Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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METZ C.3.

I.

Ad mettensem urbem (Gregorius turonensis, Historia Francorum, Lib. II, Cap. 6, in: MGH SS rer. Merov. I,2, 1885, S. 67f., hier S. 68); apud mettensem civitatem (Gregorius turonensis, De virtutibus S. Martini episcopi, Lib. IV, Cap. 29, in: MGH SS rer. Merov. I,2, 1885, S. 206); Mettis (Venanti H. C. Fortunati, Carminum, epistolarum, expositionum libri XI, Cap. III, Carm. 13, in: MGH AA IV,1, 1881, S. 65f., hier S. 65); civitas mediomatricorum quae etiam Mettis appelatur(Pauli Warnefridi liber de episcopis Mettensibus, in: MGH SS II, 1829, S. 260-270, hier S. 261), 8. Jh.; in urbe Mediomatricorum Mettis vocabulo (Annales Bertiniani, Pars Secunda, in: MGH SS I,1, 1826, S. 429-454); Mez, Mes 13. Jh.; Mets 14.-16. Jh. Hauptstadt des merowing. Reiches Austrasien, Hauptstadt des Kgr.s → Lothringen (843), Diözesanhauptstadt (Suffragan der Erzdiöz. → Trier), Hauptstadt des bfl. Territoriums bis gegen 1330. - F, Region Lothringen, Dep. Moselle.

II.

Im MA entwickelte sich die Stadt ausgehend vom antiken Kern, erbaut am Zusammenfluß von Mosel und Seille. Gegen Ende des ersten Drittels des 10. Jh.s erhielt der Bf. die gfl. Rechte über die Stadt und ihre Vororte bzw. riß sie an sich und bezog die ehemalige fsl. Res., die anscheinend der ehemalige merowing. Königspalast war. Der Bericht über die Rechte des Bf.s, der aus der zweiten Hälfte des 12. Jh.s stammt (1152/54?), präzisiert: nuls n'a ban ne destroit en Mes se messire li evesque non ou de lui tient. Messire li evesque letient de l'emperour (»keiner hat Zwing und Bann in Metz es sei denn der Herr Bischof oder wer es von ihm zu Lehen hat. Der Herr Bischof hat es vom Kaiser zu Lehen«, Rapports des droits de Metz, nach einem Vidimus von 1486, BNF nouv.acq.fr. 6.732, Nr. 18, ed. in: François/Tabouillot, 6, 1790, S. 306), und fügt hinzu, daß der Bf. vom Ks. als Lehen bekommt »la Justice, la Monnaie et l'Hôtel impérial, situé en la dite cité, qui est celui ou l'évêque se tient« (»die Gerichtsbarkeit, die Münze und das kaiserlicheHaus, das in besagter Stadt liegt, in welchem der Bischof sich aufhält«, ebd.). Der Bischofssitz wurde während des Exils Bf. Bertrams (1187-90) geplündert, der Bischofschronik zufolge soll nichts als die Mauern übrig geblieben sein. Vor 1212 ließ Bertram das Schloß von → Vic erbauen. Wenig später lehnten die Bürger von Metz und die Elite der Patrizier die Autorität des Bf.s ab und faßten künftig souverän Beschlüsse in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Militär und Recht. Um 1310 verlegte Bf. Rainald von Bar bestimmte kirchl. Rechtsbefugnisse und den gesamten bfl. Hof nach→ Vic, wo Bf. Adhémar von Monteil um 1330 endgültig die Hauptstadt des Fbm.s einrichtete.

III.

Zu Beginn des 13. Jh.s wurde die Verwendung mehrerer Grundstücke und Gebäude westl. der Kathedrale verändert, wohl um den Wiederaufbau der Kathedrale vorzubereiten. 1210 überließ der Bf. dem Kathedralkapitel den Platz des ehemaligen bfl. Weinkellers. Bauarbeiten wie der Austausch von Grundstücken, die religiösen Einrichtungen zur Bebauung überlassen wurden, sind ab 1241 feststellbar. 1317 wird vermutl., trotz des Umzugs des bfl. Hofes nach → Vic, das große Gebäude, in dem der Bf. wohnte, erbaut oder wiedererbaut worden sein. Die bfl. Res., damalsunter dem Namen Cour l'Evêque bekannt, war trotz der Abwesenheit der Prälaten doch nicht ganz verlassen. Der Bf. wurde in der Stadt durch einen Vikar vertreten, der dort residierte; die kirchl. Verwaltung der Stadt und des Val de Metz hatten dort ihren Sitz. Versammlungen des Erzdiakons von Metz in der salle basse (aula) des Palasts sind für 1331 belegt.

Vor Mitte des 12. Jh.s sind die Dienste der Offizialen im Hof des Palastes belegt. Kirchl. Gefängnisse sind in den Chroniken seit 1364 und bis 1525 erwähnt. Es gab außerdem einen Pranger, gen. échelle (»Leiter«) oder auch chaffaud (»Schafott«), wo man unwürdige Mönche oder Hexen vor ihrem Prozeß zur Schau stellte. 1459 starb Bf. Conrad Baier von Boppard im Hôtel de la Haute Pierre, kanon. Res. seines Neffen, was ein Zeichen dafür sein kann, daß der Bischofspalast nicht bewohnbar war. Nach dem Tod Georgs von Baden (1484) und bis zurNominierung des Kard.s von Lenoncourt (1551) wurde keiner der Bf.e, die alle aus der Familie der Hzg.e von → Lothringen stammten, offiziell in der Stadt empfangen, da deren Tore ihnen gewöhnl. verschlossen waren. Am Ende des 15. Jh.s verwalteten die Magistrate der Stadt die Schlüssel für die Unterkunft des Bf.s, die jedoch für jeden ksl. Besuch zur Verfügung gestellt wurden: für → Friedrich III. im Sept. 1473, für → Maximilian I. 1492. Bei dieser Gelegenheit wird auch das obere Zimmer erwähnt, das ganz mit Tapisserien behängt war, das, vor demMoustier (der Kathedrale) gelegen, Tageslicht bekam und in dem der Ks. allein in Gegenwart seines Narren und von zwölf Musikanten speiste. Im Sept. 1498 ließ die Stadt noch einmal die Unterkunft herrichten, aber nur das ksl. Gefolge stieg dort ab. Der Ks. selbst residierte im »Passetemps«, dem aufwendigen Sitz der Familie Baudoche. 1540 stieg Ks. → Karl V. im Hôtel Anne de Raigecourt auf dem Hügel von Sainte-Croix ab. Der bfl. Wohnsitz diente gelegentl. zur Aufführung von Spielen oder »mystères«: im Jan. 1503 führten die Mönche das Spiel vonTerenz auf lat. in der grande salle basse auf. Kurz nach seiner Besitznahme (1551) verkündete Robert von Lenoncourt seine Absicht, im Stadthaus von M. zu wohnen. Eine Chronik des 16. Jh.s (die sog. »Annales de Metz, dites de la Hière«) schreibt ihm verschiedene Bauarbeiten zu: en peu de temps il y a faict une très belle et somptueuse édifice, car auparavant le lieu estoit de très pauvre édifice vieille et ancienne, car de longtemps n'y avoit eu évesque résident, par quoy tout estoit en petit ordre (»in kurzer Zeithat er ein sehr schönes und prachtvolles Bauwerk gemacht, denn vorher war an diesem Platz ein altes, armseliges Gebäude, da lange kein Bischof dort residiert hatte, weshalb alles in Unordnung war«, Zeller 1924, S. 221), dies sicher in der Absicht, hier die Ständetage von tous les nobles comtes et autres nobles de son évêché (»aller adligen Grafen und anderer Adliger seines Bistums«, Zeller 1924, S. 221) abzuhalten; da die Magistrate der Stadt ihn daran gehindert hatten (Jan. 1552), fand dieVersammlung, wie gewöhnl., in → Vic statt. Ab 1554 wurde die ehemalige Gasse Ruelle de Vazelle, die an den östl. Nebengebäuden des Palasts entlangführte, in die Gebäude des Hofs eingegliedert, pour la ragrandir et y faire un jeu de paume là dedans pour [le] plaisir [de l'évêque] (»um ihn zu vergrößern und darin ein Federballspiel zur Belustigung des Bischofs abzuhalten«, Zeller 1924, S. 239). Ebenso werden andere Arbeiten und der Abriß eines der Stadt gehörigen Hauses gen., was dazu dienen sollte,einen neuen Nebeneingang für den Palast zu öffnen. Die Rechnungen des Schatzmeisters erwähnen für den 11. Dez. 1556 eine Zahlung von mehr als 1813 Pfund pour édifice fait en la maison épiscopale (»für am Haus des Bischofs durchgeführte Bauarbeiten« (Comptes du trésorier de l'évêché, BNF, Collection Lorraine 321, fol. 170, zit. Zeller 1924, S. 321, Anm. 1), jedoch weiß man nicht genau, auf welche Arbeiten sich dies bezieht. Die Ruelle Vazelle wurde schließl. von der Stadt im Austausch gegen Grundstücke abgetreten, die sie sichzuvor für den Bau der Rue l'Évêque genommen hatte (seit 1531 vorgesehen, aber erst 1607 durchgeführt), und vor 1678 stand an dieser Stelle die Gaststätte »La Croix d'Or«, ein Nebengebäude des bfl. Grundstücks. Die Bischofskapelle, gewidmet dem hl. Gallus, erbaut vor 875 auf dem Kirchplatz der Kathedrale, wurde beim Durchbruch der Rue L'Évêque entfernt. Um Ersatz zu schaffen, ließ Kard. Givry, einer der wenigen Prälaten, die dort residierten, eine neue Kapelle bauen, deren Standort unbekannt ist. Da die bfl. Res. zumeist unbewohnt war und die Bf.e in der Regel einem Suffragan dieSorge um die geistl. Aufgaben überließen, wurde sie als Unterkunft für die frz. Kg.e bei deren Besuchen in M. genutzt: Karl IX. (1569), Heinrich IV. (1603), Ludwig XIII. (1632), Ludwig XIV. (1657, 1663, 1678, 1683). Seit 1738 wurde im Rahmen der Umgestaltung der Umgebung der Kathedrale der Wiederaufbau des Palasts von M. geplant. Die letzten Überreste der alten Res. verschwanden erst zw. 1781 und 1784. Der letzte Zustand der Gebäude (der dem Wiederaufbau Mitte des 16. Jh.s entspricht?) ist bekannt durch zwei Ansichten von Anfang des 17. Jh.s und einem Plan aus der Mitte des 18. Jh.s. DenInnenhof des Palastes bildete ein unregelmäßiges Vieleck von 125 m Länge und bis zu 75 m Breite. Auf der Seite der Kathedrale erstreckte sich das Haupthaus (50 m Länge, 17 m Breite, 23 m Höhe bis zum Giebel) zw. den Gärten im W und dem großen Ehrenhof im O, der mit dem Platz devant le Grand Moustier zusammentraf, wo sich auch der Stadtpalast befand. Die Dokumente von Anfang des 17. Jh.s (Fabert 1610 und Geffroy de Langres, Portrait de la ville et cité de Metz, Ölgemälde auf Leinwand vom Ende des 16. Jh.s im Hôtel de ville von Metz, nichted., diente aber als Modell für Stiche des 17. Jh.s., v. a. für jene, die in Fabert 1610 wiedergegeben sind) zeigen ein dreistöckiges Gebäude unter einem Spitzdach, die Fassade ist mit sechs Mauergiebeln »im Spatzenschritt« besetzt. Die Durchbrüche und was man von der Verzierung des Eingangsportals erkennen kann, scheinen eine Wiederaufnahme des Gebäudes gegen 1553 zu bestätigen. Ein nach S geöffneter Hof beherbergt die Pförtnerloge, die Pferdeställe und ein Gebäude, das wohl zur Unterbringung von Dienstboten genutzt wurde. An der Verbindung dieser beidenEnsembles erhebt sich eine antike Konstruktion von 20,5 × 14 m, über 10 m hoch, über die Anne de Caylus 1762 unter dem Titel »maison quarrée« (quadrat. Haus) eine Studie angefertigt hat. Das damals als Speicher verwendete Gebäude, das aufgrund seiner Lage die ehemalige Basilika auf dem Marktplatz der antiken Stadt gewesen zu sein scheint, wurde wahrscheinl. als ein Teil des merowing. Königspalastes wiederverwendet. Vermutl. kann man darin aber auch Überreste der bfl. Res. aus der Zeit von der Mitte des 10. Jh.s bis zu den ersten Jahren des 14. Jh.s sehen.

Quellen

Caylus, Anne de: Recueil d'antiquités égyptiennes, grecques, étrusques, romaines et gauloises, Bd. 5, Paris 1762. - Chastillon, Claude: Topographie française ou représentation de plusieurs villes, bourgs, châteaux, forteresses du royaume de France, Paris 1648. - La chronique de Philippe de Vigneulles, 1-4, 1927-33. - Fabert, Abraham: Voyage du roy à Metz, l'occasion d'iceluy: ensemble les signes de resiouyssance faits par ses habitans, pour honorer l'entrée de samajesté, Metz 1610. - François, Jean/Tabouillot, Nicolas: Histoire de Metz par des religieux de la congrégation de Saint-Vanne, 7 Bde., Paris 1974. ND der Ausg. Metz, Nancy 1769-90). - Meurisse 1634 - Zeller, Gaston: Fragments inédits de chroniques messines (1553-1557), in: Annuaire de la Société d'histoire et d'archéologie de la Lorraine 35 (1924) S. 207-263.

Bour, Roch-Stéphane: Eglises messines antérieures à l'an Mil, in: Annuaire de la Société d'histoire et d'archéologie de la Lorraine 38 (1929) S. 622-623. - Gauthier, Nancy: L'évangélisation des Pays de la Moselle. La Province romaine de Belgique Première entre Antiquité et Moyen Age (IIIe-VIIIe siècles), Paris 1980. - Jolin, René: Implantation des vestiges romains retrouvés aux environs de la cathédrale de Metz auXVIIIe siècle, in: Annuaire de la Société d'histoire et d'archéologie de la Lorraine 75 (1975) S. 31-43. - Kammerer, Odile: Métropoles épiscopales sans évêques. Essai de comparaison entre Metz et Strasbourg au XIIIe siècle, in: Finances, Pouvoirs et Mémoire. Mélanges offerts à Jean Favier, hg. von Jean Kerhervé und Albert Rigaudière, Paris 1999, S. 170-184. - Mendel, Pierre: Lesatours de la ville de Metz. Étude sur la législation municipale de Metz au moyen âge, Metz 1932, S. 21-68. - Pelt, Jean-Baptiste: Textes principalement extraits des registres capitulaires (1210-1790), Metz 1930 (Études sur la cathédrale de Metz). - Pelt, Jean-Baptiste: Le palais épiscopal à Metz, in: Almanach de Marie Immaculée 2 (1923) S. 32-34. - Prost, Auguste: Etudes sur l'histoire de Metz. Les légendes, Metz 1865. - Prost, Auguste: La cathédrale de Metz.Etude sur les édifices actuels et ceux qui les ont précédés ou accompagnés, in: Mémoires de la Société d'Archéologie et d'Histoire de la Moselle 16-17 (1885) S. 217-698. - Schneider 1947. - Schneider 1950, hier v. a. S. 67-113. - Vieillard-Troiekouroff, May: Les monuments religieux de la Gaule d'après les œuvres de Grégoire de Tours (Thèse Paris 1974), Paris 1976. - Wagner, Pierre-Edouard/Jolin,Jean-Louis: Quinze siècle d'architecture et d'urbanisme autour de la cathédrale de Metz, Metz 1987, hier v. a. S. 209-228.