Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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MARKTOBERDORF C.3.

I.

M. wurde in fränk. Zeit als Oberes Dorf besiedelt. Ausgrabungen datieren diese Ortsgründung um das Jahr 550. Der Name Oberdorf blieb dann bis zum Ende des 19. Jh.s die offizielle Bezeichng., von 1898 bis zur Stadterhebg. 1954 lautete die amtl. Bezeichng. Markt Oberdorf, seither M. Die Ursprünge hochstift. Herrschaft gehen auf das Jahr 1299 zurück, als der Augsburger Bf. von den Herren von Kemnat die Vogtei Oberdorf-Bertoldshofen erworben hatte. Die Oberdorfer Burg diente der Sicherung dieserVogtei, sie hatte zur Jagd- und Sommerzeit Residenzcharakter und sie beherbergte bis 1748 auch den Amtssitz der bfl. Vögte bzw. Pfleger. - D, Bayern, Reg.bez. Schwaben, Kreis Ostallgäu.

II.

Den hochstift. Besitz in und um Oberdorf verwaltete man ursprgl. von → Füssen aus; 1366 wurde dann in Bertoldshofen eine Vogtei errichtet und nach deren Aufhebung wählte man um 1400 als Amtssitz Oberdorf. Der dortige Amtssprengel mit herrschaftl. Befugnissen in Unter- und Oberthingau, Reinhardsried und Görisried, Stötten am Auerberg, Steinbach, Bernbach, Bertoldshofen und Thalhofen erweiterte sich im Laufe der Zeit beträchtl. durch Erwerbungen in Rettenbach (1453), Bidingen (1506), Leuterschach und Wald, Weibletshofen,Altdorf, Biessenhofen, Ebenhofen, Ruderatshofen und Gennachhausen, um das 1658 wieder von der Pflege Oberdorf abgetrennte Apfeltrang und um Frankenried, das 1632 zur Pflege Helmishofen kam. Schließl. kamen noch die Herrschaft Ottilienberg und die Vogtei Sulzschneid (1616) hinzu. Nach der Verlegung der Stiftsvogtei von Bertoldshofen nach Oberdorf fand auch der neue bfl. Herrschaftssitz 1424 seine erste Erwähng. Bf. Heinrich von Lichtenau (1505-17) ließ die ältere Burg zu Oberdorf zu einem Jagd- und Sommerschloß umgestalten, in dem auch Ks. → Maximilian I. mehrmals nächtigen sollte. 1598/99 wurde die Schloßanlage baul. erweitert. Trotz dieser Veränderung hatte Fbf. Alexander Sigismund von → Pfalz-Neuburg die ältere Renaissanceanlage 1722 vollkommen abbrechen lassen, um es zw. 1723 und 1728 durch eine barocke, aber mit Rücksicht auf den Bestand der benachbarten älteren Pfarrkirche St. Martin keineswegs idealtyp. und regelmäßig geformte Vierflügelanlage zu ersetzen.

III.

Die Spuren der 1424 erstmals genannten ma. Burganlage und ihrer Erweiterung 1598/99 sind durch das Bemühen der Landesherren im 18. Jh., Oberdorf statt → Füssen zur Sommerres. auszubauen, beseitigt worden. In Oberdorf wiederholte sich eben nicht die für → Augsburg, → Dillingen und → Füssen typ. Entwicklg. einer sukzessiven Überbaug. unter Wahrg. des ma. Kerns und seines planer. Größenzuschnitts. Die Jahre 1722/23 sind als eine Zäsur in der Geschichte stift. Landres.en zu werten. Zwar erfuhr auch der OberdorferSchloßneubau von 1722 in seiner topograph. exponierten Lage 1761/62 unter Bf. Josef von Hessen-Darmstadt nochmals Veränderungen, doch brachten sie keine Modifikation des Grdr. Es handelte sich ledigl. um die Aufstockg. des Nordteils und Zwischentrakts zum sog. Gästebau. Insgesamt umfaßte die Oberdorfer Schloßanlage nach 1762 über 70 Zimmer (72), die aber dennoch nicht ausreichten, um den jährl. Jagd- und Hoftroß zur Zeit des Kfs.en Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1764-1803) aufzunehmen. Die 1748 aus dem Schloß in den Marktort verlegte Pflegerwohnung und andere Privatquartiere bfl. Hintersassenin und um den Pflegamtssitz erweiterten während der Sommermonate ggf. den örtl. Wohnraum für den Hofstaat. Das Oberdorfer Sommerschloß kam in seiner landschaftsgebundenen Außenwirkung mit einer nach 1774 angelegten über 1900 m langen Lindenallee, mit einem 1790 großzügig ausgestalteten Hofgarten, mit zahlr. Nebengebäuden und Stallungen (Reitschule, Marstall, Ökonomiegebäude) in ihrer räuml. Gliederung dem zeremoniell-repräsentativen Hofgepräge Augsburger Bf.e außerhalb → Augsburgs und → Dillingens am nächsten. Ein erst im Säkularisationsjahr 1802 von der Abtei Ottobeurengekaufter Komödiengebäude sorgte noch bis zum Tod des letzten Fbf.s 1812 für Theaterersatz, als dort die kleine Hofhaltung unter Clemens Wenzeslaus von Sachsen nach der Säkularisation fortbestand. Bfl. Hofhaltung spiegelte sich auch im Inventar von 1768 wider, wenn es für das zweite Obergeschoß, wo sich die Wohn- und Repräsentationsräume befanden, eigene Kabinetts-, Audienz- und Konferenzzimmer jeweils mit Antichambre, das fsl. Schlafgemach mit Baldachin-Prunkbett - bei Bedarf war es nur durch eine span. Wand (Paravent) von der leibgarde bethstatt abgetrennt -, dieHofkapelle und eine gut bestückte Silberkammer auflistete. Das Oberdorfer Audienzzimmer reflektierte einerseits mit einem welschem Kamin, nadelgrünen Plüschsesseln und zugehörigen Schemeln, zwei brokatbezogenen Tischen mit geißfüß und den in Öl festgehaltenen Waidmannszenen die Behaglichkeit einer jagdbegeisterten Hofgesellschaft. Andererseits trugen furnierte Aufschlagtische und die im Inventar ausdrückl. genannten zusätzl. Hausgerätschaften - dazu zählten ca. 120 Polsterstühle, 87 Lehnsessel, 38 große und kleine Tische, 94Betten, zwölf Perückenaufsätze usw. - den speziellen Bedürfnissen einer Sommerres. mit kurzfristig fluktuierenden Reisegesellschaften Rechnung. Alles konnte rasch vergrößert bzw. verkleinert werden.

Quellen

Das bfl. Archiv ist in erster Linie verteilt auf: SA Augsburg, Bistumsarchiv Augsburg, StA M. und StA Augsburg. - Reisen und Reisende in Bayerisch-Schwaben, 1-2, 1968-74. - Vock, Walther E.: Die Urkunden des Hochstifts Augsburg 769-1420, Augsburg 1959 (Veröffentlichungen der SFG 2a/ 7). - Volkert 1985.

Beiträge zur Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte des Hochstiftes Augsburg. Peter Gaisbergs Statistik des Amtes Oberdorf, hg von Alfred Schröder, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen 20 (1907), S. 123-153. - Dertsch, Richard: Landkreis Marktoberdorf, München 1953 (Historisches Ortsnamenbuch von Bayern. Schwaben, 1). - Dömling, Martin: Heimatbuch. Geschichte, Land und Leute von Markt Oberdorf im Allgäu, Markt Oberdorf 1952. - Eisinger -Schmidt, Claudia: Marktoberdorf, München 1985 (Historischer Atlas von Bayern. Tl. Schwaben, I/14). - Heydenreuter, Reinhard: Marktoberdorf. Kurfürstlicher Sommersitz im Ostallgäu, Stuttgart 1997 (Bayerische Städtebilder. Schwaben). - Wüst, Wolfgang, Höfische divertissements in süddeutschen Klein- und Kleinstresidenzen. Kulturelles Leben zwischen Repräsentationszwang und monetärer Not im Augsburger Fürstbistum, in: Geselligkeit und Gesellschaft im Barockzeitalter, hg. von WolfgangAdam, Wiesbaden 1997 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung, 28), Tl. 2, S. 735-750. - Wüst, Wolfgang: Das Fürstbistum Augsburg. Eine geistliche Stadt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Ein historisches Sachbuch, Augsburg 1997.