Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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KARLSTEIN C.1. (Karlštejn)

I.

Der erste Großbau → Karls IV. als selbständiger Herrscher in → Böhmen (auch der allerwichtigste derer, die nach ihrem Bauherrn benannt wurden). Wohl im J. 1348 angefangen, rund 25 km südwestl. von → Prag am Ende des Kalksteinbergausläufers in einer durchschnittl. Höhe von rund 250 m angelegt, an drei Seiten durch steilen Absturz geschützt, im N dann durch den tiefen Graben vom Berg, später Kněží hora gen., abgesondert. Unweit nördl. vom Berauner Fluß allseitig von höheren Hügeln (ihre Höhe schwankt zw. 362 und 425 m) umgebenund vom Fluß nur durch ein schmales Tal erreichbar und deshalb ein wenig abseits gelegen, wurde die Burg von ihrem Gründer zuerst als seine stille Ruhestätte konzipiert, jedoch bald zugl. auch als Aufbewahrungsort der Reichs- und böhm. Kleinodien, sowie des Kronarchivs und auch sonst zu staatl. Zwecken benutzt. - CZ, Region Mittelböhmen.

II.

Durch → Karl IV. wurde der Bau der Burg K. mit höchstem Aufwand und Nachdruck auf Pracht konzipiert. Die Burg unterschied sich von allen anderen durch ihre zwei mächtigen miteinander durch hölzernen Wehrgang verknüpften Türme. Sie war wohl ab Nov. 1355 bewohnbar (erste hier datierte Karlsurk.). Für → Karl IV. sind rund zwanzig, jedoch fast ausschließl. kurzfristige Aufenthalte, belegt (→ Wenzel ist dort 38 mal mit insgesamt mind. 150 Aufenthaltstagen, → Sigismund dagegen in seiner Regierungszeit niemals bezeugt, was auch fürseine ma. böhm.-kgl. Nachfolger gilt). Im J. 1357 wurde das K.er Kollegiatkapitel mit sechs Kanonikern gegr. (unter → Wenzel bis auf das Doppelte vermehrt), denen die Marienkirche im Mittelbau (der kleine Turm) zur Verfügung stand. Der Bau wurde dreigliedrig auf drei emporsteigenden Stufen angelegt (Terassen bzw. höchste Felsenspitze zw. 295-332 m), die zugl. die Bedeutung und den Rang des betreffenden Teils signalisierten, und galt in seiner Zeit als uneinnahmbar. Durch die Hussiten wurde die Burg i. J. 1422 sieben Monate vergebl. belagert. Überreste der Belagerungspositionen an denumliegenden Hügeln sind noch zum Teil sichtbar.

III.

Wenn man von dem Burggrafen- und Kapitelhaus sowie verschiedenen Wirtschaftsgebäuden absieht, handelt es sich um drei selbständige Baukompexe. Diese waren miteinander durch Fallbrücken, teilweise mit bedachtem Gang kombiniert, verknüpft. Der unterste Bau, bestehend aus drei Stockwerken, wurde von Anfang an als kgl.-ksl. Palast konzipiert. Im ersten Stockwerk befanden sich die offiziellen Staatsgemächer, im zweiten die privaten Kemenaten des Ks.s mit einer Kapelle und im obersten Stockwerk lagen die Gemächer der Ks.in. Der Mittelbau mit drei Stockwerkenbeherbergt die Marienkirche mit bis heute fast intakt erhaltener Ausmalung der Apokalypse von Nikolaus Wurmser u. a. m., sowie mit drei Malereifolgen Die obere stellte den Ks. mit der ersten Gattin Bianca dar (in der Renaissance zerstört), die mittlere zeigt drei Reliquienszenen des Ks.s, die erste mit dem frz. Dauphin Karl (V.), die zweite mit Peter von Lusignan, Kg. von Zypern und Jerusalem, und die dritte stellt den Ks. dar, wie er die Reliquie in das Reliquienkreuz hineinlegt. In der Wandbreite befindet sich die private hl. Katharinen-Kapelle des Ks.s, mit Halbedelsteinen und mehrerenMalereien prächtig ausgeschmückt. Über dem Eingang ist → Karl IV., wohl mit seiner dritten Gattin Anna von Schweidnitz, in der Reliquienkreuz-Szene dargestellt. Über der Altarmensa mit der Madonna ist → Karl IV. ebenfalls mit Anna von Schweidnitz als adorierender Donator abgebildet. Der »Große Turm« (lichte Höhe von über 23 m), der den eigentl. Kern der ganzen Burg bildet, enthält vier Stockwerke, z. T. zu Versammlungszwecken bestimmt. Vom Erdgeschoß führt der Treppengang, mit den Wenzel- und Ludmilalegenden ausgemalt, in die unvergleichl. kunstvoll ausgeschmückteKreuzkapelle in der dritten Turmebene, die nur ganz wenigen Personen zugängl. sein sollte. Sie war ursprgl. mit den 130 Tafelbildern der militia Christi (ein Bild in der Zwischenzeit verloren) vom Magister Theodoricus und seiner Schule im oberen Bereich ausgestattet (wie andere Ausschmückung aus der Zeit des Burgbaues) und durch durchdachte Kerzenbeleuchtung geschmückt. Den unteren Bereich bilden polierte Halbedelsteine im reich vergoldeten Stuck. Die Decke zeigt zwei Felder des Kreuzgewölbes mit der Himmeldarstellung, die wieder reichl. mit Gold geschmückt waren.Die Truhen um die Wände wurden zur Aufbewahrung der Archivschätze bestimmt.

Größte Schäden entstanden im Wohnpalast des Ks.s, wo u. a. der in dem Audienzsaal ausgemalte Stammbaum der Luxemburger bis auf winzige Fragmente verlorengegangen ist. Auf → Wenzels Geheiß wurde ab 1411 ein Teil der Reliquien der Prager Metropolitankirche, am Anfang der Revolution, dann deren Rest mit der Tumba des hl. Wenzel sowie Schätzen der benachbarten Kl.s, nach K. überführt, gefolgt von den Reichsinsignien und -reliquien, die → Sigismund i. J. 1422 abtransportieren ließ (zuerst nach Ungarn, nachher nach → Nürnberg). Die Burg verlor im Laufe des 15. Jh.s ihresakrale Funktion und wurde allmähl. zum Symbol der adligen Landesgemeinde, die ihre Pflege übernahm. Die Funktion der zwei Bgf.en von K. gehörte zu den angesehensten im Lande (je einer aus dem Herren- und Ritterstand, die die Krönungskleinodien hüten sollten).

 

Quellen

Fast vollständig in den unten zitierten Arbeiten verwendet. Herrscherl. Aufenthalte für Karl IV.: RI VIII, 1877, S. 639. - Hlaváček, Ivan: Das Urkunden- und Kanzleiwesen des böhmischen und römischen Königs Wenzel (IV.) 1376-1419. Ein Beitrag zur spätmittelalterlichen Diplomatik, Stuttgart 1970 (Schriften der MGH, 23), - Pelikán, Josef: Účty hradu Karlštejna z let 1423-34, Prag 1948.

Durdík 1999, S. 246-250. - Durdík, Tomáš/Bolina, Pavel: Středověké hrady v Čechách a na Moravě, Prag 2001, pass. - Dvořáková, Vlasta/Menclová, Dobroslava: Karlštejn, Prag 1965. - Eschborn, Michael: Karlstein. Die Rätsel um die Burg Karls IV., Stuttgart 1971. - Fišer, František: Karlštejn. Vzájemné vztahy tří kaplí,Kostelní Vydří 1996. - Menclová 2, 1972, pass., vornehml. S. 48-63. - Magister Theodoricus. Court Painter to Emperor Charles IV, hg. von Jiří Fajt, Prag 1998, bes. der einleitende Beitrag von František Kavka. - Sedláček 6, 1889, S. 1-78.