Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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INNSBRUCK C.1. / C.7.

I.

Inspruk (1167/83), Insprvcke (1187), Ynsbrugge (1209), Isinbrugge, Insburge (1220), Insbrucke (1239), Oenipons (1557) - Stadt im mittleren Tiroler Inntal - Gft. im mittleren Inntal; (gefürstete) Gft. Tirol - (Erz-)Hzg.e von Österreich (Tiroler Linien) 1420-1665, unter → Maximilian I. (1459-1519, Kg. 1486, Ks. 1508) zeitweilig Kaiserres. - A, Tirol, Hauptstadt.

II.

I. entstand unmittelbar am Inn auf dem Schwemmfächer der Sill an der Einmündung des vom Brenner nach N führenden Wipptals. Ältere Siedlungen (von der Bronzezeit bis ins HochMA) lagen an den Talrändern, Talhängen und Terrassen beiderseits des Inns. Am Zugang zum Brenner, dem mit 1372 m Seehöhe niedrigsten Alpenübergang, gelegen, konnte sich I. zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt entwickeln. Hier gabelte sich die Brennerstraße, die westl. Route führte über Scharnitz nach → Augsburg, die östl. ins Unterinntal nach → Bayern. Im 12. Jh. betriebdas Prämonstratenserstift Wilten auf dem Gebiet seiner gleichnamigen Hofmark eine Fähre über den Inn. Nachdem die Gf.en von Andechs (später Hzg.e von Meranien) die Gft. im mittleren Inntal erhalten hatten, errichteten sie bald nach 1165 eine Innbrücke sowie am Nordufer des Flusses im Gebiet von Hötting eine kleine Marktsiedlung, die erstmals 1167/83 urkundl. gen. wird. 1180 erwarb Berchtold von Andechs zur Erweiterung des Marktes vom Stift Wilten das Gebiet der heutigen Altstadt und des Innrains. Der Siedlungskern verlagerte sich daraufhin über den Inn, wo Berchtold und sein gleichnamiger Sohnknapp westl. der Innbrücke auch eine Burg erbauen ließen, außerdem wurde der Markt mit Mauer und Graben gesichert. Zw. 1187 und 1204 entwickelte sich I. zur Stadt, 1205 Nennung als burgum, 1209 als civitas. Der alte Markt am linken Innufer wurde zur Vorstadt. Die älteste Stadtanlage schloß sich halbkreisförmig an das rechte Flußufer bei der Brücke an, als Marktplatz fungierte die Hauptstraße (heute Herzog-Friedrich-Straße). Nach dem Stadtbrand von 1390 wurden die dort bereits bestehenden Lauben-Vorbauten in die Häuser einbezogen. Um 1442/50entstand neben dem Alten Rathaus (erbaut 1358) der mächtige Stadt- oder Rathausturm. Zur ältesten Befestigungsanlage des späten 12. Jh.s gehörten das Pickentor, das Inntor, das Tränktörl, das Vorstadt- und das Saggentor. Stadterweiterungen außerhalb des ummauerten Bereichs erfolgten 1281 mit der Gründung der Neustadt (nova civitas) entlang der heutigen Maria-Theresien-Straße, um die Mitte des 15. Jh.s östl. der Altstadt bis zur Sill (»Saggen«) sowie seit der ersten Hälfte des 16. Jh.s am Innrain. Bis in die Neuzeit beschränkte sich der I.er Burgfried aufdie Altstadt, den alten Markt links des Inns, die Neustadt und den Saggen. 1567 zählte I. 5030 Einw. (ohne Klerus und Hofstaat).

1180 wird der Markt- bzw. Stadtrichter, der mit fünf Beisitzern an der Spitze der örtl. Verwaltung stand, erwähnt. 1315 erscheint erstmals der zwölfköpfige Rat, 1374 der von der Bürgerschaft gewählte Bürgermeister. Das älteste erhaltene Stadtsiegel stammt aus dem Jahr 1267. Das Recht zur Wahl der Stadtrichters erhielt I. wohl im 15. Jh. Weitere bürgerl. Gremien waren im 15./16. Jh. der Zusatz, ein zwölfköpfiges Geschworenenkollegium sowie die Gemain, ein gleichfalls zwölfköpfiger Bürgerausschuß. Das Stadtgericht besaß nur die niedereGerichtsbarkeit.

Zentren der von Meinhard II. von Tirol-Görz (1258-95, ab 1286 auch Hzg. von Kärnten) in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s zum Land ausgebauten Gft. Tirol waren die Burg Tirol oberhalb von Meran sowie die Städte Meran und Bozen. Erst mit dem Übergang Tirols an die Hzg.e von Österreich i. J. 1363 verlagerte sich der Schwerpunkt allmähl. nach N ins Inntal, wo einer der Hauptverkehrswege zw. dem östl. und dem westl. Hausgut der Habsburger verlief. Unter Hzg. Friedrich IV. (1383-1439), dem Begründer der älteren Tiroler Linie des Hauses Habsburg, wurde die Stadt von 1420 an zur landesfsl. Res. SeinSohn Sigismund bevorzugte I. gleichfalls als Aufenthaltsort. Unter → Maximilian I. kamen zentralörtl. Funktionen für das Reich hinzu. Auch → Ferdinand I. (1503-64, Kg. 1531, Ks. 1556) hielt sich in den ersten Jahren seiner Regentschaft häufig in I. auf, seine Frau Anna hatte von 1533-43 dort ihren ständigen Wohnsitz. 1564 bestimmte der Ks. Tirol und die österr. Vorlande als selbständigen Herrschaftsbereich seines zweitgeborenen Sohnes Ferdinands II. von Tirol (*  1529, 1564-95). Auf ihn folgten als Regenten Tirols Ehzg. Maximilian III. »der Deutschmeister«(*  1558, 1602-18), Leopold V. (*  1586, 1619-32), dessen Wwe. Claudia von Medici (*  1604, 1632-46) sowie Ferdinand Karl (*  1628, 1646-62) und Sigmund Franz (*  1630, 1662-65), mit dem die jüngere Tiroler Linie der Habsburger erlosch und I. seine Funktion als Res. verlor.

Seit 1514 fanden die Tiroler Landtage fast ausnahmslos in I. statt, in der ersten Hälfte des 17. Jh.s benutzten die Stände das Haus Herzog-Friedrich-Straße 29 in der Altstadt als Amtsgebäude, 1666 verlegten sie ihren Sitz in den Vorläuferbau des heutigen Alten Landhauses (Maria-Theresien-Straße 43).

I. gehörte bis ins 20. Jh. zur Diöz. → Brixen, die städt. Siedlung unterstand bis 1643 der dem Prämonstratenserstift Wilten inkoporierten Pfarre Wilten. 1180 wird erstmals eine ecclesia in foro erwähnt. Das St. Jakobspatronzinium des innerhalb der Stadtmauern errichteten Gotteshauses weist auf einen durch I. führenden Pilgerweg nach Santiago di Compostela. 1390 entstand eine spätgot. Kirche, die nach mehreren Umbauten schließl. 1717/24 durch einen barokken Neubau, den heutigen Dom, ersetzt wurde.

I. besaß das Marktmonopol für das mittlere Inntal und das Niederlagsrecht für den Transithandel. 1187 werden negociatores gen., Ende des 13. Jh.s lassen sich Florentiner Kaufleute und eine Pfandleihbank in I. nachweisen. Seit 1230 ist eine nach Augsburger Fuß prägende Münzstätte belegt, vom Marktzoll ist bereits 1180 die Rede, 1267 scheint erstmals ein landesfsl. Zöllner in I. auf. Aufgrund der Verkehrsfunktion spielte das Gastgewerbe eine beträchtl. Rolle, im 15. und 16. Jh. war die Stadt für ihre Plattnerwerkstätten und Gußhütten bekannt. Der seit 1180 urkundl.erwähnte, künstl. angelegte Sillkanal betrieb Mühlen, Hammerwerke und Tuchwalken. Ein großer Holz- und Floßlandeplatz befand sich am Innrain westl. der Stadt. Großen Einfluß auf die städt. Wirtschaft übte die Hofhaltung aus. Um die Mitte des 17. Jh.s stellten Beamtenschaft und Adel zwei Drittel der städt. Haushalte. Allerdings konnte die häufig schlechte Finanzlage der Landesfs.en zu Spannungen führen: 1518 verweigerten die I.er Wirte Ks. → Maximilian und seinem Troß wg. alter Schulden Stallungen und Quartier.

III.

Als Hzg. Friedrich IV. von Österreich I. als dauernden Aufenthaltsort auswählte, nutzte er nicht die alte, ins 12. Jh. zurückreichende Stadtburg, sondern baute mehrere Bürgerhauser am Stadtplatz zum »Neuen Hof« um. Sein Sohn Sigismund (1427-96) errichtete um 1460 in der Nordostecke des ummauerten Stadtraumes eine neue Hofburg, die unter → Maximilian I. nordwärts bis an die Stadtmauer erweitert wurde und durch den von Jörg Kölderer geschaffenen Wappenturm ein bes. repräsentatives Element erhielt. Zwei Aquarelle Albrecht Dürers (1494/95) und eineFederzeichnung von 1525/34 zeigen die Baulichkeiten (abgebildet bei Felmayer 1995, S. 56ff.). Weitere Zu- und Umbauten erfolgten unter der Regierung → Ferdinands I., insbes. nach einem Brand i. J. 1534 durch Lucius de Spaciis, und Ferdinands II. Den Kern der Anlage bildeten die Baulichkeiten um den »Mitterhof«, dem sich und a. der Wohntrakt, »Frauenzimmer«, Schatzturm, äußere Burg und »Harnaschhaus« sowie mehrere Verbindungsbauten anschlossen. Mittelpunkt höf. Festlichkeiten war der »Goldene Saal« von 1510. Vom ausgehenden 16. Jh. an geriet die Hofburg allmähl. inVerfall. Nachdem bereits in der ersten Hälfte des 17. Jh.s der völlige Abriß erwogen worden war, ließ Ks.in Maria Theresia (1717-80) die Hofburg in zwei Bauphasen (1754/56 und 1766/73) durch das noch heute bestehende Rokokoschloß ersetzen (Pläne von Johann Martin Gumpp d. J., Konstantin Johann Walter und Nikolaus Pacassi). Es enthält noch Bauteile der Vorgängeranlage. Der Neue Hof Friedrichs IV. diente seit dem ausgehenden 15. Jh. als Amtsgebäude (Finanzverwaltung, Archiv), an der dem Stadtplatz zugewandten Seite ließ → Maximilian um 1495/96 das berühmte »Goldene Dachl«, einenals Hofloge nutzbaren Prunkerker, anfügen.

Ehzg. Ferdinand II. schenkte 1564 die Burg Ambras bei I. seiner Frau, der Augsburger Patriziertochter Philippine Welser, und ließ sie in den Jahren bis 1587 zum Renaissanceschloß ausbauen (Ansicht von Matthaeus Merian um 1650, Abb. u. a. in: Historische Gärten in Österreich, 1993): Um einen längsrechteckigen Hof entstand eine viergeschossige Anlage von unregelmäßigem Grdr. Ihr vorgelagert ist der von 1570 an nach Plänen von Giovanni Lucchese errichtete »Spanische Saal«, der älteste monumentale Saalbau der Renaissance nördl. der Alpen. Unterhalb des Burgfelsens ist das Unterschloß(etwa 1572-83) situiert, zu dem neben Kornschütte, Beamten- und Schloßwächterhaus v. a. Räume für die Unterbringung der fsl. Sammlungen gehörten: Waffensäle sowie Kunst- und Wunderkammer. Auf Ehzg. Ferdinand gehen auch eine umfangr. Porträtsammlung und eine bedeutende Sammlung alter Musikinstrumente zurück. Schloß Ambras ist weitgehend in seinem ursprgl. Zustand erhalten, es beherbergt eine Außenstelle des Kunsthistorischen Museums in → Wien. Gleichfalls aus der Regierungszeit Ferdinand II. stammen das Lusthaus im Höttinger Tiergarten (erbaut 1570/71, abgerissen um 1790) und das SchloßRuhelust im Bereich des Hofgartens (erbaut 1581/82, als Neugebäude wiedererrichtet, 1728 abgebrannt). Als Stadtpalais der Söhne Ferdinands II. fungierte von 1570/71 an der Vorläuferbau des Alten Landhauses.

Seit dem frühen 15. Jh. existierten im Bereich des heutigen Hofgartens östl. des Rennwegs Nutzgärten und Wildgehege, die unter → Maximilian I. und → Ferdinand I. allmähl. zu Lustgartenanlagen umgestaltet wurden. Seit 1564 entstand dort im Auftrag Ehzg. Ferdinands II. eine der bedeutendsten frühen Renaissance-Gartenanlagen nördl. der Alpen (als Pendant zum Prager Königsgarten). Zu ihr gehörten Schloß Ruhelust und eine Reihe anderer Baulichkeiten (Tierhaus, Böhm. Lusthaus, Guß- und Bossierhaus, Pavillons). In der ersten Hälfte des 17. Jh.s gliederte sich der Hofgartenin folgende Teile: Rennplatzgarten als des Erzherzogs Lustgarten (Wurzgarten, Vogelgarten), der Erzherzogin Lustgarten mit dem Irrgarten, Kammergarten der Erzherzogin, der große Hof- und Tiergarten, der Garten des Ballspielplatzes und der Fasanengarten. Auch zu Schloß Ambras gehörten ausgedehnte Parkanlagen: der etwa 20 ha große Wildpark, der »Keuchengarten«, ein Ziergarten mit Gartenhaus und Bacchusgrotte, der Hasengarten sowie das im W bis zur Talsohle reichende Areal unter Einschluß des Ambraser Sees mit Tiergehegen und Pavillons. Ein weiterer landesfsl. Tiergarten befandsich bei der Weiherburg. Als Turnierplatz diente das Areal des heutigen Rennwegs.

1553-63 entstand als Stiftung Ks. → Ferdinands I. die Hof- oder Franziskanerkirche zum Hl. Kreuz mit dem monumentalen Grabmal → Maximilians I. (als Kenotaph, der Ks. blieb in der Wiener Neustadt bestattet) und den berühmten 28 überlebensgroßen Bronzestandfiguren, 23 Statuetten von Heiligen des Hauses → Habsburg und 21 Porträtbüsten röm. Ks. Ab 1577 ließ Ehzg. Ferdinand II. der Hofkirche die silberne Kapelle als Grablege für sich und seine Frau Philippine († 1580) anfügen. Ehzg. Maximilian III. ist in der Pfarrkirche St. Jakob (heute Dom) beigesetzt. Ehzg. Leopold V.ließ für sich und seine Familie eine Gruft in der von ihm begonnenen I.er Jesuitenkirche errichten. Auf habsburg. Stiftungen gehen auch die Niederlassungen der Jesuiten (1561), der Kapuziner (1593/94), Servitinnen (1607/12) und Serviten (1614) zurück. Das großes Ballhaus mit anschließendem Regattaspiel (1569-72) wurde unter Leopold V. 1628-30 zum Hoftheater umgebaut; 1654/55 Umgestaltung zur Hofreitschule. An der Stelle des heutigen Landestheaters entstand unter Ehzg. Ferdinand Karl 1653-55 ein kleineres Hoftheater. Auch auf dem Gebiet der Bildung gingen von den → Habsburgernwichtige Impulse aus. Ks. → Ferdinand I. veranlaßte 1562 die Gründung eines Jesuitengymnasiums, das 1602 einen von Ehzg. Maximilian gestifteten Schulbau bezog. Die von Ks. Leopold I. 1669 ins Leben gerufene I.er Universität wurde gleichfalls von den Jesuiten geführt.

Mit dem Aufstieg zur »Landeshauptstadt« erfolgte die Einrichtung zentraler Behörden für die vorderösterr. Ländergruppe, im 15. Jh. Hofkanzlei und Kammer, seit → Maximilian I. Regierung (Regiment) und Kammer (während der Regierungszeit Maximilians zeitw. mit reichsweiten Aufgaben). 1498 bezog die Kammer den »Neuen Hof«, das Regiment erhielt 1569 das »Alte Regierungsgebäude« (Herzog-Friedrich-Straße 3, mit dem repräsentativen »Claudia-Saal«) als Amtssitz zugewiesen.

Quellen

Huter, Franz: Tiroler Urkundenbuch, 3 Bde., Innsbruck 1937-57. - Wiesflecker 1, 1949, 2,1, 1952.

Dehio, Kunstdenkmäler Österreichs: Tirol, 1980. - Senn 1954. - Dreger, Moritz: Zur ältesten Geschichte der Innsbrucker Hofburg, in: Kunst und Kunsthandwerk 24 (1921) S. 133-201. - Felmayer, Johanna: Die Kunstdenkmäler der Stadt Innsbruck. Die Hofbauten, Wien 1986 (Österreichische Kunsttopographie, 47). - Felmayer, Johanna: Die sakralen Kunstdenkmäler der Stadt Innsbruck. Tl. 1: Innere Stadtteile, Wien 1995 (ÖsterreichischeKunsttopographie, 52). - Habsburger, 1993. - Hye, Franz-Heinz: Die Städte Tirols, 1. Tl.: Bundesland Tirol, Wien 1980 (Österreichisches Städtebuch, 5/1). - Hye, Franz-Heinz: Die Haupt- und Residenzstädte in Tirol (mit dem Itinerar Herzog Friedrichs IV.), in: Die Hauptstadtfrage in der Geschichte der österreichischen Bundesländer. Mitteilungen des Museumsvereins Lauriacum-Enns (1991) S. 44-55. - Hye, Franz-Heinz: Die Stellung Innsbrucks in Leben und Politik Kaiser Maximilians I., in: Haller Münzblätter 5(1992) S. 294-322. - Hye, Franz-Heinz: Innsbruck, Wien 1996 (Österreichischer Städteatlas, 5/1). - Hye, Franz-Heinz: Das Goldene Dachl. Kaiser Maximilians I. und die Anfänge der Innsbrucker Residenz, Innsbruck 1997 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Innsbruck. NF 24). - Historische Gärten in Österreich: vergessene Gesamtkunstwerke, Wien u. a. 1993. - Kittinger, Hubert: Hofburg, Silberne Kapelle und Hofkirche zu Innsbruck, Wien 1967.