Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

KEMPTEN C.4.1.

I.

Kelt. Ortsname, der antiken Überlieferung folgend seit dem 8. Jh. Campidona, Campitona; 1241 Cemton, seit dem 14. Jh. Kemptun, Kempten. - Die Siedlung liegt auf den Flußterrassen westl. der Iller. Sie entwickelte sich auf antiker Grundlage im Zusammenhang mit dem um 740/70 gegr. Benediktinerkl., dessen Abt seit dem 12. Jh. unter die geistl. Rfs.en gezählt und 1348 als »Fürstabt« betitelt wurde, während sich die urbane Siedlung alsReichsstadt emanzipierte. Das Kl. - seine Lage ist umstritten: bislang wurde es meist bei der späteren Pfarrkirche St. Mang vermutet, jüngste Ausgrabungen lassen aber die Lage bei der späteren Klosterres. als wahrscheinl. zu - lag jedenfalls seit dem Spät- MA westl. vor dem Mauerring und wurde zum Kern für eine eigene »Stiftstadt«, so daß zwei Städte in Konkurrenz zueinander standen (bis 1811/18). - D, Bayern, Stadtkr. K.

II.

Die Lage des Siedlungskomplexes in der voralpinen postglazialen Moränenlandschaft an der Iller - ursprgl. verlief ein Arm noch durch das spätere Stadtgebiet - umfaßte im FrühMA zwei frühe Kirchenbauten - bei der späteren Pfarrkirche St. Mang bzw. im späteren Klosterbereich - und eine Siedlung unterhalb einer befestigten Burghalde (ehem. als röm. Kastell und Sitz eines Präfekten ausgebaut). Das teilw. weiter benutzte röm. Straßensystem mit seiner Straßenspinne und der Illerübergang wirkten als zentrale Lagemerkmale für die weitere Entwicklung, die zunächst unterdem Vorzeichen der Abtei stand. Aufgrund der Diözesangrenze am alten Illerlauf gehörte der westl. Teil, die sog. obere Pfarrei zum Bm. → Konstanz, die sog. untere von St. Mang (und damit die Reichsstadt) dagegen zum Bm. → Augsburg.

Die präurbane Struktur K.s erfuhr auf der Basis der Privilegierung des Kl.s als Reichsabtei durch die Karolinger und Ottonen im Immunitätsbezirk unter den → Welfen (?) und → Staufern als Inhaber der Vogtei eine gezielte Förderung. Die Münzstätte (1144, 1222 urkundl. erwähnt) mit den Ausprägungen von Brakteaten bis zur Mitte des 13. Jh.s läßt auch einen förml. Markt in der Hand des Abtes erwarten. Nach dem Verzicht des Kg.s auf die Vogtei zugunsten des Kl.s 1218/24 (→ Friedrich II., → Heinrich [VII.]; endgültig 1275 durch → Rudolfvon Habsburg) und dem Auftauchen der ersten cives (1257) bzw. des Stadtammanns (1269) erhielt die Stadt 1289 das entscheidende kgl. Privileg, das die Trennung vom Stift auslöste. Freilich verfügte der Abt nach wie vor über wesentl. Herrschaftsrechte, so daß die Bürgergemeinde (1273 Rat, 1379 Zunftverfassung) ihrem Stadtherrn in einem zähen und konfliktreichen Verfahren einzelne Rechte abringen mußte. Verschiedene Vergleiche stellen Etappen der Loslösung dar: 1340 Schiedsspruch über die Einbürgerung stift. Hintersassen, aber Stadtgericht als Gerichtsstand der Bürger;1361 Homburger Richtung: Zustimmungsrecht des Rates bei der Einsetzung des städt. Ammanns, aber weiterhin stift. Funktionsträger (Zöllner, Münzmeister, Marktämter, Einfluß auf die Gerichte); 1379 ewiger Bund, v. a. Selbständigkeit des Rates. Sie wurde unterbrochen durch vehemente Auseinandersetzungen, unter denen v. a. die Erstürmung der stift. Burghalde 1363 (1379 gekauft) nicht zuletzt auch einen symbol. Akt bedeutete; nun wurde die Ummauerung erweitert und die Aufsiedlung des dazw. liegenden Raumes (unter Auffüllung des versumpften alten Illerarmes) vollzogen. Ein vorläufiges Ende war dersog. »Große Kauf« von 1525, in dem die Reichsstadt (Bürgermeister Gordian Seuter) vom Abt in der Schwächephase des Bauernkriegs die noch verbliebenen Gerechtigkeiten in der Stadt für 30 000 fl. übernahm. Die Bürger der Stadt verfügten zwar auch weiterhin noch über Güter im stift. Gebiet (1601: Vertrag über die sog. »Kaufrechtsgüter«), doch waren die Rechtssphären nun weitgehend getrennt - ohne daß das vielfältige Gegeneinander, aber auch Miteinander beendet war. Bis zur Mitte des 17. Jh.s blieb die Reichsstadt der wirtschaftl. Mittelpunkt von Handel (v. a. Salz) und Handwerk (v. a.Textilien), auf den auch das Stift für seine eigene Versorgung angewiesen war. Erschwerend kam hinzu, daß mit der Reformation der Reichsstadt seit 1525 (ab 1532/33 mit einer stark zwinglian. Ausrichtung, seit der Mitte des 16. Jh.s luther. Konfessionalisierung) der konfessionelle Gegensatz zum kathol. Stiftsland als neues Konfliktfeld hinzukam.

III.

Die frühe Klosteranlage und die Burghalde, auf der wohl die Vögte wie dann die Amtsträger des Abtes saßen, dokumentieren die Ausgangsstruktur der präurbanen Siedlung als frühe »Residenz«. Sollte tatsächl. eine Verlegung des Kl.s in das Vorfeld westl. der (späteren) Stadt erfolgt sein, so wird sie für die Zeit des beginnenden 11. Jh.s vermutet, nachdem ein Brand die Gebäude (vor 1005?) zerstört hatte. Mit der Übernahme der Burghalde und ihrer Zerstörung wurde jedenfalls die topograph. Präsenz des ehem. Stadtherrn im urbanen Bereichbeseitigt.

Die Entwicklung der »Klosterresidenz« seit dem SpätMA vor der Stadtbefestigung ist baul. schwer rekonstruierbar, da der Neubau von Kirche und Residenztrakt seit 1651 die vorausgehenden Strukturen, die bis zur Zerstörung und Abtragung im Dreißigjährigen Krieg 1632/34 bestanden, völlig verändert hat. Roman. Bauteile der vorausgehenden Kirche, wie sie auf Abbildungen des 16. Jh.s zu erkennen sind, geben einem Neubau unter Abt Heinrich 1225 eine gewisse Wahrscheinlichkeit; eine weitere Bauphase ist zudem nach einem mögl. Brand von 1361 anzusetzen. Bildl. Darstellungen des 16./17. Jh.s (1576Braun-Hogenberg; 1599 von Heinrich Beusch; Kupferstich von Johann Hain und Friedrich Raidel 1628) und eine zeitgenöss. Zeichnung (vor 1632) zeigen einen ummauerten Stiftsbezirk mit der doppeltürmigen Abteikirche samt Klostertrakt, Wirtschaftsgebäuden und Garten sowie die außerhalb gelegene Pfarrkirche St. Lorenz (urkundl. erwähnt 1363, 1478 erweitert). An sie schließen sich nach W und S einige Dutzend einfacher, offensichtl. priv. genutzter Häuser an, die sich im Areal des späteren Kornhauses am Marktplatz verdichteten. Jüngste Ausgrabungen belegen neben Funden gehobener Wohnkultur imKlosterbereich auch ein Handwerkerareal (Bronzegießerei, Eisenschmieden und Kalkbrennanlagen im SpätMA, Schuhmacher und evtl. eine Fischzucht im 16. Jh.). Eine Ansicht der fürstabtl. Res. um 1620 registriert u. a. eine Taffelstub (?), einen Newen Bau mit Gastzimmern, die Dechantei, Kanzlei und einen Hoff Saal sowie den Marstall. Für die Wasserversorgung kam 1677 im Zuge der baul. Neugestaltung des zentralen Stiftsbereichs eine Vereinbarung mit der Reichsstadt zustande, die aber auf einem älteren Vertrag von 1608 über dieTeilung des Mühlbachs aufbaute. Der fakt. seit 1694 abgehaltene Markt und die förml. Stadterhebung, die 1712 oder 1713 initiiert, allerdings erst 1728 vollzogen wurde, dokumentieren jedoch einen planer. geprägten Willen zur Neugestaltung der »Stiftstadt«. Noch um 1700 kann man aber erst mit einer Bevölkerung von ca. 1 000 Einw.n innerhalb des sog. »Hofzauns«, der administrativen Einheit um das Stift rechnen - ehe die eigentl. Wachstumsphase einsetzte und eine stärkere Urbanität entfaltete, ohne jedoch Organe der Selbstverwaltung zugestanden zu bekommen.

Nach der vollständigen Zerstörung des alten Klosterkomplexes mußten Abt und Konvent vorübergehend auf die außerhalb Kemptens liegenden Burgen und Schlösser ausweichen: Abt Roman Giel von Gielsberg mußte kleine Hofstatt haben und residierte auf den Schlössern Liebenthann, Lenzfried und Letten, getrennt von den Konventsmitgliedern, die auf Schloß Schwabelsberg wohnten, 1668 (oder 1674?) aber nur mit Gewaltanwendung in das neu erbaute Stiftsgebäude gezwungen werden konnten.

Quellen

StA K., siehe auch die Angaben im Art. B.4.1. Kempten.

»Alles zu einem lauteren Steinhaufen gemacht«. Auf der Suche nach dem mittelalterlichen Kloster in Kempten. Begleitheft zur Ausstellung, Zumsteinhaus Kempten, 17.6. bis 8.11.1998. Stadtarchäologie Stadt Kempten, hg. von der Stadt Kempten (Allgäu), Kulturamt - Stadtarchäologie, Kempten 1998. - Bayerisches Städtebuch, 2, 1974, S. 291-299. - Blickle 1968. - Bürgerfleiß und Fürstenglanz, 1998. - Geschichte der Stadt Kempten, 1989. - Immler, Gerhard: Gerichtsbarkeit und Ämterbesetzung in Stadt und Stift Kemptenzwischen 1460 und 1525, in: ZBLG 58 (1995) S. 509-552. - Laube, Volker: Konzeptionswechsel in der Baugeschichte des barocken Kosterneubaus in Kempten, in: Allgäuer Geschichtsfreund 100 (2000) S. 61-96. - Müller, Karl Otto: Die oberschwäbischen Reichsstädte. Ihre Entwicklung und ältere Verfassung, Stuttgart 1912. - Petz 1998. - Weitnauer, Alfred: Das erste Kloster Kempten, in: Alemannanisches Jahrbuch 1 (1953) S. 166-183.