Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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KONSTANZ C.3.

I.

Constantia, Costentz, Costantz - Stadt - Hochstift Konstanz - Pfalz - Bischofssitz von der Bistumsgründung (um 600) bis zur Reformation (1526), Nebenres. von der Rekatholisierung (1551) bis zur Aufhebung des Bm.s (1827). - D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Freiburg, Kr. K.

II.

Die bfl. Pfalz stand auf dem Münsterhügel an der Stelle des röm. Kastells südl. des Chors der Bischofskirche und damit an der höchsten Stelle der Stadt. Im FrühMA lag der Bau auf einer Anhöhe etwa 7 m unmittelbar über dem Bodenseeufer, erst die späteren Landgewinnungen ließen ihn weiter von der Uferlinie zurücktreten. Die Pfalz befand sich damit in der Nähe zu den Hafenanlagen und der Hauptverkehrsachse vom Thurgau zur Rheinfähre bzw. ab 1200 zur Rheinbrücke.

Der Bischofssitz K. entstand um 600 an einem bereits in kelt. und röm. Zeit besiedelten Rheinübergang. Der bfl. Stadt- und Marktherr verlor ab dem 11. Jh. nach und nach an Einfluß auf die Stadtgemeinde, die Ergebnisse der größten Auseinandersetzungen mit der Bürgerschaft in der ersten Hälfte des 13. und der zweiten Hälfte des 14. Jh.s machten die Stadt weitgehend unabh. vom Bf., der aber, von kurzen Ausnahmen abgesehen, bis zur Reformation weiterhin vorrangig in K. residierte. Am 24. Aug. 1526 verließ Bf. Hugo von Hohenlandenberg (1496-1532) K. und machte → Meersburg zu seinerRes., Bf. Christoph Metzler (1548-61) konnte aber bereits am 11. Mai 1551 zusammen mit dem Domkapitel und der Bistumsverwaltung wieder in K. einziehen. Während der Vertreibung war der Pfalzvogt, später ein vom Bf. ausgewählter K.er Bürger, mit der Versorgung der Pfalz betraut. Die Hauptres. wurde jedoch nicht wieder in das inzw. österr. gewordene K. zurückverlegt, auch wenn die Bf.e bis zur Aufhebung des Bm.s 1827 ungehinderten Zugang zu ihrem Bischofssitz besaßen.

III.

Der älteste, heute nicht mehr nachweisbare Bau dürfte an der Stelle der hochma. Pfalz gestanden haben, auch wenn die lokale Tradition den Vorgängerbau am Ort des heutigen Landgerichts (Gerichtsgasse 15) außerhalb der ältesten Stadtmauer verortete. Der spätma. Chronistik zufolge und durch archäolog. Untersuchungen inzw. bestätigt war Bf. Salomo III. (890-919/20) der Erbauer des Nachfolgebaus, der zusammen mit einer Ummauerung der Bischofsburg entstand. Nach einem Brand errichtete Hermann von Arbon (1138-65) den bis ins 19. Jh. existierenden understmals 1158 in den Schriftquellen als curia episcopi (Maurer 1997, S. 281-282) erwähnten roman. Pfalzbau, der, den Fensterformen der Seeseite nach zu schließen, in der Mitte des 13. Jh.s in Teilen umgebaut wurde. Bf. Otto von Hachberg (1410-34) gestaltete vor dem K.er Konzil und dann v. a. in den 1420er Jahren die Res. spätgot. um und ließ die Pfalz mit einem zweiten, nun steinernen Obergeschoß erweitern. Die letzten umfangreicheren baul. Veränderungen wurden im Zuge des Besuchs Ks. → Ferdinands 1563 vorgenommen. Bf. JohannFranz von Stauffenberg (1704-40) scheiterte mit seinen Plänen eines Neubaus der Res. und eines Priesterseminars am Widerstand des Stadtrats. Die Bf.e zogen bei ihren Aufenthalten der immer baufälliger werdenden Pfalz einen bereits ab dem Ende des 16. Jh.s zeitweilig in bfl. Besitz befindl. Domherrenhof nördl. des Münsters (Münsterplatz 11/11a) vor; dieses ab dem 17. Jh. als »Bischofshof« bezeichnete Gebäude ließ Bf. Johann Franz von Stauffenberg weitgehend umbauen. 1830 wurde die Pfalz abgerissen und an ihrer Stelle ein heute als Münsterpfarrei dienendes Gebäude errichtet.

Der roman. Bau Bf. Hermanns war etwa 32 m lang und 14 m breit, besaß auf der Hofseite zwei gekuppelte Rundbogenfenster und vermutl. ein Doppelportal, von welchem aus eine repräsentative Außentreppe zum Oberen Hof führte. Die ältesten Darstellungen der Pfalz im K.er Richental-Codex zeigen zudem einen Treppenturm mit aufgesetztem Erker und drei große offene Fenster, aus denen sich der Papst dem Volk zeigte; der Erker könnte aber aus Holz gewesen sein und stand wohl nur während der Konzilszeit. Die Umbauten Bf. Ottos fügten der bereits im 14. Jh. erwähnten zweischiffigen aulamagna inferior im Erdgeschoß die spätgot. aula superior als zweischiffigen Einstützensaal im ersten Obergeschoß hinzu, die Maßwerkvertäfelung und der Wappenschmuck des repräsentativen Raumes blieben bis in das 19. Jh. erhalten. In Richtung des Münsters entstand auf der Seeseite ein kleinerer Saal, auf der Hofseite das große Stiegenhaus; das zweite Obergeschoß beherbergte vorrangig die bfl. Wohnräume. Der große Saal soll angebl. mit Szenen aus Dichtungen der Minnesänger des 13. Jh.s bemalt gewesen sein, sicher belegt sind aber ledigl. Grisaillemalereien aus demAnfang 16. Jh.s.

Bf. Otto ließ zudem in die südl. an den Chor anstoßende Margarethenkapelle ein Obergeschoß einbauen, diese einwölben und mit einem Zugang zur Pfalz versehen. Die eigentl. bfl. Hauskapelle war jedoch die erstmals 1158 erwähnte Peterskapelle, die wahrscheinl. Bf. Hermann im Rahmen des Pfalzneubaus errichteten ließ. Die Südmauer der Pfalz und die Mauer eines Wirtschaftsgebäudes wurden für die Seitenwände der Kapelle genutzt, der nach O vorspringende Rechteckchor besaß wohl einen Turm. Unklar ist, ob es sich ursprgl. um einen doppelgeschossigen Saalbau oder um eine Doppelkapelle mitSichtverbindung handelte; der K.er Richental-Codex zeigt die 1817 abgebrochene Pfalzkapelle mit got. Fensterformen und Wölbung.

Das ebenfalls in der Mitte des 12. Jh.s errichtete, z. T. unterkellerte, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude der bfl. Pfalz schloß den Oberen Hof nach S hin ab. Es wurde ab 1283 als Domkustodie genutzt, um 1500 brach man in Zusammenhang mit der Erbauung einer Stützmauer am Oberen Hof das frühere Gebäude ab und errichtete einen nun als Pfalzvogtei genutzten Bau, der ebenfalls bis zum Beginn des 19. Jh.s bestand. Im W begrenzten ein wohl zur Pfalzanlage gehöriges, ab 1403 als Domherrenkurie genutztes Gebäude sowie das Ammanngerichtshaus, auf dessen Rückseite sich das städt.Blydhaus, das spätere Zeughaus, befand, den 50 m auf 55 m großen Oberen Hof, der als »weltlicher Herrschaftsmittelpunkt des Bischofs« (Dumitrache 2000, S. 43), aber auch als Versammlungsort der Bügergemeinde diente. Auf dem Oberen Hof selbst sind ab dem 15. Jh. Steinmetzhütten und das bfl. Asyl belegt.

Südl. an den Oberen Hof grenzt das städt. Quartier »Hofhalde«, in dem v. a. bfl. Ministeriale, Hofamtsträger und Angehörige der Geschlechter wohnten. Nördl. des Oberen Hofes und des Münsters war mit dem Kreuzgang, dem »Stauf« als Trinkstube und zentralem Wirtschaftsgebäude sowie dem Unteren Hof das räuml. Zentrum des Domkapitels, an das sich die »Niederburg« anschloß, in der sich vorrangig Domherren, Stiftskleriker, Kapläne und Juristen niedergelassen hatten und in welcher sich das 1299 gestiftete Konradsspital befand, das der Versorgung dieser Personen und des bfl.Hofes diente.

Die Geschichte der K.er Pfalz darf für das Früh- und HochMA als gut erforscht gelten (zuletzt Maurer 1997), es ist aber »die sicherlich dringend erwünschte Geschichte der Bischofspfalz in Spätmittelalter und Neuzeit zu schreiben« (Maurer, Palatium Constantiense, 1968, S. 380). Nach Helmut Maurers Forschungen besaßen in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s und in der ersten Hälfte des 13. Jh.s Bf. und Kg. die Pfalz gemeinsam, erst danach wurden die Reichsrechte vom Bf. nicht mehr anerkannt und die Pfalz alspalatium nostrum oder curia nostra bezeichnet (Maurer, Palatium Constantiense, 1968, S. 385-386). Als Hauptres. in herrschaftl. und repräsentativer Hinsicht an der sedes behielt die K.er Pfalz ihre zentrale Funktion im MA selbst nach dem Verlust der Stadtherrschaft bei, dies belegt auch die Aufenthaltshäufigkeit und -dauer der Bf.e. Die Pfalz war Ort der Beratungen von Bf. und Domkapitel, beherbergte das Pfalzgericht, die geistl. und weltl. Verwaltung sowie die bfl. Kanzlei.Die Bf.e amtierten nicht nur, sie wohnten zudem abgesehen von ihrer spätma. Res. → Gottlieben vorrangig in K. Die Pfalz diente als repräsentativer Ort zum Empfang hohen Besuchs, der Bf. veranstaltete dort Feste, auch für den städt. Rat und die Patriziergesellschaft »Zur Katz«.

Nachdem der Bf. nach der Reformation 1551 wieder in die Stadt zurückkehren konnte, blieb K. v. a. als Ort des Kultes und der Synoden weiter wichtig, die meisten Bf.e ließen sich auch in der Neuzeit im Münster bestatten. Auch die Klerusausbildung fand bis zur Eröffnung des Meersburger Priesterseminars 1735 an dem seit 1604 bestehenden K.er Jesuitenkolleg statt. Die Diözesanverwaltung verblieb bis zur Aufhebung des Bm.s in K., der 1591 eingerichtete geistl. Rat tagte meist in der Pfalz. Die Res. war noch in der Neuzeit Ort (des aber immer seltener tagenden) Hofgerichts, die Kanzleihingegen wurde 1564/65 nach → Meersburg verlegt, wo mit dem weltl. Rat die Hochstiftsverwaltung residierte.

Quellen

Regesta Episcoporum Constantiensium, 1-5, 1895-1941. - Regesten zur Bau- und Kunstgeschichte des Münsters zu Konstanz, bearb. von Elisabeth Reiners-Ernst, Lindau u. a. 1956 (Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Sonderheft). - Richental, Ulrich: Das Konzil zu Konstanz, Kommentar und Text, hg. von Otto Feger, 2 Bde., Starnberg u. a. 1964.

Bauer, Markus: Der Münsterbezirk von Konstanz. Domherrenhöfe und Pfründhäuser der Münsterkapläne im Mittelalter, Sigmaringen 1995 (Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen, 35). - Beyerle, Konrad/Maurer, Anton: Konstanzer Häuserbuch, Bd. 2: Geschichtliche Ortsbeschreibung, Heidelberg 1908. - Brühl, Carlrichard: Palatium und Civitas. Studien zur Profantopographie spätantiker Civitates vom 3. bis zum 13. Jahrhundert, Bd. 2: Belgica I, beide Germanien undRaetia II, Köln u. a. 1990. - Dumitrache, Marianne: Neues aus dem römischen und mittelalterlichen Konstanz, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg (1995) S. 241-255. - Dumitrache, Marianne: Konstanz, Stuttgart 2000 (Archäologisches Stadtkataster, 1). - Erdmann, Wolfgang/Zettler, Alfons: Zur Archäologie des Konstanzer Münsterhügels, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 95 (1977) S. 19-134. - Erdmann,Wolfgang: Zur archäologischen und baugeschichtlichen Erforschung der Pfalzen im Bodenseegebiet, in: Deutsche Königspfalzen, 3, 1979, S. 136-210. - Erdmann, Wolfgang: Die Pfalz zu Konstanz, in: Konstanz zur Zeit der Staufer, Konstanz 1983, S. 55-64. - Geschichte der Stadt Konstanz, Band 1-4,1, hg. von Helmut Maurer u. a., Konstanz 1989-94. - Glanz der Kathedrale. 900 Jahre Konstanzer Münster. Ausstellungskatalog, Konstanz 1989. - Gleichenstein, Elisabeth von/Gonschor,Brunhild/Kommer, Björn J.: Konstanz in alten Ansichten. Die Sammlung im Rosgartenmuseum, Tl. 1, Konstanz 1987. - Maurer, Helmut: Palatium Constantiense. Bischofspfalz und Königsspfalz im hochmittelalterlichen Konstanz, in: Adel und Kirche. Gerd Tellenbach zum 65. Geburtstag dargebracht von Freunden und Schülern, hg. von Josef Fleckenstein und Karl Schmid, Freiburg u. a. 1968, S. 374-388. - Maurer, Helmut: Die ehemalige Bischofs- undKönigspfalz. Ein einstmals repräsentatives Bauwerk im hochmittelalterlichen Konstanz, in: Die Kulturgemeinde 10,1 (1968) S. 2-3. - Maurer, Helmut: Konstanz als ottonischer Bischofssitz. Zum Selbstverständnis geistlichen Fürstentums im 10. Jahrhundert, Göttingen 1973 (Studien zur Germania Sacra, 12). - Maurer Helmut: Konstanz, in: Pfalzenrepertorium, 3, 1997, S. 263-331. - Maurer/Reinhardt 1993. - Motz, Paul: Denkmalpflege in Konstanz. Ein Beitrag zurGeschichte des oberen Münsterhofes und des Wallfahrtsorts Loretto, in: Mein Heimatland 16 (1929) S. 106-115. - Reiners, Heribert: Das Münster Unserer Lieben Frau zu Konstanz, Konstanz 1955 (Die Kunstdenkmäler Südbadens, 1). - Reisser 1926. - Revellio, Paul: Die Grabungen auf dem Münsterhügel zu Konstanz, in: Badische Fundberichte 2,10 (1932) S. 353-357. - Tyler 1999.