LAUSANNE C.3.
I.
Lousanna (15 von Chr.), Leusonna, Lausonna, Lausanna (9. Jh.) - Stadt - Hochstift L.; Bf.e von L. - Bf.sitz - bis 1536 Res. der Bf.e von L. - CH, Kt. Waadt, Kantonshauptstadt.
II.
L. gelegen im Waadtland; der ma. Stadtkern liegt auf einem Berg wenige Kilometer vom Nordufer des Genfer Sees entfernt; ma. Siedlungsausdehng. auf die umliegenden Niederungen; das Seeufer erst im 19. Jh. in das städt. Siedlungsareal einbezogen.
Im Gebiet des Ortes Vidy, unmittelbar am Seeufer, an der Straße, die das Rhônetal mit dem nördl. Gallien und mit Germanien verband, bestand seit ca. 15 von Chr. ein röm. vicus Lousanna, der an gall. Ursprünge anknüpfte. Hafen, Forum und Tempel verliehen der Siedlung in der Antike einen städt. Charakter. Wohl schon seit dem 3. Jh. neuer Siedlungsschwerpunkt auf dem durch die Wasserläufe Flon und Louve eingeschnittenen und gut zu verteidigenden Berg, auf den vor 600 - vermutl. auf Initiative von Bf. Marius - die bfl. Res. von Avenches, welchesdurch Alamannen bedroht war, verlegt wurde. Die Stadt erhielt damit den Charakter einer civitas. Die früheste Bischofsliste aus dem 10. Jh. in den »Annales Lusannenses« begründeten Kontinuität zur Diöz. der civitas Helvetiorum in Avenches.
Die wirtschaftl. und damit demograph. Bedeutung von L. wurde durch die Residenzfunktion und durch den Handelsweg zum Großen St. Bernhard gestärkt, ging aber während des späten MA zurück. Konkurrierende Stadtgründungen der Gf.en von → Savoyen - so insbes. von Morges kurz vor 1300 - minderten die Zentralitätsfunktion, die angesichts der zunehmenden Abhängigkeit der Bf.e von → Savoyen auch nicht durch die bf.l. Res. aufgewertet werden konnte.
Die Bf.e von L. übten die Stadtherrschaft aus. Bf. Amadeus erließ 1144 die Statuten der Stadt, die keine Gemeindeorgane vorsahen, vielmehr bfl. Rechte in der Gerichtsbarkeit sowie Nutzung von Diensten und Abgaben durch die städt. Bevölkerung zusammenstellten. Die Bildung einer Kommune erfolgte vergleichsw. spät. Gemeindeinstitutionen sind erst seit dem Ende des 13. Jh.s nachgewiesen. In den Auseinandersetzungen zw. den Bf.en und der Kommune L. erhielt letztere häufig Unterstützung durch das Domkapitel und durch die Gf.en bzw. Hzg.e von → Savoyen. Erst 1368 erkannteBf. Aymon de Cossonay die städt. Freiheiten an, die im Zusammenhang mit der Fusion der Quartiere 1481 noch erweitert werden konnten. Zwei Syndici sowie ein gemeinsamer Rat standen der Gemeinde vor, die nun auch eine aktive Politik auswärtiger Beziehungen begann. 1525 verbündete sich die Stadt L. in offenem Gegensatz zum Bf. mit den eidgenöss. Städten Bern und → Freiburg und leistete ihnen auch milit. Beistand in deren krieger. Unternehmungen. Mit der Eroberung des Waadtlandes und damit auch des Hochstiftsterritoriums und der Stadt L. durch Bern und→ Freiburg 1536 endeten Herrschaft und Res. der Bf.e in L.
III.
Wohl sofort nach der Transferierung des Bischofssitzes wurde im 7. Jh. mit dem Bau des Doms begonnen. Um das Jahr 1000 wurde diese Kirche abgerissen und eine romanische Kathedrale errichtet, die wiederum seit dem Ende des 12. Jh.s in einer langjährigen, viell. durch die beiden Stadtbrände (1219, 1235) unterbrochenen Bauphase durch einen got. Bau ersetzt wurde, dessen Fertigstellung um die Mitte des 13. Jh.s erfolgte. Im Querschiff befindet sich das große Rosenfenster, das ein Bild der Welt in Gestalt einer bibl. begründeten Kosmologie und Genese zeigt, sowieauf der Südseite das Marienportal mit reichem Skulpturenschmuck. Der Kirchenbau und seine figürl. und ikonograph. Ausstattung gehen - ähnl. wie bei der Kathedrale in → Genf - auf Einflüsse frz. Baumeister zurück. Die Kirche mit Marienpatrozinium war bedeutendes marian. Wallfahrtszentrum; Wunderberichte, vom Dompropst Cono von Estavayer in den 1230iger Jahren aufgezeichnet, suchten den Kult zu fördern.
Neben der Domkirche befand sich die Domkurie mit Kapitelsaal, Kreuzgang und Sakristei. Als Res. des Bf.s diente das Gebäude der Evêché, gleichfalls in der cité gelegen. Es bestand seit dem 13. Jh. aus der Kapelle Saint-Nicolas, darüber lag die curia mit den bfl. Wohnräumen. Nach dem Stadtbrand von 1368 ließ Bf. Guillaume de Menthonay ein neues Gebäude errichten, das, mit großer Halle (aula episcopalis), mit Loggia, mit kleineren Räumen (u. a. camera vetus, camera nova,camera picta) sowie mit befestigten Ecktürmen ausgestattet, zu öffentl. Empfängen und zur Beherbung von Gästen diente. Derselbe Bf. erichtete 1397-1406 ebenfalls in der cité an der Stelle des einstigen gleichnamigen Konvents das Schloß Saint-Maire, das durch Größe und Austattung die bisherige Res. übertraf und sowohl durch starke Befestigungen und Wehrtürme milit. Funktionen als auch u. a. durch großzügige Hallen und reiche ikonograph. Gestaltung repräsentative Funktionen erfüllte. Das Gebäude des vieil évêché ist in Teilen, das desSchloßes Saint-Maire fast vollständig bis heute erhalten. Zahlr. Domkurien befanden sich ebenfalls in der cité. Am Seeufer, wo sich seit dem 12. Jh. ein Vorort mit Hafen gebildetet hatte, errichteten die Bf.e nach 1209 den Turm Ouchy als militär. Stützpunkt und Zollstelle. Im Laufe des 13. Jh.s wurde er zur Burg und schließl. zu einer weiteren bfl. Res. mit aula episcopalis ausgebaut. Bes. seit ca. 1400 hielten sich dort die Bf.e häufig auf und empfingen Gäste.
Die Stadt dehnte sich außerhalb der cité mit Dom und Res. aus; an den Hängen und in den Niederungen entstanden neue Siedlungskerne - Quartier de la Palud mit Markt bereits im 9. Jh., Bourg (burgus) mit dem Zentrum der Kirche St. Pierre im 10. Jh., das Viertel St. Laurent. Die beiden letzten Stadtteile wurden zu Beginn des 13. Jh.s topograph. durch das Quartier Pont verbunden und 1224 von einer Mauer umgeben, blieben aber von der cité - mit weiter bestehender eigenen Ummauerung und eigenem Recht -getrennt. Jenseits der Stadtmauern erfolgte die Anlage von Vorstädten. Die am Ende des 13. Jh.s mit gesonderten Rechten und Bannern ausgestatteten fünf Quartiere (Cité, Palud, Bourg, Pont, St. Laurent) wurden 1481 zusammengefaßt. Der Antagonismus zw. der bfl. Altstadt und den übrigen vier Stadtteilen, die als Unterstadt bezeichnet wurden, wurde damit überwunden.
Quellen
Cartulaire du chapitre de Notre-Dame de Lausanne, 1948 - Documents relatifs à l'histoire du pays de Vaud, 1817. - Coutume, enquêtes, époque savoyarde, 1972.
Literatur
Ammann, Hector: Über das waadtländische Städtewesen im Mittelalter und über landschaftliches Städtewesen im allgemeinen, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 4 (1954) S. 1-86. - Biaudet 1982. - Bugnon, J.: Les villes de franchises au Pays de Vaud (1144-1350), Lausanne 1852. - Dupraz 1957. - Grandjean, Marcel: Les monuments d'art et d'hsitoire du canton de Vaud, Bd. 1: La ville de Lausanne, Basel 1965. -Grandjean, Marcel: La ville de Lausanne, 3 Bde., 1965-81. - Helvetica Sacra I, 4, 1988. - Hengartner, Arnold: Le diocèse de Lausanne, Genève et Fribourg et l'Eglise catholique romaine dans le canton de Vaud, Lausanne 1929. - Les pays romands au moyen âge, hg. von Agostino Paravicini Bagliani u. a., Lausanne 1997.