Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ELBING C.5. (Elbląg)

I.

E. liegt am Ostrand des Weichsel-Nogat-Deltas heute am E.-Fluß (angelsächs. Ilfing) kurz vor dessen Einmündung in das Frische Haff. Nach ma. chronikal. Überlieferung (Peter von Dusburg) ist der Name der Res. vom Flußnamen abgeleitet. Zur Landmeisterres. wurde E. 1251 bestimmt. Nachdem die Ordensleitung mit dem Hochmeister 1309 ihren Sitz von Venedig nach → Marienburg verlegt hatte und 1224 der letzte Landmeister Großkomtur geworden war, hat E. seinen Residenzcharakter schrittweise verloren. Der dort amtierende Komtur, zumeist mit dem Ehrentitel einesObersten Spittlers, gehörte weiterhin zur Ordensleitung, womit E. weiterhin eine der bedeutendsten Ordensburgen Preußens bis 1454 blieb. - PL, Wojewodschaft Elbląg.

II.

Im 13. Jh., als der Deutsche Orden nach Preußen kam, mündete ein Hauptarm der Nogat, die ihrerseits das östl. Mündungsarmbündel der Weichsel darstellte, bei der Stelle, an der E. gegr. wurde, in den E.-Fluß. Anders als heute war daher E. zur Ordenszeit über Weichsel und Nogat von S her auf dem Wasserwege erreichbar. Außerdem war der Drausensee, in vorgeschichtl. Zeit eine große Bucht des Frischen Haffs, auch noch zur Ordenszeit erhebl. größer als heute. Um die Jahrtausendwende bestand südl. des späteren E. am Drausensee der pruß. Handelsplatz Truso, den derDeutsche Orden bei seiner Ankunft nicht mehr vorgefunden hat. E. lag am nordwestl. Rande der pruß. Landschaft Pogesanien, nach Einrichtung der Ordensherrschaft in Preußen im NW der Komturei E. Burg und Stadt E. wurden 1237 am rechten Ufer des E.-Flusses angelegt, wobei die Burg oberhalb lag und durch die künstl. Verlegung eines Nebenflüßchens des E., der Neuen Hommel, von der Stadt getrennt wurde. Östl. von Res. und Fluß war das Gebiet der E.er Höhe, dessen Wälder für Rodungen genutzt wurden, während westl. von Res. und Fluß die fruchtbare Niederung des Weichselmündungsgebietes begann,das durch Entwässerungen für die landwirtschaftl. Nutzung erschlossen wurde.    

Neben der Deutschordensburg entstand mit Hilfe Lübecker Bürger eine Stadt, die sich zum zunächst bedeutendsten städt. Zentrum der Deutschordensherrschaft entwickelte, ehe sie um 1400 von Danzig überholt wurde. E. wurde eine der sechs preuß. Hansestädte. Es wurde später Ort von Städte- und Ständetagen. So wurde hier 1440 der Preußische Bund als Vertretung eines Widerstandes gegen die Herrschaft des Ordens gegr. E. gehörte bei seiner Gründung zum Bm. des Bf.s Christian der Prußen. Als 1243 mit der Zirkumskriptionsbulle Preußen in vier Diöz.n gegliedert wurde, wurde der E.-Fluß als Grenzebestimmt, so daß die Altstadt mit dem östl. des Flusses liegenden Stadtgebiet zum Bm. → Ermland, das westl. des Flusses liegende Stadtgebiet zum pomesan. Bm. gehörte. Während der Kämpfe mit den Prußen in den 60er und 70er Jahren des 13. Jh.s hielten sich Bf. und Domkapitel zumeist in E. auf. Der Pfarrer der altstädt. Pfarrkirche St. Nikolai war einer der Erzpriester des Bm.s. Die Filialkirche St. Jacobi entstand viell. noch im 13. Jh. in der Mühlendammvorstadt, eine weitere Pfarrkirche nach 1337 in der Neustadt. Für die Mission wichtig war das 1238 gegründete Dominikanerkl.

Die 1237 gegründete Stadt erhielt durch eine Handfeste des Hochmeisters des Deutschen Ordens vom 10. April 1246 ein eingeschränktes lüb. Recht, womit sie sich von den meisten Ordensstädten, die Kulmer Recht hatten, unterschied. Die Stadt wurde mit einem großen Landgebiet (rund 200 qkm) beiderseits des E.-Flusses ausgestattet, in denen später Dörfer entstanden, die teilw. eigene Pfarrkirchen unter städt. Patronat erhielten. Das mit einer Befestigung umgebene Stadtgebiet war mit einer Nordsüdausdehnung von 500 m und einer Ostwestausdehnung von 300 m kleiner als Thorn und Kulm. In einer erstenStadtbauphase bis etwa 1250 entstanden als Steinbauten außer der Pfarrkirche und dem Dominikanerkl. das 1242 gegründete Heilig-Geist-Spital unmittelbar vor der Ordensburg sowie eine vorläufige erste Reihe von Bürgerhäusern. Das Spital wurde nach dem Verlust Akkons im Hl. Land (1291) Hauptspital des Ordens. In einer zweiten Stadtbauphase nach 1250 wurden zahlr. Häuser an Holzstraßen angelegt. Der Stadtbrand von 1288 führte zum Beginn einer dritten Stadtbauphase nach einem neuen Stadtplan, wie neuere archäolog. Forschungen ergeben haben. Es wurden zunächst erneut einige Holzhäusererrichtet, ehe diese im 14. Jh. weitgehend durch Steinbauten ersetzt wurden. 1288 gewährte der Hochmeister das Recht, den Richter selbst zu wählen, sowie die niedere Gerichtsbarkeit über das Landgebiet. 1339 erhielt die Stadt auch die hohe Gerichtsbarkeit über ihr Landgebiet. Erst 1343 gewährte der Hochmeister das Recht zur Appellation nach Lübeck. Um 1300 entstand östl. der Altstadt am Mühlendamm eine vorstädt. Siedlung, um 1337 etwas südl. eine Neustadt, die 1347 ihre Stadtrechtsurk. nach Kulmer Recht erhielt. Diese Handwerkerstadt blieb jedoch gegenüber der von Kaufleuten bestimmtenAltstadt an Bedeutung weit zurück. Kaufleute und Handwerker gewährten der Res. die Möglichkeit, ihren Bedarf zu decken, soweit dies der Orden nicht durch seine Eigenwirtschaften leisten konnte. Soweit Münzen geprägt wurden, waren dies zur Ordenszeit nur solche der Landesherrschaft.

In der ersten Hälfte des 15. Jh.s, als in E. nur noch ein Großgebietiger mit seinem großen Konvent lebte, entwickelte sich die Stadt zu den treibenden Kräften für eine größere Selbständigkeit von der Landesherrschaft des Ordens. Die wachsenden Spannungen werden traditionell dem bedeutenden Eigenhandel des Ordens zugeschrieben, die dieser v. a. von → Marienburg und → Königsberg aus betrieben hat. Jedoch ging nach 1410 das Begehren nach einem polit. Mitspracherecht weit darüber hinaus. Nach der Gründung des Preußischen Bundes 1440 entlud sich der Konflikt imDreizehnjährigen Krieg 1454-66 und führte zu einer großzügigen Privilegierung durch Kg. Kasimir IV. von Polen, das E. eine reichsstadtähnl. Freiheit unter der Krone Polen zusprach.

III.

Zur Ordensburg E. gehörten wie bei allen Deutschordensburgen, die einem Gebietiger mit Konvent dienen sollten, ein Haupthaus oder rechtes Haus sowie eine oder mehrere Vorburgen. Die Zerstörungen i. J. 1454 und in dem folgenden Jh. haben es erschwert, die Baulichkeiten eindeutig zu erkennen und zu beschreiben.

Wie bei den meisten ma. Deutschordensburgen sind auch im Fall von E. weder der Architekt noch die Namen von Künstlern bekannt, die an der Innenausstattung beteiligt waren.

Als das erste Ordensaufgebot unter Landmeister Hermann Balk 1237 den E.-Fluß erreichte, wurde auf einer Insel am linken Flußufer nur kurzzeitig ein provisor. Lager errichtet, ehe auf der anderen Flußseite unterhalb der Einmündung der Hommel begonnen wurde, die Burg zu errichten. Zur Begrenzung der Burg mit einem Wassergraben wurde von der Hommel ein Kanal, die Neue Hommel, nördl. abgeleitet, der dann zw. Burg und Stadt in den E.-Fluß mündete. Aus dem Umstand, daß es den Prußen bei ihrem zweiten Aufstand 1260 nicht gelungen ist, E. einzunehmen, schließt die Forschung, daß zu dieser Zeit dieBefestigung in Stein bereits entspr. weit fortgeschritten war. Das müßte dann auch für die Stadt gegolten haben. Die Bau- und Funktionsgeschichte der Burg hat seit dem späten 19. Jh. zu kontroversen Diskussionen in der Forschung geführt, wobei es v. a. um Lage und Alter des Haupthauses gegangen ist. Eine bes. von Bernhard Schmid und Ryszard Massalski vertretene Richtung nahm die Lage des Haupthauses im N des Burggeländes in unmittelbarer Nachbarschaft des Heilig-Geist-Spitals und der Stadt an, während zuerst Max Töppen sowie zuletzt Tadeusz Nawrolski und Tomasz Torbus auf Grund jüngsterAusgrabungen für einen südl. gelegenen Standort eintreten. Nach den bisherigen Erkenntnissen kann dieser Ort für das 14.-15. Jh. als gesichert gelten. Zu klären bliebe die Frage, ob dies schon für die ersten Jahrzehnte nach Baubeginn gelten kann oder ob nicht mit einer provisor. Unterbringung von Landmeister, Komtur und Konvent in stadtnäheren Gebäuden zu rechnen ist. Die heute dort noch stehenden teils ordenszeitl. Bauten, für die lange Zeit Funktionen als Landmeisterpalast oder als Wohnung des obersten Spittlers (Komturs von E.) angenommen wurden, geben keine klare Antwort. Füreine verhältnismäßig frühe Bauzeit des Haupthauses, also vor 1300, spricht die Grundrißform eines unregelmäßigen Vierecks. Umgeben wurde das also im südl. Teil des Burggeländes liegende Haupthaus von einer nördl. Vorburg mit Wirtschaftsgebäuden (»Malzhaus«) in Stadtnähe sowie vermutl. von weiteren Vorburgen im W und S.

Eine ausführl. Beschreibung der Aufgaben der einzelnen Teile der Burg aus der Zeit nach ihrer Funktion als Landmeisterres. enthält ein für das Jahr 1387 erstellter Wirtschaftsplan, der sogar die Anzahl der Personen des Gesindes nennt, die für die einzelnen Aufgaben benötigt wurden, insgesamt neben dem Konvent 152 ständig auf der Burg lebende Menschen. Die Angaben werden teilw. ergänzt und bestätigt durch Inventare der folgenden Jahrzehnte. Es ist jedoch nicht möglich, mit Hilfe dieser Quellen den Grdr. von Haupthaus und Vorburgen zu rekonstruieren. Die einzelnen Teile der Burg wurden durchWassergräben voneinander getrennt.

Bes. im Gelände der nördl. Vorburg haben sich zahlr. Bauteile wie Formsteine gefunden, die Anlaß gegeben haben, sie als Überreste der Landmeisterres. anzusehen. Dazu gehörten Überlegungen, eine zweischiffige Burgkapelle anzunehmen.

Quellen

Das Große Ämterbuch des Deutschen Ordens, hg. von Walther Ziesemer, Danzig 1921. - Semrau, Arthur: Der Wirtschaftsplan des Ordenshauses Elbing aus dem Jahr 1386, in: Mitteilungen des Coppernicus-Vereins für Wissenschaft und Kultur zu Thorn 45 (1937) S. 1-74.

Elbing 1237-1987, hg. von Bernhart Jähnig und Hans-Jürgen Schuch, Münster 1991 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens, 25). - Hauke, Karl/Stobbe, Horst: Die Baugeschichte und die Baudenkmäler der Stadt Elbing, Stuttgart 1964 (Bau- und Kunstdenkmäler des deutschen Ostens. B, 6). - Historia Elbląga, Bd. 1, hg. von Stanisław Gierszewski und Andrzej Groth, Danzig 1993. -Jähnig, Bernhart: Das Entstehen der mittelalterlichen Sakraltopographie von Elbing, in: Beiträge zur Geschichte Westpreußerns 10 (1987) S. 21-47. - Massalski, Ryszard: Zamek elbląski w świetle badań architektonicznych [Bauuntersuchungen zur Burg Elbing], in: Rocznik Elbląski 8 (1979) S. 39-87. - Nawrolski, Tadeusz: Zamek Elbląski w świetle nowych badań archeologicznych [Neue archäologische Forschungen zur Burg Elbing], in: Kwartalnik Architektury i Urbanistyki 31/1 (1986) S. 91-107. -Schultz, Rudolf/ Carstenn, Edward: Elbing, Stadtkreis, in: Deutsches Städtebuch, 1: Norddeutschland, 1939, S. 42-47. - Töppen, Max: Geschichte der räumlichen Ausbreitung der Stadt Elbing mit besonderer Berücksichtigung ihrer Befestigungen und ihrer wichtigsten Gebäude, in: Zeitschrift des Westpreußischen Geschichtsvereins 21 (1887) S. 1-142. - Torbus 1998, S. 90-97, 254-259, 387-399, Abb. 283-288.