HELMSTEDT C.4.1.
I.
Helmonstedi (952), Helmanstidi (Anfang 11. Jh.), Helmenstadt (1125-1133), Helmestad (1363), Helmstett (1545), Helmstedt (1666) - Stadt - Reichsabtei Werden und H., Reichsäbte von Werden und H., Nebenres. - D, Niedersachsen, Landkr. H.
II.
H., gelegen im Derlingau im Hzm. → Sachsen (heute Niedersachsen), an der alten Straße von Aachen nach → Magdeburg (heute B1), im Bm. → Halberstadt. Erste Erwähnung des Ludgeri-Kl.s in einer Zehntrechtsvergabe Kg. Ottos I. von 952, Gründung vermutl. schon im frühen 9. Jh., wohl durch Bf. Hildigrim I. von Halberstadt (809-27), der zugl. Rektor der von seinem Bruder Liudger gegründeten Abtei Werden war. Die Äbte von Werden waren bis zur Säkularisation zugl. Äbte von H. und besuchten regelmäßig, in jedem Fall nach der Wahl, dieostfäl. Dependance. Abt Wolfram gründete 1176 das Augustinerchorfrauenstift Marienberg im W vor der Stadt H., wo er sich als Stifter begraben ließ. Die Äbte von Gerold (1031-50) bis Wilhelm II. (1310-30) betrieben in H. eine eigene Münzprägung, die sich an regionale Münztypen anlehnte (Kopien Magdeburger Denare, Halberstädter Brakteaten). Zur Vogtei und zum ausgedehnten Grundbesitz siehe oben Art. B.4.1. Werden und Helmstedt. Eine eigene Territorienbildung gelang dem Abt - im Unterschied zu Werden - in H. nicht. Die Herrschaft über die florierende Stadt, die 1247 eine Befestigung und einStadtrecht erhielt, übten die Äbte mit schwindendem Einfluß aus: Abt Otto wurde 1288 bei einem Schlichtungsversuch in H. ermordet, 1340 konnte ein Gildenaufstand nur mit Hilfe des Braunschweiger Hzg.s niedergeschlagen werden und 1392 vertrieben die Bürger den vom Abt bestellten Pfarrer der Stadtkirche St. Stephan. Zur Erzwingung der Huldigung durch die Bürger wohnte Abt Konrad von Gleichen (1454-74) vier Jahre im H.er Konvent, wodurch er die ohnehin strapazierte Finanzlage des Konvents vollends zerrüttete. Wie die Mutterabtei in Werden wurde H. in den Jahren nach Abt Konrads Rücktritt 1474durch einen Reformkonvent der Bursfelder Kongregation übernommen (Beitritt 1482). Abt Anton Grimholt (1484-1517) trat nach andauernden Konflikten mit den Bürgern die Stadtherrschaft an den Klostervogt, Hzg. Wilhelm d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel, als Mannlehen ab. Den Äbten blieb u. a. das Huldigungsrecht und die Münzhoheit. In den 1530er Jahren wendete sich die Stadt endgültig der Reformation zu - eine Situation, die durch den Amtsantritt des ersten luther. Landesherrn, Hzg. Julius, 1568 noch verschärft wurde. Das Kl. war fortan eine kleine kathol. Enklave inmitten einer protestant.Umgebung. In der 1553 geplünderten und halb zerstörten Klosteranlage richteten 1557 die Bürger eine Vitriolfabrik ein, die erst 1580 aufgegeben wurde. Mit der neugegründeten protestant. Landesuniversität in der Stadt entwickelten sich bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges enge Beziehungen, die sich nach der Befriedung intensivierten. Obwohl die Kriegswirren mehrere Plünderungen und Besetzungen mit sich brachten, konnte die Abtei 1653 in einem neuen Lehnvertrag mit Hzg. August von Braunschweig-Wolfenbüttel ihre Position stärken und über die Bestätigung der Reichsstandschaftund der freien Religionsausübung hinaus auch den verbliebenen Klosterbesitz als Domänenwirtschaft profitabel umorganisieren, womit die Grundlage für die barocke Blüte der Abtei bis zur Säkularisation 1803 gelegt war.
Über das Zeremoniell der Huldigungen der H.er Bürgerschaft an den Abt liegen weder veröffentlichte Quellen noch Untersuchungen vor (s. u. den Residenzart. Werden).
III.
Die Abteigebäude liegen im N der Abteikirche, deren Ostkrypta (»Felicitaskrypta«) auf karolingerzeitl. Fundamenten ruht. Wie in → Werden erfolgte auch in H. zu Beginn des 12. Jh.s ein Neubau der Klosterkirche, der hier bis zu den Zerstörungen des 16. Jh.s stehen blieb. Ledigl. der Ostteil der Kirche wurde danach, im 16. Jh., wieder aufgebaut. Im Geviert des »Paßhofes« befindet sich noch eine kleine Doppelkapelle (»Ludgerikapelle«) aus dem 10. Jh.; der Kreuzgang wurde 1553 zerstört und nicht wieder errichtet. 1708 begann der barocke Neubau derKlostergebäude durch den energ. Propst Robert Verbockhorst (Türkentor von 1716), der 1735 vollendet und später nur noch durch neue Wirtschaftsgebäude ergänzt wurde. Architekten der repräsentativen Paßhofsgebäude waren Jan Damian und Gerhard Cornelius von Walrave. Im Ostflügel, der Res. des Propstes und des Kellners, befand sich der Kaisersaal, der für die Huldigungszeremonien genutzt wurde. Die so gen. Ringmauer um die Klosterimmunität wurde erst im frühen 18. Jh. errichtet.