Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LEIBNITZ-SEGGAU C.3.

I.

Lipnizza (970), Libniz (1135), Libeniz (1136), Libinizze (1138) vom slaw. Wort lipa, Linde; Seccowe (1142), Secowe (1146), Seccowa (1147), Seccŏe (1150), Sekawe (1250) von slaw. sekulja als Bezeichnung einer bes. Axt, aber auch des Bodens, der mit dieser Axt gerodet wurde. Die Formen Seckau für den nominellenSitz des Bm.s (bei Knittelfeld in der Obersteiermark) und Seggau für die Burg und Res. der Bf.e bei Leibnitz sind beide von diesem Stamm abgeleitet. Burg bzw. Schloß der Ebf.e von Salzburg (bis 1595) und der Bf.e von Seckau bei Leibnitz südl. von → Graz; Bf.e von Seckau - Hauptres. - A, Steiermark, Bez. Leibnitz.

II.

Das Gebiet von Leibnitz mit dem großen Forst Sausal kam 970 durch Schenkung Ks. Ottos I. an das Ebm. Salzburg. Zum Schutz ihrer Besitzungen gegen die ständigen Einfälle der Ungarn errichteten die Salzburger Ebf.e wohl noch im späten 11. Jh. auf dem an drei Seiten von der Sulm umflossenen Höhenrücken, der den Zugang zum weststeir. Sulmtal sperrt, einen Bergfried in der Form eines massiven Wohnturms mit quadrat. Grundriß. Dieser Turm, der im Erdgeschoss etwa 14 × 14 m maß, war von einer starken, bis zu 9 m hohen Ringmauerumgeben und wurde von den Ebf.en an ihre bedeutendsten Ministerialen in der Steiermark, die Herren von Pettau, verlehnt. Ebf. Eberhard II. löste diesen »alten Turm«, wie er fortan gen. wurde, 1219 zurück und übertrug ihn an das neu gegründete Eigenbm. Seckau. Da der Bf. von Seckau bei der Ausstattung des Bm.s keinen anderen Platz erhielt, der als Wohnsitz geeignet war, hatte der Ebf. den »alten Turm« offenbar schon bei der Gründung des Bm.s als Bischofssitz vorgesehen. Durch die Salzburger Beamten in der Nachbarschaft, zunächst die Bgf.en der Burg Leibnitz, dann auch die Marktrichterim Markt Leibnitz, stand der Bf. von Seckau unter ständiger Aufsicht der Salzburger Ebf.e. Für den Bau des Turms wurden zahlr. Spolien aus der nahe gelegenen Römerstadt Flavia Solva verwendet. Als der Turm wg. Baufälligkeit 1815/16 zunächst zur Hälfte und 1828/30 zur Gänze abgetragen wurde, arrangierte man die etwa 500 bis 600 röm. Spolien zu einer Schausammlung, die heute zu den bedeutendsten Lapidarien Österreichs zählt. Die wertvollsten Stücke wurden zwar den Sammlungen des Landesmuseums in Graz einverleibt, aber die »Römersteinwand« im oberen Schloßhof von L.-S. bildet heute noch eineAttraktion.

Ebf. Konrad I. von Salzburg (1106-47) begann im frühen 12. Jh. mit dem Bau einer neuen Burg südl. des »alten Turmes«, die bei seinem Tod noch unvollendet war. Den ältesten Teil bildeten die »Salzburger Häuser« mit dem roman. Wohnturm, der in den oberen Geschossen Wohnräume und einen Saal beherbergte, dem Torbau mit dem Torhaus und dem »alten Salzburg. Haus«. Im 13. und 14. Jh. baute man nördl. an den roman. Wohnturm die ausgedehnte Anlage des Vizedomhauses an, das auch als »Mitterhaus« bezeichnet wurde. Es bildete den wichtigsten und größten Teil der ebfl. Burg mit derSchloßkapelle der hl. Maria, großen Kellern, den repräsentativen Fürstenzimmern und prunkvollen Sälen. Das Mitterhaus war bis zum Verkauf des Vizedomamtes Leibnitz (1595) der Wohnsitz der ebfl. Vizedome. Die 1341 erwähnte Aufstockung und die Weihe der Marienkapelle durch Ebf. Pilgrim von Puchheim 1371 markieren die Fertigstellung des Vizedomhauses. Der Salzburger Burghof endete im N an der »Schiedmauer«, welche die ebfl. Burg von der Burg der Bf.e von Seckau trennte. Erst nach der Vereinigung der gesamten Burg in der Hand des Bf.s Martin Brenner 1595 wurde diese Mauer abgetragen und eineinheitl. Schloßhof geschaffen.

Als dritter Wehrbau entstand wohl am Beginn des 12. Jh. die Burg der Herren von Leibnitz, die etwa 50 m südl. der ebfl. Feste den Bergsporn in der Art einer Vorburg an seiner gefährdetsten Stelle schützte. Auf ihr hatten die erzbfl. Dienstmannen von Leibnitz, die als Bgf.en der Hauptburg fungierten, zwei Jh.e hindurch wichtige Positionen im Ebm. Salzburg bekleideten und mit Friedrich III. von Leibnitz (1315-38) sogar selbst einen Ebf. stellten, ihren Sitz. Nach ihrem Ende folgten durch Heirat 1369 die aus dem heutigen Oberösterreich stammenden Polheimer, nach denen die kleine, später teilw.abgetragene und umgebaute Burg heute den Namen »Schloß Polheim« führt. Beim Aussterben der Polheimer fiel die Burg 1575 an den Salzburger Ebf. zurück, der sie 1595 mit dem Hochschloß an den Bf. von Seckau übergab.

Der Name Leibnitz, den auch die Burg bis zum Ende des 15. Jh. führte, haftete ursprgl. am heutigen Ort Altenmarkt. Kurz vor 1170 gründeten die Salzburger Ebf.e am Fuß der Burg den neuen Markt Leibnitz mit der St. Jakobskirche und übertrugen dorthin das Marktrecht. Kg. Adolf von Nassau erteilte 1296 dem Ebf. das Recht, den Markt Leibnitz mit Mauern zu befestigen, aber wg. der Spannung mit den Habsburgern als steir. Landesfs.en unterblieb dieses Vorhaben. Durch die Verträge mit Ks. → Friedrich III. 1458 erhielt das Ebm. Salzburg für seine Herrschaft Leibnitz ein eigenes Landgericht,das der Marktrichter von Leibnitz in Personalunion verwaltete; er bekam dafür vom Salzburger Vizedom »Bann und Acht« verliehen. Im »Ungarischen Krieg« zw. Ks. → Friedrich III. und Kg. Matthias Corvinus von Ungarn (1479-90) waren Burg und Markt Leibnitz von ungar. Truppen als Verbündeten des Ebf.s Bernhard von Rohr besetzt. Nach dem Tode des Kg.s Matthias Corvinus eroberten habsburg. Söldner die Leibnitzer Burg, die durch den Beschuß mit schweren Geschützen stark beschädigt wurde. Ebf. Leonhard von Keutschach (1495-1519) konnte die Burg und das gesamte Vizedomamtzurückerwerben und baute 1504 im Obergeschoß der »Salzburger Häuser« einen repräsentativen Saal ein.

Beim Einfall der Osmanen 1532 wurde der Markt Leibnitz fast völlig zerstört. Seit dem endgültigen Verlust der landesfsl. Hoheitsrechte in den Verträgen des Jahres 1535 verursachte das Vizedomamt Leibnitz, dessen Untertanen an das Hzm. Steiermark Steuern entrichten mußten, für die Salzburger Ebf.e ein Defizit. Ebf. Wolf Dietrich von Raitenau (1587-1612/17) verkaufte deshalb 1595 das gesamte Vizedomamt. Martin Brenner, der Bf. von Seckau, war allerdings nicht gewillt, Leibnitz gegen die Seckauer Herrschaft Wasserberg einzutauschen. Deshalb sah sich Wolf Dietrich gezwungen, Burg, Markt undHerrschaft Leibnitz schenkungsweise an Martin Brenner zu übertragen. Seit damals befanden sich alle drei Burgen auf dem Leibnitzer Schloßberg in der Hand der Bf.e von Seckau, die sie in den folgenden Jahrzehnten zu einer prunkvollen Fürstenres. ausgestalteten. Seit damals wurde auch die Bezeichnung »Schloß Seggau« für die gesamte Anlage übl.

III.

Die ersten Bf.e von Seckau hatten nur den »alten Turm« zur Verfügung und hielten sich dort eher selten auf. Sie bevorzugten ihre Höfe in → Graz und in Salzburg sowie die Burg Wasserberg als Sommersitz. Erst gegen Ende des 13. Jh.s ließ Bf. Leopold I. (1283-91) innerhalb der Ringmauern im Anschluß an das Salzburger Vizedomhaus (Mitterhaus) das »Seckauer Haus« in Form eines großen zweigeschossigen Gebäudes errichten. Später mehrfach umgebaut diente es als Wohnung und als Rentamt für die Verwaltung. Der große frühgot. Saal im Erdgeschoßist in seinem ursprgl. Bestand erhalten. Nachdem das Bm. Seckau 1458 ein eigenes Landgericht erhalten hatte, wurde im späten 15. Jh. der Landgerichtstrakt mit dem Sekkauer Torturm errichtet, der an das »Seckauer Haus« nach NW anschloß. Im Erdgeschoß befanden sich Kanzleien des Landgerichts und im ersten Obergeschoß ein Gerichtssaal mit einem eigenen Treppenaufgang. Bf. Martin Brenner richtete dort um 1600 eine Bibliothek ein, die sich ins zweite Obergeschoß fortsetzte. Im N unterhalb des Hochschlosses erbauten die Bf.e von Seckau im 15. Jh. als »Vorburg« die ausgedehnten unterenSchloßanlagen. Sie wurden im 16. und 17. Jh. weiter ausgestaltet, aber fast ausschließl. landwirtschaftl. genutzt, da die Bf.e nach der Erwerbung des Salzburger Schlosses 1595 dort ihre Res. einrichteten. Von 1954-72 wurden die unteren Schloßanlagen zu einem Bildungszentrum der Diöz. Graz-Seckau mit angebautem Kongreßhaus und Bad umgestaltet.

Nach der Schenkung der ebfl. Burg und der Herrschaft Leibnitz richteten die Fbf.e von Seckau ihre Res. im Obergeschoß des Vizedomhauses ein und verbanden damit die Repräsentationsräume, die heute als Fürstenzimmer bezeichnet werden. Die vorhandene Ausstattung stammt aus den Jahren 1742-48 und erfolgte zum Großteil durch steir. Künstler, aber auch durch ital. Stuckateure. Während das ehemalige Speisezimmer mit Gemälden des Salzburger Hofmalers Jakob Zanussi ausgestattet ist, zieht sich durch die drei folgenden Prunkräume (Beratungszimmer, Thronzimmer, Bischofszimmer) eine Bildergalerie, zuder auch 56 großformatige Bischofsporträts gehören. Die anschließende Marienkapelle als einstige Privatkapelle der Bf.e von Seckau ist mit schwerem weißem Stuck und farbigen Wandmalereien ausgestattet. Der Vizedomtrakt erhielt zw. 1633 und 1664 durch drei vorgesetzte Arkadengeschosse eine neue Fassade. Die »Seggauer Liesl«, die größte histor. Glocke der Steiermark, gegossen 1688, hing einst im »alten Turm« und ist heute im Glockenturm untergebracht.

Mit der Verlegung der Bischofsres. nach → Graz 1786 verlor Schloß Seggau seine Funktion. Dem fortschreitenden Verfall geboten erst die 1954 einsetzenden Restaurierungs- und Umbauarbeiten Einhalt, die bis in die Gegenwart andauern. Während das untere Schloß zu einem modernen Bildungshaus umgestaltet wurde, stehen die Fürstenzimmer im Hochschloß v. a. als Schau-, Veranstaltungs- und Empfangsräume in Verwendung. Außerdem sind im Hochschloß Speisesäle des Bildungshauses untergebracht, die Kapelle wird noch liturg. genutzt.

Quellen

Urkundenbuch des Herzogtums Steiermark, 1-4, 1879-1976. - Lang 1931. - Roth, Benno: Das Seckauer Bistumsurbar 1295, Wien 1955 (Österreichische Urbare, III/4,1 ), S. 109-225.

1000 Jahre Leibnitz 970-1970. Festschrift zum Gedenkjahr, hg. von der Stadtgemeinde, Leibnitz o. J. (1970). - Diez, Erna: Flavia Solva. Die römerzeitlichen Steindenkmäler auf Schloß Seggau bei Leibnitz, 2. Aufl., Baden-Wien 1959. - Hainzmann, Manfred/Pochmarski, Erwin: Die römerzeitlichen Inschriften und Reliefs von Schloß Seggau bei Leibnitz, Graz 1994. - Leibnitz - 75 Jahre Stadt. Festschrift zum Jubiläum der Stadterhebung am 27. April 1913, hg. von GertChristian, Leibnitz 1988. - Schloß Seggau. Geschichte, Architektur und Kunst der steirischen Bischofsburg. Bischof Johann Weber zum 70. Geburtstag gewidmet, hg. von Heimo Kaindl, Hans Ranz, Leopold Städtler und Karl Steiner, Graz 1997. - Knapp, Werner: Die Salzburger Feste Leibenz und ihre Wandlung zur Bischofsresidenz, in: Blätter für Heimatkunde 12 (1934) S. 20-27. - Marx, Erich: DasSalzburger Vizedomamt Leibnitz, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 111 (1979) S. 1-142. - Schloß Seggau-Leibnitz, Österreich, hg. von Karl Wagner, 2. Aufl., Leibnitz 1984.