KLEVE C.7.
I.
Cleve (1092); Clieve (1144); Clive (1213); Clyve (1240); latinisiert: de Clevia (1145); Cliva (1184); in Clivo (1188); Clivum (1240), adjektivisch: Clivensis (1172/1191), Clevensem (1307). Etymolog. verwandt mit ahd. cliva, mhd. (und mndl.) Klippe, Nd. Klef, altsächs.klif und engl. cliff; Bedeutung: »Steilhang« oder viell. »promontorium«. Aufgrund des Namens ein bzw. drei Kleeblätter im Stadtwappen (Rücksiegel 1341, 2. großes Stadtsiegel 15. Jh.).
Gft., ab 1417 Hzm. K., seit 1368 mit der Gft. Mark und 1397-1666/70 mit der Herrschaft Ravenstein verbunden, 1521-1609 gemeinsam mit den Hzm.ern → Jülich und Berg sowie der Herrschaft Ravensberg und 1539-43 in Personalunion mit dem Hzm. → Geldern und der Gft. Zütphen regiert. 1609 Übergang an Brandenburg(-Preußen), zunächst in Kondominium mit → Pfalz-Neuburg (provisor. Teilung 1614, endgültige Regelung 1666).
Die Burg K. (castellum, 1184; bereits 1145 castellanus) war ab ca. 1020 Stammsitz der Gf.en von K., bis 1132 neben der ebenfalls namengebenden Tomburg (Rheinbach-Wormersdorf, Rhein-Sieg-Kreis). Ca. 1340-1521 war sie als Stadtburg mit der Stadt Res. der Gf.en bzw. Hzg.e von K., ab 1521 Nebenres. neben → Düsseldorf. Die Stadt K. mit ihrem Schloß war nach 1609 weiterhin haubt- und Residenzstadt (1636) für K.-Mark, aber nur gelegentl. Aufenthaltsort des Kfs.en von → Brandenburg und insbes. des preuß.Kg.s. Sie blieb bis 1803 Sitz der kleve-märk. Regierung und war 1816-22 Regierungssitz für den preuß. Reg.Bez K. - D, Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Düsseldorf, Kr. K.
II.
Die Burg K. liegt auf einem ca. 46 m hohen, spornartigen nordöstl. Ausläufer einer eiszeitl. Endmoräne, deren höchster Punkt (106 m) sich ca. 1,5 km weiter nach W befindet. Von der Burg aus hat man nach drei Seiten hin einen freien Blick über die ca. 30-35 m tiefer gelegene Rheinniederung. In nördl. Richtung ragt in ca. 9 km Entfernung und somit in Sichtweite das Montferland aus dieser Niederung hervor. Dort kennzeichnet die Kirche von Hochelten die Lage einer Burg der Gf.en von Hamaland, die in der zweiten Hälfte des 10. Jh.s in ein hochadeligesDamenstift umgewandelt wurde. Der Rhein strömt in 6 km Distanz nördl. an K. vorbei und bis in die frühe Neuzeit hinein hat hier, zw. K. und → Elten, die Stelle gelegen, wo sich die Waal als Nebenfluß vom Hauptstrom abzweigte. Im Achtzigjährigen Krieg wurde an dieser Stelle die bedeutende niederländ. Festung Schenkenschanz angelegt (1586). Ein alter Rheinarm im Kermisdahl am Fuße der Burg K. ist bereits im MA nicht mehr schiffbar gewesen; als Wasserweg zum Rhein diente bis in das späte 13. Jh. der Kellener Altrhein und nach dessen Versandung der zu Anfang des 15. Jh.s gegrabene, vonder Stadt K. finanzierte Spoykanal.
Das spärl. archäolog. Fundmaterial aus der Römerzeit im Bereich der ma. Stadt K. gestattet bislang keine Schlüsse über eine damalige Besiedlung. Bedeutende römerzeitl. Bewohnungsspuren weist dagegen der Bereich des heutigen Ortsteiles K.-Rindern in der Niederung auf. Dort wird auch das röm. Auxiliarkastell Harenatium vermutet. Als Vorort im Früh- und Hoch- MA erweist sich Rindern u. a. durch seine Funktion als Verwaltungszentrale von Besitzungen der Abtei → Echternach am Niederrhein und in den benachbarten Teilen der Niederlande. Daneben erscheint Schmithausen am KellenerAltrhein (heute: Ortsteil K.-Kellen) im 11.-13. Jh. als Zollmarkt mit Handelsbeziehungen auf regionaler Ebene.
Die Burg K. lag am Nordrand eines Waldbezirkes, der ursprgl. Bestandteil eines zur Pfalz Nimwegen mit dem dortigen Fiskus gehörenden Königsforstes gewesen sein muß. Südl. des K.r Burggeländes und durch einen Halsgraben davon getrennt lag im HochMA eine präurbane Burgsiedlung mit der ab 1168-73 belegten Kirche (Patron: Johann der Evangelist, zum Archidiakonat Xanten im Ebm. → Köln gehörend). Der daneben gelegene kleine, dreieckige Markt wird im SpätMA als »alter Markt« bezeichnet, zur Unterscheidung vom großen, rechteckigen »neuen Markt« in der 1242 vom Gf.en von K. alsVorburg konzipierten Stadt auf dem Heideberg westl. der Burg. Das am 25. April 1242 vom Gf.en Dietrich (IV.), von K. und seinem gleichnamigen erstgeborenen Sohn den Bürgern (burgensibus) der Stadt (oppidum) K. verliehene älteste Stadtrechtsprivileg beinhaltet in seinen 11 Artikeln u. a. Zollfreiheit an den gfl. Rheinzöllen in Orsoy, Schmithausen, Huissen und Nimwegen und auf dem Wege zu den Jahrmärkten innerhalb der Gft., Steuerfreiheit und Heerfolgepflicht sowie die freie Schöffenwahl. Ein Privileg der freien Ratswahl hat die Stadt im Zeitraum1275/1305 erhalten und der K.r Bürgermeister läßt sich seit 1312 belegen. Die Richterbestallung hat der Stadtherr sich in K. immer selbst vorbehalten. Möglicherw. vor 1285 und spätestens bis 1300 haben sich Minoriten hier niedergelassen. Ihr Konvent lag innerhalb der ältesten Stadtmauer, im Gegensatz zur alten Pfarrkirche, und sie haben sich bald, vor 1348, der städt. Seelsorge gewidmet.
Der Stammsitz K. wurde ab 1340/41 zur Res. Die wichtigste Entscheidung in diesem Zusammenhang war die Verlegung eines gfl. Stiftes von der Höhenburg Monterberg bei Kalkar nach K., d. h. in die Stadt. Die Stadtmauer wurde aus diesem Anlaß erweitert und umfaßte ab jetzt u. a. den Burgbereich, der aber durch seine Randlage für den Stadtherrn frei erreichbar blieb, sowie die präurbane Siedlung mit der alten Pfarrkirche und die im Dez. 1340 abgesteckte Stiftsimmunität. Das Patronatsrecht der Pfarrkirche, das 1269 von Gf. Dietrich (V.) und seiner Frau den Prämonstratenserinnen des Kl.s Bedburggeschenkt worden war, wurde jetzt von Gf. Dietrich (VII.) zurückerworben. Ab dem 12. Aug. 1341 (Grundsteinlegung durch den Gf.en) erfolgte ihre Ersetzung durch eine geräumige, Unser Lieben Frau als Hauptpatronin geweihte Stiftskirche (1426 vollendet). Diese Kirche diente bereits seit 1347 als Stätte der gfl. bzw. hzgl. Grablege, das Stift u. a. als Versorgungsstätte für landesherrl. Verwaltungspersonal. Die Res. war Stammsitz der Gf.en und Hzg.e mit ihrer Hofhaltung, Ort der Familienfeste und repräsentativen Veranstaltungen, wie Hoftagen der klev. Rittergesellschaften, Huldigungenund Belehnungen, sowie auch Verwaltungszentrum des Landes. Diese Funktionen blieben teilw. auch nach 1521 erhalten.
Das Leben in der kleinen Mittelstadt K. (1532: 2200 Kommunikanten, d. h. max. ca. 3300 Einw.) wurde in starkem Maße von der Res. bestimmt. Der Hof war für viele Einw. Arbeit- oder Auftraggeber. Die Stiftung des sogen. Arme-Diener-Hofes wurde 1444 von Hzg. Adolf (1394-1448, Hzg. seit 1417) unter Beteiligung der Stadt durchgeführt und 1461 stifteten Hzg., Dechant und Kapitel des Stiftes sowie die Stadt eine Bruderschaft mit Schützengilde von St. Antonius, der neben Bürgern auch die adeligen Mitglieder des St. Antonius-Ritterordens angehören sollten. Ein Grund für Spannungen war die Befreiungvon Einzelpersonen durch den Stadtherrn von der städt. Schatz- und Dienstpflicht. Bereits 1331 hatte sich der Gf. dazu verpflichtet, eine solche Freiheit nur noch in Ausnahmefällen und mit Bewilligung der Bürger zu verleihen. Zu Problemen führten ebenfalls die wiederholten Verschuldungen des Hzg.s (v. a. Hzg. Johanns II., 1481-1521) und von Angehörigen seines Hofes bei Bürgern, insbes. bei Wirten. Hier hat auch der 1453 geschlossene Vertrag des Hzg.s mit der Stadt über die Handhabung des städt. Weinzapfes keine definitive Abhilfe geboten. Die starke Präsenz des Landesherrn in der Residenzstadtist ansonsten der Grund dafür gewesen, daß nicht in K., der ersten Hauptstadt des Landes, sondern in Wesel die landständ. Privilegien der klev. Städte aufbewahrt wurden.
III.
Archäolog. Spuren einer Befestigung aus der Zeit vor 1020 fehlen bislang auf dem ca. 6500 qm großen Burggelände. Als ältester Kern der ma. Burganlage läßt sich ein Vorgänger des heutigen Haupt- oder Schwanenturmes vermuten. An dieser Stelle wurden 1999 Steinfundamente eines Turmes gefunden, die vorläufig um 1100 dat. worden sind. Weitere Bauten im Bereich einer vieleckigen Ringmauer (spätestens ca. 1150) schlossen sich an, darunter ein repräsentativer Wohnbau (Saal, 12,5 × 8,5 m) und eine Burgkapelle mit Apsis (Patron: St. Nikolaus,ältester schriftl. Beleg: 1330).
Die Anlage ist wahrscheinl. im letzten Drittel des 13. Jh.s um eine Mauer erweitert worden, die einen größeren Burghof südl. und unterhalb des von der alten Ringmauer umschlossenen inneren Burghofes entstehen ließ. In diesem neuen Vorhof konnten 1999 Reste eines Brunnens freigelegt werden. Mit der Erweiterung der Burgmauer verbunden war die Errichtung eines Palas. Hier befand sich über einem Untergeschoß mit Doppelgewölbe der ca. 12 × 30 m große »Lange Saal« mit einem repräsentativen Portal in der nördl. Stirnwand. Durch dieses Portal führte eine Treppe zu weiterenEmpfangsräumen, zur einer neuen Burgkapelle und schließl. zu den Wohnräumen des Landesherrn am nördl. Ende der Burganlage, unterhalb des Hauptturmes, hinauf. Am gegenüberliegenden, südl. Ende befand sich das Haupttor der Burg, neben dem sog. Johannisturm. Küche, Fisch- und Weinkeller, Bäckerei und Brauhaus sowie das Waschhaus, die ab dem 15. Jh. in den schriftl. Quellen (Hofordnungen) erwähnt werden, sind u. a. im Zwischentrakt zw. den beiden Höfen zu suchen.
Eine Kanzlei (scryvecamer) in der Burg läßt sich ab 1367 belegen. Kurz vor 1429 wurde im Vorhof teilw. auf die Burgmauer ein Turm als Aufbewahrungsort des hzgl. Archivs errichtet und 1463 entstand im Bereich zw. diesem sog. Spiegelturm und dem Haupttor eine neue Kanzlei. Der 1439 eingestürzte alte »graue« Hauptturm wurde bis 1448 vom Schwanenturm ersetzt (Baumeister: Johan Wyrenbergh). Etwa gleichzeitig entstand ein turmartiger Anbau auf der Ostseite der Burg, der sog. Zimelienturm, so daß sich nun jeweils zwei Türme gegenüberstanden (Schwanenturm undJohannisturm, Spiegelturm und Zimelienturm). Eine gewisse Vereinheitlichung wurde durch Anbringung von Zinnen und Bogenfriesen an vielen Stellen erreicht. Ziel dieser Maßnahmen war eher eine Vergrößerung der repräsentativen Wirkung der Burg als eine Stärkung ihrer Defensivkraft, was sich u. a. daran erkennen läßt, daß in dieser Zeit auch verschiedene Erker an die Außenwände angebracht wurden.
Auch im 15. Jh. wird eine Tendenz zur weiteren Ausdehnung des Burgkomplexes in südl. Richtung sichtbar. Ein Getreidehaus an der Schloßstraße ist ab 1452 belegt, 1467 enstand ein neuer Pferdestall (Marstall) mit Futterhaus im Vorfeld der Burg und dem Haupttor wurde 1470/71 ein Vortor vorgestellt. Im 16. Jh. folgten ein neues Kanzleigebäude nach einem Entwurf des Landesbaumeisters Maximilian Pasqualini (1558/59), das Herzog-Wilhelm-Tor als Ersatz für das ältere Vortor, eine Galerie als Verbindung zw. Tor und Kanzlei und ein Anbau an diese Kanzlei (beide 1569/70, nach Entwürfenvon Johann Pasqualini) sowie ein Ochsenstall (1570).
Im Bereich des Burgberges, bzw. am Kermisdahl befanden sich bereits im 14. bzw. 15. Jh. auch ein Hühnerhof, ein Gemüse-, ein Kräuter- und ein Baumgarten sowie Fischgewässer mit Fischkasten. Ein Turnierfeld (stecbaen, 1387) und Weingarten (vinea comitis, 1398), die westl. bzw. südl. von der Burg lagen, haben ihre Funktion wohl bereits im 15. Jh. verloren. Dafür werden in späterer Zeit eine Reitbahn im Vorfeld der Burg und weitere Gärten und Tiergehege gen.
Die Burg ist 1663-66 vom Baumeister Pieter Post teilw. in ein barockes Schloß umgewandelt worden und im 18. Jh. in Verfall geraten. Der Palas stürzte 1771 ein und der Johannisturm wurde 1784/85 abgerissen. Weitere Teile verschwanden in der Zeit der frz. Besatzung, aber eine völlige Beseitigung der Anlage konnte um 1810 noch gerade verhindert werden. Heute verbleiben drei Viertel der spätma. Burg, ohne Haupt- und Vortor und ohne Palas. Im Vorfeld der Burg fehlen heute u. a. die Galerie und die Kanzlei, aber der Marstall ist noch vorhanden.
Quellen
Die klevischen Hofordnungen, bearb. von Klaus Flink, Köln u. a. 1997 (Rechtsgeschichtliche Schriften, 9). - Klevische Städteprivilegien (1241-1609), hg. von Klaus Flink, Kleve 1989 (Klever Archiv, 8)
Literatur
Die Burg auf dem Berge. Beiträge zur Geschichte der Klever Schwanenburg, Red. Wiltrud Schnütgen und Bert Thissen, Kleve 2000. - Flink, Klaus: Die klevischen Herzöge und ihre Städte, 1394 bis 1592, in: Land im Mittelpunkt der Mächte, 1984, S. 75-98 - Flink, Klaus: Territorialbildung und Residenzentwicklung in Kleve, in: Territorium und Residenz am Niederrhein, 1993 S. 67-96. - Flink 1995. -Gorissen 1992 - Hi- storischer Ortskernatlas der Stadt Kleve und ihrer Ortsteile, hg. von Klaus Flink, Kleve 1992. - Lemmens, Gerard: Die Klever Burg, in: Land im Mittelpunkt der Mächte, 1984, S. 269-290. - Lemmens, Gerard: Die Schwanenburg Kleve, München u. a. 1990 (Große Baudenkmäler, 395). - Lemmens, Gerard: Das Schloß zu Kleve. Ein Album aus dem Jahre 1815, Kleve 1994. - Niederrheinischer Städteatlas. I. Reihe: Klevische Städte, 1. Heft:Kleve, bearb. von Friedrich Gorissen, Kleve 1952 (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, 51). - Scholten, Robert: Die Stadt Cleve. Beiträge zur Geschichte derselben meist aus archivalischen Quellen, Cleve 1879. Unveränd. ND Kleve 1975. - Scholten, Robert: Zur Geschichte der Stadt Cleve aus archivalischen Quellen, Kleve 1905. Unveränd. ND Kleve 1980. - Thissen 2002.