FULDA C.4.1.
I.
Fuld(a) (Flussname, Herkunft unbekannt), Eihloha; Stadt - Stift Fulda - Äbte, Fs.en und Bf.e (seit 1752) von Fulda.
Herrenhof der fränk. Hzg.e (Ende des 7. Jh.s aufgegeben); Kl. (Eigenkl.?), Gründung durch Sturmi im Auftrag von Bonifatius am 12. März 744.); Reichskl. (um 765, Immunitätsprivileg von 774); Siedlung und Stadt (Markt-, Zoll- und Münzrecht für die Siedlung 1019; seit Anfang des 12. Jh.s civitas gen., bis 1265 mit Wehrmauern umgeben); Residenzstadt des geistl. Fsm.s (seit 1220); des Fbm.s (seit 1752); Säkularisation und weltl. Fsm. (Hauptstadt; Oranien-Nassau, seit 1803); Teil des Großhzm.s Frankfurt (seit 1810, Nebenres.); als Großhzm. F. Teil des Kfsm.s Hessen (seit1816, Nebenres.); Hauptstadt der kurhess. Provinz F. und Hanau (seit 1831); Kreisstadt des preuß. Kgr.s (seit 1866) und des dt. Kaiserreiches (seit 1871); kreisfreie Stadt (seit 1949); Kreisstadt des Landkreises F. (seit 1972).
Die Hauptres. der Äbte - zunächst die Abtsburg (schlos, arx, seit Ende des 13. Jh.s), später das Residenzschloß (seit dem frühen 17. Jh.) - liegt auf einer Anhöhe östl. des Kl.s und in der nordöstl. Ecke der Stadtbefestigung. - D, Hessen, Reg.bez. Kassel, Landkr. F.
II.
Den Kern einer weiträumigen Senkenlandschaft der osthess. Region bildet das Fuldaer Becken, ein von der Fulda durchflossener Raum, in dessen Mitte die gleichnamige Stadt liegt. Zahlr. kleine Fluß- und Bachläufe münden hier in die Fulda. Die Basaltkuppe des Rauschenberges stellt mit 465 m die höchste Erhebung dar, der Beckenboden erreicht Höhen zw. 250 m und 350 m ü. d. M. Löß- und Lehmböden bieten die Voraussetzung für ertragreichen Akkerbau, und die Aueböden ermögl. eine intensive Grünlandnutzung. Die Stadt liegt am Schnittpunkt der W-O-Verbindung vommittleren Rhein-Main-Gebiet über die Wetterau nach Thüringen und einer N-S-Verbindung von Hersfeld nach Mittelfranken.
Das seit der Jungsteinzeit nachweisl. besiedelte Fuldaer Becken, zw. dem Rhöngebirge im O und dem Vogelsberg im W gehörte im 7. Jh. zum Herrschaftsbereich des fränk. Hzg.s Heden, der im Bereich des späteren Kl.s einen Herrenhof errichtete (Grabungen durch Vonderau, Hahn, siehe Hahn und Vonderau 1946; Interpretation durch Jacobsen, siehe Vorromanische Kirchenbauten, 1991, und Hussong, siehe Hussong 1985/86). An Stelle des durch Brand teilw. zerstörten Herrenhofes mitten im Gebiet der großzügigenLandschenkung durch den fränk. Hausmeier Karlmann ließ Winfried-Bonifatius am 12. März 744 ein dem Salvator geweihtes Eigenkl. gründen, das noch zu seinen Lebzeiten (751) weitgehend exemt wurde und sich nach dessen Märtyrertod durch zahlr. Schenkungen wesentl. erweiterte. Die dadurch gesteigerte wirtschaftl. und polit. Bedeutung der Abtei lenkte das Interesse der Kg.e auf das Kl. Um 765 wurde es zunächst unter Königsschutz gestellt. 774 folgten das Immunitätsprivileg, welches das Kl. dem Zugriff der Reichsverwaltung weitgehend entzog und 804 das Recht der freien Abtswahl. Ks.→ Friedrich II. bestätigte 1220 für die geistl. Herrschaften - so auch für das Kl. F. - die Ausübung dieser Hoheitsrechte durch die Erhebung in den Reichsfürstenstand. Dank der seit dem ausgehenden MA erreichten quasiepiskopalen Befugnisse der Äbte konnte 1752 die Erhebung der Abtei zum Bm. erfolgen.
Eine südöstl. des Kl.s gelegene, erstmals 852 erwähnte Siedlung der Handwerker und Kaufleute erhielt i. J. 1019 durch Ks. Heinrich II. das Zoll-, Münz- und Marktrecht. Auch wenn eine Verleihung der Stadtrechte nicht überliefert ist, wird die Stadt noch vor 1116 civitas gen. und unter Abt Marquard (1150-65) mit Stadtmauern befestigt. Durch Vorstädte vor den südl. Toren erweitert, erhielt sich die ma. Stadt ihre innere Struktur und äußere Ausdehnung bis in das 19. Jh.
Neben dem 1195 erstmals erwähnten äbtl. Schultheiß sind wenige Jahre später (1205) auch die ersten Vertreter der Bürgerschaft, fünf Mitglieder eines Schöffenkollegiums gen. Vermutl. erst im Zusammenhang des Bürgeraufstandes von 1331 beschränkte der nun genannte Stadtrat die Schöffen auf die Ausübung der Gerichtsbarkeit. Die 1381 erstmals namentl. erwähnten vier Bürgermeister standen dem zunächst period. wechselnden Rat vor. Dieser 29 Mitglieder umfassende Gesamtrat bestand aus Ober- (zwei Schöffen und sieben Vertreter aus Gemeinde und Zünften) und Unterrat (Schöffenkolleg, Gemeinde undZünfte je zwei Mitglieder). Erst 1611 gelang es den Äbten einen beständigen Rat einzusetzen, der sich nun aus dem gesamten Schöffenkollegium (Oberrat) und zwölf weiteren Mitgliedern (je zwei aus Gemeinde und jeder Zunft als Unterrat) zusammensetzte.
Die im 14. Jh. durch die Bürger der Stadt, die von dem Stiftsvogt, dem Gf.en von Ziegenhain, unterstützt wurden, unternommenen, auch gewaltsamen Versuche, sich der Hoheit der Äbte zu entledigen (Aufstände von 1331 und 1332), führten auf die Dauer zu keinem Erfolg.
Die bes. kirchl. und polit. Stellung der Reichsabtei F. und die damit verbundenen Aufgaben haben ebenso wie die Verwaltung und Sicherung des Grundbesitzes die Äbte in einem Maß in Anspruch genommen, daß eine wachsende Entfremdung zw. Abt und Konvent entstand. Ihr Höhepunkt ist der bes., der Regel des hl. Benedikt wesentl. widersprechende Entschluß des Abtes, Heinrich von Weilnau (1288-1313), seinen dauernden Sitz aus dem Bereich südl. des Kl.s in die um 1300 errichtete »Neue Burg« außerhalb des Kl.s zu verlegen.
Bei der Errichtung der ersten Abtsburg wurde die günstige Verteidigungssituation am Rand des ummauerten Klosterbereichs und in der N-O-Ecke der Stadtbefestigung an ihrer höchsten Stelle ausgenutzt. Die Ringmauer der mit einem mächtigen Wohngebäude (Palas - Bausubstanz im Mittelrisalit des heutigen Schlosses wesentl. erhalten) ausgestatteten Burg übernahm an ihren beiden nördl. Flanken die entspr. Abschnitte der Stadtmauer und ihren rechteckigen Wehrturm. Die Burg war aber auch an den beiden der Stadt zugewandten Flanken durch die Ringmauer, einen Graben und einen an der südl. Spitzeerrichteten runden Wehrturm geschützt. Die erstmals 1335 urkundl. erwähnte Burgkapelle St. Katharina dürfte im Obergeschoß des Palas errichtet worden sein. Eine Toranlage westl. des Palas sicherte über eine Zug- und Grabenbrücke den Zugang zu einer südwestl. der Burg gelegenen, ummauerten(?) Vorburg und anschl. zur Stadt. Ein zweites Torhaus mit Grabenbrücke im nordöstl. Abschnitt der Ringmauer dürfte den unmittelbaren, außerhalb der Stadt gelegenen Zugang zur Abtsburg ermöglichen. Nordwestl. der Burg befand sich ein ummauertes Gelände, das aus zwei Hängen bestand, die von einem Bachdurchquert wurden. Auf dem burgseitigen, größeren wurde spätestens im 15. Jh. ein um 1515 umgebauter Tiergarten und an dem gegenüber liegenden Südhang zu einem unbekannten Zeitpunkt ein Weinberg angelegt.
Unter Fürstabt Friedrich von Schwalbach (1606-22) mußte die Abtsburg einem neuen Residenzschloß weichen, das von einem bisher unbekannten Baumeister namens Martin Winter in den Jahren 1607-12 errichtet wurde. Den ma. Komplex bis auf die Ringmauer einbeziehend, entstand eine geschlossene Vierflügelanlage. Die vier ungleichen Trakte umgaben einen unregelmäßigen, in der Grundform rechteckigen Innenhof, der wie die ma. Burg durch zwei Zufahrten - die direkte über eine hölzerne Brükke von N und die indirekte über eine Steinbrücke durch die Vorburg - erreichbar war.
Die, mit Ausnahme der reichgeschmückten Giebel über den Schmalseiten des Haupttraktes, äußerst schlichten Baukörper standen in ausgeprägtem Gegensatz zu der architekton. bes. ausgestalteten, südwestl. orientierten Hauptfassade. Diese wurde seitl. von zwei ungleich starken Flankierungstürmen eingefaßt und erhielt, in ihrer Mitte durch einen risalitartig auf der zw. Haupttrakt und Graben befindl. Terrasse vorspringenden Baukörper mit Tordurchfahrt betont, ihre charakterist. formale Ausprägung. Der Risalit über dieser Tordurchfahrt dürfte den zwei Obergeschoße einnehmendenAltarraum der Schloßkapelle enthalten haben, der an der Stirnseite mit einem »modernen« Giebel als Bestandteil der profanen Architektur geschmückt war, seitl. aber je zwei spitzbogige Maßwerkfenster als Bestandteil der kirchl. Innenarchitektur besaß.
Über die Raumaufteilung der Res. ist nichts bekannt, ledigl. ein im Obergeschoß des südwestl. Mitteltrakts befindl. grosser Saal wird erwähnt. Im freien Feld vor dem Stadtgraben entstand der mit Wehrmauer und vier Ecktürmchen umgebene newe lustgarten. Dieser läßt jeden architekton. ausgestalteten, achsialen Bezug zum Schloß vermissen. Die nicht seltene Lokalisierung auf einem sich anbietenden ebenen Gelände außerhalb des Residenzschlosses ist begr. in der angestrebten Regelmäßigkeit und gewiß gewollten »Inwendigkeit« damaliger Gartenanlagen,die die Geschlossenheit und den wehrhaften Charakter der Umfriedung ausmachen. Der ältere Tiergarten wurde unter Beibehaltung seiner ehemaligen Funktion in die Gesamtanlage übernommen; die teilw. Einbeziehung der Burgbefestigung und des nordöstl. Stadtgrabens hat sowohl seine Erweiterung bewirkt als auch eine räuml., wenn auch nur indirekte Anbindung des Lustgartens an die Res. geschaffen.
Die kaum hundert Jahre bestehende Res. erfuhr unter Fürstabt Adalbert von Schleiffras (1700-14) einen erneuten, durchgreifenden Um- und Ausbau, der 1706-14 von Johann Dientzenhofer geplant und ausgeführt wurde. Die Überwölbung des bis dahin den gesamten Garten prägenden Waidesbaches und die Auffüllung des Tales, wodurch eine ebene, wenn auch terrassierte Grundfläche gewonnen wurde, erlaubte die Errichtung eines seit 1720 nach Plänen des Maximilian von Welsch gebauten und seit 1726 unter Hofgärtner Anton Paul Schneider angelegten Residenzgartens. Die barocke Res. selbst, die dieVorgängeranlage bis auf wenige oder kaum wahrnehmbare Bausubstanz beseitigte, ist in ihrem architekton. Bestand weitgehend erhalten.