LIVERDUN C.3.
I.
Liberdunum (894), Leverdun (1265), Luverdun (1267), L. (1325). Die keltische Nachsilbe -dunum bezeichnet eine auf einer Höhe gelegene Festung. - Bm. Toul; Bf.e von Toul. L. wurde frz. nach der Besatzung der drei Bm.er → Metz, Toul und → Verdun 1552 durch Heinrich II., was durch den Westfälischen Frieden 1648 rechtl. bestätigt wurde. - Nebenwohnsitz der Bf.e von Toul vom Ende des 12. bis zum Anfang des 18. Jh.s. - F,Lothringen, Dep. Meurthe-et-Moselle.
II.
L. liegt am linken Ufer der Mosel, etwa 15 km flußabwärts von → Toul. Der Ort befindet sich auf der Spitze eines von einer Schleife der Mosel umgebenen felsigen Vorgebirge. Die Stadthöhe war über einen engen Erdweg zwischen zwei steilen Abhängen zugänglich. Eine Brücke am Fuß der Stadt ermöglichte das Überqueren der Mosel sowie das Erreichen der Straßen in Richtung → Toul und → Nancy. Diese gegen 1180 zum ersten Mal erwähnte Brücke wurde viell. auf den Überresten einer galloroman. Brücke erbaut. Auf dem PlateauEisenerzvorkommen, am Hang Weinbau.
Das Gebiet von L. ist seit dem Neolithikum besiedelt. Ausgrabungen haben eisenzeitl. Grabstätten sowie eine galloroman. Villa ans Licht gebracht. Zu jener Zeit gehörte L. zum pagus Tullensis der civitas Leucorum, dessen Hauptort → Toul war. Laut der Legende erlitt der hl. Eucharius 362 den Märtyrertod nahe Pompey und wurde in L. begraben. Grabstätten aus dem 7. und 8. Jh. zeugen von einer Belagerung L.s zur Frankenzeit. 622 sei L. von Kg. Dagobert I. von Austrasien den Bf.en von Toul übergeben worden. 1177 Wiederaufbau derFestung und des damals trümmerhaften Schlosses durch Bf. Peter von Brixey zur Sicherung seiner kirchl. Einnahmen mit Hilfe eines befestigten Ortes. Ks. Friedrich I. Barbarossa lobte dieses Vorhaben in einer Urk. vom 14. Sept. 1178 und gab dem Bf. das Münzrecht in L.
Um Einw. für seine neue Festung zu werben, bediente sich Pierre de Brixey des Mittels, den Einw.n einen Freiheitsbrief auszustellen. Es ist der älteste Freiheitsbrief → Lothringens. 1184 errichtete der Bf. in der alten Burgkapelle ein Kanonikerstift zu Ehren des hl. Eucharius. Bf. Gilles de Sorcy gründete 1264 einen Markt in L.
L. war der Sitz einer bfl. Propstei mit einem Propst und einem Kastellan. Dort wohnten gelegentlich die Bf.e, v. a. dann, wenn sie Streit mit den Bewohner von → Toul hatten. Die Festung war eines der zahlr. Schlösser entlang der Mosel und wurde während häufiger Kriege, die → Lothringen im MA heimsuchten, mehrmals belagert, zerstört und wiederaufgebaut. Im 17. Jh. litt die Stadt unter der Folgen des Dreißigjährigen Krieges und der frz. Belagerungen → Lothringens. Die Touler Bf.e hielten sich immer seltener in L. auf und 1699 entschloß sich Bf. Heinrich vonThiard von Bissy, das Kanonikerstift St. Eucharius abzuschaffen, um das Einkommen dem neu entstandenen Priesterseminar in → Toul zukommen zu lassen.
L. war außer der Bischofsstadt selbst die einzige Stadt des Bm.s Toul, die durch einen Freiheitsbrief begünstigt wurde. Der Freiheitsbrief von Peter von Brixey wurde von seinen Nachfolgern Eudes de Vaudémont 1191/92 und Mathieu de Lorraine 1202 bestätigt. Andere Freiheitsbriefe legten die jeweiligen Rechte des Bf.s und der Gemeinde (burgensium universitas) fest.
III.
L. besteht aus zwei Stadtteilen. Die Oberstadt bildete ein Viereck von 30 m im N, 280 m im S, 300 m im W und 320 m im O, die Unterstadt ein Rechteck von 300 m Länge und 120 m Breite, dem Steilhang nach unten folgend. Beide Stadtteile waren von einer Mauer umgeben und durch ein Tor verbunden. Die Stadtmauer war von Türmen flankiert, von denen noch heute Überreste vorhanden sind. Bf. Peter von Brixey hatte beim Wiederaufbau das ursprgl. Schloß um 100 Schritte verschoben, um es auf die steilste Stelle des Felsens zu setzen, und ließ einen Brunnenbauen. Das Bischofsschloß selbst besetzte damals die Nordspitze der Oberstadt mit 30 m im N, 50 m im S, 90 m im W und 100 m im O. Später wurde das Schloß mehrmals zerstört und wiederaufgebaut. Es scheint, daß es nach seiner Zerstörung 1467 durch die → Lothringer nicht wiedererrichtet worden ist. Im S-O-Winkel der Oberstadt hatten die Bf.e noch einen anderen Besitz, gen. Schloß Beaujour, der heute ebenfalls verschwunden ist. Ab 1712 ließ Bf. Franz Blouet von Camilly an einer anderen Stelle ein Bischofshaus bauen, das heutige Pfarrhaus.
Die ehemalige Schloßkapelle lag nach dem Wiederaufbau durch Pierre von Brixey außerhalb des Schlosses. Dieser Bf. erhob die Kapelle auch zum Sitz des von ihm 1184 gegründeten Stiftes, das zuerst einen Propst, einen Dekan und vier Kanoniker zählte, bis eine Schenkungsserie die Zahl der Pfründen auf 13 erhöhte. Die Kanonikatsverleihung war dem Bf. vorbehalten. Die Kirche wurde am Ende des 12. Jh.s von den Stiftsherren wiederaufgebaut; heute ist sie die Pfarrkirche von L. In der Unterstadt stand die von den Prämonstratensern von Rangeval bediente Kirche St. Martin. Sie wurde am Ende des16. Jh.s von den Protestanten zerstört.
Quellen
Es existiert keine gedruckte Zusammenstellung einschlägiger Quellen, siehe ansonsten die entspr. Angaben in der Literatur.
Literatur
Geindre, Lucien: La forteresse de Liverdun, in: Le pays lorrain 40 (1959) S. 125-137. - Geindre, Lucien: Liverdun, ville franche, ville française: histoire et description, Champigneulles 1989.