Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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MARBURG C.7.

I.

Marburg 1138/39, Martburgensis moneta 1194, Marcborch 1227, Marhpurc 1233; civitas 1222, oppidum 1232, civitas 1248, civitas et oppidum 1271, borg und stad 1311. Der Name M. geht auf den am nördl. Fuße des Burgberges verlaufenden Marbach zurück, der die Sprengel der Dekanate Christenberg und Amöneburg trennte. Unter Lgf. Heinrich I.Ausbau der Höhenburg zum repräsentativen Fürstensitz. Res. der hess. Lgf.en Ende des 13. Jh.s, gemeinsam mit → Kassel 1308-11, 1458-1500, 1567-1604. - D, Hessen, Reg.bez. Gießen, Kr. M.-Biedenkopf.

II.

M. liegt im Lahntal zw. zwei in N-S-Richtung verlaufenden Höhenwegen auf dem M.er Rücken (Wein- bzw. Wagenstraße) und den Lahnbergen, die durch drei Furten miteinander verbunden waren, sowie an einer O-W-Verbindung, die von Thüringen zum Rhein führte.

Unterhalb der Burg der Lgf.en von Thüringen bestand um 1140 eine planmäßig angelegte Marktsiedlung, die bis 1180 zur Stadt ausgebaut wurde. Die erste Stadtbefestigung schloß an die lgfl. Burg an; Erweiterung der Ummauerung um 1235, Anlage der Neustadt vor 1260. 1194 wird die M.er Münze erstmals erwähnt, Münzprägungen sind jedoch schon vor 1140 nachweisbar. M. war seit 1227 eigenständige Pfarrei, davor Filiale von Oberweimar. Bereits 1222 wird eine maior ecclesia erwähnt. Das Patronat der Pfarrkirche hatten ursprgl. die Lgf.en von Thüringen inne, 1231 ging es zunächstan das von der hl. Elisabeth gegründete Franziskus-Hospital, 1234 an den → Deutschen Orden über.

Die städt. Autonomie war von etwa 1250 bis über die Mitte des 14. Jh.s hinaus stark ausgeprägt, erst unter Lgf. Hermann II. gewannen die Lgf.en direkten Einfluß auf das Stadtregiment. Im 15. Jh. waren viele Entscheidungen der städt. Selbstverwaltungsorgane von der Beteiligung oder der Zustimmung lgfl. Beamter abhängig. Oberster Beamter des Stadtherrn war der villicus (1214), seit 1228 Schultheiß gen. Seit der Mitte des 13. Jh.s ist die Existenz eines zwölfköpfigen Schöffenkollegs überliefert, das sich durch Kooptation ergänzte. 1284 ist erstmals ein Bürgermeisternachweisbar. Das Stadtrechtsprivileg von 1311 bestimmte die Einsetzung eines Rates, der von den Mitgliedern des weiterhin bestehenden Schöffenkollegs gewählt wurde. Zw. 1385 und 1391 ersetzte Lgf. Hermann II. den Rat durch ein Vierer-Gremium, das in direkter Wahl durch die Stadtgemeinde besetzt wurde, um den Einluß der patriz. Führungsschicht zurückzudrängen. 1414 wurde das Vierer-Gremium wiederum durch den Rat ersetzt, seit 1428 bestanden beide Einrichtungen nebeneinander.

III.

Ältester Teil der Burg ist der archäolog. erschlossene Saalgeschoßbau unterhalb des heutigen Westflügels, wobei der Frühdatierung in das 9./10. Jh. (Meiborg/Roth 1992, S. 47-48) der Vorzug vor einer späteren Datierung in das 11./12. Jh. zu geben ist (Grossmann 1999, Strickhausen 1998). Im 11. Jh. wurde der Saalgeschoßbau zu einem quadrat. Wohnturm umgebaut, der von einer polygonalen Ringmauer geschützt wurde. Zudem wurde das Niveau des Innenhofesdurch Verfüllungen um etwa 8 m angehoben. Der Ausbau der Burg zum repräsentativen Fürstensitz erfolgte in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s und prägt in weiten Teilen noch das heutige Erscheinungsbild. Mit dem Bau des zu Wohnzwecken dienenden Südflügels wurde bereits kurz nach 1250 begonnen. 1288 weihte Bf. Christian von Samland die im Stil der frz. Hochgotik errichtete Schloßkapelle der hl. Katharina. In der Kapelle sind das Fußbodenmosaik und Reste der Wandmalerei aus der Entstehungszeit erhalten. Der zw. 1292 und 1300 von Lgf. Heinrich I. begonnene Bau des sog. Ritter- oder Fürstensaaleskonnte erst nach 1308 fertiggestellt werden. Die Größe dieses got. Raumes und seine Ausführung mit Steingewölben sind für vergleichbare profane Säle ungewöhnl. und deuten auf das mit der Erhebung in den Reichsfürstenstand verbundene erhöhte Repräsentationsbedürfnis der Lgf.en Ende des 13. Jh.s hin. Das Leutehaus, das auch die Küche beherbergte, schloß sich östl. an den Saalbau an. Bereits 1372/73 wird in der M.er Rentmeisterrechnung im Zusammenhang mit Bauarbeiten am Schloß ein schribhus erwähnt. Seit den 1470er Jahren sind Umbauten am Südflügel bezeugt. Das Erbe derGft. Katzenelnbogen i. J. 1479 und die damit verbundenen hohen Bargeldeinnahmen aus den Rheinzöllen schlug sich in dem weiteren repräsentativen Ausbau der Res. nieder. Der sog. Frauenbau wurde 1486 als Westflügel des Schlosses errichtet. Von 1493-97 ließ Lgf. Wilhelm III. im O des Schloßberges von seinem Hofbaumeister Hans Jakob von Ettlingen einen nach dem Auftraggeber benannten, den Ansprüchen der Zeit genügenden Wohn- und Saalbau (Wilhelmsbau) errichten. Ettlingen, der seit 1470/71 in lgfl. Diensten stand, konstruierte 1478 im Nordwesten des Burgbergs einen als Hexenturmbezeichneten dreigeschossigen Geschützturm. Der Baumeister Ebert Baldewein baute 1572 die südl. an die Kapelle anschließende Rentkammer.

Da der lgfl. Herrenhof bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s an die Niederlassung des → Deutschen Ordens überging, wurde nordwestl. unterhalb des Burgberges in Richtung der 1260 erstmals erwähnten Neustadt ein Renthof errichtet. In der westl. vom Hochschloß gelegenen Vorburg befinden sich Schmiede, Zeughaus und Marstall, die ebenso wie die ein nicht mehr vorhandenes Stallgebäude auf das 14./15. Jh. zurückgehen. Weitere Wirtschaftsgebäude befanden sich im Nordzwinger; 1372 sind dort ein Backhaus und ein Schweinestall, 1475 ein Schlachthaus urkundl. belegt.

In der 1235 begonnenen und 1283 vollendeten Elisabethkirche richteten die Lgf.en ihre Grablege ein, in der von Heinrich I. († 1308) bis Wilhelm II. († 1509) alle hess. Lgf.en bestattet sind. Lgf. Otto ließ in den 1320er Jahren im Südchor der Elisabethkirche künstl. aufwendig gestaltete Tumbengräber nach burgund. Vorbild errichten, welche die enge Verbindung der Dynastie mit der zur fsl. Landesheiligen stilisierten Vorfahrin dokumentierten.

Quellen

Quellen zur Rechtsgeschichte der Stadt Marburg, bearb. von Friedrich Küch, 2 Bde., Marburg 1918/1931. ND Marburg 1991 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, 13).

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