im O jenseits der Isar liegt das weite »Gefilde«, das immer wieder als Jagdrevier angesprochen wird, im W. hat man ebenfalls mit großen Jagdrevieren zu rechnen; Eichenwälder um Allach und Nymphenburg sind heute letzte Reste. Im S. wird bis in die Gegenwart ein erstaunl. breites Band von ehem. hzgl. Jagd- und Forstgebieten sichtbar: Kreuzlinger Forst, Königswieser Forst, Forst Kasten, Forstenrieder Park, Grünwalder und Perlacher Forst. Es sind Forste, die nur durch einzelne Rodungsinseln aus dem frühen MAunterbrochen sind. Die in diesem breiten Waldgürtel 1288 erstmals belegte Burg Grünwald wurde seit Ludwig dem Bayern von 1319 bis etwa 1490 Sitz des oberbayer. Jägermeisters. Im weiteren westl. Umkreis M.s wurden vom Ks. die Wälder um das Zisterzienserstift Fürstenfeld bejagt. Hier starb Ludwig der Bayer am 11. Okt. auf der Bärenjagd.
Quellen
Bayerische Chroniken des 14. Jahrhunderts, hg. von Georg Leidinger, Leipzig 1918 (MGH SS rer. germ. XIX). - Dirr 1934/36. - Regesten Kaiser Ludwigs des Bayern, 1ff., 1991ff. - Stahleder 1995.
Literatur
Bansa 1968. - Burmeister 1999. - Denkmale und Erinnerungen des Hauses Wittelsbach im Bayerischen Nationalmuseum, Bd. 11, München 1999. - Geschichte der Stadt München, 1992, S. 61-96. - Ludwig der Bayer, 1997. - Morsak 1984, S. 122-131, 136-148, 160ff. - Moser 1985. - Schmid 2000. - Schmitt, Franz Joseph: Die Laurentiuskapelle im Alten Hof zu München, in: Repertorium für Kunstwissenschaft 19 (1896)S. 349-353. - Suckale 1993. - Thomas, Heinz 1993.