Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LINZ C.1. / C.7.

I.

Keltisch-röm. Lentia, Linze (821), ad Linza (821), Lintza (903/05), ad Linzie (1111) Lintza (um 1220), Lyncz (1382) - Stadt und Schloß an der Donau - (Erz-)Hzg.e von Österreich (- Habsburger) - Res. Hzg. Albrechts VI. von Österreich (1418-63) 1458-62 und → Friedrichs III. (1415-93, Kg. 1440, Ks. 1452) 1489-93, danach zeitweilig Nebenres. - A, Oberösterreich, Landeshauptstadt.

II.

L. liegt auf einer Terassenstufe oberhalb der Donau, östl. des Durchbruchs zw. Kürnberger Wald und Pöstlingberg. Die ma. Siedlung, der ein römerzeitl. Kastell vorangegangen war, entstand an der Kreuzung des Donauweges mit einer N-S-Transversale zw. → Böhmen und der Adria, die bei L. mittels Furt bzw. Fähre den Strom querte. 1497 wurde eine Donaubrücke errichtet.

Der Ort wird 799 erstmals gen., 840/60 als locus publicus. Die Raffelstetter Zollordnung von 903/05 bezeichnet L. als legittimus mercatus, ein Marktprivileg ist jedoch nicht überliefert. Das ursprgl. Siedlungsgebiet lag wohl im Martinsfeld westl. der Martinskirche, später kam es zu einer Verlagerung an den Fuß des Schloßberges in den Bereich der heutigen Altstadt. Eine älteste Stadtmauer im SO des Stadtkerns könnte noch dem 12. Jh. angehören. In der ersten Hälfte des 13. Jh.s kam es zu einer planmäßigenSiedlungserweiterung: Östl. des bisherigen Siedlungskerns entstand - wohl in einem Zug - ein großer Platz mit einem Ausmaß von 218 × 60 m, das Grundkonzept der neuen Stadtanlage sah ein Mauerviereck von 280 × 400 m vor. Nachrichten über den Verlauf der Stadtmauer stammen aus der zweiten Hälfte des 13. Jh.s. Vorerst ermöglichten drei Tore im N, S und O den Zugang zur Stadt, im 15., 16. und 17. Jh. wurden weitere Öffnungen in die Mauer gebrochen. Eine Modernisierung der städt. Befestigungsanlagen erfolgte in den zwanziger Jahren des 17. Jh.s. Vorstädt.Verbauungen entstanden seit dem 13. Jh. vor dem südl. Tor, wo sich insbes. die Schmiede niederließen, sowie vor dem östl. Tor. Dort siedelten sich v. a. die auf das Wasser der Donau und eines Nebenarmes angewiesenen Gewerbe an. Jenseits der Donau entstand durch den Fährbetrieb die Brückenkopfsiedlung Urfahr. L. zählte bald nach 1500 etwa 200 Häuser, von denen etwa 140 innerhalb der Stadtmauern lagen. Bis zum Ende des 16. Jh.s wurde der ummauerte Bereich vollständig verbaut, die Zahl der Häuser in der Stadt wuchs auf 185 an und blieb fortan konstant. Erweiterungen des Siedlungsraums entstandensüdwärts entlang der Landstraße und der Herrenstraße sowie im östl. Vorstadtviertel. Der Plan, durch eine Vergrößerung des ummauerten Bereichs nach S eine Renaissancestadt zu errichten, wurde nicht verwirklicht. Seit dem 17. Jh. erfolgte durch den Erwerb angrenzender Grundherrschaften eine Erweiterung des Siedlungsgebiets über den Burgfriedsbereich hinaus.

Über die Herrschaftsverhältnisse im Hoch- MA ist wenig bekannt. Um 1205/06 kam die Siedlung aus der Hand der Herren von Haunsperg in den Besitz des Babenbergers Hzg.s. Leopold VI. von Österreich (1195-1230). Fortan gehörte L. als landesfsl. Stadt der Hauptmannschaft ob der Enns zum Hzm. Österreich. Seit dem Ende des 14. Jh.s lösten sich die österr. Herrschaften westl. (»ob«) der Enns allmähl. aus dem Land Österreich und bildeten, indem sie eine eigene ständ. Körperschaft entwickelten, das »Land ob der Enns«. Landtage traten immer häufiger in L., dem Sitz desLandeshauptmannes, zusammen, 1564/71 errichteten die Stände dort ein Landhaus.

1458 erhielt Hzg. Albrecht VI. von Österreich ob der Enns als eigenes Herrschaftsgebiet, das Fürstenthumb Oesterreich ob der Enns, als dessen Hauptstadt → Friedrich III. L. i. J. 1490 titulierte. Der Ks. hielt sich 1484/85 sowie vom Aug. 1489 bis zu seinem Tod am 19. Aug. 1493 in L. auf, nachdem er Niederösterreich an Kg. Matthias Corvinus von Ungarn verloren hatte. Von 1562 an diente das Schloß Ehzg.in Katharina († 1572), Kg.in von Polen, als Sitz, von 1582-93 residierte Ehzg. Matthias (1557-1619, Ks. 1612) als Statthalter Ks. → Rudolfs II.(1552-1612, Ks. 1576) in L. Die Stadt war außerdem bevorzugter Zufluchtsort des Hofes, wenn der Aufenthalt in → Wien wg. Seuchen oder krieger. Ereignisse gefährl. war.

Als Mautstelle scheint L. bereits im frühen 10. Jh. auf, später war sie die bedeutendste an der österr. Donau. Eine Münzstätte bestand 1458-63 und 1526-62. In wirtschaftl. Hinsicht spielte der Handel mit Salz und Wein, in weiterer Folge auch mit Leinen, Tuch, Häuten, Eisen und Eisenwaren eine Rolle, außerdem blühte das Gast- und Transportgewerbe. Die L.er Messen des 16. Jh.s zählten zu den größten im Reich.

Ob die 799 erstmals erwähnte Martinskirche mit der im ausgehenden 10. Jh. genannten Taufkirche ad Linzam und der Pfarre L. von 1111 ident. ist, bleibt offen. Im Zuge der babenberg. Stadterweiterung entstand östl. des Hauptplatzes eine neue Pfarrkirche, mit deren Bau wohl noch unter Hzg. Leopold VI. begonnen wurde. L. gehörte bis 1784 zur Diöz. → Passau.

Im Zuge der großzügigen baul. Erweiterung nach dem Übergang an die Babenberger gewann L. rasch städt. Charakter: 1236 erfolgt die erste Nennung als civitas, das älteste Stadtsiegel stammt aus dem Jahr 1242. Der Stadtrat ist 1288 erstmals erwähnt. Organ des Stadtherren, aber auch Repräsentant der Bürgerschaft war der Stadtrichter, den die Hzg.e von Österreich ursprgl. ohne bürgerl. Mitwirkung einsetzten. In den zwanziger Jahren des 15. Jh.s. erhielt der Rat ein Vorschlagsrecht, 1490 wurde die freie Richterwahl zugestanden. Der Stadtrichter leitete die städt.Verwaltung und saß dem Niedergericht vor, 1453 erhielt das Stadtgericht auch die Blutgerichtsbarkeit. Die Einführung des Bürgermeisteramtes i. J. 1490 beschränkte den Stadtrichter schließl. auf die Rechtsprechung.

III.

Das 799 im Zusammenhang mit der Martinskirche genannte castrum dürfte als Befestigung zum Schutz einer Siedlung, wohl westl. des Gotteshauses, bestanden haben. Davon unabh. wurde im Bereich des heutigen Schlosses in vorbabenberg. Zeit (11./12. Jh.) eine befestigte, 1286 erstmals erwähnte Anlage errichtet. Instandsetzungs- und Ausbauarbeiten lassen sich für die sechziger und achtziger Jahre des 15. Jh.s nachweisen. Den ma. Baubestand, wie ihn Darstellungen des 16. Jh.s (Italien. Frescant 1565, Florenz, Hof des Palazzo Veccio, zerstört,abgebildet bei Wacha 1967, Abb. 2; Lucas von Valckenborch 1593, Paris, Bibliothek der École des Beaux Arts, abgebildet bei Wacha 1967, Abb. 31; Georg Hoefnagel nach Lucas von Valckenborch 1594, Wien Albertina Inv. Nr. 23476, abgebildet bei Wacha 1967, Abb. 32 bzw. Kupferstich, abgebildet bei Wied 1977, S. 35) andeuten, bildete der zweigeschossige »große Stock«, ein Wohntrakt mit Ecktürmchen, südl. davon der quadrat. Bergfried mit der nach W angebauten »Türnitz«, in der der Landtag zusammentrat.Dazu kamen weitere, teils mit der Wehrmauer verbundene Turmbauten, sowie niedrige Gebäude mit Satteldächern (Rekonstruktion und Grdr. bei Oettinger 1964), Davon erhalten sind nur die aus der Zeit des L.er Aufenthaltes Ks. → Friedrichs III. stammenden Befestigungsanlagen im W des Schlosses, darunter der »Trutzbauer«, ein Torbau, und das ins Jahr 1481 datierte Friedrichstor mit Wappenstein. Es bildete den Hauptzugang zur Schloßanlage. Um 1517/18 ordnete Ks. → Maximilian I. (1459-1519, Kg. 1486, Ks. 1508) Sanierungsnahmen an. WeitereUm- und Zubauten - u. a. wurde ein neuer Wohntrakt für den Landeshauptmann und den Hofstaat errichtet - kamen während der zwanziger und dreißiger Jahre des 16. Jh.s unter der Leitung des Steinmetzmeisters Hans Schwedikauer zustande. Auch später - insbes. während des Aufenthaltes von Ehzg. Matthias - machte der schlechte Bauzustand erhebl. Investitionen notwendig, weswg. ein Neubau erwogen wurde.

Im Auftrag Ks. → Rudolfs II. entstand zw. 1604 und 1614 nach Plänen des niederländ. Architekten Anton de Moys das neue L.er Schloß, eine monumentale, um einen Innenhof geschlossene Anlage. Die Bauausführung besorgte Hans Schneider. Um 1630 erfolgte die Fertigstellung des Kapellentraktes, der den Schloßhof zweiteilte. Das äußere Erscheinungsbild (Stadtansicht von Matthaeus Merian 1649, Abb. bei Mayrhofer 1990) blieb in der Folge weitgehend unv., bis ein Brand i. J. 1800 den Südtrakt, Teile des Ost- und des Kapellentraktes sowie den Dachstuhlzerstörte.

Zum Schloß gehörten der Flügelhof (14./15. Jh.), der Grashof (ab 1562 ksl. Salzstadel) sowie der hochma. Weyerhof, der vermutl. als Schloßmeierhof fungierte. Um 1500 ist ein Tiergarten belegt, in dem → Maximilian I. Steinböcke, Hirsche, Hasen und Vögel halten ließ. Im Schloßgarten bestand im letzten Viertel des 16. Jh. ein Springbrunnen.

Eine zeitw. viell. mit pfarrl. Rechten ausgestattete, dem hl. Gangolph geweihte Schloßkapelle ist seit dem 15. Jh. bezeugt, sie wurde 1549/52 abgerissen und neu erbaut, die Kapelle war vorübergehende Grabstätte Ehzg.in Katharinas, Kg.in von Polen. Im Zuge des rudolfin. Schloßbaus wurde die Kapelle im ersten Stock des den Schloßhof teilenden Traktes errichtet. Eine weitere Habsburgergrablege ist die Herzgruft Friedrichs III. in der L.er Pfarrkirche, in der auch Ehzg.in Maria (*  und † 1564), Tochter Maximilians II., beigesetzt ist. Zur von Stadt und Herrschaft gleichermaßen genutzten geistl.Infrastruktur gehörte das an der Südwestecke der Stadt gelegene Minoritenkl. (Ansiedlung 1236, Klosterbau um 1285). Das Kl. wurde 1562 aufgelassen, die Baulichkeiten gingen zur Errichtung eines Landhauses an die Stände.

1501 ließ → Maximilian I. in L. ein Dianaspiel des Humanisten Konrad Celtis aufführen. Im Rahmen des Landtages von 1568 gab die Compagnia dei Gelosi Vorstellungen.

Der rudolfin. Schloßbau im Stil des Manierismus weist einen fast schmucklosen, auf die geometr. Grundstruktur reduzierten Baukörper auf, der v. a. durch seine Blockhaftigkeit und die Proportionen wirkt. Als repräsentatives Element sticht v. a. das in Granit ausgeführte dreiteilige Hauptportal in der Ostfassade hervor, dessen Giebel das plast., farbig gefaßte Wappen Österreichs mit der Kaiserkrone → Rudolfs II. zeigt. Ein ähnl. Portal, jedoch ohne Wappen, ziert auch die Westfassade. Der Osthof weist an zwei Seiten des Erdgeschosses Pfeilerarkaden auf. Die fsl. Gemächerbefanden sich im obersten Stockwerk, außerdem verfügten der Landeshauptmann, seine Beamten und Hausoffiziere über Wohnräume. Ein Dienerschafts- und Stalltrakt lag im Nordwesten der Anlage. Während des Dreißigjährigen Krieges waren u. a. der Ebf. von → Trier und Prinz Ruprecht von der Pfalz im L.er Schloß gefangen. 1771 wurde es Sitz des Vizedomamtes (der landesfsl. Finanzverwaltung) und der Landkanzlei, die bis dahin in der Stadt untergebracht waren. Von 1811-51 diente es als Gefängnis, später als Kaserne. Seit 1963/66 beherbergt es das Oberösterreichische Landesmuseums.

Quellen

Rechtsquellen der Stadt Linz, Bd. 1, hg. von Fritz Mayrhofer, Wien u. a. 1985 (FRAU I/XI). - Linzer Regesten, Linz 1955ff.

Baumert, Herbert Erich/Grüll, Georg: Burgen und Schlösser in Oberösterreich. Mühlviertel und Linz, Wien 1988. - Dehio, Kunstdenkmäler Österreichs: Oberösterreich, 1977. - Koller, Heinrich: Kaiser Friedrich III. und die Stadt Linz, in: Historisches Jahrbuch der Stadt Linz (1985) S. 269-281. - Mayrhofer, Fritz: Zum Übergang von Linz an die Babenberger, in: Historisches Jahrbuch der Stadt Linz (1980) S. 39-56. -Mayrhofer, Fritz: Linz, Wien 1985 (Österreichischer Städteatlas, 2). - Mayrhofer, Fritz: Ein Kaiser stirbt. Überlegungen zum Sterbehaus Friedrichs III., in: Kaiser Friedrich III. Innovationen einer Zeitenwende, Linz 1993, S. 20-25. - Mayrhofer, Fritz/Katzinger, Willibald: Geschichte der Stadt Linz, Bd. 1, Linz 1990. - Oettinger, Karl Schloß und Burg Linz im Mittelalter, in: Kunstjahrbuch der Stadt Linz (1964) S. 74-81. -Rausch, Wilhelm: Landeshauptstadt Linz, in: Die Städte Oberösterreichs, Red. Herbert Knittler, Wien 1968 (Österreichisches Städtebuch, 1). - Ruhsam, Otto: Historische Bibliographie der Stadt Linz, Linz 1989 (Linzer Forschungen, 1). - Schmidt, Justus: Die Linzer Kirchen, Wien 1964 (Österreichische Kunsttopographie, 36). - Thaler, Herfried: Die profanen Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Linz, Bd. 2, Wien 1986 (ÖsterreichischeKunsttopographie, 50). - Wacha, Georg: Kunst in Linz um 1600, in: Kunstjahrbuch der Stadt Linz (1967) S. 5-54. - Wied, Alexander: Die profanen Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Linz, Bd. 1, Wien 1977 (Österreichische Kunsttopographie, 42).