Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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GRAZ C.1. / C.7.

I.

Gradec, slaw. »kleine Burg«; Grez (1091), Graze (1150), Grece (1152), Graece (1182), Pair. Gretz (1233), Graecz, Gretze (1308), Gretza (1313). - Stadt und Schloß an der Mur. - Mgf.en und Hzge.e von Steyr, (Erz-)Hzg.e von Österreich und Steyr. - Im 15. Jh. Res. der leopoldin. bzw. ernestin. Linie sowie von 1564-1619 der innerösterreich. Linie der→ Habsburger, Zentrale der innerösterreich. Ländergruppe (Steiermark, Kärnten, Krain mit der Windischen Mark, Triest, Istrien, Pordenone); unter → Friedrich III. (1415-93, Kg. 1440, Ks. 1452) und → Maximilian I. (1459-1519, Kg. 1486, Ks. 1508) zeitweilig Kaiserres. Nach 1619 gelegentl. Fsl. Ausgedinge. - A, Steiermark.

II.

Die Siedlung entstand unterhalb des Austritts der Mur in das Grazer Becken, wo eine Römerstraße den Fluß mittels einer Furt querte. Eine Murbrücke ist 1361 erstmals gen. Seit dem 9. Jh. lagen am Schloßberg oberhalb der späteren Stadt Befestigungsanlagen bayer. Machtträger, die von den Eppensteinern und Traungauern weiter genutzt wurden. Zu diesen Burgen gehörten Meierhöfe. Vom ausgehenden 11. Jh. an nannten sich sowohl Hochfreie wie mgf. Ministerialen nach G. Eine ältere Siedlung dürfte unter Mgf. Otakar III. (1124-64) bald nach der Mitte des 12. Jh.s zum Marktausgebaut worden sein: Um 1150 ist von einem G.er mercator die Rede, 1164 erfolgt die Nennung als urbs, 1172 als forum. Der älteste Markt lag entweder im Bereich Murgasse/Sporgasse oder zu beiden Seiten der Sackstraße. Eine erste Nennung als civitas fällt in das Jahr 1189, damals wurden wohl auch Befestigungen erbaut. Unter der Herrschaft der Hzg.e. von Österreich (Babenberger) (1192-1246) vollendete sich die Entwicklung zur Stadt, es kam zu einer beträchtl. Siedlungserweiterung und zum Baueiner Ringmauer (1265/67 erstmals urkundl.). In diesen Zusammenhang gehört auch die Ansiedlung der Minoriten (1230/40). Als wirtschaftl. und soziales Zentrum fungierte der Marktplatz (heute Hauptplatz). Unter habsburg. Herrschaft (1282 Belehnung der Söhne Kg. → Rudolfs I. mit den Hzm.ern Österreich, Steier und Krain) erfolgte 1336/39 eine neuerl. Vergrößerung der Stadtanlage nach O, 1486 nach N. Im S und O waren der Mauer ein Stadtgraben sowie teilw. auch Zwingermauern vorgelagert. Das Burgtor (ältestes noch erhaltenes Stadttor, um 1336/39), das Paulus-, das Sack- und das Murtorermöglichten den Zutritt zur Stadt. Die Hauptverkehrsverbindung querte die Stadt in W-O-Richtung. Nach der Mitte des 14. Jh.s. griff der städt. Burgfried weit über das ummauerte Gebiet aus und umfaßte auch mehrere vorgelagerte Siedlungen. Gegen Ende des 15. Jh.s. zählte G. etwa 5000 Ew. Zw. 1544 und 1620 wurde die Stadt in Hinblick auf das Vordringen der Türken nach ital. System neu befestigt und mit mehreren durch Kurtinen verbundene Basteien umgeben (siehe Ansicht bei Matthaeus Merian 1649, Abb. in Gänser 1996).

Die G.er Münze wird 1222 erwähnt, die Maut 1265/67, sie reicht aber wie das Niederlagsrecht in die babenberg. Zeit zurück. Noch im 13. Jh. nennen die Quellen nicht nur Kaufleute, sondern auch verschiedene Gewerbetreibende: Schneider, Metzger, Bäcker, Gerber, Sattler, Schmiede, Walker, Fischer. Enge Handelsbeziehungen bestanden seit dem 15. Jh. zu Oberdeutschland.

Seit dem ausgehenden MA. fanden die steir. Landtage überwiegend in G. statt. Um sich einen Verwaltungsmittelpunkt zu schaffen, erwarben die Stände vom Ende des 15. Jh.s an mehrere Häuser zw. Herrengasse und Schmiedgasse und ließen an deren Stelle in mehreren Bauphasen ein monumentales Landhaus errichten: Rittersaaltrakt 1527-31 (Hans, Balthasar und Sebastian Walch), Trakt an der Herrengasse 1557-65 (Domenico dell'Aglio), verlängert 1581-84 (Francesco und Antonio Marmoro), 1630/31 Landhauskapelle und neue Stiege (Bartolomeo di Bosio).

G. gehörte zum Sprengel des Ebm.s → Salzburg, Archidiakonat Niedere Mark, eine eigene Pfarrkirche erhielt die Siedlung wohl schon unter Otakar III. mit der Kirche zum hl. Ägydius, zuvor Eigenkirche eines Meierhofs, heute Dom. Sie lag bis zur Stadterweiterung der ersten Hälfte des 14. Jh.s außerhalb des ummauerten Gebiets.

Erstmals erwähnt wurde G. viell. schon 1091, sicher aber 1128. Ein eigenes Stadtgericht unter einem Stadtrichter bestand im 13. Jh. (erste Nennung 1233). Das älteste Stadtsiegel stammt aus dem Jahr 1261. Das Stadtrechtsprivileg Kg. → Rudolfs I. (1218-91, Kg. 1273) von 1281 gilt als Erneuerung und Erweiterung eines babenberg. Stadtrechts. 1381 erfolgte die Verleihung des Burgfrieds. An der Spitze der Stadtverwaltung stand der ursprgl. vom Landesfs.en ernannte Stadtrichter, den zwölfköpfigen Rat bestellte die Bürgerschaft, vor der Mitte des 15. Jh.s ist das Bürgermeisteramtbelegt.

Spannungen zw. Stadt und Res. lassen sich v. a. an der Wende vom 16. zum 17. Jh. im Zusammenhang mit gegenreformator. Maßnahmen nachweisen. Damals wurde auch die städt. Verwaltungsautonomie erhebl. eingeschränkt.

III.

Nach der habsburg. Länderteilung des Jahres 1379 (Vertrag von Neuberg) sowie weiteren Übereinkommen zu Beginn des 15. Jh.s wurde G. häufiger als Residenzort herangezogen, was die Schaffung baul. Infrastruktur notwendig machte. Nach entspr. Grundkäufen ließ Hzg. Friedrich V. (der spätere Kg. und Ks. → Friedrich III.) in der Nordostecke des Stadtareals von 1438 an eine landesfsl. Burg errichten. Sie bestand aus zwei vorerst getrennten Gebäuden, dem Palas und der Friedrichsburg (mit einer vormals über zwei Geschoße reichenden Doppelchorkapelle von 1447, sog.»Kammerkapelle«, im Gegensatz zur Hofkapelle im Palas). Mehrere Inschriften- und Datierungssteine tragen Friedrichs Devise AEIOU. Unter → Maximilian I. wurden die beiden Bauten durch einen viergeschossigen Flügel mit Treppenturm mit doppelläufiger Wendeltreppe verbunden (1499/1500, »Maximiliansbau«). Weitere Baumaßnahmen initiierte Ks. → Ferdinand I., insbes. entstand am Palas ein überdachter Arkadenaufgang von Domenico dell'Aglio (um 1554) als Prunkstiege. Von den sechziger Jahren des 16. Jh.s an entwickelte Ehzg. Karl II. (1540-90)eine rege Bautätigkeit, es enstand der durch den »Trompetergang« mit der Friedrichsburg verbundene Karlsbau sowie der Registraturtrakt mit markanten Arkaden. Im Friedrichsbau wurde 1571/72 eine Hofkapelle eingerichtet, Fresken und Stuckierung um 1596 von Sebastio Carlone bzw. Aegyd de Ryn. Zur Ausstattung gehörte auch ein Altarbild von Giulio Licino. Um 1600 erweiterte Karls Sohn → Ferdinand II. (1587-1637, Ks. 1619) die Friedrichsburg. Die weitläufige, zwei- bis viergeschossige, um drei Innenhöfe gruppierte Anlage dient heute als Amtssitz des Landeshauptmanns der Steiermark.Nicht mehr erhalten ist der Palas der Friedrichsburg mit dem Stiegenaufgang → Ferdinands I. (abgerissen Mitte des 19. Jh.s), weitere tiefgreifende Um- und Neubauten erfolgten im 20. Jh. Ein Stich von Trost um 1700 zeigt den ursprgl. Gebäudekomplex (Abb. bei Resch 1997, S. 276). Zur Herrschaftsarchitektur im Altstadtbereich zählten das landesfsl. Zeughaus und das Artilleriequartier (beide 1506 gen.) sowie die landesfsl. Stallungen (1624), alle westl. des Burgareals. Im Zusammenhang mit der Neubefestigung der Stadt zw. 1544 und 1584 entstanden auf demG.er Schloßberg umfangr. Befestigungsanlagen auf drei Ebenen: »Obere Festung«, »Neustadt« und »Untere Festung«, bestehend aus Zwingern, Basteien, Kasematten, Zeughaus und anderen Depots, Unterkünften, Kommandantenhaus, Festungsspital, Gefängnissen und einer Zisternenanlage. In die Baulichkeiten integriert wurde die hochma. »Thomasburg« mit der Thomaskapelle. In den als Wahrzeichen von G. bekannten Uhrturm am Südrand des Schloßbergs (1559/69 als Wachturm und Feuermeldestelle erbaut) ist eine Wehranlage des 13. Jh.s einbezogen. G. war als Hauptfestung im Rahmen der südöstl.Verteidigungslinie gegen die Türken konzipiert.

1568 ließ Ehzg. Karl II. auf der der Burg vorgelagerten Bastion vom Hofgärtner Hans Richter eine Lustgarten einrichten, der in diesem Bereich befindl. Teil des ma. Stadtgrabens dürfte der landesfsl. Tierhaltung gedient haben (»Löwengrube«). Ein großes Tiergehege (»äußerer Tiergarten«) lag im 15. und 16. Jh. nördl. des Schloßbergs.

In der Burg befanden sich die fsl. Bibliothek, Kunst- und Wunderkammern sowie eine Gemäldegalerie. Zu Beginn des 17. Jh.s wurde unter der Leitung von Ferrante Signorini ein Ballhaus für Ballspiele und Theateraufführungen an der Stadtmauer beim Paulustor errichtet, 1607/08 spielte dort die engl. Theatertruppe John Greens William Shakespears »Kaufmann von Venedig«. Im Zuge des Ausbaus der G.er Residenzarchitektur ließ → Friedrich III. die Pfarrkirche domartig erweitern und an die Burg anbinden (1449-56), 1564 wurde sie Hofkirche. Neben ihr entstand 1615-36 das Mausoleum Ks.→ Ferdinands II. (vollendet 1687-90), in dem auch seine Mutter Maria von Bayern begraben ist. 1572 berief Ehzg. Karl die Jesuiten als Träger der Gegenreformation nach G., die im folgenden Jahr ein Gymnasium einrichteten. Die Gründung der Universität (nur theolog. und philosoph. Fakultät) erfolgte 1585/86, erster Immatrikulierter war Ehzg. Ferdinand, der spätere Ks. Die Hochschule bezog zu Beginn des 17. Jh.s einen Neubau neben dem Jesuitenkolleg.

1564-1619 bestanden in G. als zentrale Behörden ein Geheimratskollegium, Hofrat, Hofkanzlei, Hofkammer und Hofkriegsrat für die innerösterreich. Länder der Habsburger.

Quellen

Chronologisches Verzeichniß der gedruckten und ungedruckten Urkunden, welche den Namen der Stadt Gräz enthalten, in: Steyermärkische Zeitschrift. NF 7 (1884) S. 208-272. - Pferschy, Gerhard: Urkundenbuch des Herzogtums Steiermark, Bd. 4, Wien 1975. - Wartinger, Joseph: Privilegien der Hauptstadt Graz, Graz 1836. - Zahn, Joseph von: Urkundenbuch des Herzogthums Steiermark, 3 Bde., Graz 1875-1903.

Dehio, Kunstdenkmäler Österreichs: Graz, 1979. - Dienes, Gerhard Michael: Kulturbeziehungen. Graz als Residenz von Innerösterreich. Rückblicke und Ausblicke, Graz 1993 (Grazer Stadtmuseum in Serie, 1). - Gänser, Gerald: Graz, Wien 1996 (Österreichischer Städteatlas, 5/1). - Graz als Residenz. Innerösterreich 1564-1619 (Ausstellungskatalog), hg. Berthold Sutter, Graz 1968 (Joannea, 3). - Graz. Geschichtsbilder einer Stadt, hg. von ErichEdegger, Graz 1987. - 850 Jahre Graz 1128-1978, hg. von Wilhelm Steinböck, Wien u. a. 1978. - Mezler-Andelberg, Helmut J.: Graz als Residenz Innerösterreichs 1564-1619, in: Österreich in Geschichte und Literatur 8 (1964) S. 258-267. - Popelka, Fritz: Geschichte der Stadt Graz. ND Graz 1984. - Resch, Wiltraud: Die Kunstdenkmäler der Stadt Graz. Die Profanbauten des I. Bezirkes Altstadt, Wien 1997 (ÖsterreichischeKunsttopographie, 53). - Wiesflekker, Hermann: Graz als Residenz, Universitätsstadt und Festung, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark 53 (1962) S. 185-202.