EHRENBREITSTEIN C.2.
I.
Erenbretensteyn (1137), Erenbretstein (1140), Herinbrechtstein (1211), Erimbrechdisteyn (1276), Herbetsten (1295) - Höhenburg bei Koblenz - Erzstift Trier; Ebf.e von Trier - zunächst Nebenres., seit dem 14. Jh. vorrangige Res. bis zum Umzug ins Koblenzer Residenzschloß 1786. - D, Rheinland-Pfalz, Reg.bez. Koblenz.
II.
Der E. liegt in strateg. wie verkehrstechn. günstiger Lage rechts des Rheines gegenüber der Moselmündung und etwas unterhalb der Lahnmündung auf einem 118 m hohen Felsmassiv, das zum Rhein wie zur Landseite hin schroff abfällt. Sein Name leitet sich wahrscheinl. von einem erstmals 1019 belegten Heribert/Erembert aus lahngau.-konradin. Hause her. Schon bald nach der Schenkung des Königshofes Koblenz an das Trierer Erzstift (1018) dürften die Ebf.e die Burg erworben haben, die seit dem 12. Jh. neben Koblenz ihren wichtigsten Stützpunkt im späterenNiederstift darstellte. Arnold von Isenburg (1242-59) wurde 1257 von der Trierer Geistlichkeit vorgehalten, daß er die Burg quasi pro domicilio bewohne, zugl. Zeichen einer stärkeren Verlagerung ebfl. Interesses an den Rhein. Die Existenz des durchaus repräsentativ ausgestatteten Hofes bei St. Florin in Koblenz, der ab 1277 am Koblenzer Moselufer errichteten Bischofsburg und der Burg Stolzenfels als weiteren Herrschaftsmittelpunkten änderten nichts an der herausragenden Rolle des sicheren E. als Aufenthaltsort und Zuflucht bei Konflikten. Hier sind im 14. Jh. auchmehrere wichtigere Gerichtstage bezeugt; allerdings fanden die größeren Festivitäten oder Hoftage in Koblenz statt. Zw. der im MA ca. 3000 Einw. umfassenden Stadt und dem E. sind personelle Verknüpfungen über die Tätigkeit von Funktionsträgern wie Handwerkern (z. B. Maurern) belegt.
In der zweiten Hälfte des 14. Jh.s läßt sich unter Kuno (1362-88) und Werner von Falkenstein (1388-1418) im Itinerar eine eindeutige Bevorzugung des Niederstifts und des E.s als Herrschaftsmittelpunkt erkennen. Unter Jakob von Sierck (1439-56) befand sich die kurtrier. Kanzlei hauptsächl. auf dem E. und wurde ebenso das Archiv hierher verlagert. Das Interesse der nachfolgenden Kfs.en am E. zeigt eine weiterhin rege Bautätigkeit. Eine »modernere« Phase wurde durch Philipp Christoph von Sötern (1623-52) mit der Schloßerrichtung im Tal eingeleitet, wo sich ein größerer Wohnkomfort zumdauerhaften Regieren verwirkl. ließ. Nachdem der E. 1632 in frz. Hände gelangt und erst 1650 wieder an das Erzstift zurückgegeben worden war, wurde unter Karl Kaspar von der Leyen (1652-76) ein neuer großer Residenzbau errichtet und angesichts der polit.-milit. Verhältnisse Res. wie Verwaltung Kurtriers ebenso wie unter Johann Hugo von Orsbeck (1676-1711) weitgehend nach dem E. verlegt.
Wenngleich es an ausgesprochener Repräsentationsarchitektur in ma. Zeit fehlte, wurde der E. doch zumindest als sakraler Mittelpunkt zu stärken gesucht. Die schon für 1212 zu erschließende Burgkapelle ließ Kuno von Falkenstein um 1370 erneuern und dem Petrus-Altar einen 1376 geweihten Matthias-Altar hinzufügen. Durch die Überführung der kostbaren Kopfreliquie des hl. Matthias wurde der E. bis zur Translation des Apostelhauptes nach Trier 1422 als religiös-geistl. Zentrum weiter herausgehoben. Die Rolle als kfsl. Grablege (Bestattung der Eingeweide) übernahm er jedoch erst in derzweiten Hälfte des 17. Jh.s.
Bereits 1137 begegnet ein sich nach dem E. benennendes Ministerialengeschlecht. Ein Bgf. mit Sitz in der Burg wird 1299 erwähnt; ab dem 15. Jh. wird die Funktion häufiger gen. Die Verpflegung und Besoldung erhielten die Bgf.en von einem ebfl. Kellner. Kuno von Falkenstein richtete auf dem E. eine eigene Kellereiverwaltung ein, die offenbar längere Zeit bis zum Beginn des 16. Jh.s diejenige des Koblenzer Bischofshofes mit übernahm. Eine Verklammerung von Amtsfunktionen zw. Burg, Res. und vorgelagertem Ort ist jedoch erst spät zu erkennen. 1412 ist Wilhelm von Helfenstein als Amtmann fürMühlheim belegt.
Die um die Wende des 12. Jh.s an Kurtrier gelangte und nach ihren Mühlen Mulena (1019), Mulne (1147), Mulenheim (um 1235) benannte, seit der Mitte des 14. Jh.s als Tal qualifizierte Siedlung am Fuße des E.s, durch eine Rheinfähre mit dem gegenüberliegenden Koblenz und zugl. mit der Straße nach Limburg verbunden, blieb zunächst relativ unbedeutend. Immerhin siedelten sich neben Müllern, Winzern, Bauern sowie Amtsträgern und in Burghäusern wohnenden Minsterialen hier auch Gewerbetreibende an. Erst nach dem Schloßbau PhilippChristoph von Söterns am Rheinufer begann aber - durch die räuml. Situation beengt und durch Kriegswirren und Zerstörungen (bes. 1636) zeitw. gehemmt - eine Aufwärtsentwicklung Mühlheims/Philippstals/E.s zur Residenzstadt. 1627 wurden Kapuzinermönche hierher berufen, deren Kl. und Kirche indessen schon bald bei der frz. Belagerung 1636 zerstört wurden (1657 Neuweihe). Eine ältere geistl. Institution über dem Ort war ein aus einem ehemaligen Beginenhaus erwachsenes Augustinerinnenkl.; es wurde 1487 zur Umsiedlung veranlaßt und an seiner Stelle von Johann von Baden 1493-96 einKonvent der angesehenen Augustinereremiten installiert, ein weiterer Ansatz zur Verstärkung der sakralen Ausstattung des Ortes. Das Kl. hatte jedoch nur bis 1572 Bestand.
III.
Die erste Anlage des E.s, viell. ein Oval, erhielt unter Ebf. Hillin (1152-69) ihre für mehrere Jh.e gültige Grundform. Bei den aufwendigen Sanierungs- und Sicherungsmaßnahmen wurden Wohnräume wiedergestellt, eine Zisterne und ein neuer, besser zu kontrollierender und gesicherter Zugang geschaffen und der gewaltige fünfeckige Bergfried errichtet. Der im N in den Felsen gebrochene tiefe Graben hieß später noch der »Hellengraben«. Weiterhin wurde auf dem südl. vorgelagerten Felsen als Art von »Vorwerk« die Burg Helfenstein erbaut und einem sich hiernachbenennenden Ministerialengeschlecht anvertraut.
In der Folgezeit gab es weitere Bautätigkeiten, z. B. unter Heinrich von Finstingen (1260-86), sowie Verbesserungen der Versorgung. Boemund von Warsberg erwarb so 1295 einen Fischweiher; seit dem 14. Jh. wird ein Garten auf dem E. erwähnt. Erst im 15. Jh. kam es am E. aber zu stärkeren Veränderungen. Nach Umbauten und Erweiterungen um 1432/33 kamen unter Johann von Baden (1456-1503), der auch einen 40 Ellen tiefen Brunnenbau veranlaßte, auf der Rheinseite ein dreistöckiger Wohn- und evtl. Verwaltungsbau, möglicherw. mit der Ritterstube und Kanzlei, sowie ein Küchenbau auf der östl. Seitehinzu. 1488 wurde der im Festungsbau erfahrene Ludwig Diede auf dem E. angestellt. Auf die Tätigkeit von Fachpersonal deuten überhaupt spätma. Erwähnungen eines Bauschreiberturms.
In der Neuzeit wurde der E., der i. J. 1538 auch eine von Arenberg herführende Wasserleitung besaß, beträchtl. erweitert und zur bedeutendsten kurtrier. Festung ausgebaut. Bereits unter Richard von Greiffenklau (1511-31) dehnte sich die zunächst auf dem sog. niederen Schloßplatz befindl. Anlage über die Hochfläche nordwärts aus und wurde mit einer Bastionierung begonnen. Zu den Geschützen zählte v. a. die 1524 in Frankfurt gegossene, 200 Ztr. schwere Kanone »Vogel Greif«. Johann von der Leyen veranlaßte ab 1563 die Errichtung der großen Bastion am Rheinhang, die 1573-97 vollendetwurde. In ihr befand sich auch ein 1564 erbautes mehrstöckiges Zeughaus. Unter Lothar von Metternich (1599-1623) wurde eine ähnl. bastionierte Anlage parallel zur östl. Talschlucht geschaffen. Philipp Christoph von Sötern ließ dann im Tal - möglicherw. nach Plänen von Georg Ridinger - 1626-29 das frühbarocke Schloß Philippsburg mit sieben Flügeln um drei rechteckige Höfe und einer Gesamtfront von 160 m errichten. Es enthielt neben kfsl. Gemächern, Dienerwohnungen, Küchen, Kellerräumen, Kapelle mit Sakristei auch einen über 100 Fuß langen Festsaal mit stuckierten Holzgewölben und wurde mit demgesamten Mobiliar von Kellerei und Schloß Engers ausgestattet.
Ende des 17. Jh.s bedeckte der E. etwa dieselbe Fläche wie die jetzige Festung. Nach der Besetzung durch die Franzosen 1799 und der Sprengung der Anlagen 1801 erfolgte 1817-32 unter Einbeziehung barocker Vorgängerbauten die Errichtung der heute sichtbaren, weitläufigen Anlagen.
Quellen
Gesta Treverorum continuata, 1879. - Gesta Trevirorum, 1-3, 1838-39. - Goerz 1861. - Goerz 1-4, 1876-86. - Hontheim 1750.
Literatur
2000 Jahre Koblenz. Geschichte der Stadt an Rhein und Mosel, hg. von Hans Bellinghausen, Boppard 1971. - Geschichte der Stadt Koblenz, 1992. - Kerber 1995. - Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte, bearb. von Fritz Michel, München u. a. 1954. ND 1986 (Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz, 1). - Michel, Fritz: Der Ehrenbreitstein, Koblenz 1933.