Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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MERGENTHEIM C.5.

I.

Mergintaim (1058, Druck 18. Jh.), Mergentheim (1103, kopial 16. Jh.), wohl vom Personennamen Marigunt, umgangssprachl. Mergental, Mariental, heute amtl.: Bad M. - Schloß und Stadt an der Tauber - Sitz der Zentralbehörden des Deutschen Ordens - Wasserburg am Stadtrand von M. - 1525-1806 Res. der Deutschmeister, ab 1527/28: Administratoren des Hochmeisteramtes in Preußen und Deutschmeister. - D, Baden-Württemberg, Main-Tauber-Kr.

II.

Die Wasserburg und die ehem. von einem Graben umschlossene Stadt M. liegen am Zufluss des Wachbachs in die Tauber, an einem seit 1346 durch eine steinerne Brücke gesicherten Tauberübergang. Die Straße längs der Tauber war Teil der Königsstraße → Nürnberg - Frankfurt. Die Dynasten von Hohenlohe, die um 1200 die Herrschaft über M. innehatten, überließen die 1207 bezeugte Pfarrkirche samt Grundbesitz dem → Johanniterorden. 1219 traten drei Brüder Hohenlohe in den Deutschen Orden ein und beschenkten ihn in und um M. Vom 13.-16. Jh. verdrängte derDeutsche Orden die Hohenlohe, die Johanniter und den ministerial. Adel aus der Stadt; nur die Abtei Schöntal behauptete ihren Propsthof. - Nach der Zerstörung der Burg → Horneck durch die Bauern bot die Ballei Franken dem Deutschmeister Dietrich von Cleen (1515-26) die reiche Kommende M. als vorläufigen Aufenthalt an, ein Provisorium, das bis 1572 Bestand hatte: Der Administrator und Deutschmeister erhielt M. jeweils auf eine bestimmte oder auf Lebenszeit gegen Revers zur Nutzung. Die fakt. Entscheidung zu Gunsten der Res. M. fiel - ohne förml. Beschluß der Ballei - unterMaximilian von Österreich (1590/95-1618), seit 1585 als Koadjutor im Besitz von M. An ihm wurden freilich auch die Gefahren fsl. Administratoren und Deutschmeister für M. deutlich: Stiegen sie auf, sank M. zur Nebenres. ab. Seit Ludwig Anton von Pfalz-Neuburg (1684-94) war dies die Regel. Hinzu kam die Abwesenheit vieler Administratoren und Deutschmeister infolge hoher Funktionen im ksl. Heer. Bis zur Abtretung des Meistertums an Ks. Franz II. im Febr. 1806 sonnte sich M. dennoch immer wieder im Glanz seines fsl. oder kfsl. Herrn und seiner hohen und höchsten Gäste. - Schon 1269werden Bürger von M. gen. Unter Ks. → Ludwig dem Bayern erlangte der Deutsche Orden vielfältige Privilegien zu Gunsten seiner Stadt, u. a. 1340 Stadtrecht, Befestigungsrecht und Blutgerichtsbarkeit nach Gelnhäuser Recht (1529: Wimpfener Recht) und Ausdehnung des Marktrechts auf zwei Jahrmärkte, 1341 Freiheit von fremden Gerichten und Aufnahme von sechs Judenfamilien. Ein ksl. Privileg von 1342 schrieb die Rechte des Ordens gegenüber den Bürgern hinsichtl. der Rats- und Gerichtssitzungen, von Steuer und Bede, des Befestigungsrechts, der Siegelführung und der Besetzung der Ämter bis 1806fest. 1537 gestattete Walter von Cronberg (1527-43) den Bürgern die Ablösung der Leibeigenschaft. Den eingeschränkten bürgerl. Freiheiten standen zahlr. vom Orden geförderte öffentl. Einrichtungen gegenüber: 1561-64 ließ Wolfgang Schutzbar gen. Milchling (1543-66) das Rathaus neu erbauen. 1569 entstand eine dt.-lat. Schule (1784 getrennt), 1577 eine eigene Lateinschule, die 1700 zum Gymnasium/Lyceum erweitert wurde. 1606/08 erhielt M. ein Priesterseminar. Durch Zusammenlegung der Bibliotheken von Kanzlei und Priesterseminar schuf Karl Alexander von Lothringen 1774 eine öffentl. Bibliothek(1809: 40 000 Bde.). Dem Spital des Deutschen Ordens galt die Fürsorge der Administratoren und Deutschmeister in baul. wie in finanzieller Hinsicht. Das Siechen- und Armenhaus vor der Stadt erhielt 1715-17 einen Neubau. 1764 folgte ein städt. Krankenhaus für Invaliden, arme Bürger und Dienstboten. Alle diese Einrichtungen wurden 1784 zu einem Armeninstitut vereint; dessen Wollmanufaktur ging allerdings schon nach wenigen Jahren ein. In M. gab es seit 1706 eine Poststation, seit 1775 die Druckerei Griebel, die ein Intelligenzblatt herausgab. Gegen Ende des 18. Jh. waren die Bürger sogar zu denHofbällen zugelassen. Für den Adel, bes. den Kanton Odenwald, war M. seit 1529 bevorzugter Versammlungsort.

III.

Wie zuvor die Burgkapelle der → Horneck wurde 1543-72 die Schloßkapelle zu M. »Erbbegräbnis« der Administratoren und Deutschmeister. Seit 1479 bestand hier eine u. a. vom Deutschmeister ins Leben gerufene St. Georgs-Bruderschaft, in die nun die Administratoren und Deutschmeister Seelgeräte zugunsten ihrer Vorgänger stifteten. Auf dem M. benachbarten, im Bauernkrieg zerstörten Schloß Neuhaus errichtete Walter von Cronberg ab 1528 eine Sommerres., die nach der Zerstörung im Schmalkaldischen Krieg (Juli 1552) wieder aufgebaut wurde. Die Kanzlei desDeutschmeisters war 1525 nach M. gekommen; sie wurde hier zunehmend ausgeweitet. Mit Kanzleigebäude und Archiv (1568-1571) begann in einer ersten Phase bis 1606 die Umgestaltung der Burg M. zum Schloß. Zugl. entstand eine trapezförmige Vorburg u. a. mit Neuer Trapponei, Marstall, Zehntscheuer, Junkerstallung und Neuem Bandhaus. Unter Maximilian von Österreich sind hervorzuheben das Edelknabenhaus (1586-89, 1606 Priesterseminar), die »Maximilianische Kapelle« (erbaut bis 1608, abgebrochen 1736) mit umlaufender Altane (1602-05, eingestürzt 1682), die eigentl. Res. des Meisters im Südflügel(1599) und der sog. Neue Garten (1591-1608). Das Schloß war geschützt durch einen äußeren Schloßgraben mit Wehrmauer und fünf Basteien und einen inneren Schloßgraben (dieser eingeebnet 1730). 1605 wird M. erstmals als Res. bezeichnet. Von den Umbauplänen unter Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1694-1732) und Clemens August von Bayern (1732-61) kamen die Balthasar Neumanns nicht, die François de Cuvilliés d. Ä. und Franz Joseph Roths kaum zum Tragen; Höhepunkte der Bautätigkeit im 18. Jh. waren die Hofkirche (1730-6) nach Plänen Roths und eine südl. an das Schloß angebaute neue Sala terrena(ab 1739, abgebrochen 1823). Im äußeren Schloßhof wurden ab 1710 mehrere Gebäude erweitert oder verändert (Seminar, Trapponei, Kanzlei, Archiv, Umbau des Bandhauses zum Verwaltungsgebäude). Trotz aller Baumaßnahmen: Schloß M. wurde nie »Barockschloß«, sondern bewahrte den Charakter einer Wasserburg. Ab 1713 sind Pläne zu einem barocken Ziergarten erwähnt. Den engl. Landschaftsgarten an der Tauber (1791-1804/05) schuf der Hofgärtner Franz Joseph Hüller.

Quellen

Sammlung Breitenbach zur Geschichte des Deutschen Ordens: SA Ludwigsburg, Bestand JL 425.

Demel, Bernhard: Mergentheim - Residenz des Deutschen Ordens (1525-1809), in: ZWLG 34/35 (1975/76) S. 142-212. - Dietz, Gudrun Maria: Untersuchungen zum Landschaftsgarten der ehemaligen Deutschordensresidenz Mergentheim, München 1988 (Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte der Universität München, 33). - Mergentheim, in: Beschreibung des Oberamts Mergentheim, Stuttgart 1880, S. 318-432. - Raupp, Emil: Die Bautätigkeit des Deutschen Ordens in seiner ehemaligen ResidenzstadtMergentheim unter besonderer Berücksichtigung des Ordensschlosses, Würzburg 1975 (Mainfränkische Studien, 9).