ELLWANGEN C.4.1.
I.
Elehenwang (814), Elwagen (1216), Elwangen (1229, 1255, 1344, 1360, 1418, 1471, 1498, 1527, 1540, 1609). - Stadt an der Jagst; Sitz und zentraler Ort der 764 gegründeten gleichnamigen Reichsabtei, (ab 1460) Fürstpropstei. Nach der Säkularisation 1802/03 Sitz eines württ. Oberamts bzw. (ab 1935) Landratsamtes 1803-1938. Regierungssitz für Neuwürttemberg 1803-05, Sitz der Regierung der Landvogtei E. 1803-05, des Kreises E. 1806-10, der Landvogtei am Kocher 1810-17 und des Jagstkreises 1818-1924.Verleihung des Titels »Gute Stadt« 1811, was in der württ. Verfassung von 1819 zu der Bestimmung führte, daß das Oberamt E. 1819-1918 in der zweiten Kammer des Kgr.s → Württemberg durch einen Abgeordneten für das Amt und einen weiteren für die Stadt vertreten wurde. Große Kreisstadt (ab 1972). - Res. des Abtes bzw. (ab 1460) des Fürstpropstes von E. 764-1802. - Die Burg ob E. wurde erstmals urkundl. erwähnt 1266, sie wurde 1279 von Gf. Ludwig von Oettingen zerstört, aber bald wieder aufgebaut. Nach den Forschungsmeinungen ist die Burg entweder bereits im 9./10. Jh. zum Schutzdes im Tal gelegenen Kl.s errichtet worden oder aber am Übergang vom 12. zum 13. Jh. unter Abt Kuno I. Die Burg war 1337 als Mittelpunkt des Burgamts E. Sitz der Verwaltung des größten Amtes der drei Ämter der Abtei. Die Burg wurde im 13./14. Jh. zunehmend auch als Res. des Abtes genutzt. Unter Abt Siegfried II. Gerlacher (1401-27) wurde der Palas errichtet. Ob es sich bei den Neubauten, die der Hofpoet Michael Scopegius in einem Lobgedicht um 1530 Fürstpropst Heinrich Pfgf. bei Rhein (1521-52) zuschreibt, tatsächl. um größere Umbauten oder nur um Renovationen gehandelt hat, istbislang nicht geklärt. 1603-08 wurde die ma. Burganlage zu einem vierflügeligen Renaissanceschloß umgebaut, das im frühen 18. Jh. in seinen Innenräumen barockisiert wurde. Am Ende des 18. Jh.s mußte die Höhe der Schloßtürme verringert werden, weil die Liasplatte, auf der das Schloß gelegen ist aufgrund des hohen Gewichtes in Bewegung geraten war. - D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Stuttgart, Ostalbkr.
II.
Das Kl. E. wurde 764 auf einem etwa 5 km westl. oberhalb des Jagsttales gelegenen Plateau gegr. Die von Schwäbisch Hall nach → Regensburg führende Straße überquerte bei E. die Jagst. Bis in die Gegenwart wird im unmittelbaren Bereich der Stadt Landwirtschaft betrieben. Die in der neuen Forschung bevorzugte Deutung des Ortsnamens als »Siedlung beim Weideland des Alaho« läßt nicht zu, die östl. der Basilika an dem vom Schloßberg herabkommenden Stelzenbach vermutete alemann. Siedlung mit letzter Sicherheit zu erschließen. Falls diese überhaupt bestandenhat, dürfte sie nach ihrer Namensform und den lokalen Vorgängen wohl erst im 8. Jh., also kurze Zeit vor dem Kl., entstanden sein. An das Kl. dürfte sich bereits sehr bald eine anfängl. wohl sehr geringe Anzahl von Behausungen angeschlossen haben, die von Laien bewohnt wurden. Der in seine Anfängen vermutl. ins 7./8. Jh. zu datierende Kalte Markt am Fest der Stiftshl. Eleusippus, Meleusippus und Speusippus - urkundl. wird er erstmals 1353 erwähnt - läßt ebenfalls auf eine Ansiedlung weltl. Personen zur Unterstützung der Mönche im Umkreis der Abtei schließen. Im HochMA entstanden weitereMärkte: der Grasmarkt am Fest der hl. Sulpitius und Servilianus (23. Mai), der Veitsmarkt am Tag des hl. Veit (15. Juni) und der Michaelsmarkt, der zumindest seit der Weihe der Stiftskirche 1233 am Kirchweihtag, dem 3. Okt., abgehalten wurde. Diese Verlegung bestätigt, daß der Michaelismarkt 1233 schon bestanden hat. Für keinen dieser Märkte ist jedoch eine Verleihung von Marktrechten nachweisbar. Dasselbe gilt auch für Münze und Zoll, obwohl 1147 E.er Denare urkundl. erwähnt wurden. In einem Streit zw. Abt und Konvent wurde 1136 darauf hingewiesen, daß sich südl. des Kl.s innerhalb derKlostermauern Laien niedergelassen hätten. Da es dem Konvent nicht gelang, diese Laien wieder zu vertreiben, stellt diese Ansiedlung die nachweisbare Keimzelle der Stadt E. dar, die in den E.er Annalen bereits erstmals 1182 als civitas erwähnt ist, urkundl. aber erst 1229 gen. wird. Diese südl. des Kl.s vermutl. nur zw. dem heutigen Marktplatz und der Spitalstraße gelegene Siedlung war vermutl. von Handwerkern und Kaufleuten bewohnt. Sie wurde im 13./14. Jh. - sicherl. vor der Pest von 1349/50 - in mind. zwei Schritten erweitert: einem ersten, zw. der heutigenSpitalstraße im N und der noch heute im S der Stadt in der Straße »An der Mauer« nachweisbaren Stadtmauer, und einem zweiten nach SW um die Achse der heutigen Marienstraße. Die Marienstraße wurde dabei als Straßenmarkt angelegt, wie auch die dortige Abhaltung der Märkte bis in das frühe 20. Jh. beweist. 814 lag das Kl. E. intra waldum cuius vocabulum est Virgundia (Virngrund). 1024 lag der Virngrundwald im Maulach- und Kochergau. E. gehörte zur Diöz. → Augsburg, Archidiakonat Ries (Retia), Landkapitel E. Das Kl. gehörte im 15. Jh. zur OrdensprovinzMainz-Bamberg des Benediktinerordens.
Die in Entwicklung begriffene Stadt brannte nach chronikal. Überlieferung 1182 ab. Darüber hinaus sollen die Äbte Kuno I. und Rudolf - vermutl. im Zusammenhang mit Spannungen zw. der Stadt und ihnen als Stadtherren - 1201 bzw. 1255 die Stadt niedergebrannt haben. Welche Auswirkungen diese Brände ebenso wie die Zerstörung der Burg E. 1279 auf die Stadt hatte, läßt sich nicht feststellen. Auch im weiteren 14. und 15. Jh. wurde die Stadt und das Kl. mehrfach durch Brände geschädigt. Die Stadt bestand 1733 aus 275 Häusern und 42 herrschaftl., geistl. und anderen freien Behausungen. Diese Anzahlvon Gebäuden dürfte sich weitestgehend bereits im späten MA herausgebildet haben. Die Stadt konnte sich bis zur Säkularisation nicht aus der Herrschaft des Abtes bzw. Fürstpropstes lösen. Nach dem Urbar von 1337 zahlte sie dem Abt jährl. 100 lb h Steuer, während die Pfarrei 36 lb h und 1 lb h als Opferheller zu Weihnachten, das Schultheißenamt 26 lb h und 1 lb h als Wisat an Weihnachten an den Abt abführte. Der Zoll in E. betrug 1337 6 lb h und 4 Scheiben Salz, das Eichamt und das Weinzieheramt hatten je 2 lb h und die Fronwaage 1 lb h sowie die Schway 8 lb h zu erlegen. DerKleinzehnt belief sich auf 2 lb h, der Holzzoll auf 2 lb h und das Hirtenamt führte an den Abt 5 ß h und 200 Eier jährl. ab. Mit dem Rückkauf der Vogtei von den Gf.en von Oettingen durch die Abtei 1381 wurde der Abt endgültig uneingeschränkter Herr der Stadt. Seither wurden von ihm auch adelige Stadtvögte eingesetzt. Dieser war der oberste Beamte in der Stadt. Ihm oblag der Schutz derselben sowie die Aufsicht über den Schultheiß, das Gericht und den Bürgermeister. Im späten 18. Jh. wurde die Bezeichnung Stadtvogt in Vicedom abgewandelt. Das Stadtschultheißenamt bestand seit vor 1300 und wurdevom Abt bzw. (ab 1460) vom Fürstpropst verliehen. Das Stadtgericht mit seinen zwölf Richtern war zugl. der Stadtrat. Außer der Gerichtsbarkeit, zu der spätestens seit dem Rückkauf der Vogtei von den Gf.en von Oettingen die Wahrnehmung der Hochgerichtsbarkeit für die Abtei bzw. Fürstpropstei gehörte, nahm das Stadtgericht auch die Verwaltung der städt. Angelegenheiten wahr. Es wählte alljährl. in geheimer Wahl die beiden Bürgermeister und die übrigen städt. Diener (Torwarte, Nachtwächter, Flurer und Hirten). Neben diesen Ämtern bestand noch das 1402 erstmals erwähnte Amt des Stadtschreibers,das für das Schriftwesen des Gerichts der städt. Verwaltung sowie die städt. Registratur zuständig war. Seit dem 14. Jh. wird in den Quellen das Amt des Büttels bzw. Gerichtsknechts als Stöckeramt oder Stockamt erwähnt. Es unterstützte die Bürgermeister im Einzug der Gelder und war in der Stadt für Ruhe und Ordnung zuständig. Das Eichamt, das Weineinziehamt, die Fronwaage, das Hirtenamt und die Verwaltung weiterer Rechte, ebenso wie der Zoll und der Viehhof usw. wurden vom Abt bzw. Fürstpropst bis ins 16. Jh. jährl. neu besetzt. Die beiden städt. Bürgermeister wurden vom Gericht aus den Reihender Richter gewählt. Sie hatten die Einnahmen und Ausgaben der Stadt für ein Jahr zu verwalten und den Schultheiß bei bestimmten Aufgaben zu unterstützen. Sie zogen auch die Stadtsteuer von den Bürgern ein. Nachdem die Abtei zur Fürstpropstei umgewandelt worden war, wurde 1486 das Spital aus dem Bereich der Abtei in die Stadt verlegt und kam in der Folgezeit im langsamen Verlauf mehr und mehr unter städt. Verwaltung. Stadtverwaltung und Bürgerschaft mit ihren Zünften haben E. bereits im späten MA städt. geprägt. Trotzdem hat die Stadt durch die Stadtherrschaft der Abtei bzw. Fürstpropsteieine weitgehend andere Prägung erhalten als die benachbarten Städte.
III.
Über die Innenräume der ma. Burg als Res. des Abtes sind bislang wenig Details bekannt. In den Lehenbüchern der Abtei wird seit 1415 zw. dem alten und dem neuen Haus des Abtes unterschieden. Dabei wird auf eine stupa domini im neuen Haus des Abtes abgehoben, die später auch als nova stupa oder magna stupa erscheinen dürfte. Viell. ist sie auch mit der camera superiori novae domus identisch. Daneben wurde aber 1421 auch noch die alt mins herrenstube genützt. Bei dem Neubau 1414 scheint die Burg einen neuen Graben nach O zu erhalten zu haben und zw. altem und neuem Graben wurde anscheinend die gesamte Vorburg mit Toranlage neu konzipiert. Im 14. Jh. haben sich die Äbte nach Ausstellung von Urk.n auch immer wieder auf der Tannenburg (Gem. Bühlerzell, Kr. Schwäbisch Hall), die Sitz eines weiteren der drei Klosterämter war, und auf der Burg Rotenbach (abgegangen, Stadt E.) aufgehalten, denen dadurch zeitweilig der Charakter von Nebenres.en zugesprochen werden kann. Auch nach dem Umbau der Burg zum Renaissanceschloß sind bis zurBarockisierung des 18. Jh.s über die Gestaltung der Innenräume des Schlosses keine Einzelheiten bekannt, obwohl davon ausgegangen werden dürfte, daß die seit dem 18. Jh. im dritten Stockwerk des Schlosses gelegenen Repräsentations- und Wohnräume des Fürstpropsten (Rittersaal, der heute als Thronsaal bezeichnet wird, Audienzraum, zwei Schlafräume) auch zuvor in ähnl. Weise genutzt worden sind. Die übrigen Räume des Schlosses wurden von Bediensteten und Verwaltungsbeamten genutzt. Die im 15. Jh. nachweisbare Burgkapelle erhielt 1627 in der dem hl. Wendelin geweihten Schloßkapelleeine Nachfolgerin. Innerhalb des Schlosses war das Archiv der Fürstpropstei in den Räumen des ma. Turmes, der in die Schloßanlage eingebaut worden war, nachweisl. seit dem 18. Jh. und somit wohl auch vorher untergebacht. Das unmittelbar am Berghang zur Talseite gelegene Schloß ist noch heute sichtbar nach O stark befestigt gewesen. Vermutl. sind bei den baul. Veränderungen am Ende des 18. Jh.s Teile der Befestigungen zur Stadtseite hin abgebrochen worden.
Den geistl. Mittelpunkt der Res. bildete zu allen Zeiten die dem hl. Veit geweihte Stiftskirche. Der heutige Bau wurde nach einem Großbrand 1182-1233 in roman. von der Wormser Bauhütte beeinflußten Stil errichtet. Hinter ihr lagen nach N die Konventsgebäude der Abtei. Nachdem diese 1443 abgebrannt waren und nicht sofort wieder errichtet wurden, nahmen Abt und Mönche in der Stadt getrennte Wohnungen und bis zur Umwandlung in das Chorherrenstift wurde das gemeinschaftl. Leben nicht wieder aufgenommen. Die Konventsgebäude dürften erst zusammen mit dem Kreuzgang 1468-73 wieder errichtet wordensein. Der Abt hatte im ehemaligen Oberamtsgebäude (Oberamtsstr. 2) schon vor 1443 einen eigenen Wohnsitz außerhalb der Klausur. Erstmals nachweisbar ist dieses huß in der Stat um 1408 bzw. 1419/20. Dieses seit dem 16. Jh. dann als Stiftsherrenhaus genützte Gebäude hat einen zweistöckigen Keller, der nach der Bauforschung die ehemalige Bedeutung des Gebäudes beweist, da sich in den übrigen Stiftsherrenhäuser keine vergleichbaren Keller finden. Die Verwaltung von Fürstpropstei und Stadt hatten seit 1448 Räumlichkeiten in dem neuerrichteten Stiftsrathaus auf dem Marktplatzsüdwestl. der Stiftskirche erhalten (heute Landgericht), das 1748/49 von Landbaumeister Prahl neu gebaut wurde.
Quellen
Die Ellwanger und Neresheimer Geschichtsquellen, hg. von Josef A. Giefel, Stuttgart 1888 (Württembergische Geschichtsquellen, 2; Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte, 11,3/4). - HSA Stuttgart H 14-15 (Diplomatare); H 222 (Neuwürttembergi- sche Lagerbücher). - SA Ludwigsburg B 383 und B 384 (Ältere und neuere Rechnungen, 1379ff.); B 388 (Protokolle des Ammannamtes, 1546ff.); B 389 (Urkunden und Akten, 814ff.); B 397 (Ältere fürstliche Akten); B 424 (Lehenbücher A-Z, 1364-1803). - Wirtembergisches Urkundenbuch, 1-11,1849-1913.
Literatur
Beschreibung des Oberamts Ellwangen, Stuttgart 1886. - Pfeifer 1959. - Pfeifer, Hans: Ellwangen, in: Germania Benedictina, 5, 1975, S. 189-211. - Richter-Eberl, Ute: Verkauft, verschenkt, verloren? Das Schloß im Prisma der Säkularisation 1803, in: Ellwanger Jahrbuch 36 (1995/96) S. 250-271. - Walcher, Gustav: Erinnerungen aus dem Schloß ob Ellwangen, in: Ellwanger Jahrbuch 9 (1924/1925) S. 1-26. -Zeller, Josef: Zur Geschichte des Ellwanger Schlosses, in: Ellwanger Jahrbuch 9 (1924/1925) S. 71-85.