Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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KASSEL C.7.

I.

Chassala, Chassella 913, Cassella 940, Cassalun civitas 1015, Casle, opidum Caslingense 1271, Kassel 1308. Die Etymologie des Namens K. ist nicht zweifelsfrei geklärt, doch erscheint die Herleitung vom ahd. Lehnwort *kastel/*kassel zu lat./roman. castellum bzw. castella plausibel. - Die Burg lag im S der Altstadt auf dem Steilufer überder Fulda. - Lgft. Hessen - Res., zeitw. gemeinsam mit Marburg, seit 1277. - D, Hessen, Reg.bez. K., Kr. K. (Stadt).

II.

Der Siedlungskern liegt im K.er Becken am linken Ufer der Fulda im Winkel zw. Fulda und Ahne. Die Verkehrslage wurde durch eine 1283 errichtete Brücke über die Fulda verbessert.

Erste Erwähnung in Zusammenhang mit einem Aufenthalt Kg. Konrads I. i. J. 913. 1008 übergibt Ks. Heinrich II. seine curtis K. mit allem Zubehör an seine Gemahlin Kunigunde. Um 1015 wurde der Königshof nach Kaufungen verlegt. Im Schutz der kgl. curtis hatte sich Anfang des 11. Jh.s bereits eine größere Siedlung gebildet. Bis zum Anfang des 12. Jh.s verblieb K. in kgl. Besitz, bevor es über die Gf.en Werner an die → Ludowinger gelangte. 1283 wird erstmals die (Unter-)Neustadt jenseits der Fulda erwähnt. Lgf. Heinrich II. gründete 1330 dieobere Neustadt oder »Freiheit«. 1378 schlossen sich die drei Siedlungen zu einer Stadt zusammen. Die lgfl. Münzstätte wird erstmals 1239 urkundl. gen., doch sind bereits unter Lgf. Ludwig III. von Thüringen (1172-90) Brakteaten in K. geprägt worden.

Der Ort wird erstmals 1189 als civitas bezeichnet; das erste Stadtrecht wurde möglicherw. bereits 1180 (Erwähnung eines villicus) durch Gf. Heinrich Raspe III. verliehen. 1239 erneuerte Lgf. Hermann II. von Thüringen das erste, angebl. verlorengegangene Stadtrecht. Für 1225 sind erstmals consules, 1247 ein landesherrl. Schultheiß überliefert.

Von 1375-91 kam es zu Auseinandersetzungen des K.er Patriziats mit Lgf. Hermann II. wg. der Erhebung einer indirekten Steuer, des Ungelds. Im Verlauf des Aufruhrs von 1378 nahmen die Bürger die lgfl. Burg ein. 1384 hob Hermann II. die bisherige Stadtverfassung auf; fortan wurde der Rat vom Lgf.en ernannt. 1413 wurde die städt. Selbstverwaltung wiederhergestellt.

III.

Von den ma. und frühneuzeitl. Residenzenbauten ist nichts erhalten. Ob der an unbekannter Stelle gelegene Königshof befestigt war, ist ungewiß. Aus der Benennung von Ministerialen nach K. 1152 kann auf die Existenz einer lgfl. Burg geschlossen werden. Lgf. Heinrich I. ließ die Burg 1277 erneuern, eine Brücke über die Fulda errichten und stiftete im Bereich des Wirtschaftshofes der Burg ein Karmeliterkl., dessen Mönche sich im Febr. 1300 verpflichteten, in der Kapelle der lgfl. Burg tägl. eine Messe zu lesen. Nach der Erstürmung der Burg durch K.er Bürger wurdeseit 1386 die Befestigung verstärkt. Die 1381 erwähnten notaria domicelli befanden sich wohl innerhalb der Burg. Zw. 1439 und 1442 wurde auf dem Gelände des Renthofes erstmals ein eigenes Kanzleigebäude errichtet. In den 1460er Jahren erfolgte ein Umbau, bei dem ein neuer Saal entstand und die beiden Bergfriede neu gedeckt wurden. 1479/80 wurden Küche und Keller renoviert, 1481 eine verglaste Schenkstätte im Saal eingebaut und ein Badestube errichtet. Aus Rechnungen lassen sich weitere Bauarbeiten an dem 1500 ausgemalten Frauengemach, an der Schneiderei und derLichtkammer erschließen. Die 1469/70 vergrößerte Burgkapelle wurde 1502 erhebl. verkleinert. Lgf. Philipp der Großmütige ließ die Anlage planmäßig zur Festung ausbauen, die ein Jahr nach der Kapitulation Lgf. Philipps im Schmalkaldischen Krieg i. J. 1547 auf Befehl Ks. → Karls V. geschleift wurde. Von 1557-62 wurde das Schloß zu einer nahezu regelmäßigen Vierflügelanlage umgebaut, die bis zum Brand 1811 äußerl. fast unv. blieb.

Quellen

Chroniken des Wigand Gerstenberg, 1989. - Küch, Friedrich: Beiträge zur Geschichte des Landgrafen Hermann II. von Hessen, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 49 (1916) S. 172-232. - Nebelthau, Friedrich: Die hessische Congeries, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 7 (1858) S. 309-394.

Brunner, Hugo: Geschichte der Residenzstadt Cassel 913-1913: zur Feier des 1000jährigen Bestehens der Stadt, Kassel 1913. ND Frankfurt a. M. 1978. - Buck, Herbert: Kassel und Ahnaberg. Studien zur Geschichte von Stadt und Kloster im Mittelalter, Diss. Frankfurt a. M. 1967. - Demandt, Karl Ernst: Kassel und Marburg: ein historischer Städtevergleich, Marburg 1975 (Marburger Reihe, 7). - Friderici, Robert: Beiträge zur mittelalterlichenGeschichte der Stadt Kassel, 2: Der landgräfliche Renthof, der Weiße Hof und die anderen Höfe, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 67 (1956) S. 98-118. - Görich, Willi: Zur Entwicklungsgeschichte der Stadt Kassel im Mittalter, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 64 (1953) S. 9-17. - Heinemeyer, Karl: Königshöfe und Königsgut im Raum Kassel, Göttingen 1971 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 33). - Heppe, Dorothea: DasSchloß der Landgrafen von Hessen in Kassel von 1557 bis 1811, Marburg 1995 (Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland, 17). - Holtmeyer, Alois: Kreis Cassel-Stadt, Kassel 1923 (Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, 6,1). - Knetsch, Carl: Zur Baugeschichte des des alten Casseler Landgrafenschlosses, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 40 (1907) S. 310-342, Ergänzungen in: Hessenland 22 (1908) S. 300-301. - Schich, Winfried: DieEntstehung der Stadt Kassel. 1075 Jahre Kassel - 800 Jahre Stadt Kassel, Kassel 1989 (Quellen und Perspektiven zur Entwicklung Kassels, 1).