HERSFELD C.4.1.
I.
Heireulfisfelt (MGH DK.d.G. 1, 89 = Urkundenbuch, 1936, Nr. 5/6), Hersfeld (1170). - D, Hessen, Kr. H.-Rotenburg, Bad H.
II.
H. liegt in → Hessen am linken Ufer der Fulda im Mündungsgebiet von Haune und Geis. Dort hatte Sturmi, ein Schüler des Bonifatius, Bf. von → Mainz, auf bfl. Eigengut 736 eine Einsiedelei (cella) gegr. An dieser Stelle ließ Lul, der Nachfolger des Bonifatius, zw. 769/75 ein Kl. errichten. Karl der Große sicherte 775 der Reichsabtei Königsschutz und freie Abtwahl zu. Das »Breviarium S. Lulli«, ein Verzeichnis des H.er Grundbesitzes bis zum Tode Karls des Großen, gibt einen Überblick über die schonumfangr. Besitzungen des Kl.s. 780 wurden die Gebeine des hl. Wigbert von Fritzlar nach H. übertragen und damit die Verehrung der ursprgl. Patrone Simon und Judas zurückgedrängt. Bis zum Ende des 11. Jh.s ragte die H.er Klosterschule als eine Pflegestätte der Wissenschaften hervor. So erreichte z. B. die Geschichtsschreibung des 11. Jh.s mit dem dortigen Mönch Lampert einen Höhepunkt. Doch während die auswärtigen Besitzungen der Abtei im Laufe der Jh.e wieder verloren gingen, entwickelten sich aus der Ausübung grundherrl. Rechte sowie aus der spätma. Gerichtsherrschaft der Abtei in derenUmfeld wesentl. Elemente der Territorialherrschaft. Da die Gerichshoheit ein wesentl. Herrschaftsfaktor war, wurde sie bald von der Stadt H. angefochten.
Die Lage des Ortes H. an der Kreuzung zweier Handelswege begünstigte die Niederlassung von Handwerkern und Arbeitern vor den Stiftsmauern; urkundl. wird eine eigenständige Marktsiedlung erst seit 1142 bezeugt. Die Ummauerung des seit 1170 als Stadt bezeichneten H. begann 1240 und wurde erst im 14. Jh. vollendet. Der Zuzug fläm. Tuchmacher und Färber hatte wesentl. zum Erstarken der städt. Wirtschaft beigetragen. Zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen entwickelte die Stadt eigene rechtl. und polit. Strukturen, wie das Schultheißenamt und das Niedergericht sowie im 14. Jh. den aus vierMitgliedern bestehenden Stadtrat. Mit letzterem war eine von direkter Einflußnahme des Abtes unabhängige städt. Führung entstanden. Der schwelende Konflikt aufgrund der städt. Autonomiebestrebungen einerseits und den landesherrl. Ansprüchen des Abtes andererseits kam erstmals offen zum Ausdruck, als die Stadt 1373 erstmals ein Bündnis mit dem hess. Lgf.en schloß, das in der Folgezeit mehrfach erneuert wurde. Schließl. wollten in der »Vitalisnacht« von 1378 der Abt und das Stift die Stadt milit. besiegen. Doch scheiterte der Angriff, da der Plan vorher bekannt geworden war. Der H.er Vertragvom 2. Nov. 1432, worin die landesherrl. Schutzherrschaft über das Stift sanktioniert wurde, beendete zunächst nicht nur die Auseinandersetzungen zw. Stift und Stadt, sondern leitete auch eine neue Entwicklung ein. Denn infolgedessen sowie im Zuge der Reformation kam es zur unmittelbaren Belehnung des Lgf.en mit Anteilen am Stift und an der Stadt H. D. h., der Konflikt zw. Stadt und Stift, der bald auch gegensätzl. außenpolit. Bündniskonstellationen nach sich gezogen hatte, führte - nachdem die Lgft. → Hessen 1427 endgültig die Vorherrschaft in der Region erlangt hatte - zum Verlustder polit. Selbständigkeit der Abtei.
Die Stadt hatte sich in der frühen Neuzeit nach ihrer Bevölkerungszahl sowie nach ihrer ausgeprägten gesellschaftl. Differenzierung und Exportgewerbe zu einer kleineren Mittelstadt weiterentwickelt. Ihre Residenzstadtfunktion behielt sie bis in den Dreißigjährigen Krieg. Die Äbte und nach 1606 zwei hess. Prinzen als Administratoren der Reichsabtei H. residierten im von der Stadt topograph. und rechtl. separierten Stiftsbezirk um die roman. Abteikirche. Schließl. wurde im Westfälischen Frieden das Stiftsgebiet als weltl. Fsm. mit der Lgft. vereinigt. In der Abtei wurde die Kanzlei des Fsm.H., eine landesherrl. Mittelbehörde, ansässig.
III.
Von den Klosterbauten der roman. Zeit hat sich ledigl. der im Anschluß an den südl. Querhausarm befindl. Teil erhalten. Im Obergeschoß lag das Dormitorium der Mönche. Die tonnengewölbte Mönchskapelle läßt noch den Geist klösterl. Askese erkennen. Hier sind Wandmalereien aus otton. Zeit erhalten. Über die Innenräume des Kl.s als Res. des Abtes sind bislang wenig Details bekannt.
Ausgrabungen im Klosterbezirk brachten i. J. 1976 den gewaltigen Saalbau aus der Salierzeit zu Tage, der die schriftl. Überlieferung bestätigt, wonach seit Karl dem Großen bis zu Konrad III. († 1152) H. ein bevorzugter Aufenthaltsort der dt. Herrscher war. Der Saal war die standesgemäße Unterkunft für den Kg. und dessen zahlr. Gefolge, wenn er in der Reichsabtei Hof hielt.
Den geistl. Mittelpunkt der Res. bildete zu allen Zeiten die den Heiligen Wigbert, Simon und Judas geweihte Stiftskirche. Ein Brand von 1038 hatte die 850 geweihte Kirche vernichtet. Doch bereits 1040 erfolgte die Weihe des wiederhergestellten Ostteils, während der ganze Bau erst 1144 vollendet wurde. Dabei handelt es sich um ein bes. Bauwerk der Romanik sowohl durch seine Ausmaße (Langhaus ca. 103 m, Querhaus ca. 56 m) als auch durch die dreischiffige basikale Anlage ohne die für die roman. Architektur übl. ausgeschiedenen Vierung. Mit dem Tod des letzten H.er Abtes JoachimRoell 1606 und der Übernahme der Verwaltung durch die hess. Lgf.en wurde die Abtei dem Verfall Preis gegeben. In den heutigen Ruinen der ehemaligen Stiftskirche finden regelmäßig die H.er Festspiele statt, die ein einzigartiges Raumerlebnis bieten.
Quellen
Breviarium sancti Lulli. Ein Hersfelder Güterverzeichnis aus dem 9. Jahrhundert (Faksimileausgabe), hg. von Thomas Frange, Bad Hersfeld 1986. - Lamperti monachi Hersfeldensis opera, hg. von Oswald Holder-Egger, Hannover 1894. ND 1984 (MGH SS rer. Germ. XXXVIII), S. 307-340, 343-354. - Struve, Tilmann: Lampert von Hersfeld, Tl. A., in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 19 (1969) S. 118-123 (Äbte). - Urkundenbuch der Reichsabtei Hersfeld, mitVerwertung der Vorarbeiten Karl Hörgers bearb. von Hans Weirich, Bd. 1, Marburg 1936 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, 19/1).
Literatur
Binding, Günther: Die karolingisch-salische Klosterkirche Hersfeld, in: mit Verwertung der Vorarbeiten Karl Hörgers bearb. von Hans Weirich, Aachener Kunstblätter 41 (1971) S. 189-201. - Breul-Kunkel, Wolfgang: Herrschaftskrise und Reformation. Die Reichsabteien Fulda und Hersfeld ca. 1500-1525, Heidelberg 2000 (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, 71). - Dersch, Wilhelm: Hessisches Klosterbuch. Quellenkundezur Geschichte der im Regierungsbezirk Kassel, im Kreis Grafschaft Schaumburg, in der Provinz Oberhessen und dem Kreis Biedenkopf gegründeten Stifter, Kloster und Niederlassungen von Geistlichen Genossenschaften, Marburg 1940. ND der 2. ergänzten Auflage Marburg 2000 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 12). - Hafner, Philipp: Die Reichsabtei Hersfeld bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, 2. Aufl., Hersfeld 1936. - Heinemeyer 1991. - Jäschke, Kurt-Ulrich: Ein Hersfelder Stadt- buchaus dem Jahre 1431 als Quelle zur Geschichte von Stift und Stadt Hersfeld im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, in: ZRG KA 13 (1967) S. 313-459. - Jäschke, Kurt-Ulrich: Zu schriftlichen Zeugnissen für die Anfänge der Reichsabei Hersfeld, in: BDLG 107 (1971) S. 94-135. - Neuhaus, Wilhelm: Geschichte von Hersfeld, 2. Aufl., Bad Hersfeld 1954. - Struve, Tilman: Zur Geschichte der Hersfelder Klosterschule im Mittelalter, in: DA 27 (1971) S. 530-543. - Wehlt 1970. -Witzel, Jörg: Hersfeld 1525 bis 1756. Wirtschafts-, Sozial- und Verfassungsgeschichte einer mittleren Territorialstadt, Marburg 1994 (Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte, 14). - Ziegler 1939.