Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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EINSIEDELN C.4.1.

I.

Mehinratescella (947); Monasterium loci Heremitarum ordinis sancti Benedicti (1328); Monasterium Sanctae Mariae Heremitarum (1593). Benediktinerkl. im Hochtal des Einzugsgebietes der Flüsse Alp, Sihl und Biber (882 m ü. d. M.). Patrozinien: Maria und Mauritius (947); Meinrad (1039); Sigismund und Justus von Beauvais (nach 1039). Gehörte bis 1815 zum Bm. → Konstanz (seit 1819 Bm. → Chur). - CH, Kanton Schwyz, Bez. E.

II.

Wohl schon seit dem HochMA betrieb E. auf seinen umliegenden Gütern vornehml. Milch- und Viehwirtschaft, während in den auswärtigen und klimat. milderen Regionen der Schwerpunkt der Nutzung auf dem Ackerbau lag. Mit der Verpachtung von sog. Schweighöfen in den voralpinen Bergzonen konnte der Abt die milch- und viehwirtschaftl. Erträge steigern. Weinbau ist seit dem 12. Jh. nachweisbar, hat aber erst durch gezielte Rebgüterkäufe im 16./17. Jh. am südl. Zürichseeufer ökonom. Bedeutung erlangt.

Seit dem 12. Jh. ist in E. die Legende zu fassen, wonach der Erlöser mitsamt der Muttergottes und einer Engelschar die Salvator- bzw. Gnadenkapelle geweiht habe (sog. Engelweihe, 14. Sept.). Um die kult. derart erhöhte Kapelle formierte sich die seit dem 14. Jh. belegbare Wallfahrt nach E. 1353 wurde ein Pilgerspital gestiftet, das gebrechl. und kranke Pilger beherbergte. Häufig war E. Zwischenstation auf der Fahrt zu den großen Pilgerorten Rom, Jerusalem, Santiago. Das Einzugsgebiet der E.er Wallfahrt reichte von Lübeck über → Köln bis nach Flandern. Anläßl. des Festes dergroßen Engelweihe 1466 dürften rund 130 000 Fremde nach E. gepilgert sein. Auf dieses Fest hin kam vermutl. die sog. schwarze Madonna in die Kapelle. Beichtväter durften Ablässe gewähren. Kapläne betreuten die Pilger. 1489 schenkten die Eidgenossen den erbeuteten Thron Karls des Kühnen nach E., damit möglichst viele Fremde die Trophäe sehen konnten. Mit der vor grossem Publikum von Konvent und Dorfleuten vorgetragenen Aufführung des St. Meinradspiels 1576 wurde die Tradition geistl. Schauspiele aus dem 12./13. Jh. wieder aufgenommen und im 17./18. Jh. ausgebaut.

III.

Aufgrund archäolog. Grabungen muß die baul. Entwicklung der Klosterkirche und der Klosteranlage wohl von O nach W vorangegangen sein und sich nicht aus der um die ehemalige Zelle des Einsiedlers Meinrad gebauten Salvatorkapelle (seit 1286 Marien- oder Gnadenkapelle gen.) ergeben haben. Brände (1029, 1226 und 1465) provozierten Neu- oder Erweiterungsbauten. Die spätma. got. Anlage hatte folgende Aussehen: Das »obere Münster« mit Chor und Krypta und das erst um 1550 fertig eingewölbte »untere Münster« mit der Gnadenkappelle bildeten eine Doppelkirche,unterteilt durch zwei roman. Mitteltürme.

Im O an die Kirche anschließend, befanden sich die Abtswohnung und die geräumigen Wohnräume für die adeligen Konventherren, die nachts aber im gemeinsamen Dormitorium schliefen. Südl. neben dem »unteren Münster« lag die sog. vordere Abtei (auch »Hof« gen.) mit den Räumen für den Ammann (Statthalter) und östl. davon das Gäste- und Pilgerhaus. Südl. an das »obere Münster« stoßend der Kreuzgang, an den östl. das Dormitorium anschloß.

Abt Joachim Eichhorn (1544-69) führte die Klausur wieder ein, wodurch der Mönchsbereich stärker gegen die Außenwelt abgeschirmt wurde. Neue Bauten kamen hinzu: das Helmhaus vor dem Eingang des »unteren Münsters« und ein Badhaus. 1577 zwang ein Großbrand Abt und Konvent ins vorübergehende »Exil« nach Pfäffikon in den klostereigenen Hof.

Skriptorium, Bibliothek und Klosterschule verdanken dem Mönch Wolfgang († 949) entscheidende Impulse, die zu einer Blüte im 10. und 11. Jh. führten. Im 13. und 14. Jh. sind namentl. bekannte Schulvorsteher nachweisbar (u. a. im frühen 14. Jh. Rudolf von Radegg mit seinem literar. Hauptwerk "Cappella Heremitana"). Danach scheint die Schule an Bedeutung verloren zu haben. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s ist sie wieder konkreter zu fassen, und zu Beginn des 17. Jh.s übernahmen Einsiedlermönche den Unterricht und die Leitung der Schule. 1602 wurde für Schule und Konvent eine neueBibliothek eingerichtet.

E. besass das Asylrecht, das 1380 von Kg. Wenzel und 1572 im sog. Waldstattbuch bestätigt worden ist. Noch im Dreißigjährigen Krieg wurde E. als Asylort aufgesucht und 1639 fanden im Kl. unter Vermittlung des Abtes erste Friedensverhandlungen zw. Frankreich und Bayern statt.