Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HATTONCHÂTEL C.3.

I.

Die Rolle dieser Res., im Besitz der Bf.e von Verdun, ist im Artikel Verdun untersucht worden. Der Flecken um das Schloß liegt im bedeutendsten Vorgebirge der Meuse. Auf einer Höhe von 355 m gelegen, dominiert es die Ebene der Woëvre um mehr als 100 m. - F, Reg. Lorraine, Dep. Meuse, Gemeinde Vigneulles-lès-H.

II.

Die Festung, erbaut durch einen Bf. von Verdun, wird am Ende des 10. Jh.s erwähnt. Sie war Sitz einer bfl. Münzwerkstatt ab dem 11. Jh. Festung und Bgft. (die sich über etwa vierzig Orte erstreckte) bildeten den wichtigsten Angelpunkt des weltl. Besitzes des Bf.s zw. 1300 und 1540-46. Eine erste Kollegiatskirche, Saint-Maur, wird 1247-67 erwähnt. Sie wurde wiederbegründet und erweitert durch Bf. Henri d'Apremont i. J. 1328. Um 1130 hatte Bf. Albéron de Chiny bereits zwei benachbarte Abteien gegr. oder an ihrer Entstehung mitgewirkt:Saint-Benoît-en-Woëvre (Zisterzienser) und L'Étanche (Prämonstratenser). Eine Häufung von religiösen Gründungen ohnegleichen in den Besitzungen von Verdun, die wohl ohne Zweifel mit der Präsenz der Hauptfestung zusammenhing.

Die wachsende Rolle H.s für Verwaltung und Rechtsprechung und als Res. im Rahmen der Güter des Bf.s ist bereits an anderer Stelle behandelt worden. Sie erklärt die außergewöhnl. Seltenheit von Verpfändungen der Festung an Gläubiger des Bf.s: 1353-59, 1363-70 und 1437-39. Leider hat die Französische Revolution die Rechnungsarchive zerstört oder verstreut. Kriege wie der Dreißigjährige Krieg und der Erste Weltkrieg haben die Bauzeugnisse vernichtet. Der Höhepunkt der Rolle H.s als Res. fällt in die Zeit des Episkopats von Guillaume d'Haraucourt (1456-1501). Aus adligem Hause aus dem Hzm.→ Lothringen stammend und als Sohn eines Beraters von René von Anjou war von Kalabrien der Vorsitzende des Rates von Johann von Kalabrien, Hzg. von → Lothringen, und trat später in den Rat von René II., Hzg. von → Lothringen und → Bar ein. Ab 1465 war er Berater Kg. Ludwigs XI. und seines Bruders Karl von Frankreich. Bekannt sind seine Intrigen anläßl. des Treffens von Ludwig XI. und Karl dem Kühnen zu Péronne 1468 sowie sein Gefängnisaufenthalt von 1469-82. Er war der einzige Prälat von → Verdun, der in H., in der Kollegiatskirche,bestattet sein wollte. Sein Mausoleum, das eine Liegefigur schmückte, wurde in der Revolution zerstört. Die einzigen Rechnungsbücher, die aus seiner Amtszeit erhalten sind, sind diejenigen der Propstei Tilly-sur-Meuse für 1457-62. In all diesen Jahren schickte sein Propst alle Naturalabgaben nach H., erst in zweiter Linie nach Woimbey und nur einmal nach → Verdun. Der Hausmeister Guillaumes und der Kellermeister von H. verwandten sich manchmal direkt. Der Prälat schickte auch seine Jäger und seine Falkner zur Jagd in die Wälder von Tilly, was auch seine Brüder und sein Vettertaten.

Dieselben Rechnungen zeigen, daß Guillaume zu dieser Zeit einen gewissen »Meister« Tristan einstellte, einen bekannten Maurer und Maler, manchmal auch »Tristan von Hattonchâtel« gen. Tristan hat um 1460 an der Fassade der Kathedrale von → Toul gearbeitet, an diversen Gebäuden in → Bar-le-Duc und vermutl. auch an der Fassade von Saint-Martin in Pont-à-Mousson (zu der Zeit Kirche der Antoniter). Man vermutet, daß er ebenfalls am Schloß von H. (Befestigungen und Kapelle) gearbeitet hat. Sein Wirken war aber wohl noch umfangreicher. Man weiß bspw., dassGuillaume d'Haraucourt Schenkungen an die Kollegiatskirche von Saint-Maur gemacht hat, die den Mönchen ermöglichten, das Gewölbe des Kirchenschiffs und des Kreuzgangs zu erneuern, die mit seinem Wappen geschmückt wurden. Die weiteren großzügigen Gaben Guillaumes gegenüber der Kollegiatskirche (ein kostbares Reliquiar aus ziseliertem, vergoldetem Silber, gen. der »Arm von Saint-Maur« aus dem Jahre 1464) und der Schloßkapelle (ein Missale aus Pergament und ein Meßgewand aus violettem Damast, geschmückt mit seinem Wappen) zeigen seinen umfassenden Willen, die religiösen und weltl. Gebäude desSchlosses und des Fleckens zu verschönern, so, wie es zur selben Zeit Kg. René in → Bar-le-Duc tat.

III.

Die Kollegiatskirche und ihr Kreuzgang sind, wenn auch teilw. zerstört, auf uns gekommen. Dies gilt nicht für das Schloß, das nach 1918 durch eine Nachbildung ersetzt wurde, die großzügigerweise von einer Amerikanerin, Belle Skinner, gestiftet wurde. Aufgrund der einzigen Rechnungen der Bgft., die aus dem Jahre 1523 fragmentar. erhalten sind, hat der Gelehrte Jean Denaix den mutigen Versuch unternommen, die ma. Festung mit ihren neun Türmen wiederaufzubauen, darunter die beiden wichtigsten, die sich gegenüber dem Flecken erhoben, der Amance-Turm und derHaraucourt-Turm, die an den Episkopat Guillaume d'Haraucourt erinnern sollen. Jean Denaix beschreibt auch den »großen Saal«, den »kleinen Saal«, die große Küche, das Obstlager, die Pflanzungen, die Rechnungskammer etc. Er unterstreicht auch die Seltenheit wichtiger Umbauten aus der Zeit vor 1500. Aufgrund seiner Arbeiten kennen wir die Festung vom Ende des MA. Ein magerer, aber wertvoller Trost angesichts der großen Quellenknappheit.