Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LUDOWINGER

I.

Der Name L. für die erste thüring. Landgrafendynastie ist nicht zeitgenöss., sondern als moderne Bildung an dem durch sechs Generationen vom 11. bis frühen 13. Jh. vorherrschenden Leitnamen »Ludwig« orientiert. Nach den erstmals 1190/98 in der Gründungsgeschichte des ludowing. Hauskl.s Reinhardsbrunn aufgezeichneten Traditionen über Anfänge und Herkunft der L. galten als älteste Vertreter der Familie die hier zuerst zu 1025 genannten Brüder Hugo und Ludwig der Bärtige († um 1080?, ⚰ St. Alban in → Mainz), von denen letzterer zum Stammvaterder L. wurde. Die Reinhardsbrunner Gründungsgeschichte leitet die beiden Brüder und mit ihnen die L. in fingierter Abstammungslinie von Karl dem Großen ab und rückt sie durch fiktive Verwandtschaft mit Ks. Konrads II. Gemahlin Gisela in die Nähe des sal. Hauses. Urkundl. und erzählende Zeugnisse verweisen auf eine mainfränk. Herkunft sowie auf Verwandtschaftsbeziehungen zu den mainfränk. Gf.n von Rieneck und enge Kontakte zum Ebf. von → Mainz. Sie lassen weiterhin erkennen, daß Ludwig der Bärtige um 1030/40 neben seinen mainfränk. Besitzungen sich als Lehnsmann des → MainzerEbf.s einen weiteren Herrschaftsbereich in Thüringen schuf, der in der Folgezeit in rascher territorialer Expansion zum Herrschaftsschwerpunkt der L. wurde, während die mainfränk. Positionen zu Beginn des 12. Jh.s aufgegeben wurden. Erster Stammsitz der L. in ihrem neuen thüring. Herrschaftsgebiet war die Schauenburg (bei Friedrichroda) am Nordabhang des Thüringer Waldes, in deren unmittelbarer Nähe Ludwig der Springer, der Sohn und Nachfolger Ludwigs des Bärtigen, 1085 das Hauskl. Reinhardsbrunn gründete. Doch wurde die Schauenburg, die bereits 1114 (?) an Reinhardsbrunn gelangte, für diezunächst noch beiderseits des Thüringer Waldes begüterten und weit in das nördl. und nordöstl. Thüringen ausgreifenden L. nicht namengebend. Die Erhebung zu Lgf.en von Thüringen 1131 und ihre Titulatur als comes provinciae, lantgravii Thuringie, principes Thuringie u. ä. trug vollends dazu bei, daß sich kein eigener Geschlechtername mehr herausbildete. An die fränk. Herkunft der L. erinnerte noch im ersten Drittel des 13. Jh.s der Sachsenspiegel mit dem Vermerk Der lantgreve von Doringen iz ein Vranke (Landrecht, Vorrede). 1247 mit dem kinderlosenTod Lgf. Heinrich Raspes starben die L. im Mannesstamme aus.

II.

Die L., deren Herrschaftsaufbau in Thüringen zunächst auf allodialer Grundlage und in Verbindung mit Mainzer, Fuldaer und Hersfelder Lehen erfolgte, hatten bereits unter Ludwig dem Bärtigen wohl im Umkreis ihres ältesten Herrschaftszentrums um die Schauenburg Grafschaftsrechte inne. Sie standen seit 1070/75 mit dem Großteil des thüring. und sächs. Adels in Opposition gegen das sal. Kgtm. und stiegen durch geschickte Heiratsverbindungen (vgl. unten IV.) und Usurpation (so insbes. 1070/80 der Erwerb des Erbauungsplatzes der Wartburg alsihrer zeitw. wichtigsten Burg) rasch zu einem der mächtigsten Adelshäuser in Thüringen auf. 1122 dehnten sie - erneut durch Heirat - ihren Einflußbereich weit über Thüringen hinaus nach → Hessen und bis in die Rheinlande aus. 1130/31 wurden sie von Kg. Lothar III. mit der Lgft. Thüringen belehnt. Inhalt dieser für Thüringen kurz zuvor (1128/29) neu geschaffenen Würde war eine dem Kg. direkt unterstellte übergfl. Herrschaft, deren wesentl. Aufgaben v. a. wohl die Gerichtsbarkeit und Friedenswahrung in dem herrschaftl. zersplittertenhistor.-geograph. Raum Thüringen bildeten und die - wenn auch im Rang Hzg.en und Mgf.en nachgeordnet - herzogsgleichen Charakter besaß. Die erbl. Landgrafenwürde sicherte den L.n die unmittelbare Bindung an den Kg., stellte sie über die übrigen Gf.en und Herren in Thüringen und erhob sie nach ihrer Einheirat in das stauf. Haus (→ Staufer) um 1150 (Lgf. Ludwig II. heiratete Friedrich Barbarossas Halbschwester Jutta) ihrem eigenen Selbstverständnis nach in den Kreis der clarissimi regni primates. 1180 bei der Entmachtung Heinrichs des Löwen zählte Lgf. Ludwig III.(1172-90) unzweifelhaft zu den Vertretern des Reichsfürstenstandes. Sein Bruder und Nachfolger Lgf. Hermann I. (1190-1217), dem Kg. Heinrich VI. die erbl. Lehnsnachfolge in der Lgft. zunächst verwehrt hatte, suchte den fsl. Rang der L. durch die Berufung auf die lgfl. Würde als den Thuringie principatus und das dezidierte Führen des princeps- und principatus-Titels um so nachdrückl. zu begründen und zu dokumentieren. 1180 nach dem Aussterben der Pfgf.en von Sachsen aus dem Hause Sommerschenburg erhielt Lgf. Ludwig III. alsweiteres Reichslehen die kleine, nördl. der unteren Unstrut gelegene Pfgft. Sachsen, die er 1181 seinem jüngeren Bruder Hermann I. abtrat, die aber seit dessen Nachfolge in der Lgft. 1190 stets mit dieser in Personalunion vereint blieb. Die L., deren langgestreckter, in der Mitte des Reiches gelegener Herrschaftskomplex zw. mittlerer Saale und oberer Lahn bis zum Mittelrhein ihnen in dem stauf.-welf. Konflikt zusätzl. polit. Gewicht verlieh, standen seit ihrem Wechsel zu Kg. Konrad III., von den kurzen Phasen des Konfliktes Hermanns I. mit Heinrich VI., seiner Schaukelpolitik im stauf.-welf.Thronstreit 1198/1211 und des Abfalls Lgf. Heinrich Raspes 1243 von Ks. → Friedrich II. abgesehen, fast durchweg auf stauf. Seite und wurden unter Friedrich I. und → Friedrich II. mehrfach an führender Stelle reichspolit. tätig. Hermanns I. Sohn Lgf. Ludwig IV. (1217-27), der 1227 als einziger weltl. Rfs. am Kreuzzug → Friedrichs II. teilnahm, erhielt 1226/27 für sich und seinen Sohn Hermann II. die Eventualbelehnung für die Mgft.en → Meißen und Lausitz sowie möglicherw. weitreichende Eroberungszusagen in Preußen und erwarb damit die Aussicht auf bedeutenden weiterenMachtzuwachs. Sein Bruder und Nachfolger Heinrich Raspe (1227-47) wurde Ende 1241/Frühjahr 1242 gemeinsam mit Kg. Wenzel I. von → Böhmen von Ks. → Friedrich II. zum Reichsverweser für Dtl. für den unmündigen Kg. → Konrad IV. bestellt, ging aber 1243 auf die päpstl. Seite über. Als deren Protagonist erwarb er nach der Absetzung → Friedrichs II. und → Konrads IV. 1245 mit seiner Wahl zum röm. Kg. am 22. Mai 1246 in Veitshöchheim bei → Würzburg seinem Hause für kurze Zeit die kgl. Würde. Mit seinem kinderlosen Tode am 16. Febr. 1247 und dem Aussterben der L. inmännl. Linie fielen die Lgft. Thüringen und die Pfgft. Sachsen mit den dortigen Eigengütern der L. an den → Wettiner Mgf. Heinrich den Erlauchten von → Meißen, während die Herrschaft → Hessen, die kein Fsm. war, an Ludwigs IV. Tochter Sophie von Brabant überging und die Grundlage für die 1292 zum Abschluß gelangte Entstehung der Lgft. → Hessen unter Sophie und ihrem Sohn Lgf. Heinrich I. von Hessen (1244-1308) bildete. - Neben den Reichslehen, den allodialen Herrschaftsgrundlagen und zahlr. Vogteien und Einzelrechten gründete sich die Herrschaft der L. auf umfangr. Fuldaer,Hersfelder und v. a. Mainzer Kirchenlehen. Prominenteste Vertreter der L. neben den Inhabern der Lgft. waren Ludwigs des Springers Bruder Bf. Udo I. von Naumburg (1125-48), Ludwigs IV. 1235 heiliggesprochene Gemahlin Elisabeth (1207-31), sein Bruder Lgf. Konrad († 1240), der 1239/40 zum Nachfolger Hermanns von Salza als Hochmeister des → Deutschen Ordens gewählt wurde, und seine Tochter Sophie von Brabant (1224-75), die Begründerin der Lgft. → Hessen.

III.

Gleichzeitig mit ihrer um 1150/60 faßbaren Selbstzuordnung zu den clarissimos regni primates als der ersten schriftl. Fixierung ihres fsl.-dynast. Selbstverständnisses setzen die ältesten Zeugnisse für die herrschaftl. Repräsentation der L. ein. An ihrer Spitze stehen zeitl. und von ihrer Bedeutung her die monumentalen, in ihrer aufwendigen Bauornamentik an rhein. Vorbildern orientierten Palasgroßbauten der ludowing. Lgf.en in Thüringen. Sie wurden, einsetzend mit der Wartburg (erste Bauphase 1156/60; zweite und dritte Bauphase 1160/nach1162 bzw. ca.1170/1200) und fortgeführt mit der Neuenburg (ab 1170/75) und Weißensee (letztes Drittel 12. Jh.) von Lgf. Ludwig II. (1140-72) mit hohem Repräsentationsanspruch begonnen und unter seinen Nachfolgern, die ihrerseits Ende 12./Anfang 13. Jh. auch → Marburg in repräsentativer Weise ausbauten, vollendet. Die baul. Repräsentation der L. griff weit über ihre Großburgen hinaus und erfaßte die Prioratskirche St. Ulrich in Sangerhausen ebenso wie die Stadtkirchen in den lgfl. Städten Freyburg/Unstrut und Creuzburg. Insbes. die Wartburg bildete gemeinsam mit der künstl. verwandtenNikolaikirche und dem Landgrafenhof in → Eisenach seit Ludwig III. ein herausragendes Ensemble, dem - ähnl. dem Hof Heinrichs des Löwen in → Braunschweig - innerhalb des ludowing. Herrschaftskomplexes durchaus Residenzfunktionen zukamen. - Sind Münzprägungen der L., die den reitenden Lgf.en mit Fahne und Schild darstellen, seit 1140/50 erhalten, so finden sich erste Vorformen einer lgfl. Kanzlei seit 1168 und ist das älteste lgfl. Siegel, das gleichfalls den reitenden Lgf.en mit Fahne und Schild zeigt, erstmals 1174 überliefert. In die Zeit Ludwigs III. fällt auch die endgültigeAusbildung des lgfl.-ludowing. Wappens, das einen rot-weiß-quergestreiften Löwen (der Löwe als Wappentier möglicherw. infolge der ludowing.-stauf. Heiratsverbindung) auf blauem Grund darstellt und das in dem wohl noch vor 1200 verfaßten Troja-Lied des Herbort von Fritzlar auch literar. bezeugt ist. - Literar. Mäzenatentum als Mittel fsl. Repräsentation begegnet in einer für diese Zeit unter den dt. Rfs.en einzigartigen Weise bei dem auf die Dokumentation seines fsl. Ranges bes. bedachten Nachfolger Ludwigs III. Lgf. Herrmann I. (1190-1217). Rühmte ihn bereits alsphalenzgrâven Herman von der Nûwenborch bî der Unstrût Heinrich von Veldeke 1184/90 im Zusammenhang mit der Vollendung seines Aeneas-Romans als Gönner, so trat Hermann nach Erlangung der Landgrafenwürde als Auftraggeber weltl. Dichtungen nach frz. Vorlagen wie des Troja-Liedes Herborts von Fritzlar und des »Willehalm« Wolframs von Eschenbach hervor und versammelte die angesehensten Dichter seiner Zeit, darunter auch Walther von der Vogelweide, an seinem Hof. Die um 1250/80 entstandene Spruchdichtung des »Fürstenlobes« im sog. »Wartburg-Krieg« hat dieErinnerung hieran überhöhend ausgeschmückt und das Bild Hermanns I. als eines Dichterfs.en und fsl. Mäzens für die Nachwelt geprägt. Durchaus als geistl. Entsprechung zu seinen literar. Auftragswerken sind die beiden Prachtpsalter anzusehen, die Hermann I. 1201/08 (sog. Elisabeth-Psalter) und 1210/13 (sog. Landgrafen-Psalter) in einem hochstehenden Skriptorium (möglicherw. Reinhardsbrunn) für den lgfl. Hof in Auftrag gab. Ihre Buchmalereien, die neueste Entwicklungen im Umkreis des engl. und frz. Königshofes aufgriffen, zeigen u. a. auch das lgfl. Paar, wobei der Landgrafen-Psalter neben derDarstellung Lgf. Hermanns I. und seiner Gemahlin Sophia auch die ihm seit der Verlobung Elisabeths 1210/11 verwandtschaftl. verbundenen ungar. und böhm. Königspaare darstellt und sie als Fürbitter für den Lgf.en auftreten läßt. - Während sich von Hermanns I. Sohn Ludwig IV. (1217-27) als einem der reichspolit. aktivsten und territorialpolit. expansivsten weltl. Rfs.en unter → Friedrich II., von dessen Repräsentationsanspruch der prächtige Umbau der Doppelkapelle und des Palas' auf der Neuenburg zeugt und der geistl. Spiele am Hof aufführen ließ, neben seiner - indirekt überlieferten -Lebensbeschreibung aus der Feder seines Kaplans Berthold und Münzdarstellungen kaum aussagekräftige Zeugnisse erhalten haben, wird unter Ludwigs Brüdern Konrad und Heinrich Raspe der weiter gesteigerte fsl. Rang der Dynastie deutl. erkennbar. Konrad, der unter Beilegung des Lgf.en- und Pfgf.en-Titels von 1231-34 Inhaber der Herrschaft → Hessen war, führte 1233/34 - 1234 sogar alsMünzsiegel - ein prachtvolles, in dieser Form unter den dt. Rfs.en einzigartiges Thronsiegel und einen Prunkschild, der das lgfl. Wappen erstmals mit dem gekrönten Löwen zeigte. Nach seinem Eintritt in den → Deutschen Orden in → Marburg gingen auf ihn, der als fundator huius monasterii galt, der mit dem Orden gemeinsam konzipierte Bau einer neuen Ordens-, Wallfahrts- und Grabeskirche 1235 über dem Grab seiner 1235 kanonisierten Schwägerin Elisabeth in → Marburg in den modernsten got. Bauformen sowiederen bemerkenswert reiche Pfründendotierung und zu einem erhebl. Teil auch deren künstl. Ausstattung zurück. Die zeitgenöss. Grabplatte (1240/57) seines durchaus als Stiftergrab anzusehenden Grabes in der Marburger Elisabethkirche zeigt ihn als Ordensbruder mit der Geißel als Zeichen der Buße und dem thüring. und dem Deutschordens-Wappen. Wichtigstes herrscherl. Repräsentationszeugnis seines älteren Bruders Heinrich Raspe (1227-47) ist dessen in einem einzigen Exemplar aus der Zeit unmittelbar nach seiner Königswahl vom 23. Mai 1246 erhaltene Goldbulle, deren Vorderseite ihn als thronendenKg. darstellt und deren Rückseite ein stilisiertes Rombild mit den beiden Apostelhäuptern des Petrus und Paulus zeigt.

IV.

Führte die erstmals 1190/98 in Reinhardsbrunn aufgezeichnete fiktive Genealogie die L. auf Karl den Großen zurück und brachte sie in Verbindung mit dem sal. Kaiserhaus, so formierte sich die Familie der L. fakt. erst im Zuge ihres Herrschaftsaufbaus in Thüringen und der Konzentration ihres Totengedenkens auf Reinhardsbrunn. Das 1085 von Ludwig dem Springer in der Nähe des ältesten ludowing. Stammsitzes in Thüringen, der Schauenburg, gegründete, hirsau. geprägte Kl. Reinhardsbrunn, das mit Cluny in Gebetsverbrüderung stand, überflügelte, derSchwerpunktverlagerung der Familie nach Thüringen entspr., von seinen Anfängen an die gleichfalls hirsau. L.-Gründung Schönrain in Mainfranken (um 1080) und stieg nach 1110 als Grablege nahezu sämtl. Mitglieder des Hauses bis 1190 zum lgfl. Hauskl. und zum wichtigsten Traditionszentrum der L. auf. Es bewahrte seine Stellung, auch nachdem unter Lgf. Hermann I. das um 1208 von ihm gestiftete Zisterzienserinnenkl. St. Katharinen in → Eisenach zeitw. diese Funktionen einnahm, und blieb auch noch unter den → Wettinern ein Zentrum ludowing. Memoria und Tradition. Die hier 1190/98aufgezeichnete »Reinhardsbrunner Gründungsgeschichte« und die von demselben Verfasser 1195/97-1217 verfaßten »Reinhardsbrunner Historien« - beide sind nur durch ihre auszugsweise Wiedergabe in der 1340/49 kompilierten »Cronica Reinhardsbrunnensis« erhalten - sind die wichtigsten erzählenden Quellen zur Geschichte der L. und zu ihrem dynast.-fsl. Selbstverständnis. Ein spätes Zeugnis ludowing. Memoria hat sich mit dem L.-Nekrolog erhalten, das die jüngste Tochter Lgf. Ludwigs IV. und Elisabeths Gertrud (1227-97), die seit 1248 dem Prämonstratenserstift Altenberg bei Wetzlar alsMeisterin vorstand, nach 1275 in das Kalendar ihres Psalters eintragen ließ. - Mit der Formierung der L. zu einem eigenen Adelsgeschlecht seit ihrem Ausgriff nach Thüringen und mit den von ihnen angeknüpften Heiratsverbindungen war ein rascher Machtzuwachs verbunden. Gelang Ludwig dem Bärtigen durch seine Heirat mit Cäcilie von Sangerhausen (um 1050) der Erwerb umfangr. Güter im nördl. Thüringen in und um Sangerhausen, so konnte Ludwig der Springer durch seine Heirat mit der sächs. Pfalzgrafenwwe. Adelheid (kurz nach 1085) wichtige Positionen im nordöstl. Thüringen an der unteren Unstrut imGrenzgebiet zur Pfgft. Sachsen und der Mgft. → Meißen erwerben, wo er mit der Neuenburg die größte und zeitw. wichtigste Burg der L. errichtete. In der nächsten Generation erwarb Ludwig des Springers gleichnamiger Sohn, der spätere Lgf. Ludwig I., durch seine Einheirat in die hess. Grafenfamilie der Gisonen 1122 deren Erbgüter und Lehen in Oberhessen mit dem Vorort → Marburg und in Niederhessen mit den Vororten Maden-Gudensberg und → Kassel sowie umfangr. Besitzungen in den Rheinlanden. Hiermit sowie mit der Verleihung der Lgft. Thüringen als herzogsgleichem, übergfl.»Anspruchsrahmen« waren die Grundlagen für einen umfassenden Herrschaftsaufbau mit den Schwerpunkten im westl., nördl. und nordöstl. Thüringen sowie in → Hessen gelegt, bei dem sich die L. neben dem Burgenbau v. a. einer breiten Ministerialität und einer intensiven Städtepolitik bedienten. Sowohl in Thüringen wie in → Hessen entstand nach der Mitte des 12. Jh.s ein dichtes Netz ludowing. Städte, die zu den wichtigsten Stützen der ludowing.-lgfl. Territorialpolitik wurden. Der Aufbau geschlossenerer Herrschaftsgebiete wurde jedoch in beiden Landschaften durch diedichte Gemengelage v. a. mit dem Erzstift → Mainz verhindert, die zu fast ständiger territorialer Konkurrenz zw. den L. und den → Mainzer Ebf.en führte und den zahlr. kleineren Herrschaftsträgern in Thüringen und → Hessen die Möglichkeit eröffnete, ihre Selbständigkeit durch eine geschickte Schaukelpolitik zu bewahren. Als günstig in dieser labilen territorialpolit. Situation erwies es sich hingegen, daß sämtl. Nebenlinien der L. wie die Nachkommen von Ludwig des Springers Bruder Berengar von Sangerhausen oder die mit der Herrschaft → Hessen abgefundenen jüngerenLgf.en-Brüder Heinrich Raspe I., II. und III. jeweils erbenlos starben, so daß ihre Herrschaftsgebiete und Güter stets wieder an die Hauptlinie der regierenden Lgf.en zurückfielen. Hatte Lgf. Ludwig III., der bisherigen Aufteilungspraxis entspr., noch die eben erworbene Pfgft. Sachsen 1181 seinem jüngeren Bruder Hermann überlassen, so blieben unter Lgf. Hermann I. (1190-1217) und dessen Sohn Ludwig IV. (1217-27) die Lgft. Thüringen, die Pfgft. Sachsen und die Herrschaft → Hessen in einer Hand vereint. Ludwig IV. strebte darüber hinaus mit seiner Vormundschaft über seinen Neffen Mgf.Heinrich von Meißen seit 1221 und seiner und seines Sohnes Hermann Eventualbelehnung mit den Marken → Meißen und Lausitz 1226/27 den Erwerb der wettin. Fsm.er an, was nach dem Ausgriff nach → Hessen und in die Rheinlande 1122 eine erhebl. Ausweitung des ludowing. Herrschaftsbereiches nach O bedeutet hätte. Nach dem Scheitern dieser Pläne kam es unter seinem Nachfolger, seinem Bruder Heinrich Raspe, zunächst für seinen jüngsten Bruder Konrad (1231/34), dann für Ludwigs IV. Sohn Hermann II. (1238/41) wieder zur Schaffung einer - nun fsl. - Nebenlinie für die Herrschaft → Hessen,die jedoch jeweils nur kurzen Bestand hatte, so daß der gesamte ludowing. Herrschaftskomplex 1234 und nochmals 1241 wieder in der Hand Heinrich Raspes vereint wurde. Erst nach dessen kinderlosen Tod 1247 mit dem Übergang der Lgft. Thüringen und der Pfgft. Sachsen an Mgf. Heinrich von Meißen und dem Anfall der Herrschaft → Hessen an Sophie von Brabant als den Erben aus weibl. Linie wurde der ludowing. Herrschaftsbereich dauerhaft geteilt. - Dem raschen Aufstieg der L. von einer 1030/40 nach Thüringen »eingewanderten« Adelsfamilie zu einem der führenden Fürstenhäuser in der Mittedes Reiches entsprachen auch das Heiratsverhalten und die Verbindungen zu anderen Dynastien. Reichten in den drei ersten Generationen, d. h. in der Zeit des Ausgreifens nach Thüringen, des Herrschaftsaufbaus in Thüringen und der Belehnung mit der Lgft. Thüringen, die Heiratsverbindungen der regierenden L. und ihrer Familienangehörigen - bei allem territorialen Zugewinn, den sie brachten - mit Ausnahme der Heirat Ludwigs des Springers mit der sächs. Pfalzgrafenwwe. Adelheid kaum jemals über die gfl. Ebene in Thüringen, → Sachsen, Franken und → Hessen hinaus, so trat unter Lgf. LudwigII. (1140-72), gleichzeitig mit den ersten deutl. Äußerungen fsl. Selbstbewußtseins und fsl. Repräsentation bei den L., eine deutl. Wende ein. Während Ludwig II. selbst mit Friedrich Barbarossas Halbschwester Jutta in das stauf. Königshaus einheiratete, wurden seine Schwestern mit Angehörigen des přemyslid. Herzogs- bzw. Königshauses (→ Přemysliden) und der → Askanier vermählt. In der Generation seiner Kinder kam es zu Heiratsverbindungen zu rhein., hess. und westfäl. Grafenfamilien sowie - bei Lgf. Hermann I. - zu den sächs. Pfgf.en von Sommerschenburg und den→ Wittelsbachern. Die bei Hermann I. erkennbare Tendenz zu Heiratsverbindungen fast ausschließl. auf rfsl. Ebene setzte sich in den beiden letzten Generationen der L. eindrückl. fort und erfuhr mit der Verlobung (1210/11) und Verheiratung (1221) seines Sohnes und Nachfolgers Ludwig IV. mit der väterlicherseits aus dem arpad.-ungar. Königshause, mütterlicherseits aus dem Hause der Andechs-Meranier stammenden Elisabeth und mit der 1210 geplanten Verheiratung seiner Tochter Irmgard mit dem frz. Kg. Philipp II. August noch eine weitereSteigerung. Die L. waren nunmehr endgültig in den Kreis des europ. Hochadels aufgestiegen. Während Ludwigs IV. Bruder Lgf. Heinrich Raspe Eheverbindungen mit den askan. Mgf.en von → Brandenburg und den babenberg. Hzg.en von → Österreich sowie dem Herzogshaus von → Brabant einging, heirateten seine Schwestern in die Familien der wettin. Mgf.en von → Meißen, der Hzg.e von → Österreich und → Sachsen sowie der Gf.en von Weimar-Orlamünde und → Henneberg ein und vermählten sich seine Kinder Lgf. Hermann II.(1238-41) und Sophie (1224-84) mit Angehörigen des welf. (→ Welfen) und brabant. Herzogshauses (→ Brabant). Auch vor dem Hintergrund dieser weitgespannten, hochrangigen Heiratsbeziehungen bedeutete das Aussterben der L. im Mannesstamm mit dem kinderlosen Tod des Kg.s und Lgf.en Heinrich Raspe am 16. Febr. 1247 eine tiefe, die Machtverhältnisse in der Mitte des Reiches entscheidend verändernde Zäsur.

Quellen

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